{"id":32163,"date":"2016-12-06T00:01:33","date_gmt":"2016-12-05T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32163"},"modified":"2021-01-12T09:39:07","modified_gmt":"2021-01-12T08:39:07","slug":"ein-anderes-ende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/12\/06\/ein-anderes-ende\/","title":{"rendered":"Ein anderes Ende"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst blickte er hinunter zum Platz. Sah sich in den endlos multiplizierten Portr\u00e4ts: Gewelltes Haar und sinnliche Lippen, ein Stirn wie ein Kornfeld. Sein polychromes Gesicht war umgeben von Fahnen und Schildertafeln mit gleicher Wortwahl: Es lebe unser weiser F\u00fchrer! Der liebste Sohn unseres Volkes! Der Architekt unserer goldenen Zukunft!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Versammelten begannen seinen viersilbigen Namen und die Initialen der Partei zu skandieren. Alle zehn Minuten dr\u00f6hnte in den Platzmikrophonen eine Akklamation, wie auf ein Handzeichen. Wie bei Nabucco, der einzigen Oper, die er wirklich liebte und scheinbar ihm mehr ergriff als die Marseillaise, die Internationale und Tricolore zusammen: der Dirigent hob den Taktstock und das ber\u00fchmte Chorlied der Sklaven trat \u00fcber die B\u00fchne und \u00fcberflutete die Arenen, die ganze Stadt von Verona&#8230;Er konnte diesem Klangrausch nie widerstehen, pfiff ein paar T\u00f6ne mit. Nein, das Volk sei keineswegs eine Hydra mit tausend K\u00f6pfen, wie einst jemand behauptete, sondern ein herrlicher, f\u00fcgsamer Chor von\u00a0 Schafen, l\u00e4chelte er und genoss die Lobpreisung. Die Kundgebung verlief wie gewohnt, war sie doch jahrelang einge\u00fcbt worden. Er f\u00fchlte sich weiterhin unverwundbar. Und da er trotz des revolution\u00e4ren Geistes, mit dem Sonnenk\u00f6nig einig war, dass Staat und seine Person eins seien, glaubte er auch an die Unverwundbarkeit der Sozialistischen Republik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun schaute er in die leeren Augen seiner auf demselben Balkon des Zentralkomitees stehenden Frau, und sp\u00fcrte zum ersten Mal die Krallen eines Zweifels. Seine Hochstimmung lie\u00df nach. Ob es richtig war, sie mit einem solchen \u00dcberhang an Titeln schm\u00fccken zu lassen und mit Macht zu \u00fcberf\u00fcttern, fragte er sich, und ob sie sich noch an den kleinen M\u00e4rchenfisch erinnert, der ihr alle drei Nachtw\u00fcnsche\u00a0 erf\u00fcllte&#8230; Er schaute nochmals hin und sah diesmal ihren nach hinten geworfenen Kopf, raubvogelstolz, den Gletscher im Nacken, das puppenfrisierte Haar. Nein,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sie erinnerte sich nicht mehr. Das schlechte Volksschulzeugnis wie auch die N\u00e4h-maschine ihrer Jugend warf sie irgendwo auf der\u00a0 M\u00fcllkippe ihres Ged\u00e4chtnisses. Was sollte ich als Akademiemitglied und habilitierte Chemikerin von Weltruf mit solchen lumpigen Erinnerungen sonst tun, trumpfte sie auf, und er musste die Idee eines Museums