{"id":32005,"date":"2022-01-06T00:01:47","date_gmt":"2022-01-05T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32005"},"modified":"2022-02-17T16:41:15","modified_gmt":"2022-02-17T15:41:15","slug":"begegnung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/06\/begegnung\/","title":{"rendered":"Begegnungen und Augenblicke"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beobachtet hatte ich ihn schon oft und eindringlich. Wenn er in Wien war, sa\u00df er im Caf\u00e9 Hawelka, meist an dem runden S\u00e4ulentisch gleich beim Eingang, wo auf einem Nebentisch die Zeitungen lagen, in denen er eifrig las. Und immer a\u00df er ein Paar Frankfurter, diese aber mit Messer und Gabel, so auf die feine englische Art. War er fertig, z\u00fcndete er sich eine Zigarette an, die er vorher in seinen Zigarettenspitz gesteckt hatte; er rauchte immer \u201emit Spitz\u201c; und, soweit ich das beobachten konnte, stets die gleiche Marke: Muratti. Er zog in langen Z\u00fcgen genu\u00dfvoll an seiner Zigarette, bl\u00e4tterte in den Zeitungen, sah manchmal von seiner Lekt\u00fcre auf und sich um. Aber nichts schien ihn im Lokal zu interessieren, es war als ob er sich selber vergewissern w\u00fcrde, ob er noch am selben Ort und an derselben Stelle war. Wenn ich im Hawelka war, beobachtete ich ihn immer wieder. Das merkte er, lie\u00df sich das aber nicht anmerken. Mich interessierte dieser Canetti, obwohl ich damals kaum etwas von ihm wu\u00dfte, und er auch noch keine Weltber\u00fchmtheit, weil noch kein Nobelpreistr\u00e4ger war. Dieses Beobachtungsspiel ging einige Jahre so dahin. Von Zeit zu Zeit, aber eher selten, war Canetti in Wien und dann auch im Hawelka. Es mu\u00df so um 1965 gewesen sein, als er in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur aus seinen Schriften las, u.a. die Erz\u00e4hlung \u201eDie Stimmen von Marrakesch\u201c. Ich sa\u00df im Publikum. Kurze Zeit darauf las Canetti in einem Saal des Wiener Musikvereins aus seinem Drama \u201eDie Hochzeit\u201c. Ich glaube, er selbst geno\u00df am meisten seine Lesung. Er war sich seiner Bedeutung bewu\u00dft und das kam auch in seinem Habitus und in seinem Verhalten zum Ausdruck. Canetti las f\u00fcrchterlich, outriert und manieriert; nach der Manier von seinem Vorbild Karl Kraus, dessen Lesungen er, wie ich sp\u00e4ter erfuhr, oft und begeistert besucht hatte. Canetti h\u00e4tte dem Stil des Alten Burgtheaters (Kainz\/Moissi) durchaus alle Ehre gemacht. Bei seiner Lesung damals empfand ich die Art und Weise wie er seinen Text rezitierte als affektiert und unangenehm. Die Lesung dauerte ziemlich lange. Der Saal war ganz voll. Canetti bekam Applaus und er geno\u00df ihn; verbeugte sich mehrmals, nicht wie ein Autor, sondern wie ein gro\u00dfer Schauspieler, der eben mit Bravour seine Rolle gespielt und das Publikum ganz in seinen Bann gezogen und begeistert hatte. Nat\u00fcrlich ging ich nach der Lesung ins Hawelka. Als dieses Sperrstunde hatte, schaute ich noch ins \u201eChattanooga\u201c am Wiener Graben vis-\u00e0-vis von der Dorotheergasse hinein. Und da sa\u00df zu meinem Erstaunen der Elias Canetti und a\u00df ein Paar W\u00fcrstel. Ich blickte ihn kurz an, wir nickten einander zu, als Hawelka-Stammg\u00e4ste, die sich von daher kannten, und wie das damals noch der Brauch war. Ich \u00fcberlegte, ob ich ihn vielleicht kurz ansprechen sollte und k\u00f6nnte, empfand dies aber als m\u00f6glicherweise unpassend, weil zu aufdringlich. Also der Canetti sitzt nach seiner gro\u00dfen Lesung allein im \u201eChattanooga\u201c und i\u00dft dort um zwei Uhr nachts seine W\u00fcrstel! Das ging mir als eine mich verwundernde Seltsamkeit durch den Kopf. Ich ging vor dem Lokal drau\u00dfen auf und ab. Der Canetti sa\u00df direkt am ersten Fenstertisch, konnte mich also sehen, wenn ich am Eingang vorbeiging. Ich \u00fcberlegte. Dann betrat ich wieder das Lokal, unschl\u00fcssig, ob ich an einem etwas von Canetti entfernteren Tisch etwas trinken sollte; vielleicht da\u00df sich beim Weggehen eine Gelegenheit erg\u00e4be, Canetti anzusprechen, dachte ich beim Eintritt ins Lokal. Wieder ein Blickwechsel zwischen uns. Und dann sagte der Canetti sehr h\u00f6flich, ja fast freundlich und jovial: \u201eSie m\u00f6chten mich sprechen! Wollen Sie Platz nehmen?