{"id":30350,"date":"2015-10-07T00:01:17","date_gmt":"2015-10-06T22:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30350"},"modified":"2022-04-02T16:28:14","modified_gmt":"2022-04-02T14:28:14","slug":"entscheidung-in-aleppo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/10\/07\/entscheidung-in-aleppo\/","title":{"rendered":"Entscheidung in Aleppo"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Walter R\u00f6\u00dfler war nicht zum Helden geboren. Doch als die Not der Zeit an ihn herantrat, verschloss er sich nicht. Er tat das ihm M\u00f6gliche und war auf eine erstaunliche Weise integer.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wertende Urteil des Biografen Kai Seyffarth \u00fcber den Retter vieler Armenier, den Konsul Walter R\u00f6\u00dfler, verweist auf einige wesentliche Elemente, die den Lebenslauf des aus einer liberal gesinnten Pastorenfamilie stammenden preu\u00dfischen Beamten bestimmten. Selbstst\u00e4ndiges Denken bei aller Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem Staat, humane Orientierung in einer bildungsb\u00fcrgerlichen Gesellschaft, Jura-Studium an der Humboldt-Universit\u00e4t in Berlin und\u00a0 Arabisch-Studium am dortigen Orientalischen Institut als Grundlage f\u00fcr eine T\u00e4tigkeit im diplomatischen Dienst. Bereits 1893 erh\u00e4lt er vom Ausw\u00e4rtigen Amt die Erlaubnis, als Dolmetscher Aspirant am Kaiserlichen Konsulat in Sansibar angestellt zu werden. Vier Jahre sp\u00e4ter ist er Dragoman, ein Dolmetscher, der auch verwaltungstechnische Aufgaben \u00fcbernehmen darf: Dazu geh\u00f6ren unter anderen auch die diplomatischen Beziehungen zum Sultan und der geschickte Umgang mit den dortigen arabischen Oberschichten, die ihre Untergebenen als Sklaven behandelten. Nach Dienstverpflichtungen im iranischen\u00a0 Buschehr am Persischen Golf und im ostafrikanischen Mombasa als Konsulatsverwalter (1903) wird er Vizekonsul im pal\u00e4stinischen Jaffa und erh\u00e4lt dort nach einer Konsularpr\u00fcfung die offizielle Anstellung. Es ist eine Bestallungsurkunde, die ihm &#8211; nach weiteren vier erfolgreichen Jahren im kaiserlichen Dienst &#8211; die Berufung zum Konsul im syrischen Aleppo erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schilderung der T\u00e4tigkeit des Konsuls verbindet Seyffarth mit einer kritischen Darlegung der reichsdeutschen Interessen, die neben gezielter deutscher Bildungsarbeit auch die Ausraubung syrischer kulturhistorischer Sch\u00e4tze umfassten. Er zeichnet auch die deutschen Aktivit\u00e4ten gegen die britischen Hoheitsgebiete zu Beginn des Ersten Weltkriegs auf. An diesen Aktionen ist das deutsche Konsulat unter Walter R\u00f6\u00dfler beteiligt, dessen patriotische Haltung und tadelloser Diensteifer von seinen Vorgesetzten in Berlin lobend erw\u00e4hnt wird. Nach dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches an der Seite von Reichsdeutschland setzte auch die verst\u00e4rkte Verfolgung der armenischen Bev\u00f6lkerung in den \u00f6stlichen Gebieten der T\u00fcrkei ein. Die entscheidende Ausl\u00f6sung der systematischen Verfolgung und physischen Vernichtung begann nach der Katastrophe des Winterfeldzugs gegen Russland und der Ausl\u00f6schung der 3. Armee. Ab 24. Februar 1915 wurden rund 200 000 armenische Soldaten entwaffnet, weil die jungt\u00fcrkische Kriegsf\u00fchrung ihnen die Schuld an dieser Niederlage zuschob. Im deutschen Konsulat wurde die anwachsende Gewalt der t\u00fcrkischen Beh\u00f6rden gegen die armenische Zivilbev\u00f6lkerung zun\u00e4chst mit n\u00fcchterner Neutralit\u00e4t registriert, darunter auch die verleumderischen Angaben des t\u00fcrkischen B\u00fcndnispartners \u00fcber angeblichen gezielten armenischen milit\u00e4rischen Widerstand. In der Zwischenzeit h\u00e4uften sich die vom Konsul R\u00f6\u00dfler unterzeichneten Berichte \u00fcber Deportationen, grausamen Verst\u00fcmmelung armensicher Zivilisten und Bitten an seine Berliner Vorgesetzten, man solle wegen der grausamen T\u00f6tung der armenischen Bev\u00f6lkerung bei den t\u00fcrkischen Milit\u00e4rbeh\u00f6rden intervenieren. Doch seit der Verhaftung von tausenden Personen der armenischen Oberschicht in Konstantinopel in der Nacht vom 24. zum 25. April 1915 rollte eine Welle der Vernichtung durch das Osmanische Reich, die die systematische Ausl\u00f6schung einer ethnischen Minderheit zum Ziele hat. Von Seiten der Entente h\u00e4ufen sich die