{"id":30743,"date":"2008-07-05T00:01:54","date_gmt":"2008-07-04T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30743"},"modified":"2021-11-19T17:13:23","modified_gmt":"2021-11-19T16:13:23","slug":"nomen-est-omen-eine-nachlese","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/07\/05\/nomen-est-omen-eine-nachlese\/","title":{"rendered":"Nomen est Omen? Eine Nachlese"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Verfolgen von Gedankenketten ist es wie beim Nachlaufen von Blumen um sie zu einem Bund zusammenzufassen. Ein Farb- beziehungsweise Antupfer ist Ausl\u00f6ser f\u00fcr die n\u00e4chste und die n\u00e4chste und die n\u00e4chste. Was l\u00e4dt zum Einsammeln verschiedener Bl\u00fcten ein und was bedingt das Festhalten am Gleichen und daran immer mehr davon anstatt sich von einer Vielfalt anregen zu lassen? Warum machen manche Menschen lieber einfarbige anstatt bunter Str\u00e4u\u00dfe? Weshalb pfl\u00fccken sie gleiche anstatt verschiedener Blumensorten? Mit diesem Strau\u00df an Fragen setzt\u00a0 sie sich ins kniehohe Gras aus dem die K\u00f6pfe etlicher Pflanzen hervorlugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Margarite steht ihr, von unz\u00e4hligen Schwestern umgeben, am n\u00e4chsten. Mit eifrigem Nicken und den kaum wahrnehmbaren Farbnuancen und Duftst\u00e4rken kommunizieren sie auf ihre stille Weise. Lisa sinkt tiefer und tiefer in ihre Beobachtung, beide H\u00e4nde auf die leicht aufgestellten Knie gelegt, auf die sie ihren Kopf bettet. Das Kinn liegt schwer auf, l\u00e4sst dem Geist jedoch Leichtigkeit, um \u00fcber diese ungem\u00e4hte Wiese zu tanzen. Erst weiter und weiter, dann immer h\u00f6her. Ich mache den niedrigen Baum hoch, besagt Ezechiel in einem seiner Briefe. Der Baum wird wachsen und bl\u00fchen. Anl\u00e4sslich der Zerst\u00f6rung Jerusalems im Jahre 587 vor Chr. ist auch ein Teil der Bev\u00f6lkerung nach Babel verschleppt worden. Entwurzelung. Verpflanzung. Ausrottung. Neuaussaat. Lisa rupft an einem der Grashalme. Die Worte der Lesung aus dem sonnt\u00e4glichem Hochamt klingen nach. Sie rei\u00dft nur den oberen Teil ab, den zu einer Rispe ausgebildeten Bl\u00fctenstand den sie wie einen Hahnenschwanz in der Hand zur\u00fcckbeh\u00e4lt. Hahn oder Henne hat das beliebte Kinderspiel gehei\u00dfen. Das Prickeln im Bauch kurz vor dem Abziehen des Halmes hat seit den Kindertagen nicht nachgelassen. Erste sexuelle Ahnungen jenseits sich paarender Hunde und Tauben und der mahnenden Nachfrage des Priesters im Beichtstuhl ob des sechsten Gebotes. Da es bei Pflanzen sehr schwer ist f\u00fcr den Unkundigen, weibliche oder m\u00e4nnliche Bl\u00fctenteile zu unterscheiden so solche vorhanden sind und meistens auf einen Dritten in Form eines Insekts oder des Windes angewiesen sind, entspricht die Vorstellung ihrer Vermehrung zun\u00e4chst eher der einfachen Art , der eines Kindes das die Eltern beim Geschlechtsakt belauscht, in einer Art Menage a trois. Dieser Begriff hat sich vom Vortag von einem Vortrag einer \u00f6sterreichischen Autorin her\u00fcbergerettet. Lisa streicht sanft \u00fcber das gelbe Margaritengesicht mit dem wei\u00dfem L\u00e4cheln das sich strahlenf\u00f6rmig zeigt. Der Unwiderstehliche Garten, hei\u00dft die Neuerscheinung der aus Altaussee stammenden und wieder dort sesshaften Autorin Barbara Frischmuth (*1941). Es ist kein Pflanzenbuch im \u00fcblichen Sinn, eher Biografisches aus der Beziehung von ihr zu ihrem \u201eGarteln&#8220; und viel kundig und klug Recherchiertes zur Pflanzenwelt. Nun hat sie also nach\u00a0 Fingerkraut und Feenhandschuh, einem literarischen Gartentagebuch (1999) und L\u00f6wenmaul und Irisschwert, Gartengeschichten (2003) doch noch \u00fcber dieses St\u00fcck Land geschrieben, das sie seit 25 Jahren zu vielen Werken inspiriert hat. Es ist ein Buch \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen Menschen und Pflanzen, jenen Gesch\u00f6pfen, welche die Menschheit immer schon beeinflusst hat. Von Lewis Carrolls \u201eAlice im Wunderland&#8220; bis zu K\u00fcnstler Lois Weinberger findet man in der Literatur und der Kunst interessante Bez\u00fcge zu diesem Thema, auf die sie in ihrem neuen Werk auch eingegangen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere B\u00fccher von ihr handeln von den aufregenden Befruchtungen von Okzident und Orient, Liebesbeziehungen, die