{"id":30538,"date":"2023-05-07T00:01:00","date_gmt":"2023-05-06T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30538"},"modified":"2022-02-25T14:52:40","modified_gmt":"2022-02-25T13:52:40","slug":"reife-maennerstimmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/07\/reife-maennerstimmen\/","title":{"rendered":"Reife M\u00e4nnerstimmen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann sich ihrer Faszination nicht entziehen, auch wenn man sie zun\u00e4chst wahrnehmen, ja erst gewahren muss als ein isoliertes Ereignis. Denn tauchen sie auf, umgibt sie sogleich die H\u00fclle eines ganzen Kosmos\u2019, der reich an unterschiedlichen Assoziationen ist. Man muss nicht erst k\u00fcnstlich versessen sein auf die menschliche <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Menschliche_Stimme\">Stimme<\/a>, deren <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sprechen\">Klang und Wirkung<\/a>, um die durchdringende Aura dieser ganz besonderen Stimmen zu erkennen. M\u00f6glich, dass eine anachronistische Veranlagung oder die Erwartung, in einer Stimmfarbe zugleich auch auf einen vollen K\u00f6rper zu treffen, dazu verleiten, reife M\u00e4nnerstimmen, von denen hier die Rede ist, als mehr als einen zufriedenstellenden H\u00f6rgenuss zu deklarieren.\u2028Was aber ist der <i>K\u00f6rper<\/i> dieser Stimmen, aus was setzt er sich zusammen, so dass die Sympathie beim H\u00f6rer alsbald hergestellt ist und die Anziehungskraft ihre Wirkung nicht verfehlt? Die Auslegung der Fragen in psychoanalytische Einzelteile oder gar die Ann\u00e4herung an \u00f6dipale Konflikte w\u00fcrde die Betrachtungsweise verfehlen, weil sie allzu sehr auf die einzelnen Subjekte eingehen w\u00fcrde und die Stimme nichts weiter als ein Schl\u00fcssel diente, um die Charaktere beziehungsweise Beziehungen der Protagonisten offenzulegen. Von einer solchen Analyse ist man jedoch weit entfernt, wenn man vor allem untersuchen m\u00f6chte, aus was sich die erquickende Wirkung speist, die eine solche Stimme auf den H\u00f6rer hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst ist da der reine Klang. Ein Klang, der mindestens einem harmonischen Dreiklang gleichkommt, oder der ist wie ein guter Duft, welcher eine Basis-, eine Herz- und eine Kopfnote einschlie\u00dft. Die menschliche M\u00e4nnerstimme ist mit einer Reife belegt, die das h\u00f6rende Gem\u00fct im Nu bes\u00e4nftigt. Die Stimme wirkt erfahren, doch ist dies kaum der Hauptgrund, weshalb sie vertrauenerweckend scheint. Ohne genau lokalisieren zu k\u00f6nnen, woher die \u00dcberzeugung herr\u00fchrt, schreiben wir dieser stimmlichen Reife eine innere Reife zu, die uns erm\u00f6glicht, uns hineinzubegeben ins richtige H\u00f6ren, sprich, ins Zuh\u00f6ren hinein. Dieses Zuh\u00f6ren findet auf einer tieferen Ebene statt als das rein akustische Wahrnehmen, das an das thematische Interesse gekoppelt ist. Zuh\u00f6ren aus einem vertrauten Punkt heraus bedeutet in erster Linie zu glauben, was der andere sagt, und es meint zudem, Vorbehalte abzubauen, sich nicht dagegen anzulehnen, was gesagt wird\/werden k\u00f6nnte, dem wir uns mit unserer Meinung entgegensetzen k\u00f6nnten oder m\u00f6chten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies soll nicht bedeuten, dass wir durch diese reifen M\u00e4nnerstimmen sang- und klanglos manipuliert werden wollen, oder dass wir etwa unbewusst einem Mechanismus zum Opfer fallen, der unser eigenes Denken l\u00e4hmt. Der kritische Punkt wird in der Konstellation des Zuh\u00f6rens einer reifen Stimme allemal \u2013 und ist zun\u00e4chst abh\u00e4ngig von einem selbst und nicht von der Person ausserhalb \u2013, wohl aber etwas verz\u00f6gert erreicht. Durch die gegebene Chronologie: 1. Vertrauen, 2. (m\u00f6gliche) Kritik entsteht jedoch ein Denken, das von einem konzentrierten Punkt her stattfindet und erst noch aus einer entspannten, wom\u00f6glich eher aus einer emotionalen denn einer kognitiven Haltung heraus. Eine von Anfang an misstrauische, kritische Haltung, zum Beispiel gegen\u00fcber einer weniger \u00fcberzeugenden Stimme, besch\u00e4ftigt das Gehirn von vornherein, was