{"id":30394,"date":"1997-09-10T00:01:52","date_gmt":"1997-09-09T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30394"},"modified":"2025-09-18T13:34:56","modified_gmt":"2025-09-18T11:34:56","slug":"nichts-als-worte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/09\/10\/nichts-als-worte\/","title":{"rendered":"Nichts als Worte?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\" align=\"left\"><span style=\"color: #888888;\">Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Kleinsprachen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"left\"><span style=\"color: #888888;\">\u00dcberlegungen zu einem Buch von Iso Camartin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">,,Nichts als Worte?&#8220; &#8211; so hei\u00dft der als Fragesatz provokant formulierte Titel eines Buches des schweizerisch-r\u00e4toromanischen Sprachwissenschaftlers Iso Camartin, geboren 1944, den seine Lehr- und Forschungsauftr\u00e4ge bis jetzt auch schon nach Lyon, Regensburg, Harvard, Fribourg, Genf und Z\u00fcrich gef\u00fchrt haben, der von 1978-80 Sekret\u00e4r der ,,Lia Rumantscha&#8220; in Chur gewesen ist und jetzt Mitglied des Stiftungsrates von ,,Pro Helvetia&#8220; und Pr\u00e4sident der Herausgeberkommission der CH-Reihe ist und der auch andere Publikationen zu diesem Sachgebiet vorzuweisen hat, wie etwa die Studien ,,R\u00e4toromanische Gegenwartsliteratur in Graub\u00fcnden&#8220; (1976) und ,,Die Beziehungen zwischen den schweizerischen Sprachregionen&#8220; (1982).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es handelt sich hier bei diesem Autor also nicht um einen Mann, der sozusagen im gesellschaftspolitisch und kulturpolitisch wertfreien Raum der Sprachwissenschaft herumphilosophiert, sondern der &#8211; zwar sehr behutsam in der methodischen Vorgangsweise, aber sehr gr\u00fcndlich und tiefgreifend im Denken, dazu noch sehr ausgewogen und umsichtig und mit einem gro\u00dfen \u00dcberblick &#8211; die aufgeworfenen Fragen zum Ph\u00e4nomen und zur Problematik der Kleinsprachen, der Randsprachen, der kulturell-sprachlichen Minderheiten, der Randkulturen \u00fcberhaupt, mit der Genauigkeit und Seriosit\u00e4t des Wissenschaftlers, mit der Phantasie und dem Elan des Kulturessayisten, aber auch mit dem Engagement des in tiefer Sorge selbst Betroffenen klar und verantwortungsbewu\u00dft behandelt. Worum geht es also in diesem Buch, in dieser Auseinandersetzung, um welche Problembereiche, um welche Standpunkte, um welche L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon der Untertitel auf dem Buchumschlag, lautend als Erg\u00e4nzung zum Haupttitel: ,,Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Kleinsprachen&#8220;, gibt klar Auskunft dar\u00fcber, was man zu erwarten hat; auch von der Haltung und Einstellung des Autors zu diesem Thema. Er nimmt der provokanten Frage, ob die Sprache ,,Nichts als Worte&#8220; sei, das zur Denkanalyse herausfordernde Fragezeichen weg und antwortet darauf mit dem aus dem Denkproze\u00df gewonnenen Ergebnis, formuliert als Aussageformel: ,,Nat\u00fcrlich nicht!&#8220; Was also ist die Sprache? Auch oder vor allem die Kleinsprache, weil Ph\u00e4nomen und Problematik gerade an ihr deutlicher, weil abgegrenzter ersichtbar und erkennbar sind? Der Autor sagt es sehr deutlich: ,,Die Sprache ist mehr als die Summe ihrer W\u00f6rter&#8220; (Seite 68). Und er beruft sich bei diesem Urteil auch auf andere Instanzen der europ\u00e4ischen Geistesgeschichte. ,,Die Sprache ist das Haus des Seins&#8220;, formuliert der Philosoph Martin Heidegger in seinem Humanismusbrief. F\u00fcr mich die klarste, pr\u00e4gnanteste , umfassendste, g\u00fcltigste Aussage zu dieser Frage. F\u00fcr Eduard Sapir ist Sprache ,,das Ausdrucksmittel ihrer Gesellschaft&#8220; (Seite 57). Und f\u00fcr Adorno ist sie das ,,Inventar der Vertrautheit&#8220;. Und -eingegrenzt die Thematik auf das Ph\u00e4nomen ,,Muttersprache&#8220; &#8211; gelangt Adorno zur