{"id":31558,"date":"2015-08-14T00:01:29","date_gmt":"2015-08-13T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31558"},"modified":"2019-10-06T15:00:24","modified_gmt":"2019-10-06T13:00:24","slug":"ohr-ratorium","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/14\/ohr-ratorium\/","title":{"rendered":"Ohr-Ratorium"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Avantgarde und Humor, eine seltene Kombination. Bernd Wiesemann entwickelte k\u00fcnstlerische Konzepte als Mittel zur Kommunikation mit dem Publikum. In diesem Sinne ist auch die von ihm von 1991 bis 2000 konzipierte und durchgef\u00fchrte Konzertreihe &#8222;forum 20 &#8211; musik unseres jahrhunderts im spiegel der dezennien&#8220; zu verstehen, f\u00fcr die er eine spezifische Form fand. Bei seinen konzeptionellen Projekten arbeitete er auf vielf\u00e4ltige Weise mit schreibenden, schauspielernden und bildenden K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern zusammen. Aus seinen Konzeptionsarbeiten sind etliche Kompositionen hervorgegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neue Wege beschritt Wiesemann vor allem in seinem eigenen kompositorischen und konzeptionellen Schaffen: Dabei entstanden beispielsweise CD- und Rundfunkproduktionen, Film-, B\u00fchnen- und Kammermusiken sowie verschiedene Klangr\u00e4ume. Gern verwendet er ein ungewohntes Instrumentarium, um das Publikum zu irritieren und dadurch f\u00fcr neue H\u00f6rerfahrungen empf\u00e4nglich zu machen. So setzte sich Wiesemann seit Ende der 70er Jahre f\u00fcr das Kinderklavier (Toy Piano) als Konzertinstrument ein, f\u00fcr das sowohl er selbst als auch andere Komponisten eine Reihe faszinierender Werke geschrieben haben. Dar\u00fcber hinaus arbeitet er eng mit dem Saxophonisten Johannes Leis (Wiesemann-Leis-Duo) zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Bernd-Wiesemann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Bernd Wiesemann\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Bernd-Wiesemann-300x200.jpg\" width=\"240\" height=\"160\"\/><\/a>Die Komposition zu <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/redenredenreden.htm\">RedenRedenReden<\/a> (auf MetaPhon in der Reihe &#8218;Dokumente&#8216;) handelt vom unerm\u00fcdlichen Wiesemannschen Forschergeist, von der ewigen Suche nach unverbrauchten Ausdrucksformen. Bernd Wiesemann hat versucht, die Form des Live\u2013H\u00f6rspiels, die Gedanken der Hauptfiguren auf musikalische Verh\u00e4ltnisse zu \u00fcbertragen und generiert mit seiner Komposition zu <em>RedenRedenReden<\/em> eine subtile Kongruenz von Wort\u2013Ton\u2013Bez\u00fcgen. Die Anlage der Komposition ist schlicht und raffiniert zugleich. Tempom\u00e4\u00dfig und im Grundcharakter stiftet sie eine Bogenform. In den Zeitdauern ist sie ansteigend, die dynamisch intensivste Stelle steht etwa in der Mitte. Die Komposition ist durchgeformt. Das Tonmaterial kombiniert mit Papierger\u00e4uschen und Komplement\u00e4rakkorden, wird stringent ausgef\u00fchrt. Ein Zug des Schweifenden, des locker Gel\u00f6sten ist diesem H\u00f6rst\u00fcck eigen, das von Kai M\u00f6nnich und Dietmar Walbeck als Sprecher gestaltet wird. Ihre gezackte Rezitation ist rasch als Parodie auf Rene Polesch Vokalstil zu verstehen. Die Grenz\u00fcberschreitungen, die dieses Live-H\u00f6rspiel thematisiert, vollzieht es formal in der Aufhebung der Gattungsgrenzen nach. Es wird ganz ohne Psychologie erz\u00e4hlt, eher als Status quo eines Experiments. Der Wortk\u00fcnstler A.J. Weigoni wei\u00df mancherlei \u00fcber die harten Bandagen, mit denen man sich auch noch vier Jahrzehnte nach Cages europ\u00e4ischem Wirken um Kunstpfr\u00fcnde und Dicherlorbeer pr\u00fcgelt. Weigonis Live\u2013H\u00f6rspiel <em>RedenRedenReden<\/em>, vordergr\u00fcndig eine Boxkampf\u2013Parodie mit Kommentator und zwei schlagabtauschenden Dichter\u2013Recken, zieht hinter der Witz\u2013Fassade traurige Bilanzen. Sie sind auf der Suche nach der Poesie und finden Einzelteile einer versprengten Existenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernd Wiesemann gilt zu Recht als Komponist f\u00fcr Neue Musik. Er braucht zur Darstellung seiner Klang\u2013Farben\u2013 Vorstellungen die Vielfalt der Instrumentalpalette. Seine Kompositionen sind nicht blo\u00dfe &#8222;Begleitung&#8220;, sondern strukturell und diskpositiv ebenso gewichtig wie die Sprecherstimmen. Der Bilker hat im Terrain der Musik stets die schwierigen, scheinbar unbegehbaren Routen oberhalb der Baumgrenze gew\u00e4hlt. Man glaubt beim H\u00f6ren schrundiges Felsgestein unter den F\u00fc\u00dfen zu sp\u00fcren. Erkaltete Lavaboasen und schwarzes Ger\u00f6ll, scharfkantige Krater und g\u00e4hnende Erdspalten; er assoziiert Reliefstrukturen mit dem Rumoren des Papiers, fauchende Fumarolen mit tonlosen Anblasger\u00e4uschen. Wiesemanns Musik hat keinen illustrativen Charakter. Seine Klanglandschaften in <em>RedenRedenReden<\/em> sind abstrakt und trotzdem von eindringlicher Bildhaftigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernd Wiesemann starb in dieser Woche, KUNO trauert um diesen Musiker.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Avantgarde und Humor, eine seltene Kombination. Bernd Wiesemann entwickelte k\u00fcnstlerische Konzepte als Mittel zur Kommunikation mit dem Publikum. 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