{"id":31528,"date":"2023-05-18T00:01:36","date_gmt":"2023-05-17T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31528"},"modified":"2022-02-25T15:34:22","modified_gmt":"2022-02-25T14:34:22","slug":"einer-der-geht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/18\/einer-der-geht\/","title":{"rendered":"Einer der geht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wie er, schmal und gerade, die staubigen Holzstufen des alten Kreuzberger Fabrikgel\u00e4ndes Stockwerk f\u00fcr Stockwerk zu seinem Atelier emporsteigt.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorbei, ohne innezuhalten, am abgr\u00fcndigen K\u00e4figgelass des lang schon defekten Aufzugs, Insekten &#8211; und Staubfalle, in der Lebensraum sich allm\u00e4hlich ausl\u00f6scht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Schl\u00fcssel h\u00e4lt er schon in der\u00a0 Hand. Auf der Ebene des vorletzten Stockwerkes ist unvermutet Kindergequengel hinter der Eisent\u00fcr vernehmbar. Jenseits der von Schmutz und Regen strukturierten Treppenhausfenster verf\u00e4rbt und wandelt sich <i>sein<\/i> Berlin unaufh\u00f6rlich. Unter einem Namensschild auf der Eisent\u00fcr verk\u00fcmmert im provinzialischen Topf eine Basilikumpflanze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er <i>seine Eisent\u00fcr\u00a0 ganz oben<\/i> endlich hinter sich zugezogen hat, mit vor Anstrengung schmerzenden Organen und Gliedern, zerfallen drau\u00dfen Symbol und Beweis. Nach dem brutalen L\u00e4rm der zugefallenen T\u00fcr h\u00f6rt auch die Welt fremder Laute auf. Er durchquert den d\u00e4mmrigen Vorraum, links gleich das Waschbecken, darunter die Plastikeimer f\u00fcr den Kleister. Er macht kein Licht. Ihn durchstr\u00f6mt\u00a0 der Geruch nach langer Abwesenheit und jener Schimmelf\u00e4ulnis, die er mit der Erinnerung an seine fr\u00fchen ersten Wohnungen und Zimmer verbindet. Gute Erinnerungen, heute. Er h\u00e4lt sie noch ein wenig fest. <i>Ein Raum, f\u00fcr die bald versiegenden Lebenskr\u00e4fte zu eng, um sich Einzelheiten einpr\u00e4gen zu wollen<\/i>. <i>Er durchquert<\/i>, stellt es sich vor, <i>das Durchqueren<\/i>,\u00a0 und denkt, dass er an einem <i>Loch<\/i> vorbeigeht. Er ist ruhig, f\u00fchlt sich feinnervig gezeichnet. <i>Er sieht sich<\/i>, sieht, wie er hierhergeh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>Es gibt keine verletzende Kontur, die Wissen von Gewissen trennt. Die\u00a0 Umgrenzungen stellen kein Ende dar; sie m\u00fcnden immer in den Anfang. <\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er sein Alltagshemd gegen das Arbeitshemd, seine Alltagshose gegen die Arbeitshose, seine Alltagsschuhe gegen die Arbeitsschuhe eingetauscht hat, wenn er jetzt noch seltsam beziehungslos in dem hohen und weiten, vom Staub der Hinterhoffenster vernebelten Raum verweilt, in dem bei Sonne eine sehr materiale Zusammenballung von Staub <i>steht<\/i>, die man umrunden kann, befindet er sich in einem nahezu reinen Zustand der Erwartung. Nach Relikten gegenw\u00e4rtigen Zeitgeistes sucht man umsonst in diesem <i>Raum der Erwartung<\/i>, der nie etwas von der zerst\u00f6rerischen Unn\u00fctzlichkeit erfahren wird, wenn andere im Wohlst\u00e4ndigen herumlungern, zwischen lieblos und teuer gebauten Ausstattungen f\u00fcr fotografierbare <i>living-rooms<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihn nimmt dieser alte, staubstockige, der h\u00f6lzerne und in ihm nie ganz zu Ende gedachte Raum auf, w\u00e4hrend er noch steht, unschl\u00fcssig steht und schon Sekunden sp\u00e4ter <i>wie<\/i> Fassung findend den letzten Rest von Rastlosigkeit mit schwerem Ausatmen\u00a0 in die feuchte Luft st\u00f6\u00dft \u2013 dann erreicht ihn die erste <i>Welle.