{"id":28516,"date":"2015-05-09T00:01:34","date_gmt":"2015-05-08T22:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28516"},"modified":"2021-03-18T12:27:18","modified_gmt":"2021-03-18T11:27:18","slug":"ueber-naive-und-sentimentalische-dichtung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/05\/09\/ueber-naive-und-sentimentalische-dichtung\/","title":{"rendered":"\u00dcber naive und sentimentalische Dichtung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Augenblicke in unserm Leben, wo wir der Natur in Pflanzen, Mineralien, Tieren, Landschaften, sowie der menschlichen Natur in Kindern, in den Sitten des Landvolks und der Urwelt, nicht weil sie unsern Sinnen wohl tut, auch nicht, weil sie unsern Verstand oder Geschmack befriedigt (von beiden kann oft das Gegenteil stattfinden), sondern blo\u00df weil sie Natur ist, eine Art von Liebe und von r\u00fchrender Achtung widmen. Jeder feinere Mensch, dem es nicht ganz und gar an Empfindung fehlt, erf\u00e4hrt dieses, wenn er im Freien wandelt, wenn er auf dem Land lebt oder sich bei den Denkm\u00e4lern der alten Zeiten verweilt, kurz, wenn er in k\u00fcnstlichen Verh\u00e4ltnissen und Situationen mit dem Anblick der einf\u00e4ltigen Natur \u00fcberrascht wird. Dieses nicht selten zum Bed\u00fcrfnis erh\u00f6hte Interesse ist es, was vielen unserer Liebhabereien f\u00fcr Blumen und Tiere, f\u00fcr einfache G\u00e4rten, f\u00fcr Spazierg\u00e4nge, f\u00fcr das Land und seine Bewohner, f\u00fcr manche Produkte des fernen Altertums u.dgl. zugrunde liegt; vorausgesetzt, dass weder Affektation, noch sonst ein zuf\u00e4lliges Interesse dabei im Spiel sei. Diese Art des Interesse an der Natur findet aber nur unter zwei Bedingungen statt. F\u00fcrs erste ist es durchaus n\u00f6tig, dass der Gegenstand, der uns dasselbe einfl\u00f6\u00dft, Natur sei oder doch von uns daf\u00fcr gehalten werde; zweitens, dass er (in weitester Bedeutung des Wortes) naiv sei, d.h., dass die Natur mit der Kunst im Kontrast stehe und sie besch\u00e4me. Sobald das Letzte zu dem ersten hinzukommt und nicht eher, wird die Natur zum Naiven.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Natur in dieser Betrachtungsart ist uns nichts andres als das freiwillige Dasein, das Bestehen der Dinge durch sich selbst, die Existenz nach eignen und unab\u00e4nderlichen Gesetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Vorstellung ist schlechterdings n\u00f6tig, wenn wir an dergleichen Erscheinungen Interesse nehmen sollten. K\u00f6nnte man einer gemachten Blume den Schein der Natur mit der vollkommensten T\u00e4uschung geben, k\u00f6nnte man die Nachahmung des Naiven in den Sitten bis zur h\u00f6chsten Illusion treiben, so w\u00fcrde die Entdeckung, dass es Nachahmung sei, das Gef\u00fchl, von dem die Rede ist, g\u00e4nzlich vernichten<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#2%29\"><sup>2)<\/sup><\/a>. Daraus erhellt, dass diese Art des Wohlgefallens an der Natur kein \u00e4sthetisches<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/aesthetisch.htm\"><sup>*<\/sup><\/a>, sondern ein moralisches ist: Denn es wird durch eine Idee vermittelt, nicht unmittelbar durch Betrachtung erzeugt; auch richtet es sich ganz und gar nicht nach der Sch\u00f6nheit der Form. Was h\u00e4tte auch eine unscheinbare Blume, eine Quelle, ein bemooster Stein, das Gezwitscher der V\u00f6gel, das Summen der Bienen usw. f\u00fcr sich selbst so Gef\u00e4lliges f\u00fcr uns? Was k\u00f6nnte ihm gar einen Anspruch auf unsere Liebe geben? Es sind nicht diese Gegenst\u00e4nde, es ist eine durch sie dargestellte Idee, was wir in ihnen lieben. Wir lieben in ihnen das stille schaffende Leben, das ruhige Wirken aus sich selbst, das Dasein nach eigenen Gesetzen, die innere Notwendigkeit, die ewige Einheit mit sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sind, was wir waren; sie sind, was wir wieder werden sollen. Wir waren Natur, wie sie, und unsere Kultur soll uns, auf dem Weg der Vernunft und der Freiheit, zur Natur zur\u00fcckf\u00fchren. Sie sind also zugleich Darstellung unsrer verlornen Kindheit, die uns ewig das Teuerste bleibt: Daher sie uns mit einer gewissen Wehmut erf\u00fcllen. Zugleich sind sie Darstellungen unserer h\u00f6chsten Vollendung im Ideal: Daher sie uns in eine erhabene R\u00fchrung versetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ihr Vollkommenheit ist nicht ihr Verdienst, weil sie nicht das Werk ihrer Wahl ist. Sie gew\u00e4hren uns also die ganz eigene Lust, dass sie, ohne uns zu besch\u00e4men, unsere Muster sind. Eine best\u00e4ndige G\u00f6ttererscheinung, umgeben sie uns, aber mehr erquickend als blendend. Was ihren Charakter ausmacht, ist gerade das, was dem unsrigen zu seiner Vollendung mangelt; was uns von ihnen unterscheidet, ist gerade das, was ihnen selbst zur G\u00f6ttlichkeit fehlt. Wir sind frei, und sie sind notwendig; wir wechseln, sie bleiben eins. Aber nur, wenn beides sich miteinander verbindet \u2013 wenn der Wille das Gesetz der Notwendigkeit frei befolgt und bei allem Wechsel der Phantasie die Vernunft ihre Regel behauptet, geht das G\u00f6ttliche oder das Ideal hervor. Wir erblicken in ihnen also ewig das, was uns abgeht, aber wonach wir aufgefordert sind zu ringen und dem wir uns, wenn wir es gleich niemals erreichen, doch in einem unendlichen Fortschritt zu n\u00e4hern hoffen d\u00fcrfen. Wir erblicken in uns einen Vorzug, der ihnen fehlt, aber dessen sie entweder \u00fcberhaupt niemals, wie das Vernunftlose, oder nicht anders, als indem sie unsern Weg gehen, wie die Kindheit, teilhaftig werden k\u00f6nnen. Sie verschaffen uns daher den s\u00fc\u00dfesten Genuss unsrer Menschheit als Idee, ob sie uns gleich in R\u00fccksicht auf jeden bestimmten Zustand unserer Menschheit notwendig dem\u00fctigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sich dieses Interesse f\u00fcr Natur auf eine Idee gr\u00fcndet, so kann es sich nur in Gem\u00fctern zeigen, welche f\u00fcr Ideen empf\u00e4nglich sind, d.h. in moralischen. Bei weitem die meisten Menschen affektieren<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Affekt.