Barbara Frischmuth vor allem zwischen \u00f6sterreichischen Frauen und t\u00fcrkischst\u00e4mmigen M\u00e4nnern entwickelt wie in \u201eDas Verschwinden des Schattens in der Sonne&#8220; (1973), \u201e\u00dcber die Verh\u00e4ltnisse&#8220; (1987) oder in \u201eDer Sommer, in dem Anna verschwunden war&#8220; (2004). Ihre Verlobung mit einem Milit\u00e4rarzt im Majorsrang l\u00f6ste sie nach ihrem Stipendium an der t\u00fcrkischen Atat\u00fcrk Universit\u00e4t in Erzurum, wollte studieren (Dolmetsch-Diplome f\u00fcr T\u00fcrkisch und Ungarisch) und weiterhin schreiben und brauchte daf\u00fcr vor allem ein lebendiges Deutsch als sprachliches Umfeld, wie sie in einem Interview anl\u00e4sslich ihres 70.Geburtstages erz\u00e4hlt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre erste Ver\u00f6ffentlichung war eine \u00dcbersetzung aus dem Ungarischen, die Tageb\u00fccher der rum\u00e4nischen J\u00fcdin Anna Novac, die diese im Alter von 14 \u00fcber ihr Leben in den Nazi-Konzentrationslagern f\u00fchrte. 1966 hat Frischmuth es von Rowohlt zum Lektorat bekommen und lernte die Frau die \u00fcber Ungarn aus Rum\u00e4nien gefl\u00fcchtet war, sogar pers\u00f6nlich in Berlin kennen, lebte eine Woche lang bei dieser Frau, die als Schriftstellerin verfolgt worden war und kurz zuvor aus der Nervenheilanstalt entlassen worden ist. Lisa entsinnt sich der eigenen nachtr\u00e4glichen Recherche \u00fcber den Ort an dem Barabara Frischmuth die Lesung gehalten hat, dem Gartenpavillon zu einem Schloss, das seit 1997 einer Psychosozialen Einrichtung dient. \u00dcber ihrem Kopf zieht ein Raubvogel unentwegt seine Kreise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1968 erscheint das erste eigene Werk\u00a0 der Autorin, \u201eDie Klosterschule&#8220;, die zumeist als Abrechnung mit der autorit\u00e4ren Erziehung der Gmundner Kreuzschwestern gelesen wird. Die Erotik in M\u00e4dchenpensionaten einer Generation ohne V\u00e4ter, die nicht mehr aus dem Krieg zur\u00fcckgekehrt sind oder durch ihre langen Abwesenheiten ihre Pr\u00e4gungen gesetzt haben, scheint jedoch die unterschwelligere Botschaft dieses Erz\u00e4hldeb\u00fcts. In ihren B\u00fcchern hat Barbara Frischmuth einen sehr poetischen Zugang zu Erotik gefunden, bis auf \u201eDie Schrift des Freundes (1998), in der sie sogar \u201eSchwanz&#8220; ausgeschrieben hat. Lisa wirft die Reste des Hahnenschwanzes von sich, den ihre Finger zum wiederholten Mal aus den Gr\u00e4sern um sich gezogen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Romane, Erz\u00e4hlungen, Theaterst\u00fccke, H\u00f6rspiele, Kinderb\u00fccher und \u00dcbersetzungen geh\u00f6ren zum vielf\u00e4ltigen Repertoire der \u00f6sterreichischen Schriftstellerin. Die Aufbruchs- und Umstrukturierungsprozesse aus der Sicht einer Frau, einer schreibenden Frau, sind es auch gewesen, die Lisa bis zur Ver\u00f6ffentlichung von \u201eDie Mystifikationen der Sophie Silber&#8220; (1976) angeregt hat, keine der Neuerscheinungen der Autorin auszulassen. Danach hat\u00a0 sie weniger modern und zeitnah f\u00fcr sie gewirkt und erst durch den pers\u00f6nlichen Kontakt anl\u00e4sslich einer Lesung die Neugier auf diese Schreibende wieder entfacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst wird sie jedoch nochmals das halbe Dutzend mitgeschleppter alter Werke, die Barbara Frischmuth allesamt geduldig und freundlich signiert hat, lesen. Das Gartenbuch wird sie ihrer Freundin schenken, mit einer pers\u00f6nlichen Widmung der Autorin, zum Einstieg f\u00fcr den Sommer und in eine leichte Literatur, einer Lebensr\u00fcckschau zu einem der Autorin sehr wichtigen Lebenskapitel in der sich die Freundin wiederfinden wird k\u00f6nnen, geschrieben in einer ganz eigenen und liebevollen Betrachtungsweise bei der sehr oft gelacht werden kann \u00fcber Alltagsbegebenheiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henne, diesmal ist es eine Henne geworden. Die kahl gezupfte Fl\u00e4che um Lisa ruft zum Grasen an anderen Stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit dem Verfolgen von Gedankenketten ist es wie beim Nachlaufen von Blumen um sie zu einem Bund zusammenzufassen. Ein Farb- beziehungsweise Antupfer ist Ausl\u00f6ser f\u00fcr die n\u00e4chste und die n\u00e4chste und die n\u00e4chste. 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