{"id":28979,"date":"2024-02-15T00:01:17","date_gmt":"2024-02-14T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28979"},"modified":"2022-02-23T17:04:54","modified_gmt":"2022-02-23T16:04:54","slug":"abendlied","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/02\/15\/abendlied\/","title":{"rendered":"Abendlied"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mond ist aufgegangen<br \/>\nDie goldnen Sternlein prangen<br \/>\nAm Himmel hell und klar:<br \/>\nDer Wald steht schwarz und schweiget,<br \/>\nUnd aus den Wiesen steiget<br \/>\nDer wei\u00dfe Nebel wunderbar.<\/p>\n<p>Wie ist die Welt so stille,<br \/>\nUnd in der D\u00e4mmrung H\u00fclle<br \/>\nSo traulich und so hold!<br \/>\nAls eine stille Kammer,<br \/>\nWo ihr des Tages Jammer<br \/>\nVerschlafen und vergessen sollt.<\/p>\n<p>Seht ihr den Mond dort stehen?<br \/>\nEr ist nur halb zu sehen,<br \/>\nUnd ist doch rund und sch\u00f6n.<br \/>\nSo sind wohl manche Sachen,<br \/>\nDie wir getrost belachen,<br \/>\nWeil unsre Augen sie nicht sehn.<\/p>\n<p>Wir stolze Menschenkinder<br \/>\nSind eitel arme S\u00fcnder,<br \/>\nUnd wissen gar nicht viel;<br \/>\nWir spinnen Luftgespinste,<br \/>\nUnd suchen viele K\u00fcnste,<br \/>\nUnd kommen weiter von dem Ziel.<\/p>\n<p>Gott, la\u00df uns dein Heil schauen,<sup id=\"cite_ref-eg_4-0\" class=\"reference\"><\/sup><br \/>\nAuf nichts verg\u00e4nglichs trauen,<br \/>\nNicht Eitelkeit uns freun!<br \/>\nLa\u00df uns einf\u00e4ltig werden,<br \/>\nUnd vor dir hier auf Erden<br \/>\nWie Kinder fromm und fr\u00f6hlich sein!<\/p>\n<p>Wollst endlich sonder Gr\u00e4men<br \/>\nAus dieser Welt uns nehmen<br \/>\nDurch einen sanften Tod,<br \/>\nUnd wenn du uns genommen,<br \/>\nLa\u00df uns in Himmel kommen,<br \/>\nDu lieber treuer frommer Gott!<\/p>\n<p>So legt euch denn, ihr Br\u00fcder,<br \/>\nIn Gottes Namen nieder!<br \/>\nKalt ist der Abendhauch.<br \/>\nVerschon\u2019 uns Gott mit Strafen,<br \/>\nUnd la\u00df uns ruhig schlafen,<br \/>\nUnd unsern kranken Nachbar auch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_100013\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100013\" class=\"wp-image-100013 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Portrait_claudius-e1645632259375.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100013\" class=\"wp-caption-text\">Matthias Claudius; Portr\u00e4t von Friederike Leisching<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abendlied\"><i>Abendlied<\/i><\/a> w\u00e4hlt Matthias Claudius einen Gattungsbegriff als Titel, der das Gedicht in den Kontext bestimmter literarischer Traditionen stellt. Auf der einen Seite ruft der Titel das Umfeld der geistlichen Ges\u00e4nge auf, auf der anderen Seite ist das Abendlied als literarische Gattung ein typisches Produkt der Reformationszeit. Typische Elemente dieser Gattung sind die Angst vor der hereinbrechenden Nacht, die Erinnerung an den zur\u00fcckliegenden Tag sowie eine Form von Andacht. Anders als bei vielen Vorg\u00e4ngern in dieser Tradition tritt bei Claudius&#8216; Abendlied eine reale, eigenst\u00e4ndige Natur in Erscheinung, die nicht mehr rein metaphorisch gelesen werden kann. Auch fehlt dem Gedicht ein (gattungstypischer) grundlegender p\u00e4dagogischer Unterton, daf\u00fcr tritt ein fortschreitender Erkenntnisprozess auf, dem der Leser folgen kann. Claudius&#8216; Abendlied kann so als Gedicht gelesen werden, das eine literarische Tradition aufruft, um sich gleichzeitig von ihr abzugrenzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Mond ist aufgegangen Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar: Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der wei\u00dfe Nebel wunderbar. 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