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> es blo\u00df und die Allgemeinheit dieses sentimentalischen Geschmacks zu unsern Zeiten, welcher sich, besonders seit der Erscheinung gewisser Schriften, in empfindsamen Reisen, dergleichen G\u00e4rten, Spazierg\u00e4ngen und andern Liebhabereien dieser Art \u00e4u\u00dfert, ist noch ganz und gar kein Beweis f\u00fcr die Allgemeinheit dieser Empfindungsweise. Doch wird die Natur auch auf den Gef\u00fchllosesten immer etwas von dieser Wirkung \u00e4u\u00dfern, weil schon die allen Menschen gemeine Anlage zum Sittlichen dazu hinreichend ist und wir alle ohne Unterschied, bei noch so gro\u00dfer Entfernung unserer Taten von der Einfalt und Wahrheit der Natur, in der Idee dazu hingetrieben werden. Besonders stark und im allgemeinsten \u00e4u\u00dfert sich diese Empfindsamkeit f\u00fcr Natur auf Veranlassung solcher Gegenst\u00e4nde, welche in einer engern Verbindung mit uns stehen und uns den R\u00fcckblick auf uns selbst und die Unnatur in uns n\u00e4her legen, wie z.B. bei Kindern und kindlichen V\u00f6lkern. Man irrt, wenn man glaubt, dass es blo\u00df die Vorstellung der Hilflosigkeit sei, welche macht, dass wir in gewissen Augenblicken mit so viel R\u00fchrung bei Kindern verweilen. Das mag bei denjenigen vielleicht der Fall sein, welche der Schw\u00e4che gegen\u00fcber nie etwas anders als ihre eigene \u00dcberlegenheit zu empfinden pflegen. Aber das Gef\u00fchl, von dem ich rede (es findet nur in ganz eigenen moralischen Stimmungen statt und ist nicht mit demjenigen zu verwechseln, welches die fr\u00f6hliche T\u00e4tigkeit der Kinder in uns erregt), ist eher dem\u00fctigend als beg\u00fcnstigend f\u00fcr die Eigenliebe; und wenn ja ein Vorzug dabei in Betrachtung kommt, so ist dieser wenigstens nicht auf unserer Seite. Nicht weil wir von der H\u00f6he unserer Kraft und Vollkommenheit auf das Kind herabsehen, sondern weil wir aus der Beschr\u00e4nktheit unsers Zustands, welche von der Bestimmung, die wir einmal erlangt haben, unzertrennlich ist, zu der grenzenlosen Bestimmbarkeit in dem Kind und zu seiner reinen Unschuld hinaufsehen, geraten wir in R\u00fchrung und unser Gef\u00fchl in einem solchen Augenblick ist zu sichtbar mit einer gewissen Wehmut gemischt, als dass sich diese Quelle desselben verkennen lie\u00dfe. In dem Kind ist die Anlage und Bestimmung, in uns ist die Erf\u00fcllung dargestellt, welche immer unendlich weit hinter jener zur\u00fcckbleibt. Das Kind ist uns daher eine Vergegenw\u00e4rtigung des Ideals, nicht zwar des erf\u00fcllten, aber des aufgegebenen und es ist also keineswegs die Vorstellung seiner Bed\u00fcrftigkeit und Schranken, es ist ganz im Gegenteil die Vorstellung seiner reinen und freien Kraft, seiner Integrit\u00e4t, seiner Unendlichkeit, was uns r\u00fchrt. Dem Menschen von Sittlichkeit und Empfindung wird ein Kind deswegen ein heiliger Gegenstand sein, ein Gegenstand n\u00e4mlich, der durch die Gr\u00f6\u00dfe einer Idee jede Gr\u00f6\u00dfe der Erfahrung vernichtet, und der, was er auch in der Beurteilung des Verstandes verlieren mag, in der Beurteilung der Vernunft wieder in reichem Ma\u00dfe gewinnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben aus diesem Widerspruch zwischen dem Urteil der Vernunft und des Verstandes geht die ganz eigene Erscheinung des gemischten Gef\u00fchls hervor, welches das Naive der Denkart in uns erregt. Es verbindet die kindliche Einfalt mit der kindischen; durch die letztere gibt es dem Verstand eine Bl\u00f6\u00dfe und bewirkt jenes L\u00e4cheln, wodurch wir unsere (theoretische) \u00dcberlegenheit zu erkennen geben. Sobald wir aber Ursache haben, zu glauben, dass die kindische Einfalt zugleich eine kindliche sei, dass folglich nicht Unverstand, nicht Unverm\u00f6gen, sondern eine h\u00f6here (praktische) St\u00e4rke, ein Herz voll Unschuld und Wahrheit, die Quelle davon sei, welches die Hilfe der Kunst aus innerer Gr\u00f6\u00dfe verschm\u00e4hte, so ist jener Triumph des Verstandes vorbei, und der Spott \u00fcber die Einf\u00e4ltigkeit geht in Bewunderung der Einfachheit \u00fcber. Wir f\u00fchlen uns gen\u00f6tigt, den Gegenstand zu achten, \u00fcber den wir vorher gel\u00e4chelt haben, und, indem wir zugleich einen Blick in uns selbst werfen, uns zu beklagen, dass wir demselben nicht \u00e4hnlich sind. So entsteht die ganz eigene Erscheinung eines Gef\u00fchls, in welchem fr\u00f6hlicher Spott, Ehrfurcht und Wehmut zusammenflie\u00dfen<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#3%29\"><sup>3)<\/sup><\/a>. Zum Naiven wird erfordert, dass die Natur \u00fcber die Kunst den Sieg davontrage<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#4%29\"><sup>4)<\/sup><\/a>, es geschehe dies nun wider Wissen und Willen der Person oder mit v\u00f6lligem Bewusstsein derselben. In dem ersten Fall ist es das Naive der \u00dcberraschung und belustigt; in dem andern ist es das Naive der Gesinnung und r\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dem Naiven der \u00dcberraschung muss die Person moralisch f\u00e4hig sein, die Natur zu verleugnen; bei dem Naiven der Gesinnung darf sie es nicht sein, doch d\u00fcrfen wir sie uns nicht als physisch unf\u00e4hig dazu denken, wenn es als naiv auf uns wirken soll. Die Handlungen und Reden der Kinder geben uns daher auch nur so lange den reinen Eindruck des Naiven, als wir uns ihres Unverm\u00f6gens zur Kunst nicht erinnern und \u00fcberhaupt nur auf den Kontrast ihrer Nat\u00fcrlichkeit mit der K\u00fcnstlichkeit in uns R\u00fccksicht nehmen. Das Naive ist eine Kindlichkeit, wo sie nicht mehr erwartet wird und kann eben deswegen der wirklichen Kindheit in strengster Bedeutung nicht zugeschrieben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In beiden F\u00e4llen aber, beim Naiven der \u00dcberraschung, wie bei dem der Gesinnung, muss die Natur Recht, die Kunst aber Unrecht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst durch diese letztere Bestimmung wird der Begriff des Naiven vollendet. Der Affekt<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Affekt.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> ist auch Natur und die Regel der Anst\u00e4ndigkeit ist etwas K\u00fcnstliches; dennoch ist der Sieg des Affekts<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Affekt.