f\u00fcr ihre fr\u00fcheren Habseligkeiten aufgeben. Er dagegen hatte allen und \u00fcberall von den Schuhen erz\u00e4hlt, die er besohlt hat, und von seinen wiederholten Inhaftierungen in den 30-er Jahren. Alles steht in den B\u00fcchern, denn<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">er ist, war und wird ein Verfechter der historischen Vollst\u00e4ndigkeit bleiben. Ein grandioser\u00a0 Satz, w\u00fcrde sein Rhetoriklehrer ihn loben, auch wenn er das Wort \u201eVerfechter\u201c nicht gut aussprechen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Buhrufe! Sie sind lauter geworden, rief eine unruhige Stimme aus seinem prominenten Gefolge. Sprechen Sie zum Volk!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprich endlich, sagte auch seine Frau mit fordernder Stimme, ohne ihn anzuschauen. Deswegen brachen wir den Besuch bei unserem arabischen Freund ab und eilten hierhin!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war seelisch verletzt, konnte das sekundenschnelle Umkippen der Massen-stimmung nicht begreifen. Wieso Buhrufe, gerade bejubelten sie ihn. Kann doch nicht alles nur eine Einbildung gewesen sein&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt h\u00f6rte auch er Schreie und das tausendfache Gemurmel und sah wie die Kolonnen auseinanderbrachen und sich neu formierten. Sie sind doch keine Schafe, sondern ein Seeungeheuer, erkannte er ein wenig sp\u00e4t, zu sp\u00e4t, den zunehmenden Unmut von unten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen, h\u00f6rte er sich sprechen. Heiser wie immer und tremolierend: Der Aufstand von Temesvar wurde niedergeschlagen. Der geweihte L\u00fcmmel und einige Feinde unseres Landes haben mit ihren Hetzreden versucht, nicht nur diese Stadt, sondern unsere Sozialistische Republik zu destabilisieren und euch zu verunsichern&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind keine L\u00fcmmel, schlug eine andere Stimme zur\u00fcck. Im n\u00e4chsten Augenblick geschah f\u00fcr ihn das Unfassbare: Schilder der Huldigung zerbrachen unter der Wut der vielen F\u00fc\u00dfe, H\u00e4nde zerrissen die roten Fahnen und schleuderten Steine zum Balkon. Danach die Erst\u00fcrmung. Als h\u00e4tte jemand die Schleusen ge\u00f6ffnet. Die Soldaten schauten nur zu und warteten. Statisten\u00a0 im Film oder schon die Fronten gewechselt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich beging doch keinen Frevel, versuchte der gebrochene Atheist die entfesselte Menschenmenge zu bes\u00e4nftigen, aber auch dieses Psalmwort \u2013 sein letzter taktischer Zug &#8211; erreichte kein Trommelfell mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00e9lange aus Kriminalfilm, H\u00f6hlenmenschkrieg und r\u00e9volution \u00e0 la fran\u00e7aise widerte ihn an. Sein Zuckerspiegel stieg, er torkelte auf die Fluchttreppe, schnappte wie ein Frosch nach Luft, zischte: Das ist der Fluch der zerst\u00f6rten Kirchen und D\u00f6rfer!, dr\u00fcckte in Panik die Dachbodent\u00fcr