{"id":30017,"date":"2020-04-18T00:01:00","date_gmt":"2020-04-17T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30017"},"modified":"2021-02-24T15:15:35","modified_gmt":"2021-02-24T14:15:35","slug":"uebersetzer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/18\/uebersetzer\/","title":{"rendered":"Die Aufgabe des \u00dcbersetzers"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nirgends erweist sich einem Kunstwerk oder einer Kunstform gegen\u00fcber die R\u00fccksicht auf den Aufnehmenden f\u00fcr deren Erkenntnis fruchtbar. Nicht genug, da\u00df jede Beziehung auf ein bestimmtes Publikum oder dessen Repr\u00e4sentanten vom Wege abf\u00fchrt, ist sogar der Begriff eines \u203aidealen\u2039 Aufnehmenden in allen kunsttheoretischen Er\u00f6rterungen vom \u00dcbel, weil diese lediglich gehalten sind, Dasein und Wesen des Menschen \u00fcberhaupt vorauszusetzen. So setzt auch die Kunst selbst dessen leibliches und geistiges Wesen voraus \u2013 seine Aufmerksamkeit aber in keinem ihrer Werke. Denn kein Gedicht gilt dem Leser, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der H\u00f6rerschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gilt eine \u00dcbersetzung den Lesern, die das Original nicht verstehen? Das scheint hinreichend den Rangunterschied im Bereiche der Kunst zwischen beiden zu erkl\u00e4ren. \u00dcberdies scheint es der einzig m\u00f6gliche Grund, \u203aDasselbe\u2039 wiederholt zu sagen. Was \u203asagt\u2039 denn eine Dichtung? Was teilt sie mit? Sehr wenig dem, der sie versteht. Ihr Wesentliches ist nicht Mitteilung, nicht Aussage. Dennoch k\u00f6nnte diejenige \u00dcbersetzung, welche vermitteln will, nichts vermitteln als die Mitteilung \u2013 also Unwesentliches. Das ist denn auch ein Erkennungszeichen der schlechten \u00dcbersetzungen. Was aber au\u00dfer der Mitteilung in einer Dichtung steht \u2013 und auch der schlechte \u00dcbersetzer gibt zu, da\u00df es das Wesentliche ist \u2013 gilt es nicht allgemein als das Unfa\u00dfbare, Geheimnisvolle, \u203aDichterische\u2039? Das der \u00dcbersetzer nur wiedergeben kann, indem er auch dichtet? Daher r\u00fchrt in der Tat ein zweites Merkmal der schlechten \u00dcbersetzung, welche man demnach als eine ungenaue \u00dcbermittlung eines unwesentlichen Inhalts definieren darf. Dabei bleibt es, solange die \u00dcbersetzung sich anheischig macht, dem Leser zu dienen. W\u00e4re sie aber f\u00fcr den Leser bestimmt, so m\u00fc\u00dfte es auch das Original sein. Besteht das Original nicht um dessentwillen, wie lie\u00dfe sich dann die \u00dcbersetzung aus dieser Beziehung verstehen? \u00dcbersetzung ist eine Form. Sie als solche zu erfassen, gilt es zur\u00fcckzugehen auf das Original. Denn in ihm liegt deren Gesetz als in dessen \u00dcbersetzbarkeit beschlossen. Die Frage nach der \u00dcbersetzbarkeit eines Werkes ist doppelsinnig. Sie kann bedeuten: ob es unter der Gesamtheit seiner Leser je seinen zul\u00e4nglichen \u00dcbersetzer finden werde? oder, und eigentlicher: ob es seinem Wesen nach \u00dcbersetzung zulasse und demnach \u2013 der Bedeutung dieser Form gem\u00e4\u00df \u2013 auch verlange. Grunds\u00e4tzlich ist die erste Frage nur problematisch, die zweite apodiktisch zu entscheiden. Nur das oberfl\u00e4chliche Denken wird, indem es den selbst\u00e4ndigen Sinn der letzten leugnet, beide f\u00fcr gleichbedeutend erkl\u00e4ren. Ihm gegen\u00fcber ist darauf hinzuweisen, da\u00df gewisse Relationsbegriffe ihren guten, ja vielleicht besten Sinn behalten, wenn sie nicht von vorne herein ausschlie\u00dflich auf den Menschen bezogen werden. So d\u00fcrfte von einem unverge\u00dflichen Leben oder Augenblick gesprochen werden, auch wenn alle Menschen sie vergessen h\u00e4tten. Wenn n\u00e4mlich deren Wesen es forderte, nicht vergessen zu werden, so w\u00fcrde jenes Pr\u00e4dikat nichts Falsches, sondern nur eine Forderung, der Menschen nicht entsprechen, und zugleich auch wohl den Verweis auf einen Bereich enthalten, in dem ihr entsprochen w\u00e4re: auf ein Gedenken Gottes. Entsprechend bliebe die \u00dcbersetzbarkeit sprachlicher Gebilde auch dann zu erw\u00e4gen, wenn diese f\u00fcr die Menschen un\u00fcbersetzbar w\u00e4ren. Und sollten sie das bei einem strengen Begriff von \u00dcbersetzung nicht wirklich bis zu einem gewissen Grade sein? \u2013 In solcher Losl\u00f6sung ist die Frage zu stellen, ob \u00dcbersetzung bestimmter Sprachgebilde zu fordern sei. Denn es gilt der Satz: Wenn \u00dcbersetzung eine Form ist, so mu\u00df \u00dcbersetzbarkeit gewissen Werken wesentlich sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbersetzbarkeit eignet gewissen Werken wesentlich \u2013 das hei\u00dft nicht, ihre \u00dcbersetzung ist wesentlich f\u00fcr sie selbst, sondern will besagen, da\u00df eine bestimmte Bedeutung, die den Originalen innewohnt, sich in ihrer \u00dcbersetzbarkeit \u00e4u\u00dfere. Da\u00df eine \u00dcbersetzung niemals, so gut sie auch sei, etwas f\u00fcr das Original zu bedeuten vermag, leuchtet ein. Dennoch steht sie mit diesem kraft seiner \u00dcbersetzbarkeit im n\u00e4chsten Zusammenhang. Ja, dieser Zusammenhang ist um so inniger, als er f\u00fcr das Original selbst nichts mehr bedeutet. Er darf ein nat\u00fcrlicher genannt werden und zwar genauer ein Zusammenhang des Lebens. So wie die \u00c4u\u00dferungen des Lebens innigst mit dem Lebendigen zusammenh\u00e4ngen, ohne ihm etwas zu bedeuten, geht die \u00dcbersetzung aus dem Original hervor. Zwar nicht aus seinem Leben so sehr denn aus seinem \u203a\u00dcberleben\u2039. Ist doch die \u00dcbersetzung sp\u00e4ter als das Original und bezeichnet sie doch bei den bedeutenden Werken, die da ihre erw\u00e4hlten \u00dcbersetzer niemals im Zeitalter ihrer Entstehung finden, das Stadium ihres Fortlebens. In v\u00f6llig unmetaphorischer Sachlichkeit ist der Gedanke vom Leben und Fortleben der Kunstwerke zu erfassen. Da\u00df man nicht der organischen Leiblichkeit allein Leben zusprechen d\u00fcrfe, ist selbst in Zeiten des befangensten Denkens vermutet worden. Aber nicht darum kann es sich handeln, unter dem schwachen Szepter der Seele dessen Herrschaft auszudehnen, wie es Fechner versuchte; geschweige da\u00df Leben aus den noch weniger ma\u00dfgeblichen Momenten des Animalischen definiert werden k\u00f6nnte, wie aus Empfindung, die es nur gelegentlich kennzeichnen kann. Vielmehr nur wenn allem demjenigen, wovon es Geschichte gibt und was nicht allein ihr Schauplatz ist, Leben zuerkannt wird, kommt dessen Begriff zu seinem Recht. Denn von der Geschichte, nicht von der Natur aus, geschweige von so schwankender wie Empfindung und Seele, ist zuletzt der Umkreis des Lebens zu bestimmen. Daher entsteht dem Philosophen die Aufgabe, alles nat\u00fcrliche Leben aus dem umfassenderen der Geschichte zu verstehen. Und ist nicht wenigstens das Fortleben der Werke unvergleichlich viel leichter zu erkennen als dasjenige der Gesch\u00f6pfe? Die Geschichte der gro\u00dfen Kunstwerke kennt ihre Deszendenz aus den Quellen, ihre Gestaltung im Zeitalter des K\u00fcnstlers und die Periode ihres grunds\u00e4tzlich ewigen Fortlebens bei den nachfolgenden Generationen. Dieses letzte hei\u00dft, wo es zutage tritt, Ruhm. \u00dcbersetzungen, die mehr als Vermittlungen sind, entstehen, wenn im Fortleben ein Werk das Zeitalter seines Ruhmes erreicht hat. Sie dienen daher nicht sowohl diesem, wie schlechte \u00dcbersetzer es f\u00fcr ihre Arbeit zu beanspruchen pflegen, als da\u00df sie ihm ihr Dasein verdanken. In ihnen erreicht das Leben des Originals seine stets erneute sp\u00e4teste und umfassendste Entfaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Entfaltung ist als die eines eigent\u00fcmlichen und hohen Lebens durch eine eigent\u00fcmliche und hohe Zweckm\u00e4\u00dfigkeit bestimmt. Leben und Zweckm\u00e4\u00dfigkeit \u2013 ihr scheinbar handgreiflicher und doch fast der Erkenntnis sich entziehender Zusammenhang erschlie\u00dft sich nur, wo jener Zweck, auf den alle einzelnen Zweckm\u00e4\u00dfigkeiten des Lebens hinwirken, nicht wiederum in dessen eigener Sph\u00e4re, sondern in einer h\u00f6heren gesucht wird. Alle zweckm\u00e4\u00dfigen Lebenserscheinungen wie ihre Zweckm\u00e4\u00dfigkeit \u00fcberhaupt sind letzten Endes zweckm\u00e4\u00dfig nicht f\u00fcr das Leben, sondern f\u00fcr den Ausdruck seines Wesens, f\u00fcr die Darstellung seiner Bedeutung. So ist die \u00dcbersetzung zuletzt zweckm\u00e4\u00dfig f\u00fcr den Ausdruck des innersten Verh\u00e4ltnisses der Sprachen zueinander. Sie kann dieses verborgene Verh\u00e4ltnis selbst unm\u00f6glich offenbaren, unm\u00f6glich herstellen; aber darstellen, indem sie es keimhaft oder intensiv verwirklicht, kann sie es. Und zwar ist diese Darstellung eines Bedeuteten durch den Versuch, den Keim seiner Herstellung ein ganz eigent\u00fcmlicher Darstellungsmodus, wie er im Bereich des nicht sprachlichen Lebens kaum angetroffen werden mag. Denn dieses kennt in Analogien und Zeichen andere Typen der Hindeutung, als die