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> \u00fcber die Anst\u00e4ndigkeit nichts weniger als naiv. Siegt hingegen derselbe Affekt<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Affekt.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> \u00fcber die K\u00fcnstelei, \u00fcber die falsche Anst\u00e4ndigkeit, \u00fcber die Verstellung, so tragen wir kein Bedenken, es naiv zu nennen<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#5%29\"><sup>5)<\/sup><\/a>. Es wird also erfordert, dass die Natur nicht durch ihre blinde Gewalt als dynamische, sondern dass sie durch ihre Form als moralische Gr\u00f6\u00dfe, kurz, dass sie nicht als Notdurft, sondern als innere Notwendigkeit \u00fcber die Kunst triumphiere. Nicht die Unzul\u00e4nglichkeit, sondern die Unstatthaftigkeit der letztern muss der ersteren den Sieg verschafft haben, denn jene ist Mangel und nichts, was aus Mangel entspringt, kann Achtung erzeugen. Zwar ist es bei dem Naiven der \u00dcberraschung immer die \u00dcbermacht des Affekts<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Affekt.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> und ein Mangel an Besinnung, was die Natur bekennen macht; aber dieser Mangel und jene \u00dcbermacht machen das Naive noch gar nicht aus, sondern geben blo\u00df Gelegenheit, dass die Natur ihrer moralischen Beschaffenheit, das hei\u00dft, dem Gesetz der \u00dcbereinstimmung ungehindert folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Naive der \u00dcberraschung kann nur dem Menschen, und zwar dem Menschen nur, insofern er in diesem Augenblicke nicht mehr reine und unschuldige Natur ist, zukommen. Es setzt einen Willen voraus, der mit dem, was die Natur auf ihre eigene Hand tut, nicht \u00fcbereinstimmt. Eine solche Person wird, wenn man sie zur Besinnung bringt, \u00fcber sich selbst erschrecken; die naiv gesinnte hingegen wird sich \u00fcber die Menschen und \u00fcber ihr Erstaunen verwundern. Da also hier nicht der pers\u00f6nliche und moralische Charakter, sondern blo\u00df der durch den Affekt<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Affekt.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> freigelassene nat\u00fcrliche Charakter die Wahrheit bekennt, so machen wir dem Menschen aus dieser Aufrichtigkeit kein Verdienst, und unser Lachen ist verdienter Spott, der durch keine pers\u00f6nliche Hochsch\u00e4tzung desselben zur\u00fcckgehalten wird. Weil es aber doch auch hier die Aufrichtigkeit der Natur ist, die durch den Schleier der Falschheit hindurch bricht, so verbindet sich eine Zufriedenheit h\u00f6herer Art mit der Schadenfreude, einen Menschen ertappt zu haben; denn die Natur, im Gegensatz gegen die K\u00fcnstelei, und die Wahrheit, im Gegensatz gegen den Betrug, muss jederzeit Achtung erregen. Wir empfinden also auch \u00fcber das Naive der \u00dcberraschung ein wirklich moralisches Vergn\u00fcgen, obgleich nicht \u00fcber einen moralischen Charakter<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#6%29\"><sup>6)<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dem Naiven der \u00dcberraschung achten wir zwar immer die Natur, weil wir die Wahrheit achten m\u00fcssen; bei dem Naiven der Gesinnung achten wir hingegen die Person und genie\u00dfen also nicht blo\u00df ein moralisches Vergn\u00fcgen, sondern auch \u00fcber einen moralischen Gegenstand. In dem einen wie in dem andern Fall hat die Natur Recht, dass sie die Wahrheit sagt; aber in dem letztern Fall hat die Natur nicht blo\u00df Recht, sondern die Person hat auch Ehre. In dem ersten Fall gereicht die Aufrichtigkeit der Natur der Person immer zur Schande, weil sie unfreiwillig ist; in dem zweiten gereicht sie ihr immer zum Verdienst, gesetzt auch, dass dasjenige, was sie aussagt, ihr Schande br\u00e4chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir schreiben einem Menschen eine naive Gesinnung zu, wenn er in seinen Urteilen von den Dingen ihre gek\u00fcnstelten und gesuchten Verh\u00e4ltnisse \u00fcbersieht und sich blo\u00df an die einfache Natur h\u00e4lt. Alles, was innerhalb der gesunden Natur davon geurteilt werden kann, fordern wir von ihm und erlassen ihm schlechterdings nur das, was eine Entfernung von der Natur, es sei nun im Denken oder im Empfinden, wenigstens Bekanntschaft derselben voraussetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein Vater seinem Kind erz\u00e4hlt, dass dieser oder jener Mann vor Armut verschmachte, und das Kind hingeht und dem armen Mann seines Vaters Geldb\u00f6rse zutr\u00e4gt, so ist diese Handlung naiv; denn die gesunde Natur handelte aus dem Kind und in einer Welt, wo die gesunde Natur herrschte, w\u00fcrde es vollkommen recht gehabt haben, so zu verfahren. Es sieht blo\u00df auf das Bed\u00fcrfnis und auf das n\u00e4chste Mittel, es zu befriedigen; eine solche Ausdehnung des Eigentumsrechtes, wobei ein Teil der Menschen zugrunde gehen kann, ist in der blo\u00dfen Natur nicht gegr\u00fcndet. Die Handlung des Kindes ist also eine Besch\u00e4mung der wirklichen Welt und das gesteht auch unser Herz durch das Wohlgefallen, welches es \u00fcber jene Handlung empfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein Mensch ohne Weltkenntnis, sonst aber von gutem Verstand, einem andern, der ihn betr\u00fcgt, sich aber geschickt zu verstellen wei\u00df, seine Geheimnisse beichtet<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/B\/beichte.