{"id":30731,"date":"2010-06-09T00:01:06","date_gmt":"2010-06-08T22:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30731"},"modified":"2021-06-08T09:55:55","modified_gmt":"2021-06-08T07:55:55","slug":"danksagung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/06\/09\/danksagung\/","title":{"rendered":"Danksagung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entstehung dieses Buches verdanke ich eigentlich dem Ernst Jandl. Wir sind nach einer Preisverleihung an die Kollegin Elisabeth Reichart, die ich auch schon seit mehr als drei\u00dfig Jahren, seit unserer Teilnahme an einer der Rauriser Literaturtage kenne, bei der Feier nachher in einem Gasthaus beim Akademietheater aufeinander getroffen; nicht geplant, sondern absolut zuf\u00e4llig. Denn eigentlich geh\u00f6rte ich ja gar nicht zu dieser \u201ePartie\u201c, wie man in Wien sagt, denn die bei der Preisverteilung und bei der nachherigen Feier Anwesenden waren fast durchwegs alle Mitglieder der GAV, also der \u201eGrazer Autorenversammlung\u201c. Ich hingegen &#8211; und das wu\u00dften alle &#8211; war Mitglied des \u00d6sterreichischen P.E.N.-Clubs, also sozusagen von der \u201eKonkurrenz\u201c. Die \u201eGrazer Autorenversammlung war ja 1973 als Gegenvereinigung von SchriftstellerInnen zum \u00d6sterreichischen PEN gegr\u00fcndet worden; zurecht, wie ich heute meine. Ich war damals sogar noch im Vorstand des \u00d6sterreichischen P.E.N.-Clubs, dem ich fast zwanzig Jahre angeh\u00f6rte. Der GAV und ihren Leuten aber stand ich gesinnungsm\u00e4\u00dfig, ich will nicht sagen: ideologisch, aber doch weltanschaulich, vor allem in ihrer gesellschafts- und kulturpolitischen Gundhaltung n\u00e4her als dem PEN. Die GAV, so konnte man wohl sagen, und das gilt auch heute noch immer, war eher \u201elinks\u201c (was immer das hei\u00dfen mag) als der doch sehr konservative PEN mit seinen Freimaurern (absolutes Tabu in \u00d6sterreich!). Viele von der GAV hielten mich also ebenso f\u00fcr einen konservativen PEN-treuen Autor, vielleicht auch einen von \u201edenen\u201c, der noch dazu keine sprachexperimentelle Dichtung schrieb und eine solche auch nicht mochte und bis zum heutigen Tag auch nicht mag. Trotzdem kam ich mit den KollegInnen der GAV sehr gut aus. Es kann auch sein, da\u00df manche\/r schon mein Buch \u201eFarbenlehre\u201c, ein Fotogedichtband zum ehemaligen KZ-Mauthausen sowie \u00fcberhaupt zum Holocaust, der \u201eNazizeit\u201c, wie man das nannte, und zur \u00f6sterreichischen Vergangenheits- und Beteiligungsverdr\u00e4ngung, zu dem Erich Fried ein Vorwort geschrieben hatte, in der Hand gehalten und durchgebl\u00e4ttert oder sogar durchgelesen und mich so literarisch \u00fcberhaupt erst wahrgenommen und kennengelernt hatte. Jedenfalls fiel mir auf, da\u00df mit der Zeit viele der GAV-Kollegen mir gegen\u00fcber offener wurden und waren, mehr sogar als viele meiner PEN-KollegInnen; denn beim PEN sah man in mir sowieso nur den \u201eUnruhestifter\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls kam ich aus irgend einem Grunde am Tisch des Ernst Jandl zu sitzen. Nach einiger Zeit \u00fcberwanden wir die unsichtbaren Schranken und Barrieren und das Schweigen zwischen uns und kamen miteinander ins Gespr\u00e4ch, das bald lebhaft wurde. Wir tranken unseren Wein ziemlich z\u00fcgig und davon reichlich. Also, das hatten wir beide schon einmal gemeinsam, wie wir humorvoll feststellten. Das Gespr\u00e4ch war sehr offen, wir sprachen \u00fcber alles M\u00f6gliche. Pl\u00f6tzlich stand der Ernst Jandl, schon ein wenig betrunken, auf und rief laut in den Saal \u00fcber die K\u00f6pfe der Anwesenden hinweg hinein: \u201eWas habt\u2019s denn gegen den Wiplinger; der ist ja gar nicht so, wie Ihr alle glaubt\u2019s!