{"id":29269,"date":"2015-01-10T00:01:43","date_gmt":"2015-01-09T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29269"},"modified":"2022-05-29T11:47:24","modified_gmt":"2022-05-29T09:47:24","slug":"enzyklopaedie-der-toten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/10\/enzyklopaedie-der-toten\/","title":{"rendered":"Enzyklop\u00e4die der Toten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1935 in Subotica an der jugoslawisch-ungarischen Grenze als Sohn einer serbisch-orthodoxen Montenegrinerin und eines ungarischen Juden geborene Danilo Ki\u0161, 1989 in Paris als renommierter Dichter, Essayist und Schriftsteller verstorben, \u00fcbernimmt in der europ\u00e4ischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts in mehrerer Hinsicht eine besondere Funktion. Wie Ilma Rakusa, die Interpretin und Teil-\u00dcbersetzerin seines Werkes in ihrem Nachwort herausstellt, war Ki\u0161 ein formbewusster Autor, der \u201eForm als Suche nach einem archimedischen festen Punkt im uns umgebenden Chaos; Form als Gegengewicht zur Desorganisation der Barbarei und irrationalen Willk\u00fcr der Instinkte,\u201c (S. 894) bewertete. Seine tiefen seelischen Verwundungen nach dem traumatischen Verlust des Vaters, der 1944, wie die meisten ungarischen Juden, nach Auschwitz deportiert wurde, sowie Einsichten in das verbrecherische Wesen stalinistischer Praktiken in seinem Geburtsland erwiesen sich als die wesentlichen Sujets seiner Romane. Beide empirisch verdichteten Erlebnisfelder bildeten seit Ende der 1960er Jahre den schriftstellerischen Kern seines Schaffens. Dabei besch\u00e4ftigte ihn, wie Rakusa festh\u00e4lt, der Holocaust \u201enicht nur als historische Hypothek, sondern als Teil der Familiengeschichte.\u201c (S. 894). Stalinistische Willk\u00fcr in der titoistischen Machart erlebte Ki\u0161 nach dem Erscheinen seines Romans \u201eEin Grabmal f\u00fcr Boris Dawidowitsch\u201c (1976). Er wurde zum Gegenstand eines literarischen und zugleich politischen Prozesses gegen den Autor, der diesen bewog, nach Frankreich zu emigrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem vorliegenden \u201eFamilienzyklus\u201c, der aus f\u00fcnf Romanen mit unterschiedlichen Erz\u00e4hlerpositionen besteht, geht es in der Trilogie (\u201eFr\u00fche Leien\u201c, \u201eGarten. Asche\u201c, \u201eSanduhr) um \u201edie Rekonstruktion einer besch\u00e4digten Kindheit, um die Hommage an den in Auschwitz umgekommenen Vater und um ein Memento an das vom Nationalsozialismus zerst\u00f6rte j\u00fcdische Mitteleuropa\u201c (Rakusa). Der vierte Text, \u201eEin Grabmal f\u00fcr Boris Dawidowitsch\u201c, im Untertitel \u201eSieben Kapitel ein und derselben Geschichte\u201c, setzt sich aus einer spezifischen Perspektive mit Opfern der Stalinschen Terrorwelle in der zweiten H\u00e4lfte der 1930er Jahre auseinander. Er ist, wie Joseph Brodsky in seinem Vorwort schreibt, \u201ewie ein langes dramatisches Poem\u201c (S. 556) gebaut, in der\u00a0 \u201eder Proze\u00df der Verwandlung russischer Geschichte jener Zeit in die neue Mythologie unserer Zivilisation voll im Gange\u201c (S. 553) ist. Und diese ideologische Verblendung f\u00fchrte dazu, dass Danilo Ki\u0161 aus Belgrad emigrieren musste, obwohl keine seiner Personen in dieser fiktionalen Dokumentation jugoslawischer Herkunft waren. Vielmehr sind die Personen der Handlung treu ergebene kommunistische Revolution\u00e4re aus anderen ost- und ostmitteleurop\u00e4ischen Staaten, wie z.B. der Russe Boris Dawidowitsch Nowskij, der w\u00e4hrend der Terrorwelle 1936 bis 1940 in die F\u00e4nge des NKWD (Volkskommissariat f\u00fcr innere Angelegenheiten) geriet, der Sabotage beschuldigt wurde und im sibirischen Norilsk auf der Flucht vor seinen W\u00e4chtern sich das Leben nahm. Dieser Nowskij taucht im letzten Kapitel noch einmal auf, als er dem regimetreuen Verseschmied und \u00dcbersetzer