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> und ihm durch seine Aufrichtigkeit selbst die Mittel leiht, ihm zu schaden, so finden wir das naiv. Wir lachen ihn aus, aber k\u00f6nnen uns doch nicht erwehren, ihn deswegen hoch zu sch\u00e4tzen. Denn sein Vertrauen auf den andern quillt aus der Redlichkeit seiner eigenen Gesinnungen; wenigstens ist er nur insofern naiv, als dieses der Fall ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Naive der Denkart kann daher niemals eine Eigenschaft verdorbener Menschen sein, sondern nur Kindern und kindlich gesinnten Menschen zukommen. Diese letztern handeln und denken oft mitten unter den gek\u00fcnstelten Verh\u00e4ltnissen der gro\u00dfen Welt naiv; sie vergessen aus eigener sch\u00f6ner Menschlichkeit, dass sie es mit einer verderbten Welt zu tun haben und betragen sich selbst an den H\u00f6fen der K\u00f6nige mit einer Ingenuit\u00e4t und Unschuld, wie man sie nur in einer Sch\u00e4ferwelt findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist \u00fcbrigens gar nicht so leicht, die kindische Unschuld von der kindlichen immer richtig zu unterscheiden, indem es Handlungen gibt, welche auf der \u00e4u\u00dfersten Grenze zwischen beiden schweben und bei denen wir schlechterdings im Zweifel gelassen werden, ob wir die Einf\u00e4ltigkeit belachen oder die edle Einfalt hochsch\u00e4tzen sollen. Ein sehr merkw\u00fcrdiges Beispiel dieser Art findet man in der Regierungsgeschichte des Papstes Adrian VI., die uns Herr Schr\u00f6ckh mit der ihm eigenen Gr\u00fcndlichkeit und pragmatischen Wahrheit beschrieben hat. Dieser Papst, ein Niederl\u00e4nder von Geburt, verwaltete das Pontifikat in einem der kritischsten Augenblicke f\u00fcr die Hierarchie, wo eine erbitterte Partei die Bl\u00f6\u00dfen der r\u00f6mischen Kirche ohne alle Schonung aufdeckte und die Gegenpartei im h\u00f6chsten Grad interessiert war, sie zuzudecken. Was der wahrhaft naive Charakter, wenn ja ein solcher sich auf den Stuhl des heiligen Peters verirrte, in diesem Fall zu tun hatte, ist keine Frage; wohl aber, wie weit eine solche Naivit\u00e4t der Gesinnung mit der Rolle eines Papstes vertr\u00e4glich sein m\u00f6chte. Dies war es \u00fcbrigens, was die Vorg\u00e4nger und die Nachfolger Adrians in die geringste Verlegenheit setzte. Mit Gleichf\u00f6rmigkeit befolgten sie das einmal angenommene r\u00f6mische System, \u00fcberall nichts einzur\u00e4umen. Aber Adrian hatte wirklich den geraden Charakter seiner Nation und die Unschuld seines ehemaligen Standes. Aus der engen Sph\u00e4re des Gelehrten war er zu seinem erhabenen Posten emporgestiegen und selbst auf der H\u00f6he seiner neuen W\u00fcrde jenem einfachen Charakter nicht untreu geworden. Die Missbr\u00e4uche in der Kirche r\u00fchrten ihn und er war viel zu redlich, \u00f6ffentlich zu dissimulieren, was er im Stillen sich eingestand. Dieser Denkart gem\u00e4\u00df lie\u00df er sich in der Instruktion, die er seinem Legaten nach Deutschland mitgab, zu Gest\u00e4ndnissen verleiten, die noch bei keinem Papst erh\u00f6rt gewesen waren und den Grunds\u00e4tzen dieses Hofes schnurgerade zuwiderliefen. \u201eWir wissen es wohl\u201c, hie\u00df es unter andern, \u201edass an diesem heiligen Stuhl schon seit mehreren Jahren viel Abscheuliches vorgegangen: Kein Wunder, wenn sich der kranke Zustand von dem Haupt auf die Glieder, von dem Papst auf die Pr\u00e4laten fortgeerbt hat. Wir alle sind abgewichen und schon seit lange ist keiner unter uns gewesen, der etwas Gutes getan h\u00e4tte, auch nicht einer.\u201c Wieder anderswo befiehlt er dem Legaten, in seinem Namen zu erkl\u00e4ren, \u201edass er, Adrian, wegen dessen, was vor ihm von den P\u00e4psten geschehen, nicht d\u00fcrfe getadelt werden, und dass dergleichen Ausschweifungen, auch da er noch in einem geringen Stand gelebt, ihm immer missfallen h\u00e4tten usf.\u201c Man kann leicht denken, wie eine solche Naivit\u00e4t des Papstes von der r\u00f6mischen Klerisei mag aufgenommen worden sein: Das Wenigste, was man ihm Schuld gab, war, dass er die Kirche an die Ketzer verraten habe. Dieser h\u00f6chst unkluge Schritt des Papstes w\u00fcrde indessen unserer ganzen Achtung und Bewunderung wert sein, wenn wir uns nur \u00fcberzeugen k\u00f6nnten, dass er wirklich naiv gewesen, d.h., dass er ihm blo\u00df durch die nat\u00fcrliche Wahrheit seines Charakters ohne alle R\u00fccksicht auf die m\u00f6glichen Folgen abgen\u00f6tigt worden sei und dass er ihn nicht weniger getan haben w\u00fcrde, wenn er die begangene Unschicklichkeit in ihrem ganzen Umfang eingesehen h\u00e4tte. Aber wir haben einige Ursache, zu glauben, dass er diesen Schritt f\u00fcr gar nicht so unpolitisch hielt und in seiner Unschuld so weit ging, zu hoffen, durch seine Nachgiebigkeit gegen die Gegner etwas sehr Wichtiges f\u00fcr den Vorteil seiner Kirche gewonnen zu haben. Er bildete sich nicht blo\u00df ein, diesen Schritt als redlicher Mann tun zu m\u00fcssen, sondern, ihn auch als Papst verantworten zu k\u00f6nnen, und indem er verga\u00df, dass das k\u00fcnstlichste aller Geb\u00e4ude schlechterdings nur durch eine fortgesetzte Verleugnung der Wahrheit erhalten werden k\u00f6nnte, beging er den unverzeihlichen Fehler, Verhaltungsregeln, die in nat\u00fcrlichen Verh\u00e4ltnissen sich bew\u00e4hrt haben m\u00f6chten, in einer ganz entgegen gesetzten Lage zu befolgen. Dies ver\u00e4ndert allerdings unser Urteil sehr: Und ob wir gleich der Redlichkeit des Herzens, aus dem jene Handlung floss, unsere Achtung nicht versagen k\u00f6nnen, so wird diese letztere nicht wenig durch die Betrachtung geschw\u00e4cht, dass die Natur an der Kunst und das Herz an dem Kopf einen zu schwachen Gegner gehabt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naiv muss jedes wahre Genie sein oder es ist keines. Seine Naivit\u00e4t allein macht es zum Genie und was es im Intellektuellen und \u00c4sthetischen<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/aesthetisch.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> ist, kann es im Moralischen nicht verleugnen. Unbekannt mit den Regeln, den Kr\u00fccken der Schwachheit und den Zuchtmeistern der Verkehrtheit, blo\u00df von der Natur oder dem Instinkt, seinem sch\u00fctzenden Engel, geleitet, geht es ruhig und sicher durch alle Schlingen des falschen Geschmacks, in welchen, wenn es nicht so klug ist, sie schon von weitem zu vermeiden, das Nichtgenie unausbleiblich verstrickt wird. Nur dem Genie ist es gegeben, au\u00dferhalb des Bekannten noch immer zu Hause zu sein und die Natur zu erweitern, ohne \u00fcber sie hinauszugehen. Zwar begegnet Letzteres zuweilen auch den gr\u00f6\u00dften Genies, aber nur, weil auch diese ihre phantastischen Augenblicke haben, wo die sch\u00fctzende Natur sie verl\u00e4sst, weil die Macht des Beispiels sie hinrei\u00dft, oder der verderbte Geschmack ihrer Zeit sie verleitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die verwickeltsten Aufgaben muss das Genie mit anspruchsloser Simplizit\u00e4t und Leichtigkeit l\u00f6sen; das Ei des Kolumbus gilt von jeder