offiziellen Proteste, w\u00e4hrend die Milit\u00e4rf\u00fchrung des Deutschen Reichs angesichts des V\u00f6lkermords an den Armeniern schweigt oder die einzelnen emp\u00f6renden Berichte ihrer Untergebenen zu unterdr\u00fccken versucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seyffarts detaillierte Schilderungen des Todesgangs eines christlichen Volkes, belegt mit dutzenden Quellen, erweisen sich unter Einbeziehung der historiografischen Forschung als wichtige Dokumente. Sie bezeugen nicht nur die zynisch-barbarische Umsetzung der jungt\u00fcrkischen Vernichtungspl\u00e4ne, sondern auch die\u00a0 solidarische Hilfe, die reichsdeutsche Diplomaten und Beamte aus dem Gef\u00fchl von Rechtschaffenheit und schlechtem Gewissen gegen\u00fcber den Deportierten geleistet haben. So wie Lehrer an der deutschen Real-Schule in Aleppo, die angesichts der sterbenden armenischen Kinder auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen diesen zu Hilfe eilten, sie zu retten versuchten (vgl. dazu S. 111-139). F\u00fcr R\u00f6\u00dfler und seine Ehefrau Gertrud, wie auch f\u00fcr ihre Kinder, bildeten diese Monate zwischen dem Herbst 1914 und Mitte 1917 eine Zeit h\u00f6chster seelischer und k\u00f6rperlicher Anspannung. Gemeinsam mit den Erwachsenen, die sich u.a. auch um die Versorgung der vielen armenischen Waisenkinder in den Missionsstationen k\u00fcmmern mussten, litten auch die Kinder unter dem Anblick der ausgemergelten armenischen Deportierten, die meist nicht mehr gerettet werden konnten. Im Juni 1918 fuhr das Ehepaar mit ihrem j\u00fcngsten Sohn nach Berlin zur\u00fcck. R\u00f6\u00dflers Freundschaft mit Pastor Lepsius, der den Genozid an den Armeniern \u00f6ffentlich machte, f\u00fchrte auch zur R\u00fcckf\u00fchrung der Armenien-Akten der Botschaft und aller chiffrierter Telegramme des Konsulats Aleppo. Dieser schnellen Entschlusskraft R\u00f6\u00dflers, so Seyffarth, \u201everdanken heutige Historiker den Zugang zu dieser reichen archivarischen Quelle.\u201c (188f.) R\u00f6\u00dfler arbeitete von Oktober 1918 bis\u00a0 Mai 1919 im Ausw\u00e4rtigen Amt, wo er auch weiterhin Dr. Lepsius bei dessen Zusammenstellung der Armenien-Dokumentation half, wenngleich der subtile Widerstand der Beamten gegen\u00fcber dem Aufkl\u00e4rer des Genozids verhinderte, dass alle Schriftst\u00fccke erfasst wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ersch\u00f6pft von dem anstrengenden diplomatischen Dienst, geschw\u00e4cht durch ein schweres Nervenleiden, das sich Mitte der 1920er Jahre als Parkinson-Krankheit herausstellte, starb Karl R\u00f6\u00dfler am 4. April 1929 in Berlin. Die hier vorliegende Biografie, die mit einem hohen zeitlichen Aufwand entstanden ist, wurde gro\u00dfz\u00fcgig unterst\u00fctzt von den Nachkommen Walter R\u00f6\u00dflers und angeregt von dem Verleger Helmut Donat. Sie stellt aufgrund der umfassenden Quellennachweise, der ausgiebigen Archivalien-Nutzung, des reichen Publikationsnachweises, der aussagekr\u00e4ftigen Bildreproduktionen, der Ver\u00f6ffentlichung des G\u00e4stetagebuchs Jaffa \/Aleppo aus der Hand von Gertrud R\u00f6\u00dfler und der Ver\u00f6ffentlichung von authentischen Berichten \u00fcber den Massenmord an den Armenier ein bedeutendes biografisches Dokument dar. Sein Verfasser, 1962 in Rostock geboren, studierte ab 1984 in Dresden Maschinenbau, 1991 zum Dr.-Ing. promoviert, setzte er sich seit 2001 mit dem V\u00f6lkermord an den Armeniern auseinander.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Aleppo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89389 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Aleppo-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Aleppo-200x300.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Aleppo-260x390.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Aleppo-160x240.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Aleppo.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><strong>Entscheidung in Aleppo<\/strong>, von Kai Seyffarth. Walter R\u00f6\u00dfler (1871-1929). Helfer der verfolgten Armenier. Eine Biografie. Bremen (Donat-Verlag) 2015<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter R\u00f6\u00dfler war nicht zum Helden geboren. Doch als die Not der Zeit an ihn herantrat, verschloss er sich nicht. Er tat das ihm M\u00f6gliche und war auf eine erstaunliche Weise integer. 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