intensive, d.h. vorgreifende, andeutende Verwirklichung. \u2013 Jenes gedachte, innerste Verh\u00e4ltnis der Sprachen ist aber das einer eigent\u00fcmlichen Konvergenz. Es besteht darin, da\u00df die Sprachen einander nicht fremd, sondern a priori und von allen historischen Beziehungen abgesehen einander in dem verwandt sind, was sie sagen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesem Erkl\u00e4rungsversuch scheint allerdings die Betrachtung auf vergeblichen Umwegen wieder in die herk\u00f6mmliche Theorie der \u00dcbersetzung einzum\u00fcnden. Wenn in den \u00dcbersetzungen die Verwandtschaft der Sprachen sich zu bew\u00e4hren hat, wie k\u00f6nnte sie das anders als indem jene Form und Sinn des Originals m\u00f6glichst genau \u00fcbermitteln? \u00dcber den Begriff dieser Genauigkeit w\u00fc\u00dfte sich jene Theorie freilich nicht zu fassen, k\u00f6nnte also zuletzt doch keine Rechenschaft von dem geben, was an \u00dcbersetzungen wesentlich ist. In Wahrheit aber bezeugt sich die Verwandtschaft der Sprachen in einer \u00dcbersetzung weit tiefer und bestimmter als in der oberfl\u00e4chlichen und undefinierbaren \u00c4hnlichkeit zweier Dichtungen. Um das echte Verh\u00e4ltnis zwischen Original und \u00dcbersetzung zu erfassen, ist eine Erw\u00e4gung anzustellen, deren Absicht durchaus den Gedankeng\u00e4ngen analog ist, in denen die Erkenntniskritik die Unm\u00f6glichkeit einer Abbildtheorie zu erweisen hat. Wird dort gezeigt, da\u00df es in der Erkenntnis keine Objektivit\u00e4t und sogar nicht einmal den Anspruch darauf geben k\u00f6nnte, wenn sie in Abbildern des Wirklichen best\u00fcnde, so ist hier erweisbar, da\u00df keine \u00dcbersetzung m\u00f6glich w\u00e4re, wenn sie \u00c4hnlichkeit mit dem Original ihrem letzten Wesen nach anstreben w\u00fcrde. Denn in seinem Fortleben, das so nicht hei\u00dfen d\u00fcrfte, wenn es nicht Wandlung und Erneuerung des Lebendigen w\u00e4re, \u00e4ndert sich das Original. Es gibt eine Nachreife auch der festgelegten Worte. Was zur Zeit eines Autors Tendenz seiner dichterischen Sprache gewesen sein mag, kann sp\u00e4ter erledigt sein, immanente Tendenzen verm\u00f6gen neu aus dem Geformten sich zu erheben. Was damals jung, kann sp\u00e4ter abgebraucht, was damals gebr\u00e4uchlich, sp\u00e4ter archaisch klingen. Das Wesentliche solcher Wandlungen wie auch der ebenso st\u00e4ndigen des Sinnes in der Subjektivit\u00e4t der Nachgeborenen statt im eigensten Leben der Sprache und ihrer Werke zu suchen, hie\u00dfe \u2013 zugestanden selbst den krudesten Psychologismus \u2013 Grund und Wesen einer Sache verwechseln, strenger gesagt aber, einen der gewaltigsten und fruchtbarsten historischen Prozesse aus Unkraft des Denkens leugnen. Und wollte man auch des Autors letzten Federstrich zum Gnadensto\u00df des Werkes machen, es w\u00fcrde jene tote Theorie der \u00dcbersetzung doch nicht retten. Denn wie Ton und Bedeutung der gro\u00dfen Dichtungen mit den Jahrhunderten sich v\u00f6llig wandeln, so wandelt sich auch die Muttersprache des \u00dcbersetzers. Ja, w\u00e4hrend das Dichterwort in der seinigen \u00fcberdauert, ist auch die gr\u00f6\u00dfte \u00dcbersetzung bestimmt in das Wachstum ihrer Sprache ein-, in der erneuten unterzugehen. So weit ist sie entfernt, von zwei erstorbenen Sprachen die taube Gleichung zu sein, da\u00df gerade unter allen Formen ihr als Eigenstes es zuf\u00e4llt, auf jene Nachreife des fremden Wortes, auf die Wehen des eigenen zu merken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn in der \u00dcbersetzung die Verwandtschaft der Sprachen sich bekundet, so geschieht es anders als durch die vage \u00c4hnlichkeit von Nachbildung und Original. Wie es denn \u00fcberhaupt einleuchtet, da\u00df \u00c4hnlichkeit nicht notwendig bei Verwandtschaft sich einfinden mu\u00df. Und auch insofern ist der Begriff der letzten in diesem Zusammenhang mit seinem engern Gebrauch einstimmig, als er durch Gleichheit der Abstammung in beiden F\u00e4llen nicht ausreichend definiert werden kann, wiewohl freilich f\u00fcr die Bestimmung jenes engern Gebrauchs der Abstammungsbegriff unentbehrlich bleiben wird. \u2013 Worin kann die Verwandtschaft zweier Sprachen, abgesehen von einer historischen, gesucht werden? In der \u00c4hnlichkeit von Dichtungen jedenfalls ebensowenig wie in derjenigen ihrer Worte. Vielmehr beruht alle \u00fcberhistorische Verwandtschaft der Sprachen darin, da\u00df in ihrer jeder als ganzer jeweils eines und zwar dasselbe gemeint ist, das dennoch keiner