genialen Entscheidung. Dadurch allein legitimiert es sich als Genie, dass es durch Einfalt \u00fcber die verwickelte Kunst triumphiert. Es verf\u00e4hrt nicht nach erkannten Prinzipien, sondern nach Einf\u00e4llen und Gef\u00fchlen; aber seine Einf\u00e4lle sind Eingebungen eines Gottes (alles, was die gesunde Natur tut, ist g\u00f6ttlich), seine Gef\u00fchle sind Gesetze f\u00fcr alle Zeiten und f\u00fcr alle Geschlechter der Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den kindlichen Charakter, den das Genie in seinen Werken abdr\u00fcckt, zeigt es auch in seinem Privatleben und in seinen Sitten. Es ist schamhaft, weil die Natur dieses immer ist; aber es ist nicht dezent, weil nur die Verderbnis dezent ist. Es ist verst\u00e4ndig, denn die Natur kann nie das Gegenteil sein; aber es ist nicht listig, denn das kann nur die Kunst sein. Es ist seinem Charakter und seinen Neigungen treu, aber nicht sowohl, weil es Grunds\u00e4tze hat, als weil die Natur bei allem Schwanken immer wieder in die vorige Stelle r\u00fcckt, immer das alte Bed\u00fcrfnis zur\u00fcckbringt. Es ist beschieden, ja bl\u00f6de, weil das Genie immer sich selbst ein Geheimnis bleibt; aber es ist nicht \u00e4ngstlich, weil es die Gefahren des Weges nicht kennt, den es wandelt. Wir wissen wenig von dem Privatleben der gr\u00f6\u00dften Genies, aber auch das Wenige, was uns z. B. von Sophokles, von Archimedes<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Archimedes.htm\"><sup>*<\/sup><\/a>, von Hippokrates und aus neuern Zeiten von Ariost<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Ariost.htm\"><sup>*<\/sup><\/a>, Dante und Tasso, von Raphael, von Albrecht, D\u00fcrer, Cervantes, Shakespeare, von Fielding, Sterne und andern aufbewahrt worden ist, best\u00e4tigt diese Behauptung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, was noch weit mehr Schwierigkeit zu haben scheint, selbst der gro\u00dfe Staatsmann und Feldherr werden, sobald sie durch ihr Genie gro\u00df sind, einen naiven Charakter zeigen. Ich will hier unter den Alten nur an Epaminondas und Julius C\u00e4sar, unter den neuern nur an Heinrich IV. von Frankreich, Gustav Adolph von Schweden und den Zar Peter den Gro\u00dfen erinnern. Der Herzog von Marlborough, Turenne, Vendome zeigen uns alle diesen Charakter. Dem andern Geschlecht hat die Natur in dem naiven Charakter seine h\u00f6chste Vollkommenheit angewiesen. Nach nichts ringt die weibliche Gefallsucht so sehr als nach dem Schein des Naiven: Beweis genug, wenn man auch sonst keinen h\u00e4tte, dass die gr\u00f6\u00dfte Macht des Geschlechts auf dieser Eigenschaft beruht. Weil aber die herrschenden Grunds\u00e4tze bei der weiblichen Erziehung mit diesem Charakter in ewigem Streit liegen, so ist es dem Weib im Moralischen ebenso schwer als dem Mann im Intellektuellen, mit den Vorurteilen der guten Erziehung jenes herrliche Geschenk der Natur unverloren zu behalten; und die Frau, die mit einem geschickten Betragen f\u00fcr die gro\u00dfe Welt dieses Naive der Sitten verkn\u00fcpft, ist ebenso hochachtungsw\u00fcrdig, als der Gelehrte, der mit der ganzen Strenge der Schule genialische Freiheit des Denkens verbindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der naiven Denkart flie\u00dft notwendigerweise auch ein naiver Ausdruck sowohl in Worten als Bewegungen und er ist das wichtigste Bestandst\u00fcck der Grazie. Mit dieser naiven Anmut dr\u00fcckt das Genie seine erhabensten und tiefsten Gedanken aus: Es sind G\u00f6tterspr\u00fcche aus dem Mund eines Kindes. Wenn der Schulverstand, immer vor Irrtum bange, seine Worte wie seine Begriffe an das Kreuz der Grammatik und Logik schl\u00e4gt, hart und steif ist, um ja nicht unbestimmt zu sein, viele Worte macht, um ja nicht zu viel zu sagen und dem Gedanken, damit er ja den Unvorsichtigen nicht schneide, lieber die Kraft und die Sch\u00e4rfe nimmt, so gibt das Genie dem seinigen mit einem einzigen gl\u00fccklichen Pinselstrich einen ewig bestimmten, festen und dennoch ganz freien Umriss. Wenn dort das Zeichen dem Bezeichneten ewig heterogen und fremd bleibt, so springt hier wie durch innere Notwendigkeit die Sprache aus dem Gedanken hervor und ist so sehr eins mit demselben, dass selbst unter der k\u00f6rperlichen H\u00fclle der Geist wie entbl\u00f6\u00dft erscheint. Eine solche Art des Ausdrucks, wo das Zeichen ganz in dem Bezeichneten verschwindet und wo die Sprache den Gedanken, den sie ausdr\u00fcckt, noch gleichsam nackend l\u00e4sst, da ihn die andere nie darstellen kann, ohne ihn zugleich zu verh\u00fcllen, ist es, was man in der Schreibart vorzugsweise genialisch und geistreich nennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frei und nat\u00fcrlich, wie das Genie in seinen Geisteswerken, dr\u00fcckt sich die Unschuld des Herzens im lebendigen Umgang aus. Bekanntlich ist man im gesellschaftlichen Leben von der Simplizit\u00e4t und strengen Wahrheit des Ausdrucks in demselben Verh\u00e4ltnis, wie von der Einfalt der Gesinnungen, abgekommen, und die leicht zu verwundende Schuld, sowie die leicht zu verf\u00fchrende Einbildungskraft, haben einen \u00e4ngstlichen Anstand notwendig gemacht. Ohne falsch zu sein, redet man \u00f6fters anders, als man denkt; man muss Umschweife nehmen, um Dinge zu sagen, die nur einer kranken Eigenliebe Schmerz bereiten, nur einer verderbten Phantasie Gefahr bringen k\u00f6nnen. Eine Unkunde dieser konventionellen Gesetze, verbunden mit nat\u00fcrlicher Aufrichtigkeit, welche jede Kr\u00fcmme und jeden Schein von Falschheit verachtet (nicht Rohheit, welche sich dar\u00fcber, weil sie ihr l\u00e4stig sind, hinwegsetzt), erzeugen ein naives des Ausdrucks im Umgang, welches darin besteht, Dinge, die man entweder gar nicht oder nur k\u00fcnstlich bezeichnen darf, mit ihrem rechten Namen und auf dem k\u00fcrzesten Wege zu benennen. Von der Art sind die gew\u00f6hnlichen Ausdr\u00fccke der Kinder. Sie erregen Lachen durch ihren Kontrast mit den Sitten, doch wird man sich immer im Herzen gestehen, dass das Kind Recht habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Naive der Gesinnung kann zwar, eigentlich genommen, auch nur dem Menschen als einem der Natur nicht schlechterdings unterworfenen Wesen beigelegt