zu, irrte bleibeinig umher und verkroch sich zum Schluss in einem halbleeren Archivschrank. Schwei\u00dfgebadet schleppte er sich in den n\u00e4chsten Minuten wieder heraus und lie\u00df sich auf einen frei liegenden Stapel verschimmelter Parteib\u00fccher fallen. Seine Platzangst war jedenfalls gr\u00f6\u00dfer als die Angst vor den aufgebrachten Untertanen. \u201eNein, ich gebe nicht auf, nicht so\u201c, unterdr\u00fcckte er die zittrigen Fragen seines K\u00f6rpers. Jetzt erst bemerkte er die Abwesenheit seiner Frau und der anderen Mitglieder seines Politb\u00fcros, die vorher mit ihm auf dem Balkon standen. Mit neuer Kraft schaffte er sich wieder aufzurichten und hielt sich fest am unteren Rahmen einer Fensterluke, schaute nach drau\u00dfen. Er sah nur den fl\u00fcchtigen Schatten eines Riesenvogels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Hubschrauber \u00fcberflog den Hochspannungsmast und landete unbemerkt auf dem Betondach des Parteigeb\u00e4udes; das grelle Massenget\u00f6se saugte die Propeller-ger\u00e4usche auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pilot sah ihn am Fenster, winkte ihm kurz. Er fasste wieder Hoffnung. Sein flatterndes Herz brannte immer noch vor Ehrgeiz, das Land in die paradiesische<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4ra des Kommunismus zu f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In drei Tagen ist Weihnachten, erinnerte er sich, sie werden uns schon nichts B\u00f6ses antun. Sie k\u00f6nnen nicht in die Kirche gehen und die Geburt Jesu feiern, und gleichzeitig mich und meine Frau entsorgen, das passt doch nicht zusammen. Ich werde Beweise gegen diesen zusammen gew\u00fcrfelten Haufen erbringen. Ich bestehe auf meiner Anh\u00f6rung vor der Grossen Nationalversammlung! Erst fl\u00fcsterte er wie ein Souffleur diesen ehrw\u00fcrdigen Satz, so leise, dass die M\u00e4usepaare, die sich in ihrer Papiersiedlung satt fra\u00dfen, die Ohren spitzten, dann wiederholte er den Satz, sehr laut und\u00a0 entschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein mit Luchsfell gefutterter Mantel erw\u00e4rmte ihn wieder.\u00a0 Ihm war nicht mehr schwindlig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sich die Sonne im eisigen Nebel verbarg, holte ihn der Pilot m\u00fchelos raus und brachte ihn zum Helikopter. Drin sa\u00df schon, mit geschlossenen Augen und leicht blutender Unterlippe, seine Frau. Den letzten bei\u00dfen die Hunde, sagte sie ihm ein wenig orakelhaft und schwieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er zuckte, bildete mit dem Mund ein rundes O oder Oh als Antwort, die aber in der Kehle blieb, und ging mehrere Schritte zur\u00fcck. Als wollte er sagen: Ich fliege nicht mit, ich kehre auf\u00a0 meinen Dachboden zur\u00fcck und bereite meine Verteidigung vor. Wir m\u00fcssen los, unterbrach der Pilot diese \u00fcberraschende Pantomime, sonst l\u00f6chern uns die Maschinenpistolen, bevor wir die Grenze erreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hilf ihr zu fliehen, rette sie!, sagte er noch und verschwand.