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stetig und langsam kommt sie, kommt an umsp\u00fclt seine Fingerspitzen, die Gesichtssinne, die\u00a0 aufnahmeoffen liegenden zahllosen Zellen der W\u00e4rme und Farben. Aus denen sich der Blick zusammenf\u00fcgt \u2013 erst dann umsp\u00fclt <i>die Welle<\/i>\u00a0 seine ersten Schritte, zugehende Schritte auf den letzten Zustand eines seiner riesigen\u00a0 Bilder, <b>in<\/b> denen <i>alles<\/i> pulsierende, gestische Kontur ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Bilder, die sich aus den W\u00e4nden heraussch\u00e4len, Bilder, auf die niemand ein Licht richten muss, um gelungene Illusionen zu \u00fcberpr\u00fcfen: <i>Die Bilder stellen ja nichts dar spiegeln nichts wider zeigen nichts auf<\/i>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht vergewissern sich jene Bilder, die die Kunstgeschichte f\u00fcr abbildungsw\u00fcrdig h\u00e4lt, immer zuvor einer Art Rahmen, eines Sockels? Sockel, als Betonung einer <i>Erh\u00f6hung<\/i>,\u00a0 <i>ist das der Name f\u00fcr jene geweihte, abgezirkelte Fl\u00e4che, innerhalb derer das Bild einmal bekannt wird<\/i>, dachte er oft. Er dachte lieber <i>Sockel<\/i>, statt <i>Rahmen<\/i>, denn er hatte das Bildhauerhandwerk zuerst gelernt. Weil aber seine fr\u00fchen Plastiken seit Beginn dieser Mal-Arbeit\u00a0 den Drang zur Ausdehnung entwickelt hatten, diesen\u00a0 immer tyrrhanischer entfaltet hatten, wie organisch wachsende Schw\u00e4mme in den Raum hinein zu wuchern begonnen hatten, hatte er es aufgegeben, greifbares Material in &#8211; wenn auch abstrakter &#8211;\u00a0 Formabsicht aneinanderzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum sollen Bilder, nachdem sie zu Orten geworden sind, an fremden Orten angesiedelt werden, die sie doch absto\u00dfen? Seine Bilder nehmen exakt den Raum ein, den die Wandfl\u00e4che ihnen nennt. Sie sind selber Orte, an denen die W\u00e4nde, die R\u00e4ume, die Zeitr\u00e4ume, die <i>Dauerorte<\/i> ihr Verbleiben entscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Oder es \u00fcberwinden werden, so denkt er, jeden Tag.<\/span><\/p>\n<p><b>?<\/b>Sollte man ein Tuch \u00fcber diese Bilder werfen, um sich zu vergewissern, dass dann\u00a0 die Welt aus vielen ungleichgro\u00dfen Parzellen des Ged\u00e4chtnisses bestehend, umso heftiger aus der Erinnerung in das Material eindringt? In einer stofflichen Zusammensetzung, deren elementare R\u00fcckf\u00fchrung aus allen nur denkbaren Verbindungen zwei untrennbare Elemente isoliert:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Worte <i>und<\/i> Taten, die f\u00fcr ihn einen einzigen\u00a0 K\u00f6rper darstellten<b>. <\/b><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist fr\u00fcher Nachmittag, Fr\u00fchsommer, ein lichter, warmer Berliner Tag, der sich so gleichm\u00e4\u00dfig trocken \u00fcber die Stadt ausgebreitet hat, da\u00df jeder Laut, der aus der Hoftiefe hier hinauf dringt, die konzentrierte Stille im Raum mit kleinen Rissen versieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein melodischer Klingelton signalisiert, dass gleich nebenan telefoniert werden wird. Ein offenes Fenster schl\u00e4gt sofort danach heftig gegen einen Rahmen, dem der verhalten ausgesto\u00dfene Fluch einer dunklen weiblichen Stimme folgt, und als sei dies alles,\u00a0 als eine Choreografie der Laute, abgesprochen, fegt pl\u00f6tzlich ein St\u00fcck Zeitungspapier einige Meter weit\u00a0 \u00fcber den Betonboden hinweg mit einem knisternden Flattern. Im ursachelos Getriebenwerden, bleibt es\u00a0 ebenso ursachelos in der Mitte des Raumes liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Das war an mich gerichtet<\/i>, denkt er. Noch einmal verl\u00e4sst er kurz den Raum, um