{"id":29017,"date":"2015-04-05T00:01:56","date_gmt":"2015-04-04T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29017"},"modified":"2022-05-29T04:31:40","modified_gmt":"2022-05-29T02:31:40","slug":"literarischer-widerstand-gegen-die-umstaende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/05\/literarischer-widerstand-gegen-die-umstaende\/","title":{"rendered":"Literarischer Widerstand gegen die Umst\u00e4nde"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\">\u00a0<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der in Zusammenarbeit mit der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung und dem S\u00e4chsischen Landesbeauftragten f\u00fcr Stasiunterlagen unter der Federf\u00fchrung des polnischen Germanisten Ernest Kuczynski entstandene Sammelband zeichnet sich durch ein besonderes Engagement f\u00fcr den am 9. Mai 1999 im Alter von 48 Jahren an Leuk\u00e4mie verstorbenen Lyriker, Erz\u00e4hler und Publizisten J\u00fcrgen Fuchs aus. Das Vorwort des Herausgebers hebt diesen Anspruch deutlich hervor:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMit seinem fr\u00fchen Tod hat das wiedervereinigte Deutschland nicht nur einen talentierten Schriftsteller und engagierten Menschenrechtler, sondern einen authentischen und kritischen B\u00fcrger verloren, dem Prinzipien wie Aufrichtigkeit, Widerstand und Erinnerung viel bedeuteten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig betont Kuczy\u0144ski, dass Fuchs, obwohl er in erster Linie \u201edunkle und unbekannte Facetten der DDR \u2013 den Kasernenhof, das Gef\u00e4ngnis, die Folter\u201c literarisch aufgearbeitet habe, vor allem als Oppositioneller und Dissident\u201c bis in die j\u00fcngste Gegenwart wahrgenommen werde. Diese ungleichgewichtige Rezeption war f\u00fcr den Herausgeber der Anlass, Leben und Werk von J\u00fcrgen Fuchs, der im Alter von 27 Jahren zum Staatsfeind der DDR erkl\u00e4rt wurde und von West-Berlin aus agierte, in dem breiten Spektrum von K\u00fcnstler, Publizist, Sozialarbeiter, Psychologe und Menschenrechtler aufzuarbeiten. Ergebnis seiner Bem\u00fchungen ist eine aus \u00fcber 30 Beitr\u00e4gen bestehende Publikation, die aus drei gro\u00dfen Sachkapiteln besteht. 1. J\u00fcrgen Fuchs in memoriam. 2. Engagierte Literatur der Erinnerung. 3. Biografische Stationen zwischen Ost und West. Eingeleitet durch den Beitrag der Publizistin und B\u00fcrgerrechtlerin Doris Liebermann, die unter der \u00dcberschrift \u201aLandschaften der L\u00fcge\u2018 ein Gespr\u00e4ch mit J\u00fcrgen Fuchs dokumentiert, gewinnt der Sammelband nicht zuletzt aufgrund dieser Gliederung in mehrfacher Hinsicht an Argumentationskraft. Im ersten Kapitel umrei\u00dfen die polnischen Dichter und Dissidenten Adam Zagajewski und Ryszard Krynicki, die Publizistin Helga Hirsch, der B\u00fcrgerrechtler Roland Jahn, die Weggef\u00e4hrten Lutz Rathenow, Wolfgang Templin und Hans-Joachim Sch\u00e4dlich zusammen mit dem tschechischen \u00dcbersetzer Josef Rauvolf, dem Mitgr\u00fcnder des \u201eSchutzkomitee Freiheit und Sozialismus\u201c, Karl Wilhelm Fricke, Redakteur beim Deutschlandfunk und ehemaliger H\u00e4ftling der Staatssicherheit, Esther Dischereit, Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, und Wolf Biermann ein umfassendes Profil eines au\u00dfergew\u00f6hnlich kompromisslosen und Energie geladenen Schriftstellers und B\u00fcrgerrechtlers, dessen eigentliche Bedeutung f\u00fcr die deutsche Nachkriegsgeschichte bislang nur in Ans\u00e4tzen erkennbar wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso wichtiger ist deshalb die Herausbildung einer breiten und zugleich tiefenschichtigen Rezeption des Werkes von J\u00fcrgen Fuchs, wie sie Ernest Kuczy\u0144ski zu Beginn des zweiten Kapitels unter der \u00dcberschrift \u201aLiterarischer Widerstand gegen die Umst\u00e4nde vornimmt. Er konstatiert, dass Fuchs \u201e15 Jahre nach seinem Tod in der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit einerseits verbannt und verkannt zu sein scheint, andererseits verehrt und vermisst wird.