\u00a0 Er, der nie weinte, brachte in Tr\u00e4nen aus, die seine lederne Netzhaut befeuchteten und ihn dazu brachte, den fantasielosen Raum, in der er sich nun auffielt, in weichen Umrissen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zu sehen, ihn mit Bildern seines Geistes zu f\u00fcllen. Er weinte, weil er nun frei war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zweifel griff ihn von neuem an. Ob er doch Schuld auf sich geladen hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tappte das Volk wie Flederm\u00e4use im Dunkeln? Lie\u00df er sich wirklich Kinderblut spritzen, um ewig jung zu bleiben? Opferte er so viele Menschenleben, nur um den gr\u00f6\u00dften Palast der Welt zu errichten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Bauen der Pyramiden starben viel mehr Sklaven, deshalb wurde aber kein Pharao umgebracht, versuchte er das eindringliche Schuldgef\u00fchl zu entsch\u00e4rfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unwillk\u00fcrlich dachte er wieder an \u201eseine\u201c Oper. Aber diesmal tat ihm die Erinnerung an die \u00fcberschw\u00e4ngliche Chormusik nicht gut. Er sah Sklaven in Scharen zu ihm kommen, wie sie auf ihm mit F\u00fcssen herumstampften und an einen Pfeiler seines Mammutpalastes fesselten. Sie sangen dabei und diese anschwellende Melodie ballte sich in seinem Kopf, pochte gegen die m\u00fcden Schl\u00e4fen und brach in ein wildes Fortissimo aus. Er k\u00f6nnte Nabucco nicht mehr ertragen. Ihr sollt aufh\u00f6ren!, schrie er entsetzt und lief aus dem Dachraum. Mit Trippelschritten, auf das Treppengel\u00e4nder gest\u00fctzt, lief er die endlosen Stufen hinab. Blieb mehrmals stehen, um Luft zu holen und wunderte sich, niemandem zu begegnen. Auf einmal war es still und dunkel im Treppenhaus, der bl\u00e4uliche Lichtstrahl kam von einer Stra\u00dfenreklame. Als er die letzte Stufe erreichte, kam er an ein Tor, das er sofort erkannte: Da beginnt sein Bunker, sein labyrinthischer Bunker.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Atem beruhigte sich. Er w\u00fcnschte, die privaten Schutzr\u00e4ume, die er bisher noch nie sah, zu betreten. Er hatte nun Zeit, er schmunzelte \u00fcber diesen Gedanken wie \u00fcber die Farce eines Zirkusclowns. Denn die anderen glaubten, er habe im Hubschrauber fliehen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er las jedes T\u00fcrschild, \u00f6ffnete jede T\u00fcr. In den Raum, der \u201eWelt\u201c hie\u00df, trat er schlie\u00dflich ein. Dort standen \u00fcber einer Felsenschlucht alle Staats- und Parteichefs, die ihm bei seinen vielen Besuchen die h\u00f6chste Ehrenbezeigung erwiesen. Er bat sie: Stehen Sie mir bei! Sie sind meine Zeugen vor der Geschichte! Er merkte noch nicht, dass er aus diesen Zeiten ausgetreten war. Um ihr seltsames Schweigen zu brechen, fasste er ihre H\u00e4nde, aber sie f\u00fchlten sich hart und