{"id":29726,"date":"2021-03-18T00:00:36","date_gmt":"2021-03-17T23:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29726"},"modified":"2022-03-05T13:32:10","modified_gmt":"2022-03-05T12:32:10","slug":"wahlsieger-d-mark","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/18\/wahlsieger-d-mark\/","title":{"rendered":"Wahlsieger: D-Mark"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Es wird keine DDR mehr geben.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Stefan Heym<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 18. M\u00e4rz 1990 konnten die DDR-B\u00fcrger zum ersten Mal frei ihr Parlament w\u00e4hlen. Es ist keine Zufall, da\u00df A.J. Weigonis Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=506\">Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/a> zwischen dem 9. November und dem 18. M\u00e4rz 1990 spielt, denn November 1989 und M\u00e4rz 1990 komprimiert sich deutsche Geschichte unter dem Druck der Ereignisse.\u00a0Dieser\u00a0Romancier verdichtet Realit\u00e4tsfragmente zu Poesie. Er artikuliert ein nicht\u00adpropagandistisches Sprechen, eine Erinnerungs- und Beschreibungssprache, die sich abhebt von dem, was man \u00fcber die sogenannte <i>Wiedervereinigung<\/i> lesen mu\u00dfte. In <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21500\" data-blogger-escaped-data-mce-href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21500\"><i>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/i><\/a> durchdringt er die Realit\u00e4t vom ersten bis zum letzten Kapitel, zeigt Widerspr\u00fcche auf, und weist poetisch aus, wie sich Individuen im geschichtlichen Umbruch verhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00a0<span style=\"color: #888888;\">Hier ist er also, der gro\u00dfe Zeitroman f\u00fcr Marcel Reich-Ranicki.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"color: #888888;\"> Wend K\u00e4ssens, NDR 3, Literatur vor Mitternacht<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Abk\u00fcrzung BRD wurde im <em>Kalten Krieg<\/em> f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland als eine nicht offizielle Abk\u00fcrzung verwendet, mitunter im wissenschaftlichen und insbesondere politischen Kontext analog zum K\u00fcrzel &#8222;DDR&#8220; w\u00e4hrend der Epoche von 1949 bis 1990.<sup id=\"cite_ref-1\"> <\/sup>Es geh\u00f6rt zu den Paradoxien der Gesellschaftskritik, da\u00df sie in sp\u00fcrbarer Retromanie jener vorglobalisierten &#8222;BRD&#8220; hinterher trauert, die sich doch selbst mit derselben Betroffenheitsrhetorik <em>soziale K\u00e4lte<\/em>, <em>Umweltverschmutzung<\/em> und <em>kapitalistischen Wildwuchs<\/em> vorwarf. Wer Geschichte zum Zwecke politischer Bildung &#8211; und das bedeutet: der Sch\u00e4rfung politischer Urteilskraft &#8211; betreiben will, mu\u00df sich klarmachen, da\u00df konsequente Historisierung eine Vorbedingung daf\u00fcr ist, die Verf\u00fchrungskraft von Ideologien richtig einzusch\u00e4tzen. In der nostalgischen R\u00fcckschau auf 1989 haben sich die Illusionen der postbourgeoisen Arrieregarde jener Jahre in ihre K\u00f6pfe einzementiert. Der Sozialismus, so geht die oft erz\u00e4hlte Legende, bestand haupts\u00e4chlich aus fr\u00f6hlichem Jugendleben. H\u00e4ssliche Hosen, aber gewagten Dissidentenpartys. Wenig Freiheit, aber viel Sex. Wo die Liebe in die Krise ger\u00e4t, ger\u00e4t die ganze Welt an den Rand des Abgrunds. Und umkehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Weigoni hat eine Sprache f\u00fcr etwas gefunden hat, was sprachlos macht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Z\u00e4suren sind die Scheren der Geschichte; sie schneiden zumiest tief ein. Poesie und Politik das sind die Pole, zwischen denen sich dieser Roman bewegt. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weigoni\">A. J. Weigoni<\/a> stellt die Welt auf die Verg\u00e4nglichkeitsprobe. Er arbeitet in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> einen Katalog von Sinnesdaten ab, erz\u00e4hlt nicht nur, er deutet die Welt und ist dabei mit allen Wassern aktueller Theorie gewaschen ist. Die Hauptfigur Moritz \u00e4hnelt in gewisser Weise Melchior Sternfels von Fuchshaim, dem Heldem in Grimmelshausen \u201eSimplicissimus\u201c, er stolpert von einem Unheil ins n\u00e4chste. Atemlos folgt man den Verwicklungen und aberwitzigen Verwinkelungen, den Verlusten und dann wieder fast zu fantastischen Gl\u00fccksf\u00e4llen dieses rastlosen Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Die unwahrscheinlichsten Gespr\u00e4che, die hier gef\u00fchrt werden, sind w\u00f6rtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zitiert Weigoni eingangs ein Motto vom Godfather des Aphorismus, Karl Kraus. Die Kunst dieses singul\u00e4ren Werks besteht also darin, das Geh\u00f6rte, Gelesene, Aufgeschnappte oder an entlegenen Stellen Entdeckte so in konkrete Situationen einzubetten, da\u00df wir zu Augenzeugen werden. In <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=506\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> ist alles literarische Erfindung, aber eine der glaubw\u00fcrdigsten, schrecklichsten und wundervollsten. Weigoni wei\u00df genau, wie er verz\u00f6gert oder beschleunigt und wovon er schweigt. Seine Moral ist die Fortf\u00fchrung der Erz\u00e4hlung mit anderen Mitteln; sein Humor ist urteilslose Vollstreckung. Mit knappen Wendungen st\u00f6\u00dft er Assoziationsketten an und erz\u00e4hlt fast s\u00fcffig von Identit\u00e4t und Liebe, Vergeblichkeit und Verwandlung. Die Wahrheiten in diesem Buch sind unendlich viel zahlreicher als die Irrt\u00fcmer, der Mut ist viel gr\u00f6\u00dfer, als es die Dummheiten und Fehler sind. Aber die Verbindung von beidem macht es zu einem wahrhaftigen, beeindruckenden Dokument \u00fcber die K\u00e4mpfe in den Jahren der so genannten Wende. Literatur wird zu einem Passierschein in eine M\u00f6glichkeitswelt. Dieser Roman ist die Geschichte einer Erl\u00f6sung durch das Erz\u00e4hlen. Der Leser steigt nach der Lekt\u00fcre als Profiteur heraus, um es mit einem Klassiker zu sagen: &#8222;Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, braucht man auch nicht einmal lesen.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\n<div id=\"attachment_98410\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98410\" class=\"wp-image-98410 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/RomanCoverMotiv-e1645710376253.jpg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98410\" class=\"wp-caption-text\">Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zur historischen Abfolge, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\">Einf\u00fchrung<\/a>.\u00a0Eine Rezension von Jo Wei\u00df findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24394\">hier<\/a>. Einen Essay von Regine M\u00fcller lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">hier<\/a>. Beim <em>vordenker<\/em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/09\/lebensabschnittsgefaehrten\/\">entdeckt<\/a> Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/26\/parallelfuehrung-der-liebesverhaeltnisse\/\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu <em>Jahrestage<\/em> von Uwe Johnson wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">hier<\/a> gezogen. Die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26315\">hier<\/a> thematisiert. In der Neuen Rheinischen Zeitung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/13\/liebe-sinnlich-ideologisch\/\">w\u00fcrdigt<\/a> Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verf\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wird keine DDR mehr geben. Stefan Heym Am 18. M\u00e4rz 1990 konnten die DDR-B\u00fcrger zum ersten Mal frei ihr Parlament w\u00e4hlen. Es ist keine Zufall, da\u00df A.J. Weigonis Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet zwischen dem 9. November und dem 18. M\u00e4rz&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/18\/wahlsieger-d-mark\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":98410,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-29726","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29726","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29726"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29726\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101481,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29726\/revisions\/101481"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98410"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29726"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29726"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29726"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}