die kleine, undefinierbare Topfpflanze, die immer etwas schr\u00e4g auf dem gemauerten Fenstersims steht, im Vorraum unter den Wasserhahn zu halten. Die Wasserspur, die zur\u00fcck zum Fenster f\u00fchrt, verteilt er auf dem R\u00fcckweg mit seinen Sohlen, die Schlieren trocknen augenblicklich, und er sieht dabei zu, bis diese von anderen nie so\u00a0 wahrnehmbare Zeichnung\u00a0 <i>fertig<\/i> ist, verschwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er beugt sich hinab zu den gro\u00dfen Farbeimern, zu den zum Trocknen auf Zeitungspapier ausgelegten Pinseln und Quasten verschiedener Gr\u00f6\u00dfe und Dicke, zu den kleinen, dichten Aufschichtungen von Zeitungs- und Konsumpapieren- die nach einer undurchschaubaren Ordnung \u00fcbereinander liegen, und doch so, dass man sofort bemerkt, dass er diese Bl\u00e4tter immer wieder in H\u00e4nden gehalten hat. Er beugt sich hinab zu den Kleistereimern, den kleinen Beh\u00e4ltnissen f\u00fcr Sand, Aschen, Holzabf\u00e4llen und anderen Oberfl\u00e4chenabkratzungen von B\u00f6den und H\u00e4usern, die er vor einiger Zeit, sorgf\u00e4ltig in seinem Rucksack in Papiert\u00fcten verstaut, mit dem Rad hierher transportiert hatte. All das liegt und steht in einer Reihe der neuen, an der Wand befestigten Bildfl\u00e4che gegen\u00fcber, Zuschauer wie Akteure vor einer B\u00fchne, die auf ihren Einsatz warten. Stoffe, Materialien, die mit den Jahren zu ihm gekommen sind. Oft hat er nicht lange nach ihnen fahnden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>Dinge, die die Welt angefasst hatten, bevor jemand da gewesen war, sie zu fassen<\/i>. Stoffe, an denen die eingeborene Angst sich erw\u00e4rmt und in hei\u00dfes Vertrautsein umgeschlagen ist, einmal. Stoffe, die die Welt in Bilder versetzen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schritte, auf das Bild zu, umsp\u00fclt von jener <i>Welle<\/i>, eine Strecke, auf der er die Leerstelle einer fl\u00fcchtigen Bewegung wahrgenommen hat, die er sofort mit seinem K\u00f6rper f\u00fcllt.\u00a0 Er durchmisst den ihm verbleibenden Raum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Blick wandert \u00fcber das ausgedehnte Format, dicke Pappe, gestern mit gro\u00dfer Anstrengung plan gegen die Wand geheftet so, dass ihre Dehnung durch Kleistern\u00e4sse und Trocknung, Zuf\u00fchren\u00a0 und Befestigen der Stoffe und Papiere kalkuliert bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Die Mitte der Welt ist immer dort, wo ein winziger Fehler unaufhaltsame Zerst\u00f6rungsarbeit in Gang setzt. Jeder unter seinem oft brennenden Blick erkaltende Fehler rettet das Bild, weil er immer dann ein neues Zentrum markiert. Diese Welt leugnet eine sie endg\u00fcltig umschlie\u00dfende und sch\u00fctzende Haut. Sie lernt mit dem woanders Aufschichten ihrer einstmals freigelegten Oberfl\u00e4chen ihre Tiefe kennen \u2013 an einem anderen Ort als an dem, wo der K\u00fcnstler daran zu zweifeln beginnt, dass\u00a0 die Welt mit Worten zu bezeichnen w\u00e4re. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Alle Sicht auf diese Welt, <\/i>denkt er w\u00e4hrend seiner unbeschreibbaren Arbeit zerst\u00f6rerischen Erneuerns<i>,\u00a0 ob zuf\u00e4llig oder konzentriert, h\u00e4lt nur ein einziges Bild bereit: das Bild, vor dem die Welt, die er nie wollte, ihre Sprache verlieren wird. Das Bild, das die unfliehbare Folge aller seiner Bewegungen und Anstrengungen als zwingende Antwort auf ihn zur\u00fcckstrahlen wird. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal gelangt er an den h\u00f6lzernen alten Tisch, Werkbank, Zeichen- und Esstisch, auf dem eine kleine Tasse unges\u00fc\u00dften schwarzen Tees eine hellgraue Schicht \u00fcber der immer dunkler und bitter werdenden Fl\u00fcssigkeit bildet. Blitzschnell zerbricht sein Griff nach der Tasse am Schreckger\u00e4usch aufplatzender Kastanien auf dem eisernen Ofen \u2013 aber da war es noch Winter, Februar. Die Kastanien schmeckten herb nach Erde und lie\u00dfen sich schwer aus der Schale l\u00f6sen. Nachdem er eine Handvoll davon verzehrt hatte, f\u00fchlte er sich ausgetrocknet und entt\u00e4uscht, als habe er eine lang bewahrte Erinnerung verloren. Um dieses Gef\u00fchl schwindender Erinnerung als eine Botschaft schwindender Kr\u00e4fte wiederzufinden, braucht er Ger\u00e4usch und Geschmack der Kastanien nicht mehr in diesem Sommer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das\u00a0 Bild des in Pergament eingewickelten grobk\u00f6rnigen Brotes flackert sp\u00e4ter in ihm auf, Brot, das er mit seiner Alltagskleidung sorgf\u00e4ltig im Spind des angrenzenden Gelasses verschlossen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>Warum verschlie\u00dft du das vor dir selber, da du doch alleine bist?<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Gelass steht auch das Schlafgestell, die dem Wort gem\u00e4\u00dfe <i>Bettstatt<\/i>: auf der nackten Matratze liegt eine uralte, schlecht zusammengefaltete Karodecke aus der Nachkriegszeit.\u00a0 Dieses Bild erinnert an Inbilder jener Herbergen, die man in fremden Regionen nur notgedrungen aufsucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen\u00fcber der Bettstatt ein alter Vitrinenschrank, auf dessen gl\u00e4sernen Ablagen <i>wichtige<\/i> Dinge ruhen: Ein Gebinde Katalogb\u00fccher (kordelverschn\u00fcrt), klarsichtig und chronologisch sortierte Profi-Fotomappen mit den Bildern von Arbeiten, die in 3 Jahrzehnten entstanden waren.\u00a0 Wie Fundst\u00fccke zueinander gestellte kleine Terrakotten, tierhaft, pflanzenhaftes Bewegen; in fremdes Material \u00fcbersetztes Atemverm\u00f6gen. Jedes f\u00fcr sich Szene und Insel. Auch Gef\u00e4\u00dfe f\u00fcr undekodierbare Zeichen, Umschalungen f\u00fcr die Ungebrauchsfertigkeit von Erinnerungsverlusten, von Erinnerungen, von Verlusten,\u00a0 von nahezu denkbarem und fernerhin Nat\u00fcrlichem, wie es sich regt, Laut gibt, schl\u00e4ft.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>Die Wange wechselt, wenn der Schl\u00e4fer erwacht.<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie er sich, ohne sein Brot anzulangen, in das Brot eingeschrieben hat, sich hineingeschrieben hat ins Wei\u00dfe, in die Unfarbe Wei\u00df, die sich jeder Maler verdienen muss. Wie er <i>zurast <\/i>auf sein Bild, nein, auf zwei oder drei Bilder zu, die immer gleichzeitig da sind, die immer enger gegen die Wand gepresst zu sein scheinen, immer wehriger in ihrer papiernen Begrenzung. Wie er immer nur zugeht und geht, geht hin und her ohne ausformbare Gedanken, geht, wie Schrift es tut, wenn sie die Legende ihres Zustandekommens ins Unreine entwirft.\u00a0 Um am Ende besch\u00e4mt aufs Sch\u00f6nschreiben zu verzichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleisternasse Papierst\u00fccke, mit schwarzer Farbe verklumptes Relief, die H\u00e4nde beginnen an diesen Klumpen zu formen, zu modellieren. <i>Nichts verl\u00e4sst die Hand, was nicht dem Offnen dort auf den Fl\u00e4chen anzuf\u00fcgen w\u00e4re, um in Nachbarschaft einer Andeutung seine Eindeutigkeit einzub\u00fc\u00dfen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schriftfetzen, gedruckte Sinnfragmente, die jeder schl\u00fcssigen Ankunft im Wiedererkennen h\u00f6hnen. Und diese gro\u00dfe, \u00fcberlebensgro\u00dfe Aufspannung, besser: Anspannung von Papier an den W\u00e4nden, die ihn beherrscht,\u00a0\u00a0 heranholt, herbeizitiert mit einer Geste, die in ihm so etwas wie <i>Tanz<\/i> ausl\u00f6st auf