einerseits zu einer zus\u00e4tzlichen Aktivit\u00e4t und somit Belastung, also auf Kosten der Konzentration geht, andererseits das Denken unn\u00f6tig in eine vom Misstrauen, nicht aber vom Thema bestimmte Richtung lenkt. Das Naturell des Spielerischen und Kreativen ist jedoch in ein entkrampftes Umfeld zu betten. Nur so ist ein solches Denken flexibel und offen f\u00fcr jene anderen Einfl\u00fcsse ausserhalb, die sich aus diesem Prozess erst ergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die stimmliche Reife \u00fcberdies, erweckt das Vertrauen des Zuh\u00f6rers auch deshalb, weil sie zweifellos eine Aura von Sympathie umgibt, die wiederum nicht auf einer sympathisch klingenden Stimmfarbe, sondern in allererster Linie auf Empathie aufbaut. Jener Empathie n\u00e4mlich, sozusagen als \u00abVoraus-Bonus\u00bb gegen\u00fcber dem Zuh\u00f6rer, die der noch zu entstehenden Sympathie zugrunde liegt. Der vermittelte Inhalt geht mit dem Sprechenden auf dieser zeitlich nur gering und nur unbewusst verschobenen Grundlage entspannt und harmonisch einher und bewirkt, dass das Gesagte glaubw\u00fcrdig daherkommt. Zweifelsohne gibt es auch andere, unreifere Stimmen, die \u00fcberzeugend wirken k\u00f6nnen, uns zum Kern des Themas transportieren und unsere Reflexion vorbehaltlos ankurbeln. Der Unterschied liegt vermutlich darin, dass die reifen M\u00e4nnerstimmen auch dank dem Vorteil der Empathie immer ein St\u00fcck weit authentischer wirken und uns daher das Gef\u00fchl vermitteln, das Gesagte und Erz\u00e4hlte wirklich selbst erlebt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Gesellschaft ist nicht darauf ausgerichtet, sich in erster Linie mit \u00e4lteren Menschen zu identifizieren, noch weniger darauf, sie sich zum Vorbild zu machen. Ob junge M\u00e4nner \u2013 insbesondere solche, die Berufe aus\u00fcben, in denen die Stimme ein wichtiges Element, ja auch Teil eines Erfolges ist \u2013 solchen reifen Stimmen (und nicht nur klangsch\u00f6nen, stimmgewaltigen) nacheifern, ist schwer zu beurteilen. Kann, wenn er es m\u00f6chte, ein guter Schauspieler nicht auch eine Authentizit\u00e4t durch reine Arbeit erreichen? Er kann es bedingt. Empathie ist gewissermassen auch technisch herzustellen, indem man sich das Gegen\u00fcber vorstellt auf der einen Seite, und andererseits, indem man sich als Vortragender in den Text mit Frische, Begeisterung und einem St\u00fcck Reflexion auf das eigene Subjekt hin bezogen, das eben spricht, hineinbegibt. Ein ordentlich guter Schauspieler, der nicht mit der besagten reifen M\u00e4nnerstimme ausgestattet ist, hat durchaus die Aussicht, uns durch seine Kunst zu verf\u00fchren, uns mit ihm f\u00fchlen zu lassen, ihn als <i>Schau<\/i>spieler vergessen zu machen, und er kann uns f\u00fcr sich gewinnen, indem wir ihm Glauben schenken, mit ihm sympathisieren usw. Doch wird er es sehr schwer haben, die Empathie, die er uns gegen\u00fcber hat, durch Bewusstsein, Absicht, Willen und Handwerk grundlegend und vom ersten Ton an herzustellen. Denn die Empathie der reifen M\u00e4nnerstimme dem Zuh\u00f6rer gegen\u00fcber baut nicht nur zeitlich rascher, sondern auf einer universellen Sprache auf und meint nicht zwei einzelne Menschen \u2013 den Sprechenden und Zuh\u00f6renden plus den Inhalt -, sondern zwei Menschen, die sich erst durch die Menschheit, ja Menschlichkeit grundlegend definieren und auf diese Weise ganz ausserhalb des vermittelten Inhaltes zueinander finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese voller Wohlwollen empfundene Empathie \u00f6rtlich aufzusp\u00fcren ist ebenso sinnlos, wie es unm\u00f6glich ist, die Worte zwischen den Zeilen ausfindig zu machen. Wie auch immer diese Stimmen entstehen und reifen: mit bewusst erlebtem, reich gelebtem Leben gef\u00fcllt scheinen sie allemal. Die pure Freude der zuweilen zarten, m\u00e4rchenhaft anmutenden Erz\u00e4hlweise des mit dieser Stimme Sprechenden schwingt immer \u00fcber die Vermittlung des Textes, \u00fcber den Sprechenden und \u00fcber den H\u00f6renden hinaus. Sie schwingt, gl\u00fcht, steckt an. Sie ist gebend, auch wenn wir nicht erfassen k\u00f6nnen, was genau wir bekommen. Sie l\u00e4sst einem gewiss die Freiheit und doch kaum die Wahl, sich irgendwie lebendig, substanziell zu f\u00fchlen, in dem Moment, wo sie zu uns spricht und etwas bei uns erreicht oder in uns bewirkt.