\u201c Ich war \u00fcberrascht und verwirrt, stammelte etwas von \u201e ich warte lieber drau\u00dfen, wenn ich darf\u201c und verlie\u00df gleich wieder das Lokal. Drau\u00dfen ging ich auf und ab. Dann kam der Canetti, sagte: \u201eWollen Sie mich vielleicht zum Taxi auf den Stephansplatz begleiten?\u201c Ich nickte, brachte fast kein Wort heraus. Ich stellte mich ihm vor. Sagte ihm, da\u00df ich auch nicht gewu\u00dft h\u00e4tte, warum ich ihn immer wieder beobachtet h\u00e4tte und entschuldigte mich daf\u00fcr, wenn es ihn gest\u00f6rt haben sollte. \u201eVielleicht\u201c, sagte ich, \u201ehabe ich Sie auch beobachtet, weil Sie meinem Vater so \u00e4hnlich sehen und mir manchmal war, als s\u00e4\u00dfe mein Vater neben mir im Hawelka und w\u00fcrde auch mich beobachten.\u201c Das schien Canetti zu interessieren. Er fragte nach meinem Vater. Ich sagte: \u201eGleiche Statur, Schnauzbart; und er raucht, wenn er raucht, genauso wie Sie.\u201c Das war die Br\u00fccke zu einem Gespr\u00e4ch, das nun folgte. Wir waren am Stock-im-Eisen-Platz angelangt. Canetti fragte mich, in welchem Bezirk ich wohnte. Ich erkl\u00e4rte ihm, da\u00df ich zum sogenannten Jonas-Reindl zur Stra\u00dfenbahn m\u00fc\u00dfte; obwohl l\u00e4ngst keine mehr fuhr. \u201eGehen wir noch ein wenig spazieren\u201c, schlug Canetti vor, \u201eein paarmal auf und ab; das tut gut.\u201c Und so gingen wir am Graben ein wenig auf und ab. Ich begleitete ihn sozusagen in Richtung Taxi zum Stephansdom, er begleitete mich in Richtung Graben-Ende\/Naglergasse. Wir sprachen \u00fcber \u201eDie Blendung\u201c, die ich gerade gelesen hatte. \u201eIch mag diesen Peter Kien nicht\u201c, platzte ich heraus, \u201edas ist so ein negativer Mensch, ein passiver Held; und wie er am Schlu\u00df seine Bibliothek anz\u00fcndet, einfach absurd; und unsympathisch!\u201c An den genauen Wortlaut von Canettis Antwort kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich glaube, er sagte so etwas wie: \u201eAber dieser Peter Kien bin doch ich!\u201c Oder lege ich ihm das jetzt im nachhinein in den Mund? Ist die Wirklichkeit etwas Tats\u00e4chliches oder existiert sie &#8211; nat\u00fcrlich oft verf\u00e4lscht und in falscher Erinnerung &#8211; in unserem Ged\u00e4chtnis? Das frage ich mich oft und auch jetzt. Wir gingen also mehrere Male vor dem Mosesbrunnen am Graben auf und ab, jeweils eine Wegstrecke von etwas hundert Metern. Es hatte zu schneien begonnen. Es war ein sehr sch\u00f6nes Erlebnis und ist in meiner Erinnerung ein ebenso sch\u00f6nes Erlebnisbild. Dann begleitete ich Canetti wirklich und endg\u00fcltig zum Taxistandplatz am Stephansplatz. Er stieg in eine schwarze Mercedes-Limousine und gab mir als er einstieg zum Abschied die Hand. Als der Wagen anfuhr, winkte mir Elias Canetti durch das Seitenfenster des Wagens noch einmal freundlich zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010, von Peter Paul Wiplinger. Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Phoro: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Beobachtet hatte ich ihn schon oft und eindringlich. Wenn er in Wien war, sa\u00df er im Caf\u00e9 Hawelka, meist an dem runden S\u00e4ulentisch gleich beim Eingang, wo auf einem Nebentisch die Zeitungen lagen, in denen er eifrig las. 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