einzelnen von ihnen, sondern nur der Allheit ihrer einander erg\u00e4nzenden Intentionen erreichbar ist: die reine Sprache. W\u00e4hrend n\u00e4mlich alle einzelnen Elemente, die W\u00f6rter, S\u00e4tze, Zusammenh\u00e4nge von fremden Sprachen sich ausschlie\u00dfen, erg\u00e4nzen diese Sprachen sich in ihren Intentionen selbst. Dieses Gesetz, eines der grundlegenden der Sprachphilosophie, genau zu fassen, ist in der Intention vom Gemeinten die Art des Meinens zu unterscheiden. In \u00bbBrot\u00ab und \u00bbpain\u00ab ist das Gemeinte zwar dasselbe, die Art, es zu meinen, dagegen nicht. In der Art des Meinens n\u00e4mlich liegt es, da\u00df beide Worte dem Deutschen und Franzosen je etwas Verschiedenes bedeuten, da\u00df sie f\u00fcr beide nicht vertauschbar sind, ja sich letzten Endes auszuschlie\u00dfen streben; am Gemeinten aber, da\u00df sie, absolut genommen, das Selbe und Identische bedeuten. W\u00e4hrend dergestalt die Art des Meinens in diesen beiden W\u00f6rtern einander widerstrebt, erg\u00e4nzt sie sich in den beiden Sprachen, denen sie entstammen. Und zwar erg\u00e4nzt sich in ihnen die Art des Meinens zum Gemeinten. Bei den einzelnen, den unerg\u00e4nzten Sprachen n\u00e4mlich ist ihr Gemeintes niemals in relativer Selbst\u00e4ndigkeit anzutreffen, wie bei den einzelnen W\u00f6rtern oder S\u00e4tzen, sondern vielmehr in stetem Wandel begriffen, bis es aus der Harmonie all jener Arten des Meinens als die reine Sprache herauszutreten vermag. So lange bleibt es in den Sprachen verborgen. Wenn aber diese derart bis ans messianische Ende ihrer Geschichte wachsen, so ist es die \u00dcbersetzung, welche am ewigen Fortleben der Werke und am unendlichen Aufleben der Sprachen sich entz\u00fcndet, immer von neuem die Probe auf jenes heilige Wachstum der Sprachen zu machen: wie weit ihr Verborgenes von der Offenbarung entfernt sei, wie gegenw\u00e4rtig es im Wissen um diese Entfernung werden mag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ist allerdings zugestanden, da\u00df alle \u00dcbersetzung nur eine irgendwie vorl\u00e4ufige Art ist, sich mit der Fremdheit der Sprachen auseinanderzusetzen. Eine andere als zeitliche und vorl\u00e4ufige L\u00f6sung dieser Fremdheit, eine augenblickliche und endg\u00fcltige, bleibt den Menschen versagt oder ist jedenfalls unmittelbar nicht anzustreben. Mittelbar aber ist es das Wachstum der Religionen, welches in den Sprachen den verh\u00fcllten Samen einer h\u00f6hern reift. \u00dcbersetzung also, wiewohl sie auf Dauer ihrer Gebilde nicht Anspruch erheben kann und hierin un\u00e4hnlich der Kunst, verleugnet nicht ihre Richtung auf ein letztes, endg\u00fcltiges und entscheidendes Stadium aller Sprachf\u00fcgung. In ihr w\u00e4chst das Original in einen gleichsam h\u00f6heren und reineren Luftkreis der Sprache hinauf, in welchem es freilich nicht auf die Dauer zu leben vermag, wie es ihn auch bei weitem nicht in allen Teilen seiner Gestalt erreicht, auf den es aber dennoch in einer wunderbar eindringlichen Weise wenigstens hindeutet als auf den vorbestimmten, versagten Vers\u00f6hnungs- und Erf\u00fcllungsbereich der Sprachen. Den erreicht es nicht mit Stumpf und Stiel, aber in ihm steht dasjenige, was an einer \u00dcbersetzung mehr ist als Mitteilung. Genauer l\u00e4\u00dft sich dieser wesenhafte Kern als dasjenige bestimmen, was an ihr selbst nicht wiederum \u00fcbersetzbar ist. Mag man n\u00e4mlich an Mitteilung aus ihr entnehmen, soviel man kann und dies \u00fcbersetzen, so bleibt dennoch dasjenige unber\u00fchrbar zur\u00fcck, worauf die Arbeit des wahren \u00dcbersetzers sich richtete. Es ist nicht \u00fcbertragbar wie das Dichterwort des Originals, weil das Verh\u00e4ltnis des Gehalts zur Sprache v\u00f6llig verschieden ist in Original und \u00dcbersetzung. Bilden n\u00e4mlich diese im ersten eine gewisse Einheit wie Frucht und Schale, so umgibt die Sprache der \u00dcbersetzung ihren Gehalt wie ein K\u00f6nigsmantel in weiten Falten. Denn sie bedeutet eine h\u00f6here Sprache als sie ist und bleibt dadurch ihrem eigenen Gehalt gegen\u00fcber unangemessen, gewaltig und fremd. Diese Gebrochenheit verhindert jede \u00dcbertragung, wie sie sie zugleich er\u00fcbrigt. Denn jede \u00dcbersetzung eines Werkes aus einem bestimmten Zeitpunkt der Sprachgeschichte repr\u00e4sentiert hinsichtlich einer bestimmten Seite seines Gehaltes diejenigen in allen \u00fcbrigen Sprachen. \u00dcbersetzung verpflanzt also das Original in einen wenigstens insofern \u2013 ironisch \u2013 