{"id":30348,"date":"2015-09-06T00:01:52","date_gmt":"2015-09-05T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30348"},"modified":"2022-04-02T17:15:49","modified_gmt":"2022-04-02T15:15:49","slug":"der-voelkermord-an-den-armeniern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/09\/06\/der-voelkermord-an-den-armeniern\/","title":{"rendered":"Der V\u00f6lkermord an den Armeniern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">\u00a0In der T\u00fcrkei werden die Geschehnisse von 1915\u20131917 als Ermeni soyk\u0131r\u0131m\u0131 iddialar\u0131 (\u201eBehauptungen \u00fcber den V\u00f6lkermord an den Armeniern\u201c) oder als s\u00f6zde Ermeni soyk\u0131r\u0131m\u0131 (\u201eAngeblicher V\u00f6lkermord an den Armeniern\u201c) bezeichnet. Mit dem Erlass \u2116 2007\/18 des Ministerpr\u00e4sidialamts der T\u00fcrkei ist seit 2007 offiziell die neutralere Bezeichnung \u201eEreignisse von 1915\u201c (1915 olaylar\u0131) oder \u201earmenische Behauptungen bez\u00fcglich der Ereignisse von 1915\u201c (1915 olaylar\u0131na ili\u015fkin Ermeni iddialar\u0131) zu verwenden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">(Quelle: Wikipedia)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herausgeber, der seine Dokumentation zur Darlegung des Genozids in der deutschsprachigen Tagespresse f\u00fcr einen Zeitraum von rund zehn Jahren angelegt hat, widmet seine Ver\u00f6ffentlichung seiner Gro\u00dfmutter Eliz Garibyan, der einzigen \u00dcberlebenden aus einer Familie, die w\u00e4hrend des t\u00fcrkischen Massakers an den Armeniern im Jahr 1915 get\u00f6tet wurde. Yetvari Ficiciyan, 1955 in Istanbul geboren, besuchte die dortige armenische Vor- und Grundschule, danach das \u00f6sterreichische St. Georgs-Kolleg in Istanbul und studierte in den sp\u00e4ten 1970er Jahren in Westberlin Energie- und Verfahrenstechnik. Nach wissenschaftlicher Mitarbeit an der TU in Berlin und am Frauenhofer IPK ist er seit 2006 als freiberuflicher Fachredakteur t\u00e4tig. Seit den 1980er Jahren hat er sich in verschiedenen armenischen Institutionen und Organisationen in Berlin f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung des V\u00f6lkermords an seinen Vorfahren engagiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Beginn der 1980er Jahre suchte er auch in den Berliner Bibliotheken nach Lesematerial \u00fcber Armenien und Armenier in deutscher Sprache. Mit Unterst\u00fctzung einer Arbeitsgruppe, bestehend aus armenischen Freunden (Dr. Chahin Zeytountchian, Zare und Rafi Davidian), gelang es ihm, zun\u00e4chst aus den Best\u00e4nden der Staatsbibliothek des Preu\u00dfischen Kulturbesitzes Literatur zum Stichwort \u201aArmenien\u2018 zusammenzustellen. Daraus entstand ein \u201eB\u00fccherkatalog \u00fcber Armenien und Armenier\u201c. Bei diesen Recherchearbeiten stie\u00df er zuf\u00e4llig auf Felix Dietrichs \u201eVerzeichnis von Aufs\u00e4tzen aus deutschen Zeitungen 1908 \u2013 1944), aus dem er mehr als 200 Zeitungsartikel mit dem Stichwort \u201aArmenien\u2018 bundesweit digitalisierte, archivierte und f\u00fcr eine Dokumentation transkribierte, eine zus\u00e4tzliche Arbeit, \u201eda die Zeitungen damals in Fraktur erschienen sind.\u201c (S. 13). Ficiciyan stellt zurecht fest, dass diese Publikation \u201eein wichtiges Gegengewicht zu den bereits publizierten Aktenberichten des Deutschen Ausw\u00e4rtigen Amtes von 1912 bis 1922 dar(stellt).\u201c Eine aufmerksame Lekt\u00fcre der Korrespondentenberichte aus dieser Zeit k\u00f6nnte durchaus die Untersuchung der Wechselwirkung der \u00f6ffentlichen Meinung in Deutschland gegen\u00fcber der Haltung des jungt\u00fcrkischen Milit\u00e4rapparats zur Armenienfrage mit neuen Akzenten versehen, zumal die Geschichtswissenschaft sich erst in j\u00fcngster Zeit auch dieser Quellen bedient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine publizistische Dokumentation teilt der Herausgeber in vier gro\u00dfe Abschnitte ein: 1) Die armenische Frage vor dem Ersten Weltkrieg; 2) der Erste Weltkrieg und der V\u00f6lkermord an den Armeniern (Juli 1914 \u2013 November 1918); 3) Ende des Ersten Weltkriegs und das Schicksal der Armenier (1918-1921); 4) Der Talaat Pascha-Prozess und weitere Attentate in Berlin (1921-1922). Diese chronologische Zuordnung entspricht den dramatischen Abl\u00e4ufen, die in den Zeitungsberichten mit unterschiedlichen ideologischen Bewertungen der Schuldfrage, die in den meisten Quellen jedoch ausschlie\u00dflich der t\u00fcrkischen Milit\u00e4rmacht und cum grano salis ihren reichsdeutschen Beratern zugeschrieben wird. Die immer wieder thematisierte Behauptung, es habe armenische Geheimb\u00fcnde gegeben, die durch ihren angeblichen systematischen milit\u00e4rischen Widerstand das Unheil der Armenier noch vergr\u00f6\u00dfert h\u00e4tten, widerlegt der\u00a0 Journalist und Armenienkenner Wolfgang Gust. Er publizierte im Jahr 2000 \u2013 gemeinsam mit seiner Frau Sigrid &#8211; den Wortlaut der Originalakten des Ausw\u00e4rtigen Amtes \u201esamt englischer \u00dcbersetzung sowie die einzelnen Manipulationen im Internet\u201c. (www.armenocide.net).