den zahllosen Strecken zwischen dem Materialdepot und den Landschaften. Landschaften, die mit d\u00fcnnen Stahlstiften an der Wand befestigt und vor dem bef\u00fcrchteten Absturz ins Atelier hinein nur fragil gesichert worden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal ist es doch geschehen, er stand gerade vor dem Ausguss und wusch den Quast aus, als er dieses lebendige, rei\u00dfende Ger\u00e4usch des Abl\u00f6sens der steifen Pappe von der Wand vernommen hatte; er hatte sich nicht umgedreht, abwartend, was passieren w\u00fcrde. Eine Sekunde war Ruhe, dann h\u00f6rte er ein Schaben wie von einem Schneeschieber und gleichzeitig dieses Rei\u00dfen und dann das schwere, lange l\u00e4rmende Fallen des Bildes, das schlie\u00dflich nur noch zur H\u00e4lfte l\u00e4cherlich gegen die Wand lehnte, \u00fcberall Rissspuren aufwies und in der Mitte mit den beiden erschlafften Bildecken l\u00e4cherlich eingeknickt war.\u00a0 Nie h\u00e4tte er gedacht, dass von der Wand herab fallendes Papier so einen H\u00f6llenl\u00e4rm machen w\u00fcrde. Und einen so erbarmungsw\u00fcrdigen Eindruck machte, dass\u00a0 er sich\u00a0 gezwungen gesehen hatte, seinen Mund zu einem L\u00e4cheln zu verziehen. Er zeigte sich selbst damit, dass er ber\u00fchrt war.\u00a0 Ein wenig schadenfroh, auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nebenan das brutale Zuschlagen der Eisent\u00fcr drau\u00dfen. Pl\u00f6tzlich ist der Nachmittag mit D\u00e4mmerung angef\u00fcllt.\u00a0 Er kocht sich noch einmal Tee auf der rostigen Elektroplatte neben dem Ausguss. Nebenbei isst er ein paar getrocknete Pflaumen. Er schaltet das verstaubte Transistorradio ein. Fast pflichtbewusst sucht er einen Sender mit Wortbeitr\u00e4gen und st\u00f6\u00dft auf die Nachrichtenstimme vom Morgen, auf die Nachrichten, deren Abfolge er schon kennt\u00a0 und an deren Formulierung er sich wieder bitter sto\u00dfen wird. Er schaltet ab, bevor die Pr\u00e4zision seines Ged\u00e4chtnisses ihren Beweis antreten muss und seine Emp\u00f6rung wieder einmal keinen Ausgang findet beim Vernehmen eines Wortes wie <i>absenken<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er arbeitet weiter <i>ohne Licht. Ohne Netz<\/i> in diesem schalen Zwielicht, das sein Material ist wie die Farbe der Schwarz-Grau-\u00a0 und Wei\u00dft\u00f6ne und der organische Klebstoff. Er selber sieht sich dabei als einen unplastischen, aber in sich ver\u00e4nderbaren Stoff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Bedingung gleichm\u00e4\u00dfig gestreuten Lichtes den entscheidenden Fertigzustand des Bildes erreicht, ist <i>Nacht<\/i>. Der <i>Strahl der D\u00fcsternis<\/i> trifft das Bild, und erst dann vermag er es ganz zu sehen. Es entbehrt der ersehnten und doch so kunstfeindlichen F\u00e4higkeit, ins Ger\u00fcst einer wie auch immer gebauten Sprache verklammert zu werden. Und es entbehrt auch der oft hilfreichen M\u00f6glichkeit, aus allen Suchregionen heraus ins Konstrukt einer endg\u00fcltig kalkulierten Fl\u00e4che gebunden zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Jetzt ist er <i>bei<\/i> dem Bild.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht st\u00fctzen ihn, den im Raum <i>Freistehenden<\/i>, jene Kastanien-Erinnerungen, gegen die er sich einmal heftig gewehrt hat, als zwischen Auge und Hand alle Vorstellungskraft verloren gegangen war. Als die Hand einziges Organ sehenden Denkens war.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Das Denken aber ohne Bedeutung war.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Zunge ist trocken, gegen das Hungergef\u00fchl arbeitet S\u00e4ure, die gegen die Magenw\u00e4nde schie\u00dft.