{"id":28553,"date":"2024-10-10T00:01:18","date_gmt":"2024-10-09T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28553"},"modified":"2022-02-21T18:25:04","modified_gmt":"2022-02-21T17:25:04","slug":"der-welt-lauf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/10\/10\/der-welt-lauf\/","title":{"rendered":"Der Welt Lauf"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Eine Legende nach Hans Sachs.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide,<br \/>\nBegegneten im Streite sich,<br \/>\nWenn von der Menschen Heil die Rede war;<br \/>\nUnd dieser nannte zwar die Gnade Gottes gro\u00df,<br \/>\nDoch w\u00e4r&#8216; er Herr der Welt, meint er,<br \/>\nW\u00fcrd&#8216; er sich ihrer mehr erbarmen.<br \/>\nDa trat zu einer Zeit, als l\u00e4ngst in beider Herzen<br \/>\nDer Streit vergessen schien und just,<br \/>\nUm welcher Ursach wei\u00df ich nicht,<br \/>\nDer Himmel oben auch voll Wolken hing,<br \/>\nDer Sanktus mi\u00dfgestimmt den Heiland an und sprach:<br \/>\n\u00bbHerr, la\u00df auf eine Handvoll Zeit<br \/>\nMich aus dem Himmelreich auf Erden niederfahren,<br \/>\nDa\u00df ich des Unmuts, der mich griff,<br \/>\nVergeh und mich einmal, von Sorgen frei, erg\u00f6tze,<br \/>\nWeil es jetzt grad&#8216; vor Fastnacht ist.\u00ab<br \/>\nDer Herr, des Streits noch sinnig eingedenk,<br \/>\nSpricht: \u00bbGut; acht Tag&#8216; geb ich dir Zeit,<br \/>\nDer Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen;<br \/>\nJedoch sobald das Fest vorbei,<br \/>\nKommst du mir zu gesetzter Stunde wieder.\u00ab<br \/>\nAcht volle Tage doch, zwei Wochen schon und mehr,<br \/>\nEin abgez\u00e4hlter Mond vergeht,<br \/>\nBevor der Sankt zum Himmel wiederkehrt.<br \/>\n\u00bbEi, Petre,\u00ab spricht der Herr, \u00bbwo weiltest du so lange?<br \/>\nGefiel&#8217;s auch nieden dir so wohl?\u00ab<br \/>\nDer Sanktus, mit noch schwerem Kopfe, spricht:<br \/>\n\u00bbAch, Herr! Das war ein Jubel unten \u2013!<br \/>\nDer Himmel selbst beseliget nicht besser.<br \/>\nDie Ernte, reich, du wei\u00dft, wie keine je gewesen,<br \/>\nGab alles, was das Herz nur w\u00fcnscht,<br \/>\nGetreide, wei\u00df und s\u00fc\u00df, Most, sag&#8216; ich dir, wie Honig,<br \/>\nFleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes;<br \/>\nKurz, von der Erde jeglichem Erzeugnis<br \/>\nZum Brechen alle Tafeln voll.<br \/>\nDa lie\u00df ich&#8217;s schier zu wohl mir sein<br \/>\nUnd h\u00e4tte bald des Himmels gar vergessen.\u00ab<br \/>\nDer Herr erwidert: \u00bbGut! Doch, Petre, sag&#8216; mir an,<br \/>\nBei soviel Segen, den ich ausgesch\u00fcttet,<br \/>\nHat man auch dankbar mein gedacht?<br \/>\nSahst du die Kirchen auch von Menschen voll?\u00ab \u2013<br \/>\nDer Sankt, best\u00fcrzt hierauf, nachdem er sich besonnen:<br \/>\n\u00bbO Herr,\u00ab spricht er, \u00bbbei meiner Liebe,<br \/>\nDen ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet,<br \/>\nNicht deinen Namen h\u00f6rt&#8216; ich nennen.<br \/>\nEin einz&#8217;ger Mann sa\u00df murmelnd in der Kirche;<br \/>\nDer aber war ein Wucherer<br \/>\nUnd hatte Korn im Herbst erstanden,<br \/>\nF\u00fcr Maus&#8216; und Ratzen hungrig aufgesch\u00fcttet.\u00ab \u2013<br \/>\n\u00bbWohlan denn,\u00ab spricht der Herr und l\u00e4\u00dft die Rede fallen,<br \/>\n\u00bbPetre, so geh! und k\u00fcnft&#8217;ges Jahr<br \/>\nKannst du die Fastnacht wiederum besuchen.\u00ab<br \/>\nDoch diesmal war das Fest kaum eingel\u00e4utet,<br \/>\nDa k\u00f6mmt der Sanktus schleichend schon zur\u00fcck.<br \/>\nDer Herr begegnet ihm am Himmelstor und ruft:<br \/>\n\u00bbEi, Petre! Sieh! Warum so traurig?<br \/>\nHat&#8217;s dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?