\u201c Diesen Satz nat\u00fcrlich in der Jandl\u2019schen Dialektdiktion. Die Botschaft wurde geh\u00f6rt. Manche\/r schaute verwundert auf. Aber damit war vom Meister Jandl ein Urteil \u00fcber mich gesprochen, das f\u00fcrderhin galt und manches ver\u00e4nderte, vor allem weiterhin das Verh\u00e4ltnis zwischen mir und den KollegInnen aus der GAV. Im Literaturkreis \u201ePodium\u201c und in der IG Autorinnen Autoren, waren wir sowieso alle gemischt und da hat es nie eine Rolle gespielt, ob der\/die eine KollegIn vom PEN oder von der GAV war. Ich war von den GAV-KollegInnen in den Vorstand hineingew\u00e4hlt worden, zuerst als PEN-Vertreter, dann, nachdem ich mein Mandat aus Protest gegen den \u00d6sterreichischen PEN zur\u00fcckgelegt hatte, als autonomes, keinem Verein zugeh\u00f6riges Vorstandsmitglied, was mir etwas bedeutete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jandl und ich sprachen weiter miteinander, redeten uns &#8211; wie man in Wien sagt &#8211; fast \u201ein einen \u201eWirbel hinein\u201c. Ich erz\u00e4hlte von der Literatur- und Alternativszene der Sechzigerjahre aus dem \u201eCaf\u00e9 Sport\u201c, einer f\u00fcr andere dubiose \u201eSpelunke\u201c, in die ein vornehmes PEN-Mitglied nie hineingegangen w\u00e4re. Im \u201eSport\u201c \u201eherrschten\u201c der Hermann Sch\u00fcrrer, der Joe Berger und andere \u201eAnarchisten\u201c. In irgend einer Ecke sa\u00dfen manchmal der junge Reinhard Priessnitz, der Walter Buchebner, der Otto Laaber, der kaum mit jemandem redete. Ich geh\u00f6rte bald zu dieser Szene, denn ich war fast an jedem Abend bis zur Sperrstunde dort. Der Jean G\u00e1bor Kluco gr\u00f6lte dann, wenn die Frau Reichmann \u201eAis\u201c Sperrstzund is!\u201c und die Frau Lauli abkassierte, meist stockbesoffen aber lustig: \u201eHinter unserm Haus steht das Winzerhaus\u201c, eine Kaschemme in der Rotenturmstra\u00dfe, die bis 4 Uhr Fr\u00fch ge\u00f6ffnet hatte. Dort haben wir oft weiter gesoffen und in einer lauten \u201eUnterhaltung\u201c uns gegenseitig besoffen angeschrien. Wir sprache \u00fcber uns und die Welt und \u201edie ganze Schei\u00dfe\u201c. Ich lernte jedenfalls eine andere Welt kennen als die, aus der ich gro\u00dfb\u00fcrgerlich famili\u00e4r herkam. Mir gefiel nicht nur diese Auflehnung gegen alles, diese Radikalit\u00e4t, mit der man alles in Frage stellte oder \u00fcberhaupt verwarf. Den Begriff und das Wort \u201eEstablishment\u201c gab es damals noch gar nicht im Sprachgebrauch. \u201eDiese Schei\u00dfer\u201c, nannten Sch\u00fcrrer und &#8211; nein eben nicht \u201eGenossen\u201c &#8211; die anderen Individualisten und Existentialisten diese \u201eHosenschei\u00dfer\u201c, diese \u201eAngepa\u00dften\u201c, diese \u201eArschl\u00f6cher\u201c, eben die Mitl\u00e4ufer aus der verlogenen spie\u00dfb\u00fcrgerlichen Welt. Man verachtete sie. Wir bekannten uns zum Extrem-Individualit\u00e4ts-Existentialismus, in seiner jeder nur erdenklichen Auspr\u00e4gung. Haupts\u00e4chlich \u201eanders sein!