{"id":29989,"date":"2015-04-13T20:11:45","date_gmt":"2015-04-13T18:11:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29989"},"modified":"2020-05-20T06:48:58","modified_gmt":"2020-05-20T04:48:58","slug":"29989","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/13\/29989\/","title":{"rendered":"Abschied von Gestern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Es empfiehlt sich, Gedichte von G\u00fcnter Grass erst mit den Augen und dann mit dem Schraubenzieher zu lesen. Sie \u00e4hneln Ikea-Regalen. Auf dem Papier sieht alles ganz einfach aus, aber wenn man das fertige Werk erst einmal auseinander genommen hat, kriegt man es einfach nicht mehr zusammen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">\u00a0Frank Schirmacher<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/COver.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"COver\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/COver.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"240\" \/><\/a>W\u00e4hrend man sich allerorten mit der Gesinnungs\u00e4sthetik der engagierten Literatur aus der altern BRD auseinandersetzt, konzentriert sich KUNO auf den Lyriker. In seinem letzten Gedichtband <em>Dummer August<\/em> reitet G\u00fcnter Grass Attacken gegen die ver\u00f6ffentlichte Meinung. Er fertigt sein Publikum ab mit stammtischhaften, leicht paranoiden Klischees von einer verschworenen Presse, die Vernichtungskampagnen gegen ihn f\u00fchre. In seiner Altersenilit\u00e4t ist dieser Gebi\u00dftr\u00e4ger nicht in der Lage Lyrik und Abrechnung auseinander zu halten. Diese Gedichte inkarnieren so ziemlich alles, wogegen seit den 1960-er Jahren eine inspirierte Lyrik in Westdeutschland antrat: Gegen den Mi\u00dfbrauch des Verses als Zeilenbrecher f\u00fcr poesie\u00e4rmste Beobachtungsprosa, die Aufbl\u00e4hung eines mitteilungsarmen &#8222;Ich&#8220; zur Repr\u00e4sentanz\u2013Monstranz, gegen die weitgehende Abwesenheit formaler Rafinessen, gegen Phantasiearmut, Banalit\u00e4tshuberei und die Nobilitierung des R\u00e4sonnements im Gedicht. Erstaunlich ist es schon, da\u00df jemand, der das Privileg besitzt, lebendig im Arbeitskontakt mit nachwachsenden Schriftstellern zu stehen und reflektiert genug sein d\u00fcrfte, die Entwicklungen deutschsprachiger Lyrik zur Kenntnis zu nehmen, unbeirrbar einem poetologischen Ansatz folgt, dessen Anachronismus inzwischen grell zutage tritt. Indem er sich &#8211; scheinbar &#8211; nach Innen wendet und sein Innerstes nach au\u00dfen kehrt, indem er nur noch als lyrische Empfindsamkeit auftritt, an der jeder Einwand, alle Kritik, jedes Argument zuschanden geht, will er einen Standpunkt \u00fcber allen anderen einnehmen. In Gestalt seiner Gedichte soll die Kunst siegen, soll sie das letzte Wort gegen die Zeitungen haben. Grass textet:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Nie zu sp\u00e4t wird, was war und ist, beim Namen genannt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur, da\u00df es zu sp\u00e4t sei, hatte ja niemand behauptet. Alle fragten und fragen, warum so sp\u00e4t. Grass&#8216; Antwort ist auch nach einigem Nachdenken die gleiche geblieben:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Es dauerte, bis ich W\u00f6rter fand f\u00fcr das vernutzte Wort Scham.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr einen Autor seiner Reputation <em>fand<\/em> er W\u00f6rter, sie verdeckten mit ihnen die Scham, sie kl\u00e4rten nicht \u00fcber sie auf. Auf Reime verzichtet G\u00fcnter Grass in diesem Buch, ob es sich bei seinen Versen hingegen um Gedichte handelt, ist eine andere Frage. Zu apologetisch, zu selbstgewi\u00df, zu sehr auf die Rechtfertigung seiner selbst bedacht sind viele dieser Zeilen. Das politisch-moralische Terrain ist unwegsam; der Sinn f\u00fcr die Ambivalenzen von Erinnerung wird oft durch Urteilsfreudigkeit verbaut. Mit dieser, zu Zeilen gebrochenen Altherrenprosa ist Grass l\u00e4ngst aus der Welt gefallen. Nun hat ihn auch das Zeitliche ereilt. KUNO trauert, wie um jeden anst\u00e4ndigen Mann.<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die durchg\u00e4ngige Attit\u00fcde des Entlarvens ist schal geworden; sie hat sich intellektuell nicht weiterentwickelt, sich als Aufkl\u00e4rung nicht selbst reflektiert angesichts einer gewandelten Welt. Es schaut so aus, als h\u00e4tte die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/17\/smells-like-gerontokratie\/\">Rekanonisierung<\/a> dieses Autor bereits zu Lebzeiten begonnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es empfiehlt sich, Gedichte von G\u00fcnter Grass erst mit den Augen und dann mit dem Schraubenzieher zu lesen. Sie \u00e4hneln Ikea-Regalen. 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