\u00ab \u2013<br \/>\n\u00bbAch, Herr,\u00ab versetzt der Sankt, \u00bbseit ich sie nicht gesehn,<br \/>\nHat sich die Erde ganz ver\u00e4ndert.<br \/>\nDa ist&#8217;s kurzweilig nicht mehr wie vordem,<br \/>\nRings sieht das Auge nichts als Not und Jammer.<br \/>\nDie Ernte, aschewei\u00df versengt auf allen Feldern,<br \/>\nGab f\u00fcr den Hunger nicht, um Brot zu backen,<br \/>\nViel wen&#8217;ger Kuchen f\u00fcr die Luft und Stritzeln.<br \/>\nUnd weil der Herbstwind fr\u00fch der Berge Hang durchreist,<br \/>\nWar auch an Wein und Most nicht zu gedenken.<br \/>\nDa dacht&#8216; ich: was auch sollst du hier?<br \/>\nUnd kehrt&#8216; ins Himmelreich nur wieder heim.\u00ab \u2013<br \/>\n\u00bbSo!\u00ab spricht der Herr; \u00bbf\u00fcrwahr, das tut mir leid!<br \/>\nDoch sag&#8216; mir an: gedacht&#8216; man mein?\u00ab<br \/>\n\u00bbHerr, ob man dein gedacht? \u2013 Die Wahrheit dir zu sagen,<br \/>\nAls ich durch eine Hauptstadt kam,<br \/>\nFand ich zur Zeit der Mitternacht<br \/>\nVom Altarkerzenglanz, durch die Port\u00e4le strahlend,<br \/>\nDir alle M\u00e4rkt&#8216; und Stra\u00dfen hell;<br \/>\nDie Gl\u00f6ckner zogen, da\u00df die Str\u00e4nge rissen;<br \/>\nHoch an den S\u00e4ulen hingen Knaben<br \/>\nUnd hielten ihre M\u00fctzen in der Hand.<br \/>\nKein Mensch, versichr&#8216; ich dich, im Weichbild rings zu sehn<br \/>\nAls einer nur, der eine Schar<br \/>\nLasttr\u00e4ger keuchend von dem Hafen f\u00fchrte:<br \/>\nDer aber war ein Wucherer<br \/>\nUnd h\u00e4ufte Korn auf l\u00e4chelnd, fern erkauft,<br \/>\nUm von des Landes Hunger sich zu m\u00e4sten.\u00ab \u2013<br \/>\n\u00bbNun denn, o Petre,\u00ab spricht der Herr,<br \/>\n\u00bbErschaust du jetzo doch den Lauf der Welt!<br \/>\nJetzt siehst du doch, was du j\u00fcngsthin nicht glauben wolltest,<br \/>\nDa\u00df G\u00fcter nicht das Gut des Menschen sind;<br \/>\nDa\u00df mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir,<br \/>\nUnd da\u00df ich, wenn ich sie mit Not zuweilen plage,<br \/>\nMich, meiner Liebe treu und meiner Sendung,<br \/>\nNur ihrer h\u00f6hren Not erbarme.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_13049\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13049\" class=\"size-full wp-image-13049\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist2.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"280\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13049\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 f\u00fcr seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen lie\u00df<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch Heinrich von Kleist \u00dcber die allm\u00e4hliche\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13085\">Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Legende nach Hans Sachs. Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide, Begegneten im Streite sich, Wenn von der Menschen Heil die Rede war; Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes gro\u00df, Doch w\u00e4r&#8216; er Herr der Welt,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/10\/10\/der-welt-lauf\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":69,"featured_media":97919,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1084],"class_list":["post-28553","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-von-kleist"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/69"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28553"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28553\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99352,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28553\/revisions\/99352"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97919"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}