{"id":2955,"date":"2009-01-18T00:01:58","date_gmt":"2009-01-17T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=2955"},"modified":"2022-03-06T13:40:24","modified_gmt":"2022-03-06T12:40:24","slug":"i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/i\/","title":{"rendered":"I"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blinklicht. Zuerst sieht Max sie an einer Ampel. Auf dem rechten Bein stehend, den Fuss ihres linken Beins in der bestrumpften Kniekehle angewinkelt, an die rechte Kniescheibe gelehnt. Sie erinnert in ihrer fragilen Statik an einen Wasservogel mit hohen Stelzen, geknicktem Schnabel und karminrotem Gefieder, der sich mit Anmut inmitten einer zweibeinigen Menschenmenge h\u00e4lt, die mit spitzen Ellenbogen die f\u00f6rderlichste Startposition unter sich ausmacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zoom. Als Ethnograf der Libido richten sich seine Wimpern magnetisch nach ihr aus wie Metallsp\u00e4ne. <em>R\u00e4tselwesen <\/em>sind f\u00fcr Max anziehend, wenn sie bei ihm das Gef\u00fchl verursachen, dass sie ihm ganz vertraut sind, und desgleichen \u00e4usserst enigmatisch, dass er ihnen unendlich nah ist, und sie doch \u00fcberhaupt nicht kennt; er f\u00fchlt sich zu ihr hingezogen, weil sie etwas sehr Intimes verstr\u00f6mt; zugleich ist sie v\u00f6llig entr\u00fcckt und unnahbar. Max m\u00f6chte die Zeit einfrieren, um die Tiefe eines Moments, \u00e4hnlich wie auf einem Foto, auszuloten, um das Motiv mit dem Sucher ausforschen zu k\u00f6nnen. Seine Mitmenschen folgen den Bildern der Medien. Sie erzeugen <em>Nachbilder<\/em>. Nach dem Bild ist vor dem Bild. Je l\u00e4nger die Belichtungszeit seiner \u00dcberlegungen dauert, desto mehr Menschen w\u00fcrden aus diesem Bild verschwinden\u2026 aber es w\u00fcrden auch andere hineintreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Action. Die Lichtzeichenanlage legt von einem roten Symbol \u00fcber einen gelben Querbalken auf ein gr\u00fcnes Ampelm\u00e4nnchen um. Der Summer der Blindenampel gibt das akustische Freigabesignal. Mit dem Klopfzeichen gibt die Taktfrequenz das Tempo f\u00fcr die Schritte vor. Immer mehr Menschen setzen ihren K\u00f6rper im \u00f6ffentlichen Raum als Schneepflug ein. Der Mob seiner Strassenseite menschelt nicht mehr, sie <em>\u00fcbermenscheln <\/em>und st\u00fcrmen auf das Volk der anderen Seite los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elaboriertes Achselzucken. Unverletzt erreicht der Plebs beider Seiten das rettende Ufer, um sich sofort wieder in verschiedene Richtungen zu vereinzeln und den Aufgaben des allt\u00e4glichen Lebens nachzugehen. Keine Magie des Alltags h\u00e4lt den bunten Vogel von sich selbst ab. Die Rush\u2013Hour brandet erneut los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Exerzitien der urteilsf\u00e4higen Klarsicht: Stadtlandschaft, so weit das Auge reicht\u2026 Max geh\u00f6rt zu den kultivierten Sinnsuchern, changierend zwischen depressiver Weltverneinung und rhetorischem Charme, verweigert er den Aufstieg. Seine Mitmenschen leben ein verlorenes Leben in zweckentfremdeten St\u00e4dten. Ihr Aktionsradius ist mit dem Gesichtskreis abgezirkelt. Die Reichweite endet am Horizont. Die Gedankenwelt von Max geht \u00fcber den Radius hinaus. Sein Denken gr\u00fcndet sich im Staunen, es umspielt einen Kernbestand der Tradition, verspricht sich eine Freiheit vom Gelernten. Hinter der Sichtgrenze erahnt er den Umschlag einer faktischen Realit\u00e4t in einen irrealen Schwebezustand. Dort gestaltet er nicht Objekte, er strukturiert Wahrnehmungen. Je n\u00e4her er nach dem Absch\u00fctteln der Angststarre einer Szenerie in der Betrachtung kommt, desto weniger sieht er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Filmriss. Als er versucht, den Flamingo auszumachen, findet er ihn nicht mehr. Die Erinnerung des vorherigen Bildes wirft den Schatten auf das n\u00e4chste Motiv. Es erscheint ihm v\u00f6llig absurd, die Wirklichkeit akribisch nachahmen zu wollen. Das eindrucksvollste Ding im Universum ist f\u00fcr Max das menschliche Gehirn. Also gebraucht er seinen Einfallsreichtum, denkt sich etwas aus und verl\u00e4sst sich nicht mehr ausschliesslich auf die Bilder zwischen den Wimpernschl\u00e4gen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Blinklicht. Zuerst sieht Max sie an einer Ampel. Auf dem rechten Bein stehend, den Fuss ihres linken Beins in der bestrumpften Kniekehle angewinkelt, an die rechte Kniescheibe gelehnt. 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