{"id":32008,"date":"2016-09-10T00:01:24","date_gmt":"2016-09-09T22:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32008"},"modified":"2021-06-10T06:14:34","modified_gmt":"2021-06-10T04:14:34","slug":"der-letzte-arbeiterdichter-oesterreichs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/09\/10\/der-letzte-arbeiterdichter-oesterreichs\/","title":{"rendered":"Der letzte Arbeiterdichter \u00d6sterreichs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Und geht die Welt zu Grund \u2013 Ich liebe dich und die Partei und den Gewerkschaftsbund<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer, der nie im Caf\u00e9 Sport war, weil er wirklich nirgendwo dazugeh\u00f6rte und kaum mit jemandem sprach, sondern nur trank, war der Kobalek, \u201eder letzte Arbeiterdichter \u00d6sterreichs\u201c, wie er sich selbst bezeichnete. Er sa\u00df an jedem Abend an der Theke im \u201eB\u00fccke-dich\u201c, einem Lokal an der Zweierlinie bei der Stadion- und Josefst\u00e4dterstra\u00dfe, das, als das \u201eSport\u201c geschlossen worden war und die G\u00e4ste ins \u201eSavoy\u201c, ins \u201eCaf\u00e9 Alt Wien\u201c oder anderswohin ausgewichen waren, bald auch zu einem Unterschlupf wurde, aber ohne feste Szene, sondern eben nur ein Lokal war f\u00fcr Einzelg\u00e4nger, nicht mehr f\u00fcr Gruppen. Das Lokal hatte seinen Namen davon, da\u00df man sich b\u00fccken mu\u00dfte, wenn man es betreten wollte, da es im Souterrain war und nur einen kleinen schmalen Eingang hatte. Also, da sa\u00df jedes Mal dann der Kobalek auf einem Hocker an der Theke, vor sich ein Achtelglas mit billigem, schlechtem Rotwein, starrte vor sich hin, schweigend, sagte nie ein Wort, deutete nur auf sein Glas, wenn das leer war und bestellte so ein neues. Mich interessierte dieser \u201eletzte Arbeiterdichter\u201c, also suchte ich seine N\u00e4he, setzte mich auf den Hocker neben ihm in der Hoffnung auf eine Gemeinsamkeit, auf ein Gespr\u00e4ch. Er aber sagte, soweit ich mich erinnern kann: \u201eLo\u00df mi in Ruah, red mi jo ned aun!\u201c Und dann schwieg er wieder. Also mu\u00dfte ich mich mit dem Mythos Kobalek-Arbeiterdichter aus Wien abfinden. Man sagte, er sei gebildet, er kenne die Arbeiterdichtung, die Proletarierdichter, die fr\u00fcher einmal in der legend\u00e4ren \u201eAZ-Arbeiterzeitung\u201c vor dem Krieg, als die Sozis noch auf Bildung wert legten, ihre Gedichte ver\u00f6ffentlichten und diese nicht nur mit Zustimmung und manchmal sogar mit Begeisterung aufgenommen, sondern sogar diskutiert und zeilenweise auswendig gelernt wurden und hergesagt werden konnten. Der Kobalek war einer von ihnen, er z\u00e4hlte sich jedenfalls dazu; \u201eNed zu dem Schmarrn, den \u2019s heitzutog gibt\u201c, soll er einmal gesagt haben. Der Kobalek hatte immer blaue Lippen und eine blaue Zunge, vom Rotwein. Er hatte immer das gleiche verschmuddelte Gewand an, das er anscheinend ewig nicht gewaschen hatte, er stank etwas, aber der schwei\u00dfige K\u00f6rpergeruch wurde durch den von Kohle \u00fcberdeckt und gab allem eine herbe Note. Kobalek lebte n\u00e4mlich in einem Kohlenkeller, den er von seiner Mutter geerbt hatte und den er bedarfsweise betrieb. In den Kohlenkellern, die es damals noch gab, war meistens auch so eine Art Verschlag mit einem B\u00fcro drinnen und manchmal stand da auch noch eine alte dreckige Couch, auf der man sich ausruhen oder &#8211; wie der Kobalek &#8211; die Nacht verbringen konnte. In der Fr\u00fch sperrte man sein Gesch\u00e4ft dann auf, wenn die ersten Leute kamen, um sich Kohlen und Brennholz zu holen. Das war also praktisch. Und obwohl der Kobalek also eigentlich ein Gesch\u00e4ftsmann war, weil er ja ein Gesch\u00e4ft hatte, war er doch \u201eder einzige lebende \u00f6sterreichische Arbeiterdichter\u201c. Mit ihm und dem grundlegenden verderblichen Wandel der Sozis ist dieses Genre der Literatur ausgestorben. Angeblich hatte und hat der Kobalek einen ganz ber\u00fchmten Bruder, einen weit \u00fcber die Grenzen \u00d6sterreichs hinaus bekannten bildenden K\u00fcnstler, einen Maler, dessen Werke auf dem Internationalen Kunstmarkt preislich ganz oben rangieren. Jeder Kenner von zeitgen\u00f6ssischer Kunst kennt ihn, da die Werke dieses K\u00fcnstlers bei gro\u00dfen Ausstellungen gezeigt werden und in allen Museen zu finden sind. Dieser Mann, der Halbbruder vom Arbeiterdichter Kobalek, hei\u00dft Franz West.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010, von Peter Paul Wiplinger. Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Phoro: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und geht die Welt zu Grund \u2013 Ich liebe dich und die Partei und den Gewerkschaftsbund Einer, der nie im Caf\u00e9 Sport war, weil er wirklich nirgendwo dazugeh\u00f6rte und kaum mit jemandem sprach, sondern nur trank, war der Kobalek, \u201eder&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/09\/10\/der-letzte-arbeiterdichter-oesterreichs\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":19169,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1852,1142],"class_list":["post-32008","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-kobalek","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32008","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32008"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32008\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32008"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32008"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32008"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}