{"id":3147,"date":"2012-04-13T00:01:00","date_gmt":"2012-04-12T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=3147"},"modified":"2020-07-06T16:20:30","modified_gmt":"2020-07-06T14:20:30","slug":"grass-ist-der-prototyp-des-gebildeten-antisemiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/13\/grass-ist-der-prototyp-des-gebildeten-antisemiten\/","title":{"rendered":"Geistige Inkontinenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Deutschland liefert U-Boote an Israel, die dem Land einen atomaren R\u00fcckschlag erlauben, wenn es selbst atomar angegriffen wird. Dagegen ver\u00f6ffentlicht G\u00fcnter Grass gleichzeitig in der SZ, der New York Times, El Pais und La Reppubblica etwas, da\u00df er <a href=\"https:\/\/twitter.com\/#!\/tilmansteffen\/status\/187442295916867584\/photo\/1\">Gedicht<\/a> nennt. Ein Auszug daraus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>(&#8230;) Warum sage ich jetzt erst,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>gealtert und mit letzter Tinte:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>Die Atommacht Israel gef\u00e4hrdet<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>den ohnehin br\u00fcchigen Weltfrieden?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>Weil gesagt werden mu\u00df,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>was schon morgen zu sp\u00e4t sein k\u00f6nnte;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>auch weil wir &#8211; als Deutsche belastet genug \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>Zulieferer eines Verbrechens werden k\u00f6nnten<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>das voraussehbar ist (&#8230;)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Henryk Broder <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article106152894\/Guenter-Grass-Nicht-ganz-dicht-aber-ein-Dichter.html\">ist<\/a> Grass&#8216; in der WELT zu Versen arrangierte Flugblattprosa sehr wohl antisemitisch:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Grass ist der Prototyp des gebildeten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint. Von Schuld- und Schamgef\u00fchlen verfolgt und zugleich von dem Wunsch getrieben, Geschichte zu verrechnen, tritt er nun an, den &#8218;Verursacher der erkennbaren Gefahr&#8216; zu entwaffnen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die geistige Inkontinenz im lyrischen Feld ist nicht neu. In seinem Gedichtband \u00bbDummer August\u00ab reitet G\u00fcnter GraSS Attacken gegen die ver\u00f6ffentlichte Meinung. Er fertigt sein Publikum ab mit stammtischhaften, leicht paranoiden Klischees von einer verschworenen Presse, die Vernichtungskampagnen gegen ihn f\u00fchre. In seiner Altersenilit\u00e4t ist dieser Gebi\u00dftr\u00e4ger nicht in der Lage Lyrik und Abrechnung auseinander zu halten. Diese Gedichte inkarnieren so ziemlich alles, wogegen seit den 1960-er Jahren eine inspirierte Lyrik in Westdeutschland antrat: Gegen den Mi\u00dfbrauch des Verses als Zeilenbrecher f\u00fcr poesie\u00e4rmste Beobachtungsprosa, die Aufbl\u00e4hung eines mitteilungsarmen &#8222;Ich&#8220; zur Repr\u00e4sentanz\u2013Monstranz, gegen die weitgehende Abwesenheit formaler Rafinessen, gegen Phantasiearmut, Banalit\u00e4tshuberei und die Nobilitierung des R\u00e4sonnements im Gedicht. Erstaunlich ist es schon, da\u00df jemand, der das Privileg besitzt, lebendig im Arbeitskontakt mit nachwachsenden Schriftstellern zu stehen und reflektiert genug sein d\u00fcrfte, die Entwicklungen deutschsprachiger Lyrik zur Kenntnis zu nehmen, unbeirrbar einem poetologischen Ansatz folgt, dessen Anachronismus inzwischen grell zutage tritt. Indem er sich &#8211; scheinbar &#8211; nach Innen wendet und sein Innerstes nach au\u00dfen kehrt, indem er nur noch als lyrische Empfindsamkeit auftritt, an der jeder Einwand, alle Kritik, jedes Argument zuschanden geht, will er einen Standpunkt \u00fcber allen anderen einnehmen. In Gestalt seiner Gedichte soll die Kunst siegen, soll sie das letzte Wort gegen die Zeitungen haben. GraSS textet: &#8222;Nie zu sp\u00e4t wird, was war und ist, beim Namen genannt.&#8220; Nur, da\u00df es zu sp\u00e4t sei, hatte ja niemand behauptet. Alle fragten und fragen, warum so sp\u00e4t. Grass&#8216; Antwort ist auch nach einigem Nachdenken die gleiche geblieben: &#8222;Es dauerte, bis ich W\u00f6rter fand f\u00fcr das vernutzte Wort Scham.&#8220; Er fand W\u00f6rter, sie verdeckten mit ihnen die Scham, sie kl\u00e4rten nicht \u00fcber sie auf. Auf Reime verzichtet G\u00fcnter Grass in diesem Buch, ob es sich bei seinen Versen hingegen um Gedichte handelt, ist eine andere Frage. Zu apologetisch, zu selbstgewi\u00df, zu sehr auf die Rechtfertigung seiner selbst bedacht sind viele dieser Zeilen. Das politisch\u2013moralische Terrain ist unwegsam; der Sinn f\u00fcr die Ambivalenzen von Erinnerung wird oft durch Urteilsfreudigkeit verbaut. Mit dieser, zu Zeilen gebrochenen Altherrenprosa ist GraSS l\u00e4ngst aus der Welt gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend&nbsp;<\/strong><strong>\u2192&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr dazu im Essay <a href=\"http:\/\/www.bookrix.de\/_title-de-matthias-hagedorn-verabschiedung-der-gebisstraeger\">Verabschiedung der Gebi\u00dftr\u00e4ger<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland liefert U-Boote an Israel, die dem Land einen atomaren R\u00fcckschlag erlauben, wenn es selbst atomar angegriffen wird. Dagegen ver\u00f6ffentlicht G\u00fcnter Grass gleichzeitig in der SZ, der New York Times, El Pais und La Reppubblica etwas, da\u00df er Gedicht nennt.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/13\/grass-ist-der-prototyp-des-gebildeten-antisemiten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1228],"class_list":["post-3147","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-gunther-grass"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3147","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3147"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3147\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}