{"id":2949,"date":"2005-06-05T00:01:00","date_gmt":"2005-06-04T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=2949"},"modified":"2021-12-09T14:43:08","modified_gmt":"2021-12-09T13:43:08","slug":"botschaften-aus-dem-land-der-morgenstille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/06\/05\/botschaften-aus-dem-land-der-morgenstille\/","title":{"rendered":"Botschaften aus dem Land der Morgenstille"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Close your eyes and see&#8220;, forderte Nam June Paik mit der Installation &#8222;Global Groove&#8220; und fordert eine innere Versenkung als die Abkehr von der Oberfl\u00e4chlichkeit. Paiks Aufforderung l\u00e4sst sich auch im Medienzeitalter verstehen: als Einladung n\u00e4mlich, allt\u00e4gliche Bilder und Gedanken eine Zeit lang auszublenden, um die Sinne f\u00fcr etwas anderes, Neues oder auch &#8222;unerh\u00f6rt Visuelles&#8220; zu sch\u00e4rfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/CoverUn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2950\" title=\"CoverUn\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/CoverUn.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/CoverUn.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/CoverUn-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Im alten Korea gab die Liebe zur Poesie den Ma\u00dfstab daf\u00fcr ab, ob jemand gebildet war oder nicht. Heute werden Kenntnisse der Lyrik nur f\u00fcr die Schulpr\u00fcfungen ben\u00f6tigt, was gewiss einen Abstieg bedeutet. Die Gegenwart ist mehr das Zeitalter der Prosa, besonders der Romane, so dass die Lyrik immer mehr an Bedeutung verliert. Trotzdem erfreut sich die Lyrik in Korea im Vergleich zu den deutsch- und englischsprachigen L\u00e4ndern dank der Tradition einer grossen Beliebtheit. In der koreanischen Gegenwartslyrik lassen sich zwei grosse Richtungen ausmachen. Die eine zielt darauf, die traditionelle Lyrik durch neue Sujets und Stilelemente behutsam zu bereichern und zu erneuern. Man will so die Kontinuit\u00e4t der alten Lyriktradition erhalten. Die andere stellt dieses Bestreben als solches in Frage. Vor allem die junge Generation zeigt wenig Interesse an \u00dcberliefertem. Vergleichbar ist vielleicht die heutige Entwicklung in Korea mit dem Aufkommen des Expressionismus um 1900 in Deutschland. Die jungen koreanischen Lyriker scheinen wenig an der Interaktion mit den Lesern interessiert zu sein. Diese Entwicklung versch\u00e4rft die gegenw\u00e4rtige Krise der Lyrik zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem Lee Gi-Hyung die Wiedervereinigung Korea beschw\u00f6rt, verausgabt er sich im Suchen des Gesagten, der sich ersch\u00f6pft hat am tosenden L\u00e4rm der Welt. Die wahre Trag\u00f6die ist es, keinen Ort zu haben als im Wort, in der selbst erschaffenen Sprache, und diesen einzigen Ort zu verlieren noch vor dem physischen Tod, verstummt oder vergessen zu sein. Dieser Lyriker beschw\u00f6rt die Verschwundenen und Seelenverwundeten der koreanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, er sucht die Vergessenen und die Unvergessenen, die von den Geliebten Verlassenen und die von allen guten Geistern liegengelassenen. Er hantiert mit verschiedenen Wahrheiten und Irrt\u00fcmern der Geschichte. Die Beschleunigung der Lebenszyklen macht unkenntlich, was aus der Zeitperspektive der Jugend noch als Gewinn verbucht werden konnte: sich zum Auge der Welt machen, alles Lebendige dem Bewu\u00dftsein einverleiben, das Sammeln und Horten von zerebralen Schnappsch\u00fcssen. Lee Gi-Hyung sucht in seiner Dichtung jene, die nicht gefunden werden wollen und jene, die auf nichts Anderes hoffen; er sucht sie an den R\u00e4ndern der Geschichte. Doch dieser Lyriker sucht weiter, sucht zwischen den Zeilen und den Augenblicken. Und er sucht dabei auch sich selbst, weil er gar nicht anders kann, weil die Gedanken nicht stehen bleiben k\u00f6nnen, weil er im Stillstand nicht stehen bleiben kann, sondern nur in der Stille. Dieser Lyriker hat den Worten ihren Herzschlag abgeh\u00f6rt hat, bevor er sie in jene Welt schickte, die ihn in der Stille des \u00dcberh\u00f6rten zur\u00fccklie\u00df. Geschenkte und verlorene Zeit sind kaum noch auseinanderzuhalten, wenn sie zu Metaphern der Leere werden. Lee Gi-Hyung schl\u00e4gt in dieser eingenordeten Welt immer in die gegens\u00e4tzliche Richtung aus. Er ist jemand, der steht, wenn die anderen sich niederlassen und hocken bleiben auf ihren vier Buchstaben. Dieser Dichter sucht das Unsichtbare im Offensichtlichen, macht sich die Wahrheit unbequem, er sucht nicht nur, um zu finden, sondern findet, um zu suchen. Und nie w\u00fcrde Lee Gi-Hyung die Hoffnung aufgeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Zusammenhang erlaube ich mir abschliessend einen Hinweis auf die in Seoul geborene Woon-Jung Chei. Sie studierte Germanistik und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universit\u00e4t in D\u00fcsseldorf und nahm danach das Studium der Sozialwissenschaften an der Gerhard-Mercator-Universit\u00e4t in Duisburg auf. Neben zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen in deutschen und koreanischen Literaturzeitschriften und Anthologien hat sie mehrere B\u00fccher in Deutschland ver\u00f6ffentlicht. Ihr Anliegen ist es, dem deutschen Publikum eine Hilfe zum besseren Verst\u00e4ndnis dieser fremden Kultur zu bieten. F\u00fcr diese Kulturvermittlung bedient sich Chei aus unterschiedlichen Quellen und f\u00e4chert die kulturellen Facetten ihres Landes sehr unterschiedlich auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Die Sterne \u00fcber dem Land der V\u00e4ter<\/strong>, von Ko Un, Suhrkamp, 2005<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Woon\u2013Jung-Chei.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-75681\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Woon\u2013Jung-Chei.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Laudatio der Hungertuchpreistr\u00e4gerin Woon-Jung Chei befindet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/07\/10\/das-hungertuch-fuer-woon-jung-chei\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &#8222;Close your eyes and see&#8220;, forderte Nam June Paik mit der Installation &#8222;Global Groove&#8220; und fordert eine innere Versenkung als die Abkehr von der Oberfl\u00e4chlichkeit. 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