leblos an. Sie sind nur aus Wachs!, rief er ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter der Last dieses Erlebnisses betrat er den n\u00e4chsten Raum. \u201eH-e-i-m-a-t\u201c,\u00a0 buchstabierte er den Namen, als wollte er die neue Desillusionierung, die er ahnte, um einige Augenblicke hinausz\u00f6gern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein feuchter Blick fiel auf die Veranda des Elternhauses. Unver\u00e4ndert, mit den bunten Geranien und der Kapuzinerkresse. Vater scheint seine ewigen Zoten einem Saufkumpanen zu erz\u00e4hlen, denn die beiden lachen so schelmisch! Und dieses nostalgische Liebeslied am\u00a0 Hackbrett, grinste er und drehte sich um, auch um den billig gebrannten Pflaumenschnaps nicht riechen zu m\u00fcssen. Ach, Mama, zu dir will ich! Du wirst mich sch\u00fctzen, nicht wahr, so wie du es immer getan hast!, rief er zu der kleinen dicken B\u00e4uerin, die auf ihrem Stuhl sa\u00df und Wolle f\u00fcr ein Hemd spann. Er hoffte, sie w\u00fcrde ihn unter dem weiten Flachsrock verstecken, wie an den Tagen, an denen es blitzte und donnerte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er ganz nah an sie heran trat und ihren Kopf streichelte, st\u00fcrzte sie vom Stuhl und ihre Spindel rollte ins Gras.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O Gott, erschrak der Ungl\u00e4ubige, ist meine Mutter nur eine Plastikpuppe? Und das Haus, die Geranien? Was ist noch wahr? Wessen Sohn bin ich? Aus seinem Mund sprach der dunkelste Zweifel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wird der letzte Raum, in den ich gehe, entschloss er sich vor der T\u00fcr mit dem Schild \u201eKunst\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der letzte Raum war ein Archipel von Schreibtischinseln, Staffeleien, Notenst\u00e4ndern, wackligen B\u00fcchert\u00fcrmen und ausgeleierten Saiteninstrumenten. Das erste, das er zur Hand nahm, war ein Gedichtband. Er schlug ihn auf und las einige Titel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo steckt ihr, Dichter? Und Maler? Und Liedermacher? Ihr, H\u00f6flinge, die mich zum Titan der Titanen und Sohn der Sonne machten! Auch ihr verleugnet mich?, br\u00fcllte er erz\u00fcrnt und schlug mit der schweren Spitze seines Winterschuhs auf Farbent\u00f6pfe, Harfen und B\u00fccher, auf alles was ihn verraten haben konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann riss er aus dem Gedichtband Seite f\u00fcr Seite heraus und warf sie in die Luft. Papierv\u00f6gel, r\u00f6chelte er, weiter nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte zur T\u00fcr, stolperte aber \u00fcber ein Gem\u00e4lde, das bisher verschont blieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Fu\u00df bereitete sich in der Luft f\u00fcr einen neuen Angriff vor. Dann war es doch Neugier, die ihn trieb, das Bild vom Boden aufzuheben und es anzuschauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das bin ich!, jauchzte er. Es folgten nur kurzatmige