werden, obgleich nur insofern, als wirklich noch die reine Natur aus ihm handelt; aber durch einen Effekt der poetisierenden Einbildungskraft wird es \u00f6fters von dem Vern\u00fcnftigen auf das Vernunftlose \u00fcbergetragen. So legen wir \u00f6fters einem Tier, einer Landschaft, einem Geb\u00e4ude, ja, der Natur \u00fcberhaupt, im Gegensatz gegen die Willk\u00fcr und die phantastischen Begriffe des Menschen, einen naiven Charakter bei. Dies erfordert aber immer, dass wir dem Willenlosen in unsern Gedanken einen Willen leihen und auf die strenge Richtung desselben nach dem Gesetz der Notwendigkeit merken. Die Unzufriedenheit \u00fcber unsere eigene, schlecht gebrauchte, moralische Freiheit und \u00fcber die in unserm Handeln vermisste sittliche Harmonie f\u00fchrt leicht eine solche Stimmung herbei, in der wir das Vernunftlose wie eine Person anreden und demselben, als wenn es wirklich mit einer Versuchung zum Gegenteil zu k\u00e4mpfen gehabt h\u00e4tte, seine ewige Gleichf\u00f6rmigkeit zum Verdienst machen, seine ruhige Haltung beneiden. Es steht uns in einem solchen Augenblick wohl an, dass wir das Pr\u00e4rogativ unserer Vernunft f\u00fcr einen Fluch und f\u00fcr ein \u00dcbel halten und \u00fcber dem lebhaften Gef\u00fchl der Unvollkommenheit unseres wirklichen Leistens die Gerechtigkeit gegen unsere Anlage und Bestimmung aus den Augen setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sehen alsdann in der unvern\u00fcnftigen Natur nur eine gl\u00fccklichere Schwester, die in dem m\u00fctterlichen Haus zur\u00fcckblieb, aus welchem wir im \u00dcbermut unserer Freiheit heraus in die Fremde st\u00fcrmten. Mit schmerzlichem Verlangen sehnen wir uns dahin zur\u00fcck, sobald wir angefangen, die Drangsale der Kultur zu erfahren und h\u00f6ren im fernen Ausland der Kunst der Mutter r\u00fchrende Stimme. Solange wir blo\u00dfe Naturkinder waren, waren wir gl\u00fccklich und vollkommen; wir sind frei geworden und haben beides verloren. Daraus entspringt eine doppelte und sehr ungleiche Sehnsucht nach der Natur, eine Sehnsucht nach ihrer Gl\u00fcckseligkeit, eine Sehnsucht nach ihrer Vollkommenheit. Den Verlust der ersten beklagt nur der sinnliche Mensch; um den Verlust der andern kann nur der moralische trauern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frage dich also wohl, empfindsamer Freund der Natur, ob deine Tr\u00e4gheit nach ihrer Ruhe, ob deine beleidigte Sittlichkeit nach ihrer \u00dcbereinstimmung schmachtet? Frage dich wohl, wenn die Kunst dich anekelt, und die Missbr\u00e4uche in der Gesellschaft dich zu der leblosen Natur in die Einsamkeit treiben, ob es ihre Beraubungen, ihre Lasten, ihre M\u00fchseligkeiten, oder, ob es ihre moralische Anarchie, ihre Willk\u00fcr, ihre Unordnungen sind, die du an ihr verabscheust? In jene muss dein Mut sich mit Freuden st\u00fcrzen, und dein Ersatz muss die Freiheit selbst sein, aus der sie flie\u00dfen. Wohl darfst du dir das ruhige Naturgl\u00fcck zum Ziel in der Ferne aufstecken, aber nur jenes, welches der Preis deiner W\u00fcrdigkeit ist. Also nichts von Klagen \u00fcber die Erschwerung des Lebens, \u00fcber die Ungleichheit der Konditionen, \u00fcber den Druck der Verh\u00e4ltnisse, \u00fcber die Unsicherheit des Besitzes, \u00fcber Undank, Unterdr\u00fcckung, Verfolgung; allen \u00dcbeln der Kultur musst du mit freier Resignation dich unterwerfen, musst sie als die Naturbedingungen des einzig Guten respektieren; nur das B\u00f6se derselben musst du, aber nicht blo\u00df mit schlaffen Tr\u00e4nen, beklagen. Sorge vielmehr daf\u00fcr, dass du selbst unter jenen Befleckungen rein, unter jener Knechtschaft frei, unter jenem launischen Wechsel best\u00e4ndig, unter jener Anarchie gesetzm\u00e4\u00dfig handelst. F\u00fcrchte dich nicht vor der Verwirrung au\u00dfer dir, aber vor der Verwirrung in dir; strebe nach Einheit, aber suche sie nicht in der Einf\u00f6rmigkeit; strebe nach Ruhe, aber durch das Gleichgewicht, nicht durch den Stillstand deiner T\u00e4tigkeit. Jene Natur, die du dem Vernunftlosen beneidest, ist keiner Achtung, keiner Sehnsucht wert. Sie liegt hinter dir, sie muss ewig hinter dir liegen. Verlassen von der Leiter, die dich trug, bleibt dir jetzt keine andere Wahl mehr, als mit freiem Bewusstsein und Willen das Gesetz zu ergreifen oder rettungslos in eine bodenlose Tiefe zu fallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wenn du \u00fcber das verlorene Gl\u00fcck der Natur getr\u00f6stet bist, so lass ihre Vollkommenheit deinem Herzen zum Muster dienen. Trittst du heraus zu ihr aus deinem k\u00fcnstlichen Kreis, steht sie vor dir in ihrer gro\u00dfen Ruhe, in ihrer naiven Sch\u00f6nheit, in ihrer kindlichen Unschuld und Einfalt, dann verweile bei diesem Bild, pflege dieses Gef\u00fchl: Es ist deiner herrlichsten Menschheit w\u00fcrdig. Lass dir nicht mehr einfallen, mit ihr tauschen zu wollen, aber nimm sie in dich auf und strebe, ihren unendlichen Vorzug mit deinem eigenen unendlichen Pr\u00e4rogativ zu verm\u00e4hlen und aus beidem das G\u00f6ttliche zu erzeugen. Sie umgebe dich wie eine liebliche Idylle, in der du dich selbst immer wieder findest aus den Verirrungen der Kunst, bei der du Mut und neues Vertrauen sammelst zum Lauf und die Flamme des Ideals, die in den St\u00fcrmen des Lebens so leicht erlischt, in deinem Herzen von neuem entz\u00fcndest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man sich der sch\u00f6nen Natur erinnert, welche die alten Griechen umgab; wenn man nachdenkt, wie vertraut dieses Volk unter seinem gl\u00fccklichen Himmel mit der freien Natur leben konnte, wie sehr viel n\u00e4her seine Vorstellungsart, seine Empfindungsweise, seine Sitten der einf\u00e4ltigen Natur lagen, und welch ein treuer Abdruck derselben seine Dichterwerke sind, so muss die Bemerkung befremden, dass man so wenige Spuren von dem sentimentalischen Interesse, mit welchem wir Neuern an Naturszenen und an Naturcharakteren h\u00e4ngen k\u00f6nnen, bei demselben antrifft. Der Grieche ist zwar im h\u00f6chsten Grad genau, treu, umst\u00e4ndlich in Beschreibung derselben, aber doch gerade nicht mehr und mit keinem vorz\u00fcglichern Herzensanteil, als der es auch in Beschreibung eines Anzuges, eines Schildes, einer