\u201c Er fungiere meist als Metapher f\u00fcr \u201eEinmischung\u201c, \u201cEhrlichkeit\u201c, \u201eWiderstand\u201c und \u201eErinnerung\u201c und sein Name werde \u00fcberwiegend nur noch bei Jubil\u00e4en und Gedenktagen benutzt. Es sei nun an der Zeit, sich eines schriftstellerischen und lyrischen Werkes anzunehmen, das im Jahr 2012 nur noch vereinzelt im Buchhandel, wie die \u201eVernehmungsprotokolle\u201c (Jaron Verlag 2009), vorr\u00e4tig war. Doch zuvor m\u00fcssten die Stationen seiner k\u00fcnstlerischen Entwicklung umfassender untersucht werden. Eine Aufgabe, der sich die bundesdeutsche Literaturwissenschaft mit anderen Fragestellungen stellen sollte. Bislang, so Kuczynski, sei die westliche Literaturkritik nur zu einseitigen Urteilen gelangt, wie z.B. dass der Autor nur Vertreter einer bestimmten Betroffenheitsliteratur sei, die spezifische \u00e4sthetische Wertigkeit seiner Texte aber kaum ber\u00fccksichtigt habe. Deshalb m\u00fcssten die Prosawerke \u201eFassonschnitt\u201c und \u201eDas Ende der Feigheit\u201c mit dem Geist staatssozialistischer Kasernenmentalit\u00e4t auseinandersetzen, so wie die multifunktionale Dokumentation \u201eMagdalena\u201c sich nicht nur mit den Zersetzungsmethoden der DDR-Geheimpolizei besch\u00e4ftige, sondern sie einer umfassenden \u00e4sthetischen Untersuchung unterzogen werden m\u00fcsse. Dazu geh\u00f6rten u.a. auch die Biografie des Autors und ein komparatistischer Forschungsansatz, der die besonderen existentiellen und politischen Bedingungen literarischen Schaffens in kommunistischen Diktaturen und deren Umbruchsituationen zwischen 1970 und 2000 ber\u00fccksichtigen m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Kapitel 2 sind vor allem Beitr\u00e4ge hervorzuheben, in denen solche innovativen Untersuchungsans\u00e4tze erkennbar sind. Herta M\u00fcllers Beitrag \u201eDer Blick der kleinen Bahnstationen\u201c setzt sich mit der psychologisch geschulten Wahrnehmung der Kasernenrealit\u00e4t aus dem Blickwinkel des Erz\u00e4hlers auseinander, der in der Person J\u00fcrgen Fuchs \u201edie Realit\u00e4tstreue sprachlich durchh\u00e4lt und\u2026 das Gew\u00f6hnliche zur Sensation (macht)\u201c. (S. 150) Seine emotionale Dokumentierung der kruden Realit\u00e4t als staatliche Ma\u00dfnahme sei in die gef\u00e4hrdete eigene Lebenszeit eingebettet. Fuchs setze die \u00e4u\u00dferen Schaupl\u00e4tze innen ein, d.h. alle Objekte der \u00e4u\u00dferen Realit\u00e4t erhalten eine innere Bedeutung. Diese Erkenntnisse untermauert Herta M\u00fcller mit zahlreichen Textausschnitten, wobei sie zu der Einsicht gelangt, dass seine Literatur \u201eemotionale Nahaufnahme des einzelnen Lebens im Sozialismus, dokumentarische Poesie\u201c sei. Helmut Frauendorfer untersucht un- ter dem Leitgedanken \u201aLyrik des sparsamen Wortes\u2018 einige Gedichte aus dem Band \u201ePappkameraden\u201c (J. Fuchs, Reinbek 1981), die keine \u00dcberschrift haben oder die mit einer Zeile in Majuskeln beginnen. Er gelangt zu der Erkenntnis, dass in Fuchs\u2018 Lyrik kein Platz (ist) f\u00fcr lyrische Eskapaden, die ablenken sollen von der eigenen Schuldhaftigkeit.\u201c Ulla Fix, Sprachwissenschaftlerin, widmet sich dem \u201eStil der \u00e4u\u00dfersten Durchsichtigkeit\u201c (Corino), der sich im Gegensatz zur Schreibweise der Prenzlauer Berg-Texte durch \u201eDirektheit, weitgehende(n) Verzicht auf Metaphern, Schlichtheit, einer Mischung aus Dokumentarischen und Literarischem\u201c auszeichne. Diese Diagnose belegt sie mit einer Vielzahl an Textanalysen, wobei sie auch den polyphonen Charakter der Texte herausarbeitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das 3. Kapitel setzt sich unter dem Stichwort \u201eLeben mit doppeltem Film\u201c mit den biografischen Stationen des J\u00fcrgen Fuchs in Ost und West auseinander. Sein langj\u00e4hriger Freund, Utz Rachowski, dokumentiert seine ersten Begegnungen mit dem aufs\u00e4ssigen