{"id":3187,"date":"2012-04-05T09:38:32","date_gmt":"2012-04-05T07:38:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=3187"},"modified":"2020-05-20T06:47:57","modified_gmt":"2020-05-20T04:47:57","slug":"wird-deutschland-sich-je-von-grass-lyrischem-erstschlag-gegen-israel-erholen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/05\/wird-deutschland-sich-je-von-grass-lyrischem-erstschlag-gegen-israel-erholen\/","title":{"rendered":"\u201eWird Deutschland sich je von Grass&#8216; lyrischem Erstschlag gegen Israel erholen?\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">fragt sich der Perlentaucher und tr\u00e4gt die Reaktionen zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Robert Menasse schreibt auf <a href=\"http:\/\/www.news.at\/articles\/1215\/512\/324557\/gedicht-guenter-grass-clown-medienindustrie\">news.at<\/a> zum Grass-Skandal: &#8222;Jeder Redakteur jeder Literaturzeitschrift heute h\u00e4tte dieses &#8218;Gedicht&#8216; abgelehnt. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass f\u00fcnfzehn deutsche Zeitungen und f\u00fcnfundzwanzig Bl\u00e4tter der Weltpresse diesen Text publizierten und ihn sofort mit aufgeregten Kommentaren umrankten. Das zeigte mit einer Deutlichkeit, die zwar w\u00fcnschenswert, aber doch buchst\u00e4blich furchtbar ist, wie sehr solche Skandale heute Medienskandale sind: Die Medien produzieren selbst den Skandal, den sie dann berichten.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn der Grass-Text ein Gedicht sein soll\u201c, so Sybille Lewitscharoff in der FAZ, \u201edann habe ich gerade nach Verzehr einer Forelle mit Hilfe von zwei, drei melodischen F\u00fcrzen eine neue Matth\u00e4us-Passion komponiert.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frank Schirrmacher <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/eine-erlaeuterung-was-grass-uns-sagen-will-11708120.html\">schreibt<\/a> gleichfalls in der FAZ mit einer luziden Gedichtanalyse von G\u00fcnter Grass&#8216; &#8222;Gedicht&#8220;:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Man muss sich klarmachen, was dieser Meister der Sprache assoziativ aufruft. Es spricht ein potentiell &#8218;\u00dcberlebender&#8216;, der &#8218;allenfalls Fu\u00dfnote der Geschichte&#8216; sein wird, wenn man Israel nicht Einhalt gebietet. Im semantischen Kontext dieses Gedichts raubt er sich das Wort &#8218;\u00dcberlebende&#8216; und damit die moralische Autorit\u00e4t der \u00fcberlebenden Verfolgten des Dritten Reichs.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Steinfeld <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/anmerkungen-zu-guenter-grass-dichten-und-meinen-1.1326553\">laviert<\/a> in der SZ im Krebsgang um den im eigenen Feuilleton ver\u00f6ffentlichten lyrischen Erstschlag G\u00fcnter Grass&#8216; Richtung Israel herum:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;G\u00fcnter Grass irrt, nicht immer, aber immer wieder.&#8220; Und so irre Grass eben auch hier, aber nicht nur, aber schon auch. Vor allem aber: &#8222;Ver\u00f6ffentlichen hei\u00dft ja nicht zustimmen&#8220;, schlie\u00dflich habe man vor zwei Monaten im eigenen Blatt auch Avi Primor eine <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/streit-um-atomprogramm-teherans-aufruf-zum-iranischen-fruehling-1.1276400\">gegenteilige Sicht<\/a> ver\u00f6ffentlichen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tilman Krause <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article106155994\/Grass-letzte-Tinte-transportiert-NS-Stereotypen.html\">versucht<\/a> in der WELT zu erkl\u00e4ren, was an G\u00fcnter Grass&#8216; &#8222;Gedicht&#8220; so erschreckt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wer &#8218;Was gesagt werden muss&#8216; genauer liest, der wird eine solche F\u00fclle von Denkfiguren und Sprachformeln finden, die ihre Herkunft aus der NS-Ideologie nicht verbergen k\u00f6nnen, dass man leider sagen muss, dieses Dokument, angeblich vom Autor &#8218;mit letzter Tinte&#8216; geschrieben (will sagen: mit ersterbender Kraft quasi als Verm\u00e4chtnis verf\u00fcgt), bringt es endg\u00fcltig an den Tag: Hier kann sich ein Mensch von den intellektuellen Pr\u00e4gungen seiner Jugend offenbar nicht l\u00f6sen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter der \u00dcberschrift &#8222;Der an seiner Schuld w\u00fcrgt&#8220; <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=ku&amp;dig=2012%2F04%2F05%2Fa0139&amp;cHash=8b6c92d82c\">unterzieht<\/a> Micha Brumlik G\u00fcnter Grass&#8216; in der taz f\u00fcr Furor sorgendes Gedicht &#8222;Man k\u00f6nnte also sagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Grass von 2012 ist schlimmer als ein Antisemit, da er mit sich, seiner und der deutschen Geschichte in einer Weise unaufrichtig umgeht, die nicht nur traurig stimmt, sondern auch politisch verh\u00e4ngnisvoll ist.