R\u00fcstung, eines Hausger\u00e4tes oder irgendeines mechanischen Produktes ist. Er scheint in seiner Liebe f\u00fcr das Objekt keinen Unterschied zwischen demjenigen zu machen, was durch sich selbst, und dem, was durch die Kunst und durch den menschlichen Willen ist. Die Natur scheint mehr seinen Verstand und seine Wissbegierde als sein moralisches Gef\u00fchl zu interessieren; er h\u00e4ngt nicht mit Innigkeit, mit Empfindsamkeit, mit s\u00fc\u00dfer Wehmut an derselben, wie wir Neuern. Ja, indem er sie in ihren einzelnen Erscheinungen personifiziert und verg\u00f6ttert und ihre Wirkungen als Handlungen freier Wesen darstellt, hebt er die ruhige Notwendigkeit in ihr auf, durch welche sie f\u00fcr uns gerade so anziehend ist. Seien ungeduldige Phantasie f\u00fchrt ihn \u00fcber sie hinweg zum Drama des menschlichen Lebens. Nur das Lebendige und Freie, nur Charaktere, Handlungen, Schicksale und Sitten befriedigen ihn, und, wenn wir in gewissen moralischen Stimmungen des Gem\u00fcts w\u00fcnschen k\u00f6nnen, den Vorzug unserer Willensfreiheit, der uns so vielem Streit mit uns selbst, so vielen Unruhen und Verirrungen aussetzt, gegen die wahllose, aber ruhige Notwendigkeit des Vernunftlosen hinzugeben, so ist, gerade umgekehrt, die Phantasie des Griechen gesch\u00e4ftig, die menschliche Natur schon in der unbeseelten Welt anzufangen und da, wo eine blinde Notwendigkeit herrscht, dem Willen Einfluss zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Woher wohl dieser verschiedene Geist? Wie kommt es, dass wir, die in allem, was Natur ist, von den Alten so unendlich weit \u00fcbertroffen werden, gerade hier der Natur in einem h\u00f6heren Grad huldigen, mit Innigkeit an ihr h\u00e4ngen und selbst die leblose Welt mit der w\u00e4rmsten Empfindung umfassen k\u00f6nnen? Daher kommt es, weil die Natur bei uns aus der Menschheit verschwunden ist, und wir sie nur au\u00dferhalb dieser, in der unbeseelten Welt, in ihrer Wahrheit wieder antreffen. Nicht unsere gr\u00f6\u00dfere Naturm\u00e4\u00dfigkeit, ganz im Gegenteil die Naturwidrigkeit unserer Verh\u00e4ltnisse, Zust\u00e4nde und Sitten treibt uns an, dem erwachenden Trieb nach Wahrheit und Simplizit\u00e4t, der, wie die moralische Anlage, aus welcher er flie\u00dft, unbestechlich und unaustilgbar in allen menschlichen Herzen liegt, in der physischen Welt eine Befriedigung zu verschaffen, die in der moralischen nicht zu hoffen ist. Deswegen ist das Gef\u00fchl, womit wir an der Natur h\u00e4ngen, dem Gef\u00fchl so nahe verwandt, womit wir das entflohene Alter der Kindheit und der kindischen Unschuld beklagen. Unsere Kindheit ist die einzige unverst\u00fcmmelte Natur, die wir in der kultivierten Menschheit noch antreffen: Daher es kein Wunder ist, wenn uns jeder Fu\u00dfstapfen der Natur au\u00dfer uns auf unsere Kindheit zur\u00fcckf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr viel anderes war es mit den alten Griechen<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#7%29\"><sup>7)<\/sup><\/a>. Bei diesen artete die Kultur nicht so weit aus, dass die Natur dar\u00fcber verlassen wurde. Der ganze Bau ihres gesellschaftlichen Lebens war auf Empfindungen, nicht auf einem Machwerk der Kunst errichtet; ihre G\u00f6tterlehre selbst war die Eingebung eines naiven Gef\u00fchls, die Geburt einer fr\u00f6hlichen Einbildungskraft, nicht der gr\u00fcbelnden Vernunft, wie der Kirchenglaube der neuern Nationen: Da also der Grieche die Natur in der Menschheit nicht verloren hatte, so konnte er au\u00dferhalb dieser auch nicht von ihr \u00fcberrascht werden und kein so dringendes Bed\u00fcrfnis nach Gegenst\u00e4nden haben, in denen er sie wieder fand. Einig mit sich selbst und gl\u00fccklich im Gef\u00fchl seiner Menschheit, musste er bei dieser als seinem Maximum stillstehen und alles andere derselben zu n\u00e4hern bem\u00fcht sein, wenn wir, uneinig mit uns selbst und ungl\u00fccklich in unsern Erfahrungen von Menschheit, kein dringenderes Interesse haben, als aus derselben heraus zu fliehen und eine so misslungene Form aus unsern Augen zu r\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gef\u00fchl, von dem hier die Rede ist, ist also nicht das was die Alten hatten; es ist vielmehr einerlei mit demjenigen, welches wir f\u00fcr die Alten haben. Sie empfanden nat\u00fcrlich; wir empfinden das Nat\u00fcrliche. Es war ohne Zweifel ein ganz anderes Gef\u00fchl, was Homers Seele f\u00fcllte, als er seinen g\u00f6ttlichen Sauhirt den Ulysses bewirten lie\u00df, als was die Seele des jungen Werthers bewegte, da er nach einer l\u00e4stigen Gesellschaft diesen Gesang las. Unser Gef\u00fchl f\u00fcr Natur gleicht der Empfindung des Kranken f\u00fcr die Gesundheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sowie nach und nach die Natur anfing, aus dem menschlichen Leben als Erfahrung und als das (handelnde und empfindende) Subjekt zu verschwinden, so sehen wir sie in der Dichterwelt als Idee und als Gegenstand aufgehen. Diejenige Nation, welche es zugleich in der Unnatur und in der Reflexion dar\u00fcber am weitesten gebracht hatte, musste zuerst von dem Ph\u00e4nomen des Naiven am st\u00e4rksten ger\u00fchrt werden und demselben einen Namen geben. Diese Nation waren, soviel ich wei\u00df, die Franzosen. Aber die Empfindung des Naiven und das Interesse an demselben ist nat\u00fcrlicher Weise viel \u00e4lter und datiert sich schon von dem Anfang der moralischen und \u00e4sthetischen<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/aesthetisch.