Erkenntnis, ,,da\u00df man aus der Sprache unvertreibbar ist&#8220; (Seite 63). Eine Erkenntnis, die lange vor Adorno &#8211; vielleicht in einem etwas anderen Zusammenhang, aber daf\u00fcr sehr \u00fcbergreifend und als Grundwertaussage zum Menschen \u00fcberhaupt &#8211; der Dichter Jean Paul in seiner ber\u00fchmt gewordenen Sentenz ausdr\u00fcckt und zusammenfa\u00dft, wenn er sagt: ,,Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden k\u00f6nnen&#8220; (Seite 230). Und der \u00f6sterreichische Dichter Hugo von Hofmannsthal sieht den Bedeutungszusammenhang zwischen der Sprache und ihrem Sprecher darin, da\u00df die Worte der Sprache in dem, was sie ganz individuell nur diesem einen Sprecher selbst bedeuten, ihm jenes ,,Selbstgef\u00fchl&#8220; geben, auf welchem ,,sein ganzes Dasein ruht&#8220;. (Seite 70).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist also klar: Sprache ist mehr als die Summe von W\u00f6rtern. Und mit dem Verschwinden einer Sprache verschwindet mehr, viel mehr als nur Worte. Sprache ist Identit\u00e4t des Einzelnen und einer Sprech- und Sprachgemeinschaft, einer Kulturgruppe, einer kulturellen Einheit. Sprachverlust ist nicht blo\u00df Wortverlust, sondern Kulturverlust, Lebensverlust. Keine Sprache kann durch eine andere in ihrem Eigenwert ersetzt werden. Reduktion hei\u00dft hier Verarmung: Verarmung im Geistigen, Verarmung in der kulturellen Vielfalt. Mit dem Verschwinden einer Sprache verschwindet die Ganzheit und Einheit einer kleinen, geschlossenen Welt. Die Welt wird wieder um einen Teil gleicher &#8211; und um einen gleichen Teil auch \u00e4rmer. Angleichung hei\u00dft hier Einebnung der Unterschiede, hei\u00dft: wieder einen fatalen Schritt n\u00e4her zur gesichts- und gestaltlosen, entindividualisierenden internationalen Monokultur; hei\u00dft: wieder einen Schritt n\u00e4her hin zur allumfassenden Funktionalit\u00e4t und somit zu noch mehr Sinn- und Wertverlust. Anstatt der Vielfalt der Sch\u00f6pfung kommt nun die Einfalt der Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprache ist also mehr als ein Instrument zur Verst\u00e4ndigung untereinander, ist mehr als ein Vehikel, als ein Transportmittel f\u00fcr (ver)mittelbare Denkinhalte oder Informationen. Sprache ist kein entpers\u00f6nlichtes Medium mit nur linearem Bezug zwischen Sprecher und Angesprochenem. Sprache ist nicht nur, sie bedeutet auch etwas und birgt etwas in sich. Sprache bietet und begr\u00fcndet die M\u00f6glichkeit und den Weg der Welterfahrung und der Selbsterfahrung, der Seinserfahrung schlechthin. Sprache erzeugt, stiftet Individualit\u00e4t und bedingt Gruppenzugeh\u00f6rigkeit. Die Sprache birgt das ganze historische Erfahrungspotential einer Sprachgemeinschaft, einer Kulturgemeinschaft. In ihr unterscheiden sich einzelne, Gruppen und V\u00f6lker. Sprachgemeinschaft wird oft auch zur Schicksalsgemeinschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein zwischen 1945 und 1975 sollen auf unserer Erde \u00fcber 10 Millionen Menschen wegen ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Menschengruppe umgebracht worden sein (Harold R. Isaacs ,,The Idols of the Tribe&#8220; &#8211; \u201cDie G\u00f6tzenbilder des Stammes\u201d, Zitat von Seite 50). Von den V\u00f6lkermorden vorher &#8211; etwa am j\u00fcdischen Volk und dem der Roma und Sinti w\u00e4hrend des Nationalsozialismus oder am armenischen Volk in der T\u00fcrkei kurz nach dem Ersten Weltkrieg oder am vietnamesischen und kambodschanischen Volk &#8211; ganz zu schweigen. Sprache bedeutet somit auch Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gruppe aufgrund einer gemeinsamen geschichtlichen Herkunft, ist neben Religion und nationaler Zugeh\u00f6rigkeit ein bestimmender Erzeugungsfaktor und ein Kriterium der Gruppenidentit\u00e4t. Sie geh\u00f6rt so auch mit zum Bezugsobjekt f\u00fcr Diffamierung, Unterdr\u00fcckung und V\u00f6lkerha\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es scheint