endg\u00fcltigeren Sprachbereich, als es aus diesem durch keinerlei \u00dcbertragung mehr zu versetzen ist, sondern in ihn nur immer von neuem und an andern Teilen erhoben zu werden vermag. Nicht umsonst mag hier das Wort \u203aironisch\u2039 an Gedankeng\u00e4nge der Romantiker erinnern. Diese haben vor andern Einsicht in das Leben der Werke besessen, von welchem die \u00dcbersetzung eine h\u00f6chste Bezeugung ist. Freilich haben sie diese als solche kaum erkannt, vielmehr ihre ganze Aufmerksamkeit der Kritik zugewendet, die ebenfalls ein wenn auch geringeres Moment im Fortleben der Werke darstellt. Doch wenn auch ihre Theorie auf \u00dcbersetzung kaum sich richten mochte, so ging doch ihr gro\u00dfes \u00dcbersetzungswerk selbst mit einem Gef\u00fchl von dem Wesen und der W\u00fcrde dieser Form zusammen. Dieses Gef\u00fchl \u2013 darauf deutet alles hin \u2013 braucht nicht notwendig im Dichter am st\u00e4rksten zu sein; ja es hat in ihm als Dichter vielleicht am wenigsten Raum. Nicht einmal die Geschichte legt das konventionelle Vorurteil nahe, demzufolge die bedeutenden \u00dcbersetzer Dichter und unbedeutende Dichter geringe \u00dcbersetzer w\u00e4ren. Eine Reihe der gr\u00f6\u00dferen wie Luther, Vo\u00df, Schlegel sind als \u00dcbersetzer ungleich bedeutender denn als Dichter, andere unter den gr\u00f6\u00dften, wie H\u00f6lderlin und George, nach dem ganzen Umfang ihres Schaffens unter dem Begriff des Dichters allein nicht zu fassen. Zumal nicht als \u00dcbersetzer. Wie n\u00e4mlich die \u00dcbersetzung eine eigene Form ist, so l\u00e4\u00dft sich auch die Aufgabe des \u00dcbersetzers als eine eigene fassen und genau von der des Dichters unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie besteht darin, diejenige Intention auf die Sprache, in die \u00fcbersetzt wird, zu finden, von der aus in ihr das Echo des Originals erweckt wird. Hierin liegt ein vom Dichtwerk durchaus unterscheidender Zug der \u00dcbersetzung, weil dessen Intention niemals auf die Sprache als solche, ihre Totalit\u00e4t, geht, sondern allein unmittelbar auf bestimmte sprachliche Gehaltszusammenh\u00e4nge. Die \u00dcbersetzung aber sieht sich nicht wie die Dichtung gleichsam im innern Bergwald der Sprache selbst, sondern au\u00dferhalb desselben, ihm gegen\u00fcber und ohne ihn zu betreten ruft sie das Original hinein, an demjenigen einzigen Orte hinein, wo jeweils das Echo in der eigenen den Widerhall eines Werkes der fremden Sprache zu geben vermag. Ihre Intention geht nicht allein auf etwas anderes als die der Dichtung, n\u00e4mlich auf eine Sprache im ganzen von einem einzelnen Kunstwerk in einer fremden aus, sondern sie ist auch selbst eine andere: die des Dichters ist naive, erste, anschauliche, die des \u00dcbersetzers abgeleitete, letzte, ideenhafte Intention. Denn das gro\u00dfe Motiv einer Integration der vielen Sprachen zur einen wahren erf\u00fcllt seine Arbeit. Dies ist aber jene, in welcher zwar die einzelnen S\u00e4tze, Dichtungen, Urteile sich nie verst\u00e4ndigen \u2013 wie sie denn auch auf \u00dcbersetzung angewiesen bleiben \u2013, in welcher jedoch die Sprachen selbst miteinander, erg\u00e4nzt und vers\u00f6hnt in der Art ihres Meinens, \u00fcbereinkommen. Wenn anders es aber eine Sprache der Wahrheit gibt, in welcher die letzten Geheimnisse, um die alles Denken sich m\u00fcht, spannungslos und selbst schweigend aufbewahrt sind, so ist diese Sprache der Wahrheit \u2013 die wahre Sprache. Und eben diese, in deren Ahnung und Beschreibung die einzige Vollkommenheit liegt, welche der Philosoph sich erhoffen kann, sie ist intensiv in den \u00dcbersetzungen verborgen. Es gibt keine Muse der Philosophie, es gibt auch keine Muse der \u00dcbersetzung. Banausisch aber, wie sentimentale Artisten sie wissen wollen, sind sie nicht. Denn es gibt ein philosophisches Ingenium, dessen eigenstes die Sehnsucht nach jener Sprache ist, welche in der \u00dcbersetzung sich bekundet. \u00bbLes langues imparfaites en cela que plusieurs, manque la supr\u00eame: penser \u00e9tant \u00e9crire sans accessoires, ni chuchotement mais tacite encore l&#8217;immortelle parole, la diversit\u00e9, sur terre, des idiomes emp\u00eache personne de prof\u00e9rer les mots qui, sinon se trouveraient, par une frappe unique, elle-m\u00eame mat\u00e9riellement la v\u00e9rit\u00e9.