{"id":29271,"date":"2015-05-29T00:01:09","date_gmt":"2015-05-28T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29271"},"modified":"2022-04-02T18:08:08","modified_gmt":"2022-04-02T16:08:08","slug":"jenseits-des-urals","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/05\/29\/jenseits-des-urals\/","title":{"rendered":"Jenseits des Urals"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\"><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\"> Erst hinter dem Jenissei wird die Natur originell, gro\u00dfartig und \u00fcberw\u00e4ltigend.<\/span><\/b><\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\">Anton Tschechow<\/span><\/b><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sind die echten Sibirjaken? F\u00fcr die Autorin, eine ausgewiesene Kennerin Sibiriens (\u201eTranssibirische Eisenbahn\u201c Berlin 2002; \u201eMeine sibirische Fleckendecke\u201c, D\u00fcsseldorf 2004), leben sie an der Unteren Tunguska, dem m\u00e4chtigsten Nebenfluss des Jenissei, dort, wo n\u00f6rdlich des Ortes Turuchansk dieser \u201eDunkle Strom\u201c (vgl. den gleichnamigen Roman des sibirischen Schriftstellers Wjatscheslaw Schischkow) in gewaltigen Wasserwirbeln sich mit dem Mutterstrom vereint. In diesen ufernahen Siedlungen leben sie, die \u201egeborenen russischen Dissidenten\u201c, wie sie augenzwinkernd von sich behaupten. Sie sind so z\u00e4h wie Rentiere, abgeh\u00e4rtet von ihren Dampfb\u00e4dern, dem st\u00e4ndigen Wechsel von hei\u00df zu eiskalt,\u00a0 dem Aufenthalt bei bis 40 Grad Minus im langen sibirischen Winter und dem Kampf gegen die M\u00fcckenschw\u00e4rme in den drei Sommermonaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre wochenlange Reise von den Quellen des Jenisseis bis zu dessen M\u00fcndung im Polarmeer hat Tatjana Kuschtewskaja in elf Abschnitte gegliedert, wobei sie die Ann\u00e4herung an den l\u00e4ngsten Strom Sibiriens (rund 4300 km mit zwei klugen Bemerkungen \u00fcber den Charakter Sibiriens garniert: Wer hier weile, der sehe sich selbst von au\u00dfen, und die Reise auf dem Jenissei selbst sei eine bestimmte Art der Selbsterfahrung. Und zum zweiten: Je schneller du dich einem Ziel n\u00e4herst, umso schneller weicht es zur\u00fcck. So ausger\u00fcstet mit sibirischen Lebenserfahrungen, pr\u00e4sentiert sie ihre pers\u00f6nlichen Erlebnisse einem Leser, der sich mit mehr als hundert Schwarz-Wei\u00df-Fotografien dar\u00fcber hinaus sich auch bildliche Eindr\u00fccke verschaffen kann. Die ersten drei gro\u00dfen Etappen gehen von den Quellfl\u00fcssen des Jenisseis \u00fcber Kysyl und Abakan nach Krasnojarsk, der mit rund einer Million Einwohner drittgr\u00f6\u00dften Stadt Sibiriens. Doch bevor sie eine eingehende Beschreibung dieser Stadt zwischen Altstadt, Fluss und dem einsch\u00fcchternden Pathos der stalinistischen Architektur liefert, f\u00fchrt sie ihren Leser in das ber\u00fchmte Naturschutzgebiet Krasnojarsker S\u00e4ulen, das sich durch bizarre Felsformationen und einer einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt auszeichnet. Seit 1925 unter staatlichem Schutz stehend, besuchen es j\u00e4hrlich nach offiziellen Angaben rund 200 000 Personen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auffallend in der lebendigen Beschreibung Sibiriens durch die Autorin ist deren kritische Bewertung des bis in die j\u00fcngste Gegenwart \u201ebarbarischen Umgangs\u201c mit nat\u00fcrlichen Ressourcen und mit den Tieren, die Sibiriens Reichtum ausmachen: die W\u00f6lfe, die bis zum Ende 20. Jahrhunderts wegen ihrer angeblichen