{"id":31308,"date":"2019-08-29T00:01:13","date_gmt":"2019-08-28T22:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31308"},"modified":"2022-02-23T11:45:24","modified_gmt":"2022-02-23T10:45:24","slug":"ultramarin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/29\/ultramarin\/","title":{"rendered":"Ultramarin"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies Leuchten. Dieses Leuchten, das keiner begreift, das alle herabzieht \u2013 nein, umgekehrt: auf die <i>H\u00f6he<\/i> der Tr\u00e4ume herab. Niemand, der wei\u00df, wie dieses kalte Leuchten einen Anschein von W\u00e4rme erzeugt. Keiner kann das erkl\u00e4ren. Das \u00dcbermeerische. Die leuchtenden Meerblauen Aras hat man get\u00f6tet und nahezu ausgerottet, um hinter das Geheimnis des Farbenspiels zu kommen; selbst die hyazinthfarbigen und schmutzigblauen, ja, die Spix- und Lear-Aras, hat man bis auf hoffnungslose Restbest\u00e4nde dezimiert. Keiner der Schl\u00e4chter hat je das Geheimnis ergr\u00fcndet. Nun stehen wir vor den B\u00e4lgen mit ihrem zur gr\u00f6\u00dferen H\u00e4lfte erloschenen Glanz. Das ist der Glanz des Geheimnisses, der in den toten H\u00e4uten noch steckt \u2013 und <i>unaufl\u00f6sbar<\/i>. Die andere H\u00e4lfte ist das Abbild, das Leben, der Duft der See, seltsam, gewisserma\u00dfen <i>unausl\u00f6schlich<\/i>, nicht wiederherstellbar, aus ihnen verschwunden. Es bleibt: der Schimmer des Meers, das keiner dieser V\u00f6gel auch nur einmal erblickt hat. Nur Geschrei und Felsenrot unter dem gr\u00fcnen, sich gegen den Boden streckenden Bl\u00e4ttermeer. Gegen\u00fcber, von den anderen Ufern und B\u00e4umen, an den Lehmlecken, das Kreischen der Arakangas. Dar\u00fcber, im Azur \u2013 nicht Ultramarin \u2013 die eherne, ruchlose, gewaltt\u00e4tige und unabstellbare Brandung der Sonne, in der D\u00fcnung eines sich zunehmend ins Schwarze drehenden Himmels. Dar\u00fcber das All in seiner vollkommenen Schw\u00e4rze. Darunter allerdings, nun doch, die Ahnung des Meers, in Gedanken und Gefieder gefangen, in den seltenen Erden des Gl\u00fccks. Das Gl\u00fcck ist notwendig, um ein Leben zu f\u00fchren, hei\u00dft es, um \u00fcber das Leuchten nachdenken zu k\u00f6nnen. Sekundenweise, tr\u00f6pfchenweise (wenn noch ein Gran Leuchten in einem ist: Leuchten, das keiner begreift) und in den K\u00e4figen die K\u00f6pfe der letzten Meerblauen und Spix- und Hyazintharas rucken, mit lebendigen Augen, an die wir uns klammern, weil die Federfarben uns Hoffnung lehren. \u00dcber diesem Abyss, an dessen R\u00e4nder wir unsere H\u00e4user setzen im Glauben, da\u00df die Tiefen sich einmal wieder f\u00fcllen mit Meer; mit dem ultramarinen Glanz, nach dem uns ist und der in der irdenen Tiefe, in den seltenen Erden der Tr\u00e4ume eines unfa\u00dflichen Gottwesens (das wir nicht kennen, von dem wir unausgesetzt, den Blick auf die V\u00f6gel gerichtet, aber sprechen), das da wohl hei\u00dft: der gro\u00dfe und unaussprechliche und unbegreifliche, leuchtende Ultramarin. Und ihn, den Gott, erst begreifen, wenn die Kometenschauer, l\u00e4ngst aus der Schw\u00e4rze gel\u00f6st, sich auf uns zubewegen, eine lodernde Gischt aus Eis und Feuer und F\u00e4ulnisgeruch, ein in sich kochender Widerspruch der Vernichtung. Und ihn erst begreifen, wenn der gro\u00dfe Unbegreifliche sich l\u00f6st, und, dem Blick entgleitend, nach einem neuen Domizil Ausschau h\u00e4lt, w\u00e4hrend in den Volieren die schimmernden Papageien, die letzten ihrer jeweiligen Art, zwischen den B\u00e4lgen ihrer ausgestorbenen Kameraden kreischend verbrennen \u2013 das Gefieder eine Myriade von Fackeln, sich spiegelnd im Nachglanz des fortgegangenen Gottes, von dem wir erst seit kurzem wissen. Ja, der <i>wirkliche<\/i> Gott, das unerreichbare Ziel unserer Sehnsucht; getaucht in einen getr\u00e4umten Gedankenglast aus Vogelgeschrei, aus dem wir unsere Nenn-Aras h\u00f6ren, betr\u00e4uft von der Idee eines nurmehr erdachten, herbeizitierten, letzten St\u00e4ubchens Ultramarin. Das sich aufl\u00f6st und in die zunehmende Schw\u00e4rze verzieht, den dunkelnden Glast, der unsere Geheimnissucht ist \u2026 von den Schweifen der Kometen, dem Grunzen der Meteoritenschauer zerspellt und versengt: <i>Blau<\/i>, mit <i>Schw\u00e4rze<\/i> bereift. Es bleibt: der Schimmer des Meers, gespiegelt im Azur des Luftozeans \u00fcber den B\u00e4umen. Keiner, niemand kann das erkl\u00e4ren. Keiner hat je das Geheimnis ergr\u00fcndet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<dl>\n<dt><\/dt>\n<dd>Lesen Sie auch auf KUNO die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30810\">W\u00fcrdigung<\/a>\u00a0von Andr\u00e9 Schinkels Prosa.<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Dies Leuchten. 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