in der Geschichte der Menschheit eine alles beherrschende Tatsache und somit ein fast unumst\u00f6\u00dfliches Gesetz zu sein, da\u00df der St\u00e4rkere stets den Schw\u00e4cheren unterdr\u00fcckt, ihm Gewalt antut, ihn beherrschen will; da\u00df die Mehrheit stets die Minderheit &#8211; die sie als minder(wertig) ansieht &#8211; unterdr\u00fcckt, sie unterdr\u00fccken und zur Anpassung, zur Aufgabe ihrer Besonderheit und ihrer Identit\u00e4t zwingen will; da\u00df alles Bestreben auf die Aufhebung der Unterschiede abzielt. Die Tendenz zur Vereinheitlichung, ja zur Vereinnahmung &#8211; auch im sozialen und gesellschaftlichen Bereich &#8211; des Individuums durch die Masse, durch den Staat, durch die Politik, durch die Medien, der Wenigen durch die Vielen, der Besonderen durch die Gleichen &#8211; ist in vollem Gange und schmerzhaft sp\u00fcrbar und in ihren Auswirkungen bereits \u00fcberall ersichtlich und im eigenen Betroffensein auch erlebbar. Was sollen da noch kleine Sprachen, kleine Gruppen, Randkulturen, Minderheiten? Was sollen da \u00fcberhaupt noch V\u00f6lker, einzelne Nationen? Das Ziel ist Einheitssprache (Computer \/ Medien), Einheitsleben, Einheitsfunktionen, Einheitswert; die Machbarkeit von Welt und Leben und das Funktionieren anstatt Sinn; der ungest\u00f6rte, reibungslose Ablauf sowie Fakten anstatt Werte. Die Informationsgesellschaft mit einer touristischen internationalen Monokultur anstatt Lebensgemeinschaft verschiedener Individuen und Gruppen in einer Region mit differenzierter sprachlicher und kultureller Identit\u00e4t. Die Masse und die Manipulation haben die Macht. Ist das unsere Zukunft? Oder ist das sowieso l\u00e4ngst schon unsere Realit\u00e4t?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gefahr, dieses drohende Zukunftsbild sieht auch der Autor. Deshalb geht es ihm in diesem Buch nicht vordringlich um sein eigenes Problem, das der r\u00e4toromanischen Kultur und Sprache und ihrer Bedrohung, sondern dieses Buch ist &#8211; so formuliert er selbst es klar und deutlich &#8211; \u201cin erster Linie ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Nicht-Notwendige in unserer Zeit.&#8220; (Seite 8). Das r\u00e4toromanische Problem in Graub\u00fcnden ist nur ein ganz konkretes Beispiel, an dem der Autor und Betroffene Iso Camartin diese ganze kulturph\u00e4nomenologische Problematik analysiert, sie bis in die letzten Winkel und Tiefen auslotet und besorgt und engagiert die Gefahr und Bedrohung von Sprache und Kultur aufzeigt. Er sieht Kultur \u00fcberhaupt durch eine fatale \u00c4nderung im Kulturbewu\u00dftsein, so man daf\u00fcr \u00fcberhaupt noch diese Bezeichnung verwenden darf, bedroht, wenn Quantit\u00e4t anstatt Qualit\u00e4t und Fuktionalit\u00e4t anstatt Sinn zum Ma\u00dfstab und zum Ziel werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach vorsichtigen Sch\u00e4tzungen gibt es heute auf der Welt an die 3.000 verschiedene Sprachen und etwa 12.000 Dialekte. Allein im europ\u00e4ischen Raum gibt es 67 verschiedene Sprachen. Aber nur die H\u00e4lfte davon verf\u00fcgt \u00fcber mehr als 1 Million Sprecher. Die andere H\u00e4lfte mu\u00df man als Kleinsprachen bezeichnen. Je mehr die Welt zusammenw\u00e4chst, je mehr sie internationalisiert und somit vereinheitlicht wird, desto st\u00e4rker geraten die Kleinsprachen unter Druck. Alle Kleinsprachen Europas sind von gr\u00f6\u00dferen Sprachen umzingelt. So hat das Russische etwa 100 Millionen Sprecher, w\u00e4hrend das R\u00e4toromanische (unterteilt in das Surselvische und Ladinische), das sogenannte ,B\u00fcndnerromanische&#8220;, nur etwa 50.000 Sprecher hat, die obendrein alle durchwegs zweisprachig oder polyglott sind, was hei\u00dft, da\u00df sie sich neben ihrer Muttersprache, dem B\u00fcndnerromanischen, auch einer anderen, zweiten Umgangs- oder Verst\u00e4ndigungssprache bedienen. Das R\u00e4toromanische gibt es also \u00fcberhaupt nur noch in Symbiose mit einer anderen