Sch\u00e4dlichkeit zu Tausenden vergiftet wurden, die Braunb\u00e4ren, deren Anzahl durch Wilderer dezimiert wurde, der Fischbestand in den gro\u00dfen Fl\u00fcssen, der aufgrund der oft ungefilterten Industrieabw\u00e4sser zur\u00fcckging. Diese Einsprengsel laden den Erz\u00e4hltext, der mit Legenden, M\u00e4rchen und Ausschnitten aus Prosatexte angereichert ist, mit Informationen auf, die dem Leser distanzierte Blicke auf eine wild-romantische und so unbekannte Landschaft erlauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die folgenden f\u00fcnf Reiseabschnitte bestehen aus den Etappen Krasnojarsk \u2013 Jenissejsk, Jenissejsk \u2013 Turuchansk, Turuchansk \u2013 Igarka, Igarka- Didunka, und Didanka nach Dikso am Polarmeer. Was alles erf\u00e4hrt der Leser \u00fcber die ethnografischen Schatzkammern in diesen weitr\u00e4umigen Gebieten? Einige Beispiele m\u00f6gen das belegen. Tatjana Kuschtewskaja erz\u00e4hlt \u00fcber eine Gemeinde von Altgl\u00e4ubigen aus dem Dorf Burni im Ewenkenkreis, die w\u00e4hrend eines schlimmen Wandbrands von ihren Nachbarn gerettet wurde, \u00fcber das harte Leben von Goldgr\u00e4bern, \u00fcber ein kleines Literaturmuseum in Podtjosowo, das dem bekannten sibirischen Schriftsteller Wiktor Astafjew gewidmet ist, \u00fcber das winzige V\u00f6lkchen der Keten, die eine pal\u00e4osibirische Sprache sprechen, \u00fcber die Schamanen, die sagenhaften Wunderheiler oder \u00fcber das Dorf Kureika, wo Stalin zwischen 1913 und 1916\u00a0 verbannt war. Dort wurde 1934 ein Stalinmuseum eingerichtet, das nach 1956 wieder aufgel\u00f6st wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu besonderen Merkmalen dieses anschaulich gestalteten Reisebuchs, dass seine Autorin ihre kritischen Eindr\u00fccke vom harten sibirischen Leben in die Bewertung ihres Gegenstands einbringt. Auf diese Weise verbinden sich \u00fcbersichtliche Darstellungen riesiger geografischer R\u00e4ume mit touristisch \u00fcberschaubaren Beschreibungen von Reisen, die mit Flussdampfern, Booten mit kundigen, einheimischen Begleitern oder auch mit gemieteten Autos durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Informationen mit Fahrpl\u00e4nen und Empfehlungen, auch f\u00fcr Einzelreisende, komplettieren den Reisef\u00fchrer so anschaulich, dass man sich w\u00fcnscht, mit der Autorin das \u201egro\u00dfe Wasser\u201c des Jenissei zu bereisen. Sie erz\u00e4hlt offenherzig, hat f\u00fcr jeden eine spezielle Reiseroute parat und spricht stets eine f\u00fcrsorgliche Warnung aus: die Taiga rings um den dunklen Strom ist verlockend, aber auch heimt\u00fcckisch, denn die Natur schl\u00e4gt zur\u00fcck, unerwartet, geheimnisvoll, r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jenissei.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89356 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jenissei-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jenissei-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jenissei-260x397.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jenissei-160x244.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jenissei.jpg 327w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>Der Jenissei \u2013 ein sibirischer Strom<\/b>, Geschichte und Geschichten von seinen Quellfl\u00fcssen bis zum Polarmeer, von Tatjana Kuschtewskaja.\u00a0Berlin (Wostok) 2014<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst hinter dem Jenissei wird die Natur originell, gro\u00dfartig und \u00fcberw\u00e4ltigend. 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