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Interview mit Martina Doering <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/Im%20Interview%20bedauert%20Ex-Botschafter%20Avi%20Primor%20zwar,%20dass%20G%C3%BCnter%20Grass%20offenbar%20sein%20Leben%20lang%20seine%20Kritik%20an%20Israel%20zur%C3%BCckgehalten%20hat,%20erkl%C3%A4rt%20dann%20aber:\">bedauert<\/a> Israels Ex-Botschafter Avi Primor in der FR zwar, dass G\u00fcnter Grass offenbar sein Leben lang seine Kritik an Israel zur\u00fcckgehalten hat, erkl\u00e4rt dann aber:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;G\u00fcnter Grass sch\u00e4tzt den Konflikt mit dem Iran falsch ein. Er versteht nicht, worum es hier geht. Israel ist der einzige Staat auf Erden, der offen mit Vernichtung bedroht wird &#8211; und zwar von der iranischen F\u00fchrung.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ach, Grass&#8220;, Sie sind doch kein Antisemit, <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/israel-iran-konflikt\/leitartikel-guenter-grass---dichter-und-maulheld,11950234,14679508.html\">m\u00f6chte<\/a> Chefredakteur Uwe Vork\u00f6tter im Leitartikel der FR am liebsten rufen, traut sich dann aber doch nicht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wenn er kein Antisemit ist, warum verwendet G\u00fcnter Grass ausgerechnet jenes Stereotyp, das ihm als antisemitisch gel\u00e4ufig sein muss: Man darf das ja eigentlich nicht sagen, aber jetzt muss es mal sein. So kennen, h\u00f6ren und lesen wir sie, die Rechten, Nationalen, verdrucksten Spie\u00dfer, die aggressiven Glatzen. Und jetzt auch Grass.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der israelische Historiker Tom Segev <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/0,1518,825782,00.html\">wirft<\/a> Grass im Interview mit Sebastian Hammelehle in SPON vor, dass er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Israel und Iran auf eine Stufe (stellt). Der Unterschied ist, dass Israel im Gegensatz zu Iran noch niemals erkl\u00e4rt hat, dass es irgendein Land von der Weltkarte streichen will, w\u00e4hrend Iran Tag und Nacht verspricht, dass man Israel aus der Welt schaffen will. Was soll das mit der Ausl\u00f6schung des iranischen Volkes?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja doch, Grass&#8216; gestrige Lyrikbombe hat durchaus ihre antisemtische Seite, <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/meinung\/provokantes-gedicht-guenter-grass-ein-kreis-schliesst-sich\/6476602.html\">meint<\/a> Malte Lehming im Tagesspiegel:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Grass kennt sein Land, er kennt die Menschen, kennt ihre Gef\u00fchle und Ressentiments. Er wei\u00df, dass eine Mehrheit der Deutschen in Israel eine Gefahr f\u00fcr den Weltfrieden sieht. Er wei\u00df, dass man hierzulande, wenn&#8217;s um Juden geht, die Fakten auf den Kopf stellen muss, um tosenden Beifall zu erheischen. Also nicht sagen, wie es faktisch ist: Der Iran droht Israel mit atomarer Ausl\u00f6schung, sondern, wie es dem Unterbewusstsein besser passt: Israel droht mit Ausl\u00f6schung des iranischen Volkes.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verdruckst und peinlich <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/nachrichten\/kultur\/aktuell\/guenter-grass-mahnt-wieder_1.16261206.html\">nennt<\/a> in der NZZ Joachim G\u00fcntner Grass&#8216; Portestgedicht. Dabei l\u00e4sst er sich intelligente Kritik am israelischen Kurs, etwa von David Grossman, gern gefallen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Er hat einen Blick f\u00fcr die skandal\u00f6se K\u00e4lte, mit welcher die milit\u00e4rischen Planspiele die Opfer unter der Zivilbev\u00f6lkerung Irans ignorieren. Auch weist er darauf hin, wie dumm es ist, die aufgekl\u00e4rten Iraner, die ja oft Gegner des Regimes sind, zu Feinden Israels zu machen. Vielleicht kommen sie ja irgendwann ans Ruder? Grossman lieferte eine dezidierte politische Analyse. Grass schreibt ein schwammiges politisches Gedicht. Der Pr\u00e4zeptor Germaniae nutzt die Lyrik, um ichs\u00fcchtig und undifferenziert sein zu d\u00fcrfen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"#%21\/saschalobo\/status\/187560072199667715\">Tweet<\/a> von