\u2028Die Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr diesen Schwung und die Begeisterung f\u00fcr diese reifen M\u00e4nnerstimmen hat wohl kaum ihren Ursprung darin, dass wir in diese Stimmen das Organ des Wunschgrossvaters oder Vaters projizieren. Die Anziehungskraft des Fremden und doch stets so Vertrauten kann bisweilen bis zu den erotischen Gefilden f\u00fchren, auch wenn diese Form von Erotik wohl weniger die Leidenschaft weckt, als dass sie ihr (k\u00fcnftiges, vergangenes, hier wie dort oder in der Menschheit selber verankertes) Vorhandensein unpr\u00e4tenti\u00f6s und verst\u00e4ndnisvoll offenbart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende bleibt die fahle Befangenheit, dass diese Art von reifen M\u00e4nnerstimmen ausstirbt, da sie einer M\u00e4nnerart angeh\u00f6rt, die es so bald nicht mehr gibt. M\u00f6glicherweise waren, salopp ausgedr\u00fcckt, Menschen diesen Schlags schon immer rar, aber immerhin gab es genug derer, die diesen Stimmen einen festen Platz in der Gesellschaft einr\u00e4umten, sie wertsch\u00e4tzten und sie f\u00fcr Tonaufnahmen, sei es in H\u00f6rspielen, H\u00f6rb\u00fcchern, Radiosendungen oder f\u00fcr Vertonungen von Dokumentar- oder anderen Filmproduktionen engagierten. Die Tontr\u00e4ger und ein paar nostalgische Zeugen werden bleiben, hoffentlich aber jene, die so zu leben verstehen, dass solche Stimmen \u00fcberhaupt erst erzeugt und hervorgebracht werden k\u00f6nnen, sowie andere, die es verstehen diese zu f\u00f6rdern, um sie der Gesellschaft zug\u00e4nglich zu machen. Mangels gen\u00fcgender Vorstellungsgabe ist es unm\u00f6glich, sich der in den Medien heute vertretenen M\u00e4nnerstimmen jene herauszupicken, die die Eigenschaften von dieser Art reifen M\u00e4nnerstimmen in gesetztem Alter erreichen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>1)\u00a0\u00a0 <\/i><i>Der Text ist im weitesten Sinne vielleicht eine pers\u00f6nliche Lobeshymne an die reifen M\u00e4nnerstimmen, kann jedoch durchaus auch als Beispiel f\u00fcr die reife <\/i>menschliche<i> Stimme und somit auch als Pendant mit dem Beispiel der <\/i>weiblichen<i> reifen Stimme gelesen werden. Um den Textfluss nicht unn\u00f6tig mit Parallel-Beispielen aus der weiblichen Stimmwelt zu st\u00f6ren, wurde der Fokus einzig auf die maskuline Seite gelegt. M\u00f6glicherweise auch deswegen, weil mehr Beispiele unter M\u00e4nnern gefunden wurden.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Faden im Kopf, Aufs\u00e4tze und Reflexionen <\/b>von Joanna Lisiak, 2018, mit Illustrationen von Barbara Balzan 236 Seiten, isbn 978-3-74816-716-7<\/p>\n<div style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53326&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover-220x300.jpg 220w\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Umschlag: \u00abUnter freiem Himmel\u00bb, 2018, von Mariola Lisiak<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel schrieb einen Rezensionsessay \u00fcber &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79642\">Der Faden im Kopf<\/a>&#8222;. Lesenswert ist gleichfalls das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verlieh der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12850\">Essay<\/a> \u00fcber das H\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Restexemplare der CD \u201cOhryeure\u201d sind erh\u00e4ltlich \u00fcber: <a href=\"mailto:info@tonstudio-an-der-ruhr.de\">info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher stehen einige Produktionen auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/mpaed.htm#7.%20Das%20Erlernen\">MetaPhon<\/a> als download im Netz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man kann sich ihrer Faszination nicht entziehen, auch wenn man sie zun\u00e4chst wahrnehmen, ja erst gewahren muss als ein isoliertes Ereignis. 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