S\u00e4tze, Stichworte f\u00fcr jedes Detail: Auf dem Flo\u00df. Ohne Gefolgsleute. Nur ich und das Meer. Das Schwarze. Ich rudere meerw\u00e4rts, breche den hohen Wellengang, fahre zu anderen Ufern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fing an sogar den Refrain eines bekannten Seemannsliedes zu summen und h\u00e4tte vielleicht auch lauter gesungen, h\u00e4tte eine wirbelnde Riesenhand ihn nicht pl\u00f6tzlich gepackt und ihm das Gem\u00e4lde entrissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bild ist doch meins! Ich bin doch im Bild, wehrte sich verzweifelt der pl\u00f6tzlich ohne Tr\u00e4ume gebliebene Navigator.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Bild bist du noch nicht, widersprach ihm eine verhallende Stimme. Aber ich kann dich hinbringen, wenn du willst. Dort ist die Sonne noch nicht entschwunden. Denkst du immer noch an die Verschw\u00f6rung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er konnte niemanden sehen, weder am Boden noch an der Decke und in den Winkeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stimme sprach wieder: Bin kein Spuk. Und ich locke dich nirgendwohin. Nenne mich Wind. Weihnachtswind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er glaubte dem Wind und doch blieb in seiner Antwort ein gr\u00fcbelnder Unterton vernehmbar. Ja, er wollte zum Flo\u00df, auf hoher See.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird mich mein Volk noch anschauen und bewundern?, wollte er vorher noch wissen. Und soll ich den Mantel ausziehen? Wo wird meine Seele im Bild sich zum Schlafen hinlegen? Und wie erfahr ich noch rechtzeitig, wann Weihnachten ist? Wie komm ich ans Ziel ohne Kompass und Seekarte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wind h\u00f6rte die Hilflosigkeit des entthronten Diktators, hauchte ihm ins Ohr: Vertraue wie damals die Inkas dem Strom und den Sternen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen fand ihn das Erschie\u00dfungskommando in der karg m\u00f6blierten \u201eKunstkammer\u201c, wo das einzige Musikinstrument, eine Kindertrompete, zwischen dem Luchspelz und seinen Biographien im Eiswasser schwamm. Er selbst lag auf dem R\u00fccken, das Flo\u00dfbild fest an die Brust gedr\u00fcckt. Die Fallschirmj\u00e4ger drehten den Wasserhahn zu und stellten den Ventilator an der Zimmerdecke ab. Sie nahmen die f\u00fcnfundzwanzig Patronen aus ihren Maschinengewehren heraus und legten sie ihm auf die Stirn wie auf ein Grab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frohe Weihnachten, sagte der J\u00fcngste von