\u00a0 Er schl\u00fcrft den lauwarmen Tee. Der Tee steht in seinem Hals wie ein Stock. Im Aufblitzen seiner <i>Ersch\u00f6pfungssehnsucht<\/i> sieht er sich als Bittsteller, als einen, der sich langsam vorw\u00e4rtsbewegt, auf das wenige Stunden alte Bild zu, um Kr\u00e4fte aufzuladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch dann beginnt noch einmal dieses Rasen, <i>drau\u00dfen<\/i>,- er nennt alles, was au\u00dferhalb von ihm geschieht,\u00a0 <i>drau\u00dfen<\/i> &#8211;\u00a0 heftige St\u00f6rungen, hinausgeschleudert, die hier und da Zentren bilden, mal in diesem, mal in jener Bildsicht. Zerst\u00f6rerisch arbeitet er an der Abst\u00f6\u00dfigkeit l\u00e4ngst ungef\u00e4lliger Formen weiter. Er verschwendet das sorgsam rationierte Material. Er schl\u00e4gt mit dem Pinsel L\u00f6cher ins Papier; und nicht genug, er legt Schicht um Schicht langer Arbeitszeiten mit einer einzigen Bewegung wieder frei. Er verletzt, vernichtet, was vor wenigen Minuten noch f\u00fcr sein Jasagen zust\u00e4ndig gewesen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Er lacht das Bild aus, er zerrei\u00dft das Papier genau an den <i>bejahten <\/i>Stellen, rei\u00dft gerade dort mit einem einzigen <i>Pinselschlag<\/i> und jenem zerst\u00f6rerischen Druck gegen das l\u00e4ngst getrocknete, so stimmig in der Farbmodulierung getrocknete und verkrustete Material: an <i>genau\u00a0 der Stelle, wo das gl\u00fcckliche Gelingen vieldeutigen Wiedererkennens in der Regel jedes Bild kunstk\u00fcrt<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal f\u00e4llt ihm der leimschwere Quast aus der Hand, Meuterei des Instruments! Kleister, der ihm am Arm entlanggelaufen war, k\u00fchl, Fremdber\u00fchrung. Er hebt das kleine Monster auf, dreht es um und setzt mit der stumpfen Griffspitze an jener Stelle, da er sich aufrichtet, blind am Bild an. Er rei\u00dft weite Regionen des Bildes ein. Mit schnellen Bewegungen und entsprechendem Druck ist ein Teil des Bildes einfach weg, und erst die Wand darunter pr\u00e4sentiert die Wunde. Und wieder l\u00e4uft er vor, in H\u00e4nden kleisternasses Papier, daran klebt schon die Aufforderung, diese Wunde nicht einfach <i>nur<\/i> zu\u00a0 stillen, zu f\u00fcllen, sondern sie <i>anzuschw\u00e4rzen<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas wie abendliche K\u00fchle k\u00f6nnte sich jetzt an die Fenster herantasten, die blind sind vor Ignoranz gegen das, was au\u00dferhalb des Hauses sich regt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da war eine Erinnerung an Feierabend, tats\u00e4chlich durch ein wirklich entferntes Glockenl\u00e4uten ausgel\u00f6st. Er, der bis zum abrupten Ende seiner Kindheit gl\u00e4ubig gewesen war, weil er gl\u00e4ubig sein <i>musste (<\/i>obwohl er bis heute nicht begreift, dass man als Kind\u00a0 <i>zum Glauben gezwungen <\/i>werden kann)<i> <\/i>versteht jetzt<i>, <\/i>dass einem dieses weit entfernte Gel\u00e4ute Tr\u00e4nen in die Augen treiben kann<i>.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Wenn dich nur noch Fremdes umgibt, das du unter gr\u00f6\u00dften Anstrengungen abgesondert hast, besitzt jedes kleine Element erinnerter Geschichte einen\u00a0 Eigenwert, dessen Wirkung oft \u00fcberw\u00e4ltigt. <\/i>\u00a0<i>Gef\u00fchl<\/i>, sagt er sich ver\u00e4chtlich,\u00a0 <i>ist doch nichts anderes als das immer wieder neu entwickelte Modell einer m\u00f6glichen Antwort auf deine Geschichte<\/i>. Er schreibt\u00a0 sich diese S\u00e4tze mit einem stumpfen Bleistift auf den Rand einer Zeitung. Dann wirft\u00a0 er die Zeitung auf den Boden zur\u00fcck. Er findet diese S\u00e4tze im Echo, in ihrer Rekapitulation,\u00a0 besch\u00e4mend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem anderen Leben ist er ein politischer Mensch. Ein gehefteter Stapel gedruckter Texte, die eines Kommentars und neuer Aktionen bed\u00fcrfen, ist sein Gep\u00e4ck beim Verlassen des Arbeitsortes, wieder in Alltagskleidung.