{"id":32165,"date":"2016-06-05T00:01:48","date_gmt":"2016-06-04T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32165"},"modified":"2016-01-03T13:38:36","modified_gmt":"2016-01-03T12:38:36","slug":"kein-einfacher-monolog","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/06\/05\/kein-einfacher-monolog\/","title":{"rendered":"Kein einfacher Monolog"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Alles liegt viel zu tief. Wenigstens das hellfarbene, in Plastikfolie gewickelte Etwas herausziehen. Mein fr\u00fcherer Klavierlehrer, ein Lisztanbeter, der hatte Riesenh\u00e4nde, f\u00fcr ihn w\u00e4re es jetzt ein leichtes Spiel, an meiner Stelle da drin herumzuw\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor ich anfing zu \u00fcben, a\u00df er meist ein Omelett aus den frisch gesammelten Eiern unserer H\u00fchner und Fla\u00addenbrot, als steckte in jenem warmen Gericht das<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geheimnis seines didaktischen Krafteinsatzes. Damit waren die Kosten jeder Klavierstunde schon zur H\u00e4lfte beglichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis auf eine Matratze, den Ohrensessel seines Gro\u00dfva\u00adters, ein paar breitkrempige H\u00fcte und wenige Partituren hatte die neue Staatsf\u00fchrung allen Besitz des Adligen beschlagnahmt. Verziehen habe ich ihm trotzdem bis heute nicht: Bei jeder falsch angeschlagenen Obertaste schlug er mir auf die Finger. Vielleicht tue ich es aber noch, falls er gleich aus dem Nichts kommt, seine Rie\u00adsenhand ausstreckt und damit durch die ganze Tonne f\u00e4hrt, mir das hellfarbene Etwas aufgabelt. Und neben mir<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wartet noch der Hund, ein Niemandshund, der \u00f6fters hin\u00adterherhinkt. Er aber kommt nicht, das hei\u00dft, gleich werden meine Krummfinger wieder eintauchen in den dampfen\u00adden Abfall, blind schwimmen und herausfischen, was sich noch trocken und fest anf\u00fchlt. Noch \u00e4tzender w\u00e4re, die gleiche Geschichte an fremden T\u00fcren zu erz\u00e4hlen \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fasse nun etwas mit der Hand und ziehe es hoch, es wiegt fast nichts, aber vielleicht schmeckt es: ein Kohl\u00adblatt, dreiviertel welk. Mit einer Weinbergschnecke drauf. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich den Weichh\u00e4utigen so lange vorsang, bis ihre F\u00fchler aus dem Geh\u00e4use heraus\u00adtraten. Nun schnell auf die Wiese mit ihr oder zum n\u00e4chsten Baum! Auch wenn ich zwei Mal vor Hunger sterbe. Aber woher kommen pl\u00f6tzlich diese jungen Leute auf mich zu? Doch nicht wegen der Schnecke \u2026 Sie ha\u00adben ihre Essensreste in die Tonne geworfen und jetzt werde ich von ihnen flankiert, sie wollen, dass ich mit\u00adkomme, aber wohin, wieso ich? Bin ich die einzige M\u00fcll\u00adtonnerin in dieser Stadt? (Fr\u00fcher hie\u00df ich Leona Martin.) Vergebens \u00f6ffne ich meine Hand mit dem Schneckenge\u00adh\u00e4use und zeige zum Baum und dann auf die Risse an meinen Fu\u00dfsohlen. Nichts hilft. Niemand h\u00f6rt, was ich sage, auch nicht meinen lauten Ausruf. War es laut? Und obwohl ich mein Blumenkleid trage, scheint es ihnen nicht zu gefal\u00adlen, denn einer fl\u00fcstert heimlich dem anderen zu. Ob es an den bleichen Farben liegt? Warum diese Sch\u00fcrze, die sie mir umh\u00e4ngen wollen? Sie ist aschfahl und ihr Saum ist zerrissen. \u00c4chz, ich lasse es geschehen, lasse mich mitschleifen, nach vorne geduckt. Ich f\u00fcrchte mich vor keinem Gericht, sollten sie mich da\u00adhin bringen. Au\u00dferdem bek\u00e4me ich hinter Gittern we\u00adnigstens eine lauwarme Br\u00fche. Vielleicht wollen sie mich loswerden, verbannen, dem Wolfsrudel im Wald \u00fcberlas\u00adsen. Was f\u00fcr Geschichten blitzen mir im Kopf, immer selt\u00adsamer, unbegreiflich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind gleich da!, h\u00f6re ich hinter mir jemanden spre\u00adchen. Mit halbgeschlossenen Augen beginne ich die Gegend zu erkunden. Sieh an, sie sind immer noch da, die Pflaster\u00adsteine vom Theaterplatz. Es ist schon so lange her, dass ich auf ihnen ging. Zu Brechts \u201eDreigroschenoper\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnell auf die B\u00fchne mit ihr!, ruft dieselbe Stimme wie vorher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meinen sie mich? Von welcher B\u00fchne sprechen sie denn und was soll ich da, mit der Schnecke in der Hand und so einer Sch\u00fcrze, doch nicht springen und singen, auf rissi\u00adgen Zehenspitzen tanzen? Von den beiden M\u00e4nnern, die mich zum Theaterplatz gebracht haben, kommt kein Wort mehr, nicht mal eine Geste. Was