Kultursprache; etwa dem Italienischen oder dem Deutschen. Dadurch &#8211; also nicht allein schon durch die Anzahl der Sprecher &#8211; wird die Muttersprache zu einer Randsprache, zu einer Minderheitensprache. Das Gleiche gilt bei uns f\u00fcr die Slowenen in K\u00e4rnten, f\u00fcr die Kroaten und Ungarn im Burgenland, f\u00fcr den Rest der Tschechen und Slowaken in Wien, vor allem aber f\u00fcr das Romanes der Roma und Sinti. Nat\u00fcrlich mit dem einen gro\u00dfen Unterschied, da\u00df in der Schweiz die Mehrsprachigkeit als selbstverst\u00e4ndlicher nationaler Grundwert angesehen und ihm als solchem entsprechend Rechnung getragen wird. So gilt das R\u00e4toromanische seit 1938 als vierte Nationalsprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob also eine Kleinsprache, die aufgrund bestimmter Konditionen auch eine Randsprache sein kann, zugleich auch eine Minderheitensprache ist oder dazu geworden ist, d.h. dazu gemacht wurde, das h\u00e4ngt neben sprachlichen Kriterien vor allem entscheidend von sozio-politischen Kriterien und Konditionen ab, vom Status und vom Prestige, den diese Sprache und ihre Sprachgemeinschaft in Mehrheitsvolk haben; also nicht nur davon, welchen Status diese sprachlich-kulturelle Minderheit a lege und de jure, sondern welchen Status sie in der Praxis und in der Realit\u00e4t wirklich hat. Ausschlaggebend sind dabei sowohl das Selbstverst\u00e4ndnis der sprachlich-kulturellen Minderheit, aber auch das Kulturverst\u00e4ndnis der Gesellschaft sowie die Demokratiereife des Mehrheitsvolkes schlechthin und die Positionen, die in dieser Frage die staatlichen Autorit\u00e4ten, d.h. die Regierung und die Parteien, kurzum die Politik, einnehmen. Wie sehr Randsprache und Randkultur in einem Bedingungszusammenhang stehen, ist somit klar. Dies zeigt auch der Autor schl\u00fcssig und nachvollziehbar auf und r\u00fcckt diesen Problemkreis in den Mittelpunkt seiner Ausf\u00fchrungen. Was das Verschwinden einer Randkultur &#8211; im Falle der R\u00e4toromanen eine Bergbauernkultur &#8211; f\u00fcr die Randsprache bedeutet, was der anscheinend unverkraftbare Informationsschub der modernen Zivilisations- und Informationsgesellschaft sowie die allumfassende Medienherrschaft f\u00fcr eine Kleinsprache oder gar f\u00fcr die Sprache einer kulturellen Minderheit bedeutet und an Belastung und Bew\u00e4ltigungsproblematik mit sich bringt, das ist am Problemkatalog, den der Autor erstellt, leicht ablesbar und begreifbar. Er weist auch auf die einem Minderheitsvolk oft anhaftenden und hemmenden Untergangslegenden und Untergangsvisionen hin und res\u00fcmiert die gewonnenen negativen und oft deprimierenden, auf Erfahrung und Fakten beruhenden Erkenntnisse fast resignativ und fatalistisch in dem Satz: ,,Da\u00df Sprachen und Kulturen sterben, ist eine Tatsache; da\u00df sich dies nicht verhindern lie\u00df, ist ebenfalls eine.&#8220; (Seite 167). Angesichts dieser Gegebenheit kommt der Autor zur Grundfrage: ,,Sollen aber Klein- und Kleinstsprachen \u00fcberhaupt erhalten bleiben? Sind sie nicht ein entwicklungsgeschichtlicher Ballast, von dem man sich wie von anderen Fr\u00fchformen der Vergesellschaftung schadlos befreien darf?\u201d (Seite 57).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Frage wird zu einem der Schwerpunkte in der aufgeworfenen Themenbehandlung und der daraus resultierenden kulturphilosophisehen Analyse. Es geht um Relationen, um die Entscheidung bei der gewichtigen Beurteilung von ,,Wert&#8220; und ,,Verlust&#8220; in dieser Frage. Was kann, was darf der Vergesellschaftlichung geopfert werden? Welche Opfer sind akzeptabel, vertretbar, sinnvoll? Wo liegt die Grenze und wer oder was bildet diese?