\u00a0 Er verursacht den brutalen L\u00e4rm mit der Eisent\u00fcr. Er flieht die breiten schmutzigen Treppen hinab.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Im Aufzugschacht flattert eine verirrte Taube.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcnf Minuten vom Atelier entfernt gibt es beim T\u00fcrken eine Linsensuppe, ofenwarmes Pidebrot und den sehr s\u00fc\u00dfen starken hei\u00dfen Tee in kleinen ockerbraunen Gl\u00e4sern. Dort k\u00f6nnte jemand auf ihn warten, der nicht fragen wird, was in den letzten Stunden geschehen ist. Es ist jemand, der nicht vorsichtig und nicht\u00a0 einf\u00fchlsam ist. Diese Person ist <i>gewohnheitsm\u00e4\u00dfig gleichg\u00fcltig aber patent<\/i> und nicht sonderlich interessiert an dem, was hinter der Eisent\u00fcr t\u00e4glich geschieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schickt ihm ein Lachen, das erst irritiert, bevor es sein Anschlusslachen hervorruft, das falsch klingen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mageres wei\u00dfes Licht \u00fcber dem gescheuerten Tisch mit Tellern voller Gem\u00fcse- und Salatresten. Musik, als Relikt einer Reise, die nie angetreten wurde. Schlaf, der kein Zustandswort, sondern ein Mahnwort ist. Eine handgeschriebene Rechnung, pl\u00f6tzlich erscheint sie als\u00a0 kaum entzifferbare <i>Botschaft<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von weither sieht er seine Bilder von einem Spiegel erfasst. Ein Spiegel, der, je ferner er aufgestellt ist, desto pr\u00e4ziser die G\u00c4NZE seiner Bilder in allen Einzelheiten festh\u00e4lt und speichert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und zur\u00fcckschickt die Bilder in die Wirklichkeit, <i>vor<\/i> der die Menschen, den Mund voller Erinnerungssprache, in seinem Namen agieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In memoriam J\u00f6rg Hoffmann, Maler und Akteur, der am 18. Mai 1993 in Berlin starb.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-97863\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz.jpg 299w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz-160x135.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 299px) 100vw, 299px\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie er, schmal und gerade, die staubigen Holzstufen des alten Kreuzberger Fabrikgel\u00e4ndes Stockwerk f\u00fcr Stockwerk zu seinem Atelier emporsteigt.\u00a0 &nbsp; Vorbei, ohne innezuhalten, am abgr\u00fcndigen K\u00e4figgelass des lang schon defekten Aufzugs, Insekten &#8211; und Staubfalle, in der Lebensraum sich allm\u00e4hlich&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/18\/einer-der-geht\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":53,"featured_media":97863,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[918,1837],"class_list":["post-31528","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-angelika-janz","tag-joerg-hoffmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31528","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/53"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=31528"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31528\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100570,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31528\/revisions\/100570"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97863"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=31528"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=31528"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=31528"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}