\u00ab Wenn, was in diesen Worten Mallarm\u00e9 gedenkt, dem Philosophen streng erme\u00dfbar ist, so steht mit ihren Keimen solcher Sprache die \u00dcbersetzung mitten zwischen Dichtung und der Lehre. Ihr Werk steht an Auspr\u00e4gung diesen nach, doch es pr\u00e4gt sich nicht weniger tief ein in die Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erscheint die Aufgabe des \u00dcbersetzers in solchem Licht, so drohen die Wege ihrer L\u00f6sung sich um so undurchdringlicher zu verfinstern. Ja, diese Aufgabe: in der \u00dcbersetzung den Samen reiner Sprache zur Reife zu bringen, scheint niemals l\u00f6sbar, in keiner L\u00f6sung bestimmbar. Denn wird einer solchen nicht der Boden entzogen, wenn die Wiedergabe des Sinnes aufh\u00f6rt, ma\u00dfgebend zu sein? Und nichts anderes ist ja \u2013 negativ gewendet \u2013 die Meinung alles Vorstehenden. Treue und Freiheit \u2013 Freiheit der sinngem\u00e4\u00dfen Wiedergabe und in ihrem Dienst Treue gegen das Wort \u2013 sind die althergebrachten Begriffe in jeder Diskussion von \u00dcbersetzungen. Einer Theorie, die anderes in der \u00dcbersetzung sucht als Sinnwiedergabe, scheinen sie nicht mehr dienen zu k\u00f6nnen. Zwar sieht ihre herk\u00f6mmliche Verwendung diese Begriffe stets in einem unaufl\u00f6slichen Zwiespalt. Denn was kann gerade die Treue f\u00fcr die Wiedergabe des Sinnes eigentlich leisten? Treue in der \u00dcbersetzung des einzelnen Wortes kann fast nie den Sinn voll wiedergeben, den es im Original hat. Denn dieser ersch\u00f6pft sich nach seiner dichterischen Bedeutung f\u00fcrs Original nicht in dem Gemeinten, sondern gewinnt diese gerade dadurch, wie das Gemeinte an die Art des Meinens in dem bestimmten Worte gebunden ist. Man pflegt dies in der Formel auszudr\u00fccken, da\u00df die Worte einen Gef\u00fchlston mit sich f\u00fchren. Gar die W\u00f6rtlichkeit hinsichtlich der Syntax wirft jede Sinneswiedergabe vollends \u00fcber den Haufen und droht geradenwegs ins Unverst\u00e4ndliche zu f\u00fchren. Dem neunzehnten Jahrhundert standen H\u00f6lderlins Sophokles-\u00dcbersetzungen als monstr\u00f6se Beispiele solcher W\u00f6rtlichkeit vor Augen. Wie sehr endlich Treue in der Wiedergabe der Form die des Sinnes erschwert, versteht sich von selbst. Demgem\u00e4\u00df ist die Forderung der W\u00f6rtlichkeit unableitbar aus dem Interesse der Erhaltung des Sinnes. Dieser dient weit mehr \u2013 freilich der Dichtung und Sprache weit weniger \u2013 die zuchtlose Freiheit schlechter \u00dcbersetzer. Notwendigerweise mu\u00df also jene Forderung, deren Recht auf der Hand, deren Grund sehr verborgen liegt, aus triftigeren Zusammenh\u00e4ngen verstanden werden. Wie n\u00e4mlich Scherben eines Gef\u00e4\u00dfes, um sich zusammenf\u00fcgen zu lassen, in den kleinsten Einzelheiten einander zu folgen, doch nicht so zu gleichen haben, so mu\u00df, anstatt dem Sinn des Originals sich \u00e4hnlich zu machen, die \u00dcbersetzung liebend vielmehr und bis ins Einzelne hinein dessen Art des Meinens in der eigenen Sprache sich anbilden, um so beide wie Scherben als Bruchst\u00fcck eines Gef\u00e4\u00dfes, als Bruchst\u00fcck einer gr\u00f6\u00dferen Sprache erkennbar zu machen. Eben darum mu\u00df sie von der Absicht, etwas mitzuteilen, vom Sinn in sehr hohem Ma\u00dfe absehen und das Original ist ihr in diesem nur insofern wesentlich, als es der M\u00fche und Ordnung des Mitzuteilenden den \u00dcbersetzer und sein Werk schon enthoben hat. Auch im Bereiche der \u00dcbersetzung gilt: \u1f10\u03bd \u1f00\u03c1\u03c7\u1fc6 \u1f96\u03bd \u1f41 \u03bb\u03cc\u03b3\u03bf\u03c2, im Anfang war das Wort. Dagegen kann, ja mu\u00df dem Sinn gegen\u00fcber ihre Sprache sich gehen lassen, um nicht dessen intentio als Wiedergabe, sondern als Harmonie, als Erg\u00e4nzung zur Sprache, in der diese sich mitteilt, ihre eigene Art der intentio ert\u00f6nen zu lassen. Es ist daher, vor allem im Zeitalter ihrer Entstehung, das h\u00f6chste Lob einer \u00dcbersetzung nicht, sich wie ein Original ihrer Sprache zu lesen. Vielmehr ist eben das die Bedeutung der Treue, welche durch W\u00f6rtlichkeit verb\u00fcrgt wird, da\u00df die gro\u00dfe Sehnsucht nach Spracherg\u00e4nzung aus dem Werke spreche. Die wahre \u00dcbersetzung ist durchscheinend, sie verdeckt nicht das Original, steht ihm nicht im Licht, sondern l\u00e4\u00dft die reine Sprache, wie verst\u00e4rkt durch ihr eigenes Medium, nur um so voller aufs Original fallen. Das vermag vor allem W\u00f6rtlichkeit in der \u00dcbertragung der Syntax und gerade sie erweist das Wort, nicht den Satz als das Urelement des \u00dcbersetzers. Denn der Satz ist die Mauer vor der Sprache des Originals, W\u00f6rtlichkeit die Arkade.