Sascha Lobo: &#8222;Das mit dem Schweigen hat G\u00fcnter Grass zum Thema Waffen-SS irgendwie besser hinbekommen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und <a href=\"#%21\/bov\/status\/187484261274750976\">einer<\/a> von <a href=\"http:\/\/www.bjerg.de\/start.htm\">Bov Bjerg<\/a>: &#8222;#Grass &#8211; better smoked than read&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mario Sixtus <a href=\"#%21\/sixtus\/status\/187521796050915328\">erw\u00e4gt<\/a> unterdessen &#8222;k\u00fcnftig mehr Zeilenumbr\u00fcche in seine Texte zu hacken und sie dann Gedichte zu nennen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derweil <a href=\"http:\/\/www.facebook.com\/peter.glaser\/posts\/3548323668085\">schaut<\/a> Peter Glaser auf Facebook Fernsehen: &#8222;Da Hamas: n-TV Laufband &#8211; &#8218;Grass greift Israel an'&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richard Wagner <a href=\"http:\/\/www.achgut.com\/dadgdx\/index.php\/dadgd\/article\/dichtender_ostermarschierer_grass_entwaffnet_israel\/\">schreibt<\/a> in der Achse des Guten: &#8222;Israel als den Hauptst\u00f6rfaktor in Sachen arabischer Normalisierung darzustellen, bedeutet letzten Endes, auch in der Grass-Formel von der internationalen Kontrolle der israelischen Bombe, de facto, seine Entwaffnung. Seine Entwaffnung aber w\u00e4re die Aberkennung des Rechts auf Selbstverteidigung, und damit die Aberkennung des Existenzrechts Israels.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Diplomat Emmanuel Nahshon <a href=\"http:\/\/embassies.gov.il\/berlin\/NewsAndEvents\/Pages\/Nahshon-zu-Grass.aspx\">teilt<\/a> zur Causa Grass mit:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was gesagt werden muss ist, dass es zur europ\u00e4ischen Tradition geh\u00f6rt, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. &#8230; Wir sind nicht bereit, die Rolle zu \u00fcbernehmen, die G\u00fcnter Grass uns bei der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung des deutschen Volkes zuweist.&#8220;<\/p>\n<p>Und noch ein Nachklapp:<\/p>\n<ul>\n<li>Reich-Ranicki: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2012-04\/Grass-Gedicht-Reich-Ranicki\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ekelhaft<\/a><\/li>\n<li>Biermann: <a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/kultur\/article106163035\/Guenter-Grass-erst-klug-dann-boese-heute-verbiestert.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">st\u00fcmperhaft<\/a> (er nennt das auch \u201cdumpfbackigen Polit-Kitsch\u201d und \u201cliterarische Tods\u00fcnde\u201d)<\/li>\n<li>Hochhuth: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/israel-iran-konflikt\/guenter-grass-weiter-scharfe-kritik-an-guenter-grass,11950234,14693028.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">anma\u00dfend<\/a><\/li>\n<li>Westerwelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,826316,00.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">absurd<\/a> (der Au\u00dfenminister spricht ebenfalls von einer \u201cliterarischen Tods\u00fcnde\u201d)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Wiener <a href=\"http:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/kommentare\/leitartikel\/747350\/Der-Volksverstaerker\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Presse<\/a> meint:<\/p>\n<p>&#8222;Meinungsmacher m\u00f6gen angewidert sein von der antiisraelischen \u201cDas-wird-man-ja-noch-sagen-d\u00fcrfen\u201d-Lyrik des deutschen Nobelpreistr\u00e4gers. Die Masse ist auf der Seite von G\u00fcnter Grass.<\/p>\n<p>G\u00fcnter Grass verbl\u00fcfft nicht nur mit seiner Ahnungslosigkeit. Fast mehr noch nervt seine l\u00e4cherliche Pose als Draufg\u00e4nger, der es endlich wagt, das Schweigen zu brechen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die durchg\u00e4ngige Attit\u00fcde des Entlarvens ist schal geworden; sie hat sich intellektuell nicht weiterentwickelt, sich als Aufkl\u00e4rung nicht selbst reflektiert angesichts einer gewandelten Welt. Es schaut so aus, als h\u00e4tte die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/17\/smells-like-gerontokratie\/\">Rekanonisierung<\/a> dieses Autor bereits zu Lebzeiten begonnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>fragt sich der Perlentaucher und tr\u00e4gt die Reaktionen zusammen. Robert Menasse schreibt auf news.at zum Grass-Skandal: &#8222;Jeder Redakteur jeder Literaturzeitschrift heute h\u00e4tte dieses &#8218;Gedicht&#8216; abgelehnt. 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