bleibt mir \u00fcbrig als mich in das Unvermeidliche zu f\u00fcgen? Ich recke mich und greife nach Zweigen, will nicht mehr wissen wohin und wof\u00fcr, sondern nur: Wie weit noch? Da stehen wir drei schon vor dem ungeschliffenen, im Freien aufgerichteten Bretterbau. Pl\u00f6tzlich packt mich ein Riesenarm und zieht mich \u00fcber eine wacklige Treppe nach oben. Wer war das? Als der Vorhang aufgeht, begreife ich, wo ich stehe: mitten auf der B\u00fchne. Die Scheinwerfer blenden mich, sie nehmen mir jede Chance zu fliehen oder mich zu verste\u00adcken, andererseits sch\u00fctzen sie mich vor der Menge. So nehme ich auch nicht wahr, ob Blicke meinen K\u00f6rper streifen und sich wieder abwenden. Vielleicht warten die Leute auf eine wie mich. Dass sie ihre Misere abfeiert. Warum stehe ich immer noch hier links in der Ecke, ich stehe und stehe, wie eine M\u00fcllcollage, und sage keinen Ton. Wenn wenigstens diese Planken singen k\u00f6nnten oder wenn der Wind, der jetzt wirbelt, mein flatterndes Blumenkleid w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Komm n\u00e4her, Bella, ja, du, von allen Sch\u00f6nen du!, ruft eine Stimme belustigt aus den vorderen Reihen, aber sie gewinnt keinen Lacher. Ich glaube, es macht keinen Sinn, so starr auf der B\u00fchne zu stehen. So stumm und be\u00adsch\u00e4mt. Den Strahlern ausgeliefert. Als erstes werde ich die Schnecke absetzen. Das einzige Gew\u00e4chs hier ist diese \u00e4rmliche Segge, passt eher zu mir als zu der Schnecke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie w\u00e4r\u2019s, wenn ich selber bestimme, wie fr\u00fcher als Kind, wo und was ich sein will? Ich nehme zum Beispiel das Seegras in die Hand und wiege mich hin und her, als tauchte ich im Meer. Oder ich folge dem Strahl und steige in einen Fernzug nach Immerwo \u2026 Ich wei\u00df nicht mehr, wie es ist, wenn man aus sich herausgeht. Was ge\u00adschieht, wenn der K\u00f6rper durch irgendeine Magie stark wird und anmutig wie fr\u00fcher. Hier ist kein verwunschener Ort f\u00fcr solche Verwandlungen. Wenn ich es dennoch einfach versuche? Eine Drehung nach links, dann nach rechts, zum Beispiel, mit schnellen Schritten nach vorne, wieder eine Drehung um mich herum, und nun Anlauf nehmen, abspringen und mit beiden F\u00fc\u00dfen aufsetzen. Ich staune, werfe das Haar in die Luft, bin stolz wie ein Wallach beim Wassereinsprung, aber mir schwinden die Kr\u00e4fte, ich kni\u00adcke ein, falle und bleibe auf den Holzbrettern liegen. F\u00fcr jemand, der Will hie\u00df, und seine Nachfolger bedeu\u00adteten solche Bretter die Welt. Auch in dieser Welt geht anscheinend keiner ohne Schmerzen. Doch ich l\u00e4chle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom starken Beifall wackelt die B\u00fchne, ich verliere fast das Gleichgewicht. Ein junger Mann rennt aus den Kulis\u00adsen zu mir: Und jetzt, verbeugen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieso? Das ist doch Hohn, Beifall f\u00fcr Abfall \u2026 Was sollen die Fragen, die bis zu mir durchdringen: <i>Die Szene der Armut, ergreifend! Wo haben Sie diese Darstellerin ent\u00addeckt?<\/i> <i>W\u00fcrde <\/i>s<i>ie nicht auch in Hamsuns \u201eHunger\u201c die Herzen erobern? <\/i>Sie glauben doch wohl nicht, dass ich auf der B\u00fchne in die Rolle einer Hungernden geschl\u00fcpft bin, dass alles nur Theater war?\u00a0 <i><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Frag sie!<\/i> In der Antwort erkenne ich die Stimme, die eine Stunde vorher <i>\u201e<\/i>Wir sind gleich da\u201c<i> <\/i>und <i>\u201e<\/i>Schnell auf die B\u00fchne mit ihr\u201c<i> <\/i>sagte. Mein Regisseur! Es ist seine Hand, die mich vom Boden hochzieht. Mit der anderen schenkt er mir ein paar dunkle Triumph-Tulpen. Woher wei\u00df er von meinen Blumen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir gehen essen, ruft er mir eindringlich zu, und ich fl\u00fcs\u00adtere: Heute wird der hinkende Hund umsonst auf mich warten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" alt=\"\" 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\/><strong>Further reading\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verleihen\u00a0Francisca Ricinski in 2016 den KUNO-Prosa-Preis. Lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32148\">hier<\/a> die Begr\u00fcndung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles liegt viel zu tief. Wenigstens das hellfarbene, in Plastikfolie gewickelte Etwas herausziehen. Mein fr\u00fcherer Klavierlehrer, ein Lisztanbeter, der hatte Riesenh\u00e4nde, f\u00fcr ihn w\u00e4re es jetzt ein leichtes Spiel, an meiner Stelle da drin herumzuw\u00fchlen. 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