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der an den Hintergr\u00fcnden des armenischen V\u00f6lkermords interessierte Leser sollte sich das Nachwort von Wolfgang Gust zuerst zu Gem\u00fcte f\u00fchren, weil sein Autor nicht nur die Ursachen f\u00fcr die Entstehung des Ersten Weltkriegs und des milit\u00e4rischen B\u00fcndnisses zwischen Reichsdeutschland und dem Osmanischen Reich argumentativ abhandelt, sondern anhand der vorgelegten Zeitungsquellen nachweist, wie \u201edie unheilige Allianz der beiden autorit\u00e4ren Staaten \u2026 das Todesurteil des armenischen Volkes in der T\u00fcrkei und das von Hunderttausenden von osmanischen Griechen (besiegelte).\u201c (S. 427) Der Verweis auch auf die Verfolgungen der Griechen durch die jungt\u00fcrkische Staatsmacht kennzeichnet die Zielrichtung der milit\u00e4rischen Aktionen: die ethnische S\u00e4uberung des Osmanischen Reiches von \u201eartfremden\u201c Elementen. Nur f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter bedienten sich die Hitler-Faschisten dieser Politik mit all ihren grausamen Folgen. Umso aufschlussreicher ist es, auf der Grundlage der vorliegenden Pressequellen aus den Jahren 1917\/18 zu \u00fcberpr\u00fcfen, inwieweit die deutschsprachigen Zeitungen die\u00a0 Frage der Schuld und der \u201eWiedergutmachung\u201c an den Nachfahren der Opfer thematisierten. Gust zitiert z.B. das \u201eK\u00f6lnisches Volksblatt und Handels-Zeitung\u201c vom 29. Dezember 1918: \u201eDie T\u00fcrkei hat in Armenien Gewaltt\u00e4tigkeiten begangen, die an die schlimmsten Zeiten blutgieriger Barbarei erinnern, sie hat versucht, dieses arbeitssame christliche Volk vollst\u00e4ndig auszurotten, sie hat hunderttausende M\u00e4nner, Frauen und Kinder durch wilde Horden niedermetzeln lassen und andere Hunderttausende in einen qualvollen Hungertod in den W\u00fcsten Mesopotamiens getrieben. Deutschland hat allerdings durch seine Regierung bei der T\u00fcrkei gegen diese Unmenschlichkeiten Protest eingelegt, aber es muss hier offen festgestellt werden, dass dies nicht mit der n\u00f6tigen durchgreifenden Entschiedenheit geschah, wie \u00fcberhaupt die ganze deutsche Politik der T\u00fcrkei gegen\u00fcber an einer unheilvollen Schw\u00e4che krankte. Aus diesen Gr\u00fcnden bleibt auf dem Verhalten des offiziellen Deutschlands ein dunkler Schatten liegen \u2026\u201c (S. 435) Dass dieser Schatten bis in die j\u00fcngste Gegenwart geblieben ist und erst durch die offizielle Erkl\u00e4rung des Bundestages und des Bundespr\u00e4sidenten im April 2015 mit der ausdr\u00fccklichen Bezeichnung des V\u00f6lkermords an den Armeniern gelichtet worden ist, l\u00e4sst die Hoffnung aufkommen, dass auch die Bundesregierung sich in der nahen Zukunft zu diesem Schritt entschlie\u00dfen wird. Mit der vorliegenden Pressedokumentation, die ein Personenregister aufweist, in dem noch L\u00fccken in der Zuschreibung der Namen zu schlie\u00dfen sind, hat die deutsche Armenien-Forschung ein umfassendes Spiegelbild der deutschsprachigen Rezeption vorgelegt \u2013 dank eines armenienst\u00e4mmigen Forschers, dank eines vorbildlichen Kolumnisten und dank auch eines Bremer Verlegers, der sich seit 1984 in zahlreichen Publikationen um die Aufarbeitung eines Jahrhundertverbrechens bem\u00fcht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Vo\u0308lkermord.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89386 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Vo\u0308lkermord-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Vo\u0308lkermord-200x300.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Vo\u0308lkermord-260x390.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Vo\u0308lkermord-160x240.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Vo\u0308lkermord.jpg 333w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><strong>Der V\u00f6lkermord an den Armeniern im Spiegel der deutschsprachigen Tagespresse 1912-1922<\/strong> von Yetvart Ficiciyan (Hrsg.). Mit einem Nachwort von Wolfgang Gust. Bremen( Donat Verlag) 2015, 447 S., 19,80 \u20ac. ISBN 978-3-943425-51-2. (Schriftenreihe Geschichte &amp; Frieden, Bd. 33).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0In der T\u00fcrkei werden die Geschehnisse von 1915\u20131917 als Ermeni soyk\u0131r\u0131m\u0131 iddialar\u0131 (\u201eBehauptungen \u00fcber den V\u00f6lkermord an den Armeniern\u201c) oder als s\u00f6zde Ermeni soyk\u0131r\u0131m\u0131 (\u201eAngeblicher V\u00f6lkermord an den Armeniern\u201c) bezeichnet. 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