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Treue und Freiheit der \u00dcbersetzung seit jeher als widerstrebende Tendenzen betrachtet wurden, so scheint auch diese tiefere Deutung der einen beide nicht zu vers\u00f6hnen, sondern im Gegenteil alles Recht der andern abzusprechen. Denn worauf bezieht Freiheit sich, wenn nicht auf die Wiedergabe des Sinnes, die aufh\u00f6ren soll, gesetzgebend zu hei\u00dfen? Allein wenn der Sinn eines Sprachgebildes identisch gesetzt werden darf mit dem seiner Mitteilung, so bleibt ihm ganz nah und doch unendlich fern, unter ihm verborgen oder deutlicher, durch ihn gebrochen oder machtvoller \u00fcber alle Mitteilung hinaus ein Letztes, Entscheidendes. Es bleibt in aller Sprache und ihren Gebilden au\u00dfer dem Mitteilbaren ein Nicht-Mitteilbares, ein, je nach dem Zusammenhang, in dem es angetroffen wird, Symbolisierendes oder Symbolisiertes. Symbolisierendes nur, in den endlichen Gebilden der Sprachen; Symbolisiertes aber im Werden der Sprachen selbst. Und was im Werden der Sprachen sich darzustellen, ja herzustellen sucht, das ist jener Kern der reinen Sprache selbst. Wenn aber dieser, ob verborgen und fragmentarisch, dennoch gegenw\u00e4rtig im Leben als das Symbolisierte selbst ist, so wohnt er nur symbolisierend in den Gebilden. Ist jene letzte Wesenheit, die da die reine Sprache selbst ist, in den Sprachen nur an Sprachliches und dessen Wandlungen gebunden, so ist sie in den Gebilden behaftet mit dem schweren und fremden Sinn. Von diesem sie zu entbinden, das Symbolisierende zum Symbolisierten selbst zu machen, die reine Sprache gestaltet der Sprachbewegung zur\u00fcckzugewinnen, ist das gewaltige und einzige Verm\u00f6gen der \u00dcbersetzung. In dieser reinen Sprache, die nichts mehr meint und nichts mehr ausdr\u00fcckt, sondern als ausdrucksloses und sch\u00f6pferisches Wort das in allen Sprachen Gemeinte ist, trifft endlich alle Mitteilung, aller Sinn und alle Intention auf eine Schicht, in der sie zu erl\u00f6schen bestimmt sind. Und eben aus ihr best\u00e4tigt sich die Freiheit der \u00dcbersetzung zu einem neuen und h\u00f6hern Rechte. Nicht aus dem Sinn der Mitteilung, von welchem zu emanzipieren gerade die Aufgabe der Treue ist, hat sie ihren Bestand. Freiheit vielmehr bew\u00e4hrt sich um der reinen Sprache willen an der eigenen. Jene reine Sprache, die in fremde gebannt ist, in der eigenen zu erl\u00f6sen, die im Werk gefangene in der Umdichtung zu befreien, ist die Aufgabe des \u00dcbersetzers. Um ihretwillen bricht er morsche Schranken der eigenen Sprache: Luther, Vo\u00df, H\u00f6lderlin, George haben die Grenzen des Deutschen erweitert. \u2013 Was hiernach f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von \u00dcbersetzung und Original an Bedeutung dem Sinn verbleibt, l\u00e4\u00dft sich in einem Vergleich fassen. Wie die Tangente den Kreis fl\u00fcchtig und nur in einem Punkte ber\u00fchrt und wie ihr wohl diese Ber\u00fchrung, nicht aber der Punkt, das Gesetz vorschreibt, nach dem sie weiter ins Unendliche ihre gerade Bahn zieht, so ber\u00fchrt die \u00dcbersetzung fl\u00fcchtig und nur in dem unendlich kleinen Punkte des Sinnes das Original, um nach dem Gesetze der Treue in der Freiheit der Sprachbewegung ihre eigenste Bahn zu verfolgen. Die wahre Bedeutung dieser Freiheit hat, ohne sie doch zu nennen noch zu begr\u00fcnden, Rudolf Pannwitz in Ausf\u00fchrungen gekennzeichnet, die sich in der \u00bbkrisis der europ\u00e4ischen kultur\u00ab finden und die neben Goethes S\u00e4tzen in den Noten zum \u00bbDivan\u00ab leicht das Beste sein d\u00fcrften, was in Deutschland zur Theorie der \u00dcbersetzung ver\u00f6ffentlicht wurde. Dort hei\u00dft es: \u00bbunsre \u00dcbertragungen auch die besten gehn von einem falschen grundsatz aus sie wollen das indische griechische englische verdeutschen anstatt das deutsche zu verindischen vergriechischen verenglischen, sie haben eine viel bedeutendere ehrfurcht vor den eigenen Sprachgebr\u00e4uchen als vor dem geiste des fremden werks &#8230; der grunds\u00e4tzliche irrtum des \u00fcbertragenden ist dass er den zuf\u00e4lligen stand der eignen sprache festh\u00e4lt anstatt sie durch die fremde sprache gewaltig bewegen zu lassen, er muss zumal wenn er aus einer sehr fernen sprache \u00fcbertr\u00e4gt auf die letzten elemente der sprache selbst wo wort bild ton in eins geht zur\u00fcck dringen er muss seine sprache durch die fremde erweitern und vertiefen man hat keinen begriff in welchem