Sch\u00fcler der Goethe-Oberschule in Reichenbach im Sommer 1968 unter der \u00dcberschrift \u201cDie Farben der fr\u00fchen Fuchs\u201c. Es ist eine subtile Studie, in der die Beschreibung der Farbpalette, die den tastenden Schreibversuchen des angehenden Dichters gerecht werden sollte, mit der einleuchtenden Begr\u00fcndung f\u00fcr Orange endet. Die Bauleute und Architekten hatten sie ihm \u2013 post mortem \u2013 bei der Gestaltung der Au\u00dfenw\u00e4nde der J\u00fcrgen-Fuchs-Bibliothek im vogtl\u00e4ndischen Reichenbach gegeben. Udo Scheer, der 2007 die Studie \u201eJ\u00fcrgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition\u201c publizierte, beleuchtet kenntnisreich am Beispiel der Verzahnung von literarischer Opposition und politischer Exmatrikulation das hinterh\u00e4ltige Vorgehen der staatlichen Beh\u00f6rden gegen den Psychologie-Studenten an der Universit\u00e4t in Jena. Andere Beitr\u00e4ge, wie Manfred Wilkes Bericht \u00fcber das Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus, Andreas W. Mytzes Engagement f\u00fcr die Befreiung von Fuchs aus den F\u00e4ngen der Stasi im Jahr 1977, J\u00fcrgen Serkes Studie \u00fcber des Dichters Leben auf der Grenze, Lukas Beckmanns Einsch\u00e4tzung der Einstellung des zwangsemigrierten B\u00fcrgerrechtlers zur westdeutschen Friedenbewegung und nicht zuletzt Esther Dischereits Bericht \u00fcber Lilo Fuchs, die Ehefrau von J\u00fcrgen Fuchs, komplettieren das Bild einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen, immer noch verkannten Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso wichtiger ist dieser Paperback-Band mit der Fotografie des Dichters, Publizisten und B\u00fcrgerrechtlers auf dem Titelblatt. Denn den vielen Facetten seines Lebenswerkes umfassenden Beitr\u00e4gen gelingt es, ein scharfes Profil in dem bislang vorhandenen Zerrbild von Fuchs zu entwerfen. Es verbindet literarisches Schaffen, publizistische und didaktische Aufkl\u00e4rung, radikal-humanit\u00e4res Wirken wie auch politische \u00dcberzeugung in einem engen Wechselverh\u00e4ltnis zueinander und verdeutlicht somit den im Titel der Publikation genannten Begriff des Dialogs, den Fuchs mit der zerfurchten doppelseitigen deutschen Realit\u00e4t f\u00fchrte. Damit besteht nunmehr auch f\u00fcr die germanistische Lehre die Chance, den Dichter und Erz\u00e4hler mit all seinen radikalen politischen Aussagen in den Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur aufzunehmen. Ob ihr dies gelingt, wird auch davon abh\u00e4ngen, ob sie \u00e4sthetische Fragestellungen mit fundamental linkem Denken und Handeln in Einklang bringen kann. Der Zeitpunkt, rund 15 Jahre nach dem qualvollen Ableben von J\u00fcrgen Fuchs, ist mit dem Blick auf das Anwachsen konservativer und rechtsradikaler Str\u00f6mungen ist gekommen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Im-Dialog-mit-der-Wirklichkeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-89352\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Im-Dialog-mit-der-Wirklichkeit.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"331\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Im-Dialog-mit-der-Wirklichkeit.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Im-Dialog-mit-der-Wirklichkeit-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Im-Dialog-mit-der-Wirklichkeit-160x241.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a>Im Dialog mit der Wirklichkeit<\/b> von Ernest Kuczy\u0144ski (Hg.). Ann\u00e4herungen an Leben und Werk von J\u00fcrgen Fuchs. Halle \/S. (Mitteldeutscher Verlag) 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Der in Zusammenarbeit mit der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung und dem S\u00e4chsischen Landesbeauftragten f\u00fcr Stasiunterlagen unter der Federf\u00fchrung des polnischen Germanisten Ernest Kuczynski entstandene Sammelband zeichnet sich durch ein besonderes Engagement f\u00fcr den am 9. 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