ihnen. <b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"data:image\/jpeg;base64,\/9j\/4AAQSkZJRgABAQEASABIAAD\/4QCARXhpZgAATU0AKgAAAAgABQESAAMAAAABAAEAAAEaAAUAAAABAAAASgEbAAUAAAABAAAAUgEoAAMAAAABAAIAAIdpAAQAAAABAAAAWgAAAAAAAABIAAAAAQAAAEgAAAABAAKgAgAEAAAAAQAAALqgAwAEAAAAAQAAALIAAAAA\/9sAQwAgFhgcGBQgHBocJCIgJjBQNDAsLDBiRko6UHRmenhyZnBugJC4nICIropucKDaoq6+xM7Qznya4vLgyPC4ys7G\/9sAQwEiJCQwKjBeNDRexoRwhMbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbGxsbG\/8AAEQgAsgC6AwEiAAIRAQMRAf\/EAB8AAAEFAQEBAQEBAAAAAAAAAAABAgMEBQYHCAkKC\/\/EALUQAAIBAwMCBAMFBQQEAAABfQECAwAEEQUSITFBBhNRYQcicRQygZGhCCNCscEVUtHwJDNicoIJChYXGBkaJSYnKCkqNDU2Nzg5OkNERUZHSElKU1RVVldYWVpjZGVmZ2hpanN0dXZ3eHl6g4SFhoeIiYqSk5SVlpeYmZqio6Slpqeoqaqys7S1tre4ubrCw8TFxsfIycrS09TV1tfY2drh4uPk5ebn6Onq8fLz9PX29\/j5+v\/EAB8BAAMBAQEBAQEBAQEAAAAAAAABAgMEBQYHCAkKC\/\/EALURAAIBAgQEAwQHBQQEAAECdwABAgMRBAUhMQYSQVEHYXETIjKBCBRCkaGxwQkjM1LwFWJy0QoWJDThJfEXGBkaJicoKSo1Njc4OTpDREVGR0hJSlNUVVZXWFlaY2RlZmdoaWpzdHV2d3h5eoKDhIWGh4iJipKTlJWWl5iZmqKjpKWmp6ipqrKztLW2t7i5usLDxMXGx8jJytLT1NXW19jZ2uLj5OXm5+jp6vLz9PX29\/j5+v\/aAAwDAQACEQMRAD8AtMux8KT09aUM3qfzpZfv\/hTaQxwdvWl3t600UUASoCVGDTsN6iki+5TqQCfP7Uh3ZHAp9NP3hSAMt6D86Nzf3P1p1LQBG74U5Uj3qT8Kjm\/1ZqWmAgpSaKWgCNGAUAnmn7l9R+dCAFelLtX0H5UgEyPUUkf3fxNBjQ\/wikRFK8gUAPpKTy19KQxr7\/nQAqfdFLWVJPKkjBZGAHvTftk4\/wCWh\/Kq5WBqv90\/SgdBWZ9smIwW6+1aAWTaP3n\/AI7SasBFN98fSm5pZvvj6U0GmAtLTaXNAE8X3KdUcR+Sn5pALSH7w\/GikP3lpAOzThVO4vY4Dt+8\/oO1Z8mqXBJ2kKPYUAbM3+qapK54ancYIZwwPqBWjbarHKQso2E9+1MDQpaQEEZHeloASP7tOpI\/u\/nTqQxKbH9ynGkj+5QAppDSmigDEm\/1rfWo6kl\/1rfWmVsthCjqK2R0FYy9RW0BwKiQyrN94fSoQHx9\/wDSpZvvj6UzNIQnz+o\/KjL5524ozSE0AWIz8lOz71FGfkFOzSAkzVW\/ufIiG0\/Oc4qbdWLezebdMc8LwKQDGb15J5JqB25p7HiozTAM0qsabTkGSRQBr6VeEMIXOQfu57Vrg1ysZKsCDgjkV0ltIZIVkBzuGcUhk8f3fxpxpsf3afQA3NNT7gp5psf3BQAtFKaSgCjbRKzO5wfm70t3CFgcrx0z71ZSJSA3IJHalaFGGGyw96q4jGXqK2gOBTRFEowI1\/75p4HAobuMozfeH0plOlPzD6VHQhAaTNBNNJpgTxn5BS5qOM\/IKVjUgJJJsRm9BWHnkmtK9kxAw7nissmgBd2c03B9Kns03MSQDwetS+VIw9B9KAtcq7GIG0ZNC7lfIHNWvI3FUPVj17gUr2qxuV3YHUEnrRcqxCVLcjC+gJrX0p2EbRMMMp6VQW3UjG\/Ptmls7sJeM2Ts6cCkDR0Mf3adUcLB41YdDzUlAhe1Mi+4KfTIvuCgBxooJpmaAGNKY4VO0noAKVJt5YAdOtABaJRjsORQkexnYZJbrmgB+T6UDoKMnHSkHSgCg+WOQp4pmH\/uGpv4\/wAKWmIrEP8A3DTCG\/uGrRppoAjRiEHymmvJx91qev3RUchoEUL2TcVHIqoasXn3warnpTAt6eQCQatSbAOp+maoWjYNWzGSQQcGpZpEfERGCxU5PcU9282PpyOhqJvNXvn8KWJXf7xIFDKQ6GYYOQOOtZ9v98fWrdxiG3b1IxVO3++KETLc6a3crCg2McDtUvmf7D\/lUdqcwKfapqCRvnDH3HH4UkbYUfKxpxoi\/wBWtACM\/wDst+VNDf7LflUjdaTtQA1T8gBDcDHFBfHZ6VfuiloAj8zn+P8AEUofjofypW+6aKAKufm\/ClpP4\/woNMkQ0w040wmgBqn5RUUpp4IC81XllUngjHegCvdLlc+lVKkndmyOo7VDnimBJEdrfWr6SjAJ6jrVGNQWGeB61Z2FDjv\/ADpMuJbDoRml85FBPFU8H0pspIiNSVcju7jziAPuiktxknFQCrFu4jkRmGVzkiqexF9TpLXiBR7VNnFV7Zw0KspyDyKlJzSAcTxSxf6sVGKVPuCgB7UmaTNJQAqfcFKKav3BSigAb7poob7ppaAKn\/LT8KQmmk\/P+FBNMkQmo3baCacxqpdMGVVY4UtyfQUAQOxZiCeKY2dnUGp3uLJF2R27kdmJxUTRyMu\/yWCdc4qgI2wEAK4pq24dsA9s4xUjjgYOfajewYHb0GKQx9suVKFckdM8ZqxnOQwK88Hr+FQ5ySeeRke9SR5lQA9Ccg57+lAIcY88g1DcodvrVkk5ztIU9M01xuGMVGxpujJA+bHrVsRIAquCuVz071BcqEmIFWrZg8SE53L3zVmYiSPbyIFYqRwfQitCDUcfLPjPZh3qrKgdclgWU9c1DuUqdo4P6GkBvRyLIu5TkUqH5BWbYTup8t8EH3rQT7gpDH0tNpRQA5fuCgUi\/dFKKABvumlpr\/dNLQBR\/i\/Cg0mfn\/CgmqJI5DgVUJBuYg3Iz0\/EVYlPFU5OJA2cY4z6UIDT1gRGzYMVDrgqO\/Wq+mXEYsjHI2CGOM+lVnhWcg+ZtTPzTSHG76CrsUlhDEI1BcDqxQnNUIoXIQT4U8diKjG4yYz2q1dS2rn91EwI74xmqpxv+U4qSixbhwQGO7Azj15qWFdxbtg5x71WtsrcAk8HrVjG25J6CmIRxJK5VxjjtSW03moUfiReDUqKQ7B8FW71