\u201c, das war die Devise. Ein \u201erichtiger Spinner\u201c galt mehr, als irgend so ein \u201eArschloch\u201c von denen! Das war also mit die Keimzelle zu den sp\u00e4teren 68-er-Ereignissen, die in Wien sowieso keine solche Auspr\u00e4gung fanden wie in der BRD. Ich mochte die Ideologen sowieso nicht und nie. Nur den Fritz Teufel (oder war es der Langhans?) versteckte ich einmal zum \u00dcbernachten in meiner Wohnung. Und merkte in meiner Naivit\u00e4t noch als Bedingung an: \u201eAber gekifft wird hier nicht!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren auch keine solchen (Pseudo-) Intellektuellen wie z.B. die Gruppe um Ossi Wiener und die anderen \u201efeinen Pinkeln\u201c. Nein, wir waren der Bodensatz, der \u201egesellschaftliche Abschaum\u201c, wie das manchmal da und dort ver\u00e4chtlich ausgedr\u00fcckt wurde. Manche waren sogar ganz unten,nicht so sehr die Dichter, mehr die anderen Gestrandeten und Gescheiterten. Stigmatisierte waren wir alle auf jedem Fall. Aber wir brannten, ob in unserer revolution\u00e4ren Ich-Gesinnung, in unserer Wut, die sich gegen alles und jedes richtete, in unserer verachtenden Ablehnung der \u201eGesellschaft\u201c \u00fcberhaupt, in unserer Leidenschaft. Wir hatten keine fixen Positionen, aber eine Grundhaltung, wir hatten keine Ziele, sondern waren irgendwohin, manchmal orientierungslos, unterwegs. Wir wu\u00dften oft selbst selbst nicht, was mit uns los war und wo wir ankommenw\u00fcrden, aber das war uns auch v\u00f6llig wurscht. Wir lebten! Die Hauptsache f\u00fcr uns war: Alles so intensiv wie nur m\u00f6glich, das Leben(sgef\u00fchl) \u00fcberhaupt; das Scheitern inbegriffen. Buchebner, Laaber und andere haben sich umgebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von all dem erz\u00e4hlte ich dem Ernst Jandl, der das faszinierend fand. Er hatte sich (als Mittelschullehrer) nie in einer solchen Welt bewegt. Er fragte mich, wie und warum ich gerade dorthin gekommen war und ich antwortete ihm: \u201eaus Protest gegen meine eigene (gro\u00dfb\u00fcrgerliche) Familie und ihre streng katholisch gepr\u00e4gte \u201eLebenskultur\u201c; in Ablehnung alles Bisherigen, mir Aufgezwungenen, aus einer Radikalit\u00e4t heraus, wie sie mir entsprach und noch heute meine Grundhaltung ist. Der Ernst Jandl schwieg nachdenlkich. Dann sagte er pl\u00f6tzlich zu mir: \u201eWiplinger, das alles ist ja phantastisch, davon hat niemand eine Ahnung, schreib das alles auf!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, und das habe ich nun, Jahrzehnte sp\u00e4ter gemacht, eben in diesem Buch; und ich habe noch viel anderes hinzugef\u00fcgt, soda\u00df ein kaleidoskopartiges Gebilde herauskam, ein Bericht von meinen Begegnungen mit SchriftstellerInnen und Schriftstellern, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin und die auf mich einen Eindruck gemacht haben oder wo wir sogar in eine pers\u00f6nliche Beziehung zueinander gekommen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles verdanke ich dem Ernst Jandl, unserem damaligen Zusammentreffen und Gespr\u00e4ch. Also: \u201eDanke, lieber Jandl!\u201c Denn ohne Dich und Deine Anregung damals h\u00e4tte ich dieses Buch sicher nicht geschrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010, von Peter Paul Wiplinger. Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Phoro: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Entstehung dieses Buches verdanke ich eigentlich dem Ernst Jandl. 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