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines ist klar, davon ist auszugehen und das darf nie aus dem Auge gelassen werden: ,,Es verschwinden mit einer Sprache mehr als nur Worte. (Seite 8). Und mit dem Verschwinden der jeweiligen Sprache verschwindet auch die ihr zugeh\u00f6rige Kultur; und umgekehrt. Das ist ein g\u00fcltiges Gesetz, das ist Wirklichkeit. Das ist der Denkansatz in jeder Analyse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was also kann und mu\u00df getan werden? Der Autor sagt es klar: Es mu\u00df mehr getan werden als nur die Vermeidung von ,,Minderheitenkonflikten&#8220; oder der Versuch ihrer L\u00f6sung, es mu\u00df mehr erf\u00fcllt werden als die ,,Minderheitenrechte&#8220;. Es mu\u00df mehr und gro\u00dfz\u00fcgig und spontan, vor allem aber unverz\u00fcglich und konsequent gehandelt und gegeben werden. Es mu\u00df mehr gegeben werden, als das Gesetz es (ein)fordert, vorschreibt, verb\u00fcrgt bzw. verb\u00fcrgen sollte. Denn: ,,Soll da etwas \u00fcberleben, so mu\u00df die Gerechtigkeit f\u00fcr eine Weile erst einmal \u00fcbersehen werden.&#8220; (Seite 138). Da\u00df dies nicht blo\u00df eine leere Worth\u00fclsenforderung des Autors dieses Buches ist, sondern da\u00df in diesem Anliegen der Kulturerhaltung einer sprachlich-kulturellen Minderheit, wie z.B. der R\u00e4toromanen in Graub\u00fcnden, in unserem Nachbarland, der Schweiz, sich bereits ein breiter \u00f6ffentlicher Konsens gebildet hat, das ist an den bereits getroffenen Ma\u00dfnahmen der legislativen und exekutiven Instanzen, der K\u00f6rperschaften und Beh\u00f6rden in diesem Problembereich deutlich ablesbar. Im Vergleich dazu schneiden wir in \u00d6sterreich, was die Behandlung unserer \u201cMinderheiten\u201d, d.h. Volksgruppen betrifft, mehr als besch\u00e4mend schlecht ab. Aber genau das ist eine Frage der gesellschaftlichen Einstellung, der politischen Praxis und der demokratiepolitischen Reife in einem Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was n\u00f6tig ist und schnellstens zu geschehen hat, ist eine Umkehr. Ein neuer Denkproze\u00df in allen diesen Fragenbereichen mit verantwortungsvoller und kritischer \u00dcberpr\u00fcfung des bis jetzt oft als allzu selbstverst\u00e4ndlich Hingenommenen ist gefordert. Und ebenso eine Haltung, da\u00df wir uns nicht mit den erreichten, meist nur halbwegs akzeptablen, mit fragw\u00fcrdigen und zu \u00fcberpr\u00fcfenden Positionen zufriedengeben geben d\u00fcrfen, sondern da\u00df wir endlich fragen m\u00fcssen, wohin diese oft unkontrollierte, jedoch manipulierte Entwicklung \u00fcberhaupt f\u00fchrt. Denn: Selbstverst\u00e4ndlich ist nichts mehr und sollte es auch gar nicht sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Nichts als Worte?<\/strong> &#8211; Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Kleinsprachen. Von Iso Camartin. Artemis Verlag, Z\u00fcrich und M\u00fcnchen, 1987, 306 Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-97941 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Wiplinger-Peter-Pauljpg-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Kleinsprachen \u00dcberlegungen zu einem Buch von Iso Camartin ,,Nichts als Worte?&#8220; &#8211; so hei\u00dft der als Fragesatz provokant formulierte Titel eines Buches des schweizerisch-r\u00e4toromanischen Sprachwissenschaftlers Iso Camartin, geboren 1944, den seine Lehr- und Forschungsauftr\u00e4ge bis jetzt auch&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/09\/10\/nichts-als-worte\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1795,1142],"class_list":["post-30394","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-iso-camartin","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30394","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30394"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30394\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106781,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30394\/revisions\/106781"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30394"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30394"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30394"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}