A.A. Darmolatow 1933 einen Kuraufenthalt in Suchumi erm\u00f6glicht. Darmolatows Lebenslauf dient als Muster f\u00fcr eine \u00dcberlebensstrategie in der Stalin-Diktatur, in der auch ein Mitl\u00e4ufer, von Spitzeln umgeben, von psychischen und k\u00f6rperlichen Leiden gequ\u00e4lt, dennoch, wie der Erz\u00e4hler als Augenzeuge best\u00e4tigt, zu sp\u00e4tem Ruhm als angeblicher \u00dcbersetzer des ber\u00fchmten Versepos\u00a0 \u201eBergkranz\u201c von Petar Petrovi\u0107 Njego\u0161 kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der umfangreichste Text des Familienzirkus tr\u00e4gt den Titel \u201eEnzyklop\u00e4die der Toten\u201c. Seine auf rund 180 Seiten abgedruckten zehn Geschichten schlie\u00dfen mit einem Post Scriptum, in dem der Autor seine narrativen Konstrukte vorstellt: \u201eAlle Geschichten in diesem Buch stehen mehr oder weniger im Zeichen eines Themas, das ich metaphysisch nennen w\u00fcrde; seit dem Gilgamesch-Epos geh\u00f6rt die Frage des Todes zu den obsessiven Themen der Literatur.\u201c (S. 879) Was Danilo Ki\u0161, anschlie\u00dfend an den in seinen Romanen offenbar engen Bezug von religi\u00f6sen und weltlichen Themen mit dem Verweis auf Goethes \u201eWest-\u00f6stlicher Diwan\u201c zur Deutung seiner \u201eEnzyklop\u00e4die\u201c einbringt, pr\u00e4zisiert Ilma Rakusa in ihrem Nachwort: \u201eGegen\u00fcber Religion und kirchlicher Religiosit\u00e4t hatte Ki\u0161 seine Vorbehalte\u2013 und es geh\u00f6rt zu den Paradoxien seines Lebens, das ihm in Belgrad ein pomp\u00f6ses orthodoxes Begr\u00e4bnis ausgerichtet wurde\u00a0 -, doch der Glaube, mit seiner gegen das Vergessen\u00a0 gerichteten Kunst der Verg\u00e4nglichkeit trotzen zu k\u00f6nnen, erf\u00fcllte ihn zutiefst.\u201c (S. 905) In den tiefsten Schichten seines Bewusstseins sei er von einem metaphysischen Furor getrieben gewesen. Dabei habe er \u201eim k\u00fcnstlerischen Akt die wohl einzige M\u00f6glichkeit des Widerstands und der \u201aTransparenz\u2018\u201c (S. 906) gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu besonderen Vorz\u00fcgen des Sammelbandes, dass dessen Herausgeberin nicht nur eine hervorragende Interpretin des umfangreichen Werkes von Danilo Ki\u0161 ist, sondern den \u201eleidenschaftlichen Polemiker und hochsensiblen Melancholiker\u201c auch in dessen Pariser Exil erlebt hat. Diese beiden Eigenschaften tragen &#8211; gemeinsam mit ihrer editorischen und \u00fcbersetzerischen T\u00e4tigkeit &#8211; dazu bei, dass der Carl Hanser Verlag mit finanzieller Unterst\u00fctzung mehrerer europ\u00e4ischer Kulturfonds eine Publikation vorweisen kann, die einen besonderen literarischen Beitrag zur Aufkl\u00e4rung pathologischer Wahnsysteme in der europ\u00e4ischen Geschichte des 20. Jahrhunderts leistet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Familienzirkus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89340 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Familienzirkus-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Familienzirkus-184x300.jpg 184w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Familienzirkus-160x261.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Familienzirkus.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a><strong>Familienzirkus.<\/strong> Die gro\u00dfen Romane und Erz\u00e4hlungen von Danilo Ki\u0161. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ilma Rakusa. M\u00fcnchen (Carl Hanser Verlag) 2014<\/p>\n<div><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der 1935 in Subotica an der jugoslawisch-ungarischen Grenze als Sohn einer serbisch-orthodoxen Montenegrinerin und eines ungarischen Juden geborene Danilo Ki\u0161, 1989 in Paris als renommierter Dichter, Essayist und Schriftsteller verstorben, \u00fcbernimmt in der europ\u00e4ischen Literaturgeschichte des 20. 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