masze das m\u00f6glich ist bis zu welchem grade jede sprache sich verwandeln kann sprache von sprache fast nur wie mundart von mundart sich unterscheidet dieses aber nicht wenn man sie allzu leicht sondern gerade wenn man sie schwer genug nimmt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie weit eine \u00dcbersetzung dem Wesen dieser Form zu entsprechen vermag, wird objektiv durch die \u00dcbersetzbarkeit des Originals bestimmt. Je weniger Wert und W\u00fcrde seine Sprache hat, je mehr es Mitteilung ist, desto weniger ist f\u00fcr die \u00dcbersetzung dabei zu gewinnen, bis das v\u00f6llige \u00dcbergewicht jenes Sinnes, weit entfernt, der Hebel einer formvollen \u00dcbersetzung zu sein, diese vereitelt. Je h\u00f6her ein Werk geartet ist, desto mehr bleibt es selbst in fl\u00fcchtigster Ber\u00fchrung seines Sinnes noch \u00fcbersetzbar. Dies gilt selbstverst\u00e4ndlich nur von Originalen. \u00dcbersetzungen dagegen erweisen sich un\u00fcbersetzbar nicht wegen der Schwere, sondern wegen der allzu gro\u00dfen Fl\u00fcchtigkeit, mit welcher der Sinn an ihnen haftet. Hierf\u00fcr wie in jeder andern wesentlichen Hinsicht stellen sich H\u00f6lderlins \u00dcbertragungen, besonders die der beiden Sophokleischen Trag\u00f6dien, best\u00e4tigend dar. In ihnen ist die Harmonie der Sprachen so tief, da\u00df der Sinn nur noch wie eine \u00c4olsharfe vom Winde von der Sprache ber\u00fchrt wird. H\u00f6lderlins \u00dcbersetzungen sind Urbilder ihrer Form; sie verhalten sich auch zu den vollkommensten \u00dcbertragungen ihrer Texte als das Urbild zum Vorbild, wie es der Vergleich der H\u00f6lderlinschen und Borchardtschen \u00dcbersetzung der dritten pythischen Ode von Pindar zeigt. Eben darum wohnt in ihnen vor andern die ungeheure und urspr\u00fcngliche Gefahr aller \u00dcbersetzung: da\u00df die Tore einer so erweiterten und durchwalteten Sprache zufallen und den \u00dcbersetzer ins Schweigen schlie\u00dfen. Die Sophokles-\u00dcbersetzungen waren H\u00f6lderlins letztes Werk. In ihnen st\u00fcrzt der Sinn von Abgrund zu Abgrund, bis er droht in bodenlosen Sprachtiefen sich zu verlieren. Aber es gibt ein Halten. Es gew\u00e4hrt es jedoch kein Text au\u00dfer dem heiligen, in dem der Sinn aufgeh\u00f6rt hat, die Wasserscheide f\u00fcr die str\u00f6mende Sprache und die str\u00f6mende Offenbarung zu sein. Wo der Text unmittelbar, ohne vermittelnden Sinn, in seiner W\u00f6rtlichkeit der wahren Sprache, der Wahrheit oder der Lehre angeh\u00f6rt, ist er \u00fcbersetzbar schlechthin. Nicht mehr freilich um seinet-, sondern allein um der Sprachen willen. Ihm gegen\u00fcber ist so grenzenloses Vertrauen von der \u00dcbersetzung gefordert, da\u00df spannungslos wie in jenem Sprache und Offenbarung so in dieser W\u00f6rtlichkeit und Freiheit in Gestalt der Interlinearversion sich vereinigen m\u00fcssen. Denn in irgendeinem Grade enthalten alle gro\u00dfen Schriften, im h\u00f6chsten aber die heiligen, zwischen den Zeilen ihre virtuelle \u00dcbersetzung. Die Interlinearversion des heiligen Textes ist das Urbild oder Ideal aller \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=15724&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Walter_Benjamin_vers_1928.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 80. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Wir streuen \u00fcber das Jahr Prosa aus dem Benjaminschen Text-Steinbruch ein. Er war ein Gro\u00dfmeister des Aphorismus. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguit\u00e4t \u2013 was f\u00fcr Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen B\u00fchne und Zuschauerraum neu verteilte \u2013 findet sich in der Kunstform der <em>Twitteratur<\/em> wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nirgends erweist sich einem Kunstwerk oder einer Kunstform gegen\u00fcber die R\u00fccksicht auf den Aufnehmenden f\u00fcr deren Erkenntnis fruchtbar. Nicht genug, da\u00df jede Beziehung auf ein bestimmtes Publikum oder dessen Repr\u00e4sentanten vom Wege abf\u00fchrt, ist sogar der Begriff eines \u203aidealen\u2039&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/18\/uebersetzer\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":11330,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-30017","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30017","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30017"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30017\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}