Tugbe5WVTncealopOxHfDEw+lNs5Cku3s3GPWpL0q6pIveqoJUgjqKaE9zVEOE8wtluuM1UdWjZ4wOOxq3ESsMeADu6nNMuUJjBHXoTQA23D+b8rqGU\/eY8CteByyYJUkd1ORWLE8KwyCQ\/Ofu8d6txXsMap+6AbGCwOM0mUtjTpQaYjBlDKcg85pwpCHr90UZpF+6KQmgBXPyn6Uuajc\/KaWgRSz+8\/ClNR7Rv5yePWlYDHSqERSmmRhSrjyxJIxART0zzzSSAZ6Va06NfnfHPQe3r\/AEpoTHJYbF3SvvfuQKlS2iI5XP40S3aK6xhWZs4OB0qdCGGQKpgjHt0D3hif7vIqK9hSC42A5GMirkltJbzvdKVYKS23Pas+9uRcXCyBdvy4IzUFysPtFUyYY5q5IMP+FZ0XBBDYINaUTLNH1zQCVxkmdnB47io5kM0JQbd+M896sMpwQR+VRY2yKw9MEUxGUCvlMD94EYptOmQxysp7Gm0CNLTiHi2gc9Cc9qldD5DL\/Fiqmn5ySCQVPrWiOQSeppDKulNH9p2OoLEZUn1qG4hltbgNjocqexqS3jjidriVsCJsBR1JqXzLnUc4PkwevrTETW12s05RQY1IyBnv3q5tOPvtWXIljA+xBK8g7qehq\/bziWPr8wHI71LGWEbKCgjPc\/nTIz8gp+aQDXGFJyaUKMdKR\/uH6UoPFAFL+P8ACkajPzn6U1zVCIX6mrmmEbZB7iqTVNp8qx3DBzhSufy\/\/XVR3Ey3Ou1JpoSPMXg\/hWZDfXJLMJBjP3SBirNlcpHfzRZ\/dSnIz61SmjSO4k8piUJ+UCqYRVyy2pMyNHKgwwxkVnzIqsDG4dfXGKV0kR9siFPY1es7CC4gBIbcDzz1qC7aXK32ZnldU4UN1q9bQLCuFyT3JpbspaxqAuSRgYGOB60yObcMgdaljRbAFMlhVhkcHrxTVkp5bIwD29cUAyjc2Tzy5UqCBg5qA6ZcD+4foa1rcROzh2GVPrTTKuTtORnrQ2xJIz7eyuI3+ZRtPvV7y3z0pwkzTt1K4+VFKW3aEPLhHHUqwzj3xVi0XzbUbpWOfT+GpC69+aqyWssJLWj4B52\/4VSdxNCQG3VJIiTubIJZRlTTUt7i0UzI4kUHBHqKqDzmujuUs55YetbKsNgUDAIxigRJCweJWHQjNPqOPhAAMDHSn1IA\/wBw0o6U1\/uH6UoPAoApZ+f8KY54NL\/GfpTHPFUIjNV52K7WHripzVe5\/wBWPrTELcRFHYDJ2Njd60+3eVNswQ8HgkcGrtgsdzp6qx5EmX9TTp7oIdqAbBwBVgnYqmKa5bzpmAHYn+gp5vDbKLe1jJfuSOTVtGEiDauA3NNI8slyEBA+8fSoKbIi128LebGCSD0P9KoRSLGQNp68nd0FWUeS+Zi8myNeAo70S2MMcZdpWAHtQCYxboF9o79PepPOBHXNVILdpm64UH71TzWW47kOGqStRXZW\/wDr1LGBiqBjmhz8pP60+O8A4cEUWBM0QPSlwRUEVwjdGBqdZB60ihCGx0qjLcXAmAzkDoMVo7xWfezfvkAQ4T9aaJkSW8qtdh9pDSJ+dWIXx17ms6FMyAksDt45qdS7yCMAlj3pkmuv3QaM01OI1HoKXNSAP9w\/SgdKa5+U\/SlB4oApfxn6Ux+lFFUIjNV7j\/V\/jRRTES6UTmcZONlJL\/rBRRVdBLctpx0pLvm1cn0FFFSUUrJiJgASAfSptQdiQCxIz0zRRQNbktrxEtWBRRUM0Ajiql0i7Sdoz9KKKEJmYOH4q7Cx2jk0UU2KJOCcdaij\/wCPmiihBIR+Lp8cc1pWwGwHHPrRRTZJIv3RS0UVICP900o6UUUAf\/\/Z\" alt=\"\" \/><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verliehen\u00a0Francisca Ricinski in 2016 den KUNO-Prosa-Preis. Lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32148\">hier<\/a> die Begr\u00fcndung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Erst blickte er hinunter zum Platz. Sah sich in den endlos multiplizierten Portr\u00e4ts: Gewelltes Haar und sinnliche Lippen, ein Stirn wie ein Kornfeld. Sein polychromes Gesicht war umgeben von Fahnen und Schildertafeln mit gleicher Wortwahl: Es lebe unser weiser&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/12\/06\/ein-anderes-ende\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":34,"featured_media":13743,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[93],"class_list":["post-32163","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-francisca-ricinski"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/34"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32163"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32163\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}