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> Verderbnis. Diese Ver\u00e4nderung in der Empfindungsweise ist zum Beispiel schon \u00e4u\u00dferst auffallend im Euripides, wenn man diesen mit seinen Vorg\u00e4ngern, besonders dem \u00c4schylus<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Aeschylus.htm\"><sup>*<\/sup><\/a>, vergleicht, und doch war jener Dichter der G\u00fcnstling seiner Zeit. Die n\u00e4mliche Revolution l\u00e4sst sich auch unter den alten Historikern nachweisen. Horaz, der Dichter eines kultivierten und verdorbenen Weltalters, preist die ruhige Gl\u00fcckseligkeit in seinem Tibur, und ihn k\u00f6nnte man als den wahren Stifter dieser sentimentalischen Dichtungsart nennen, sowie er auch in derselben ein noch nicht \u00fcbertroffenes Muster ist. Auch im Properz, Virgil u.a. findet man Spuren dieser Empfindungsweise, weniger beim Ovid, dem es dazu an F\u00fclle des Herzens fehlte und der in seinem Exil zu Tomi die Gl\u00fcckseligkeit schmerzlich vermisst, die Horaz in seinem Tibur so gern entbehrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dichter sind \u00fcberall, schon ihrem Begriff nach, die Bewahrer der Natur. Wo sie dieses nicht ganz mehr sein k\u00f6nnen und schon in sich selbst den zerst\u00f6renden Einfluss willk\u00fcrlicher und k\u00fcnstlicher Formen erfahren oder doch mit demselben zu k\u00e4mpfen gehabt haben, da werden sie als die Zeugen und als die R\u00e4cher der Natur auftreten. Sie werden also entweder Natur sein, oder sie werden die verlorene suchen. Daraus entspringen zwei ganz verschiedene Dichtungsweisen, durch welche das ganze Gebiet der Poesie ersch\u00f6pft und ausgemessen wird. Alle Dichter, die es wirklich sind, werden, je nachdem die Zeit beschaffen ist, in der sie bl\u00fchen oder zuf\u00e4llige Umst\u00e4nde auf ihre allgemeine Bildung und auf ihre vor\u00fcbergehende Gem\u00fctsstimmung Einfluss haben, entweder zu den naiven oder zu den sentimentalischen geh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dichter einer naiven und geistreichen Jugendwelt, so wie derjenige, der in den Zeitaltern k\u00fcnstlicher Kultur ihm am n\u00e4chsten kommt, ist streng und spr\u00f6de, wie die jungfr\u00e4uliche Diana<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Artemis.htm\"><i><sup>*<\/sup><\/i><\/a> in ihren W\u00e4ldern; ohne alle Vertraulichkeit entflieht er dem Herzen, das ihn sucht, dem Verlangen, das ihn umfassen will. Die trockene Wahrheit, womit er den Gegenstand behandelt, erscheint nicht selten als Unempfindlichkeit. Das Objekt besitzt ihn g\u00e4nzlich, sein Herz liegt nicht, wie ein schlechtes Metall, gleich unter der Oberfl\u00e4che, sondern will, wie das Gold in der Tiefe gesucht sein. Wie die Gottheit hinter dem Weltgeb\u00e4ude, so steht er hinter seinem Werk, er ist das Werk und das Werk ist er; man muss des ersteren schon nicht wert oder nicht m\u00e4chtig oder schon satt sein, um nach ihm nur zu fragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So zeigt sich z.B. Homer unter den Alten und Shakespeare unter den Neuern: Zwei h\u00f6chst verschiedene, durch den unermesslichen Abstand der Zeitalter getrennte Naturen, aber gerade in diesem Charakterzug v\u00f6llig eins: Als ich in einem sehr fr\u00fchen Alter den letzten Dichter zuerst kennen lernte, emp\u00f6rte mich seine K\u00e4lte, seine Unempfindlichkeit, die ihm erlaubte, im h\u00f6chsten Pathos zu scherzen, die Herz zerschneidenden Auftritte im Hamlet, im K\u00f6nig Lear, im Macbeth usf. durch einen Narren zu st\u00f6ren, die ihn bald da festhielt, wo meine Empfindung forteilte, bald da kaltherzig fortriss, wo das Herz so gern still gestanden w\u00e4re. Durch die Bekanntschaft mit neuern Poeten verleitet, in dem Werk den Dichter zuerst aufzusuchen, seinem Herzen zu begegnen, mit ihm gemeinschaftlich \u00fcber seinen Gegenstand zu reflektieren, kurz, das Objekt in dem Subjekt anzuschauen, war es mir unertr\u00e4glich, dass der Poet sich hier gar nirgends fassen lie\u00df und mir nirgends Rede stehen wollte. Mehrere Jahre hatte er schon meine ganze Verehrung und war mein Studium, ehe ich sein Individuum lieb gewinnen lernte. Ich war noch nicht f\u00e4hig, die Natur aus der ersten Hand zu verstehen. Nur ihr durch den Verstand reflektiertes und durch die Regel zurecht gelegtes Bild konnte ich ertragen, und dazu waren die sentimentalischen Dichter der Franzosen und auch der Deutschen, von den Jahren 1750 bis etwa 1780, gerade die rechten Subjekte. \u00dcbrigens sch\u00e4me ich mich dieses Kinderurteils nicht, da die bejahrte Kritik ein \u00e4hnliches f\u00e4llte und naiv genug war, es in die Welt hineinzuschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dasselbe ist mir auch mit dem Homer begegnet, den ich in einer noch sp\u00e4tern Periode kennen lernte. Ich erinnere mich jetzt der merkw\u00fcrdigen Stelle im sechsten Buch der Ilias, wo Glaukus und Diomed im Gefecht aufeinander sto\u00dfen und, nachdem sie sich als Gastfreunde erkannt, einander Geschenke geben. Diesem r\u00fchrenden Gem\u00e4lde der Piet\u00e4t, mit der die Gesetze des Gastrechts selbst im Krieg beobachtet wurden, kann eine Schilderung des ritterlichen Edelmuts im Ariost<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Ariost.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> an die Seite gestellt werden, wo zwei Ritter und Nebenbuhler, Ferrau und Rinald, dieser ein Christ, jener ein Sarazene, nach einem heftigen Kampf und mit Wunden bedeckt, Friede machen und, um die fl\u00fcchtige Angelika einzuholen, das n\u00e4mliche Pferd besteigen. Beide Beispiele, so verschieden sie \u00fcbrigens sein m\u00f6gen, kommen einander in der Wirkung auf unser Herz beinahe gleich, weil beide den sch\u00f6nen Sieg der Sitten \u00fcber die Leidenschaft malen und uns durch Naivit\u00e4t der Gesinnungen r\u00fchren. Aber wie ganz verschieden nehmen sich die Dichter bei Beschreibung dieser \u00e4hnlichen Handlung! Ariost<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Ariost.htm\"><sup>*<\/sup><\/a>, der B\u00fcrger einer sp\u00e4tern und von der Einfalt der Sitten abgekommenen Welt, kann bei der Erz\u00e4hlung dieses Vorfalls seine eigene Verwunderung, seine R\u00fchrung nicht verbergen. Das Gef\u00fchl des Abstandes jener Sitten von denjenigen, die sein Zeitalter charakterisieren, \u00fcberw\u00e4ltigt ihn. Er verl\u00e4sst auf einmal das Gem\u00e4lde des Gegenstandes und erscheint in eigener Person. Man kennt die sch\u00f6ne Stanze und hat sie immer vorz\u00fcglich bewundert:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O Edelmut der alten Rittersitten!<br \/>\nDie Nebenbuhler waren, die entzweit<br \/>\nIm Glauben waren, bittern Schmerz noch litten<br \/>\nAm ganzen Leib vom feindlich wilden Streit,<br \/>\nFrei von Verdacht und in Gemeinschaft ritten<br \/>\nSie durch des krummen Pfades Dunkelheit.<br \/>\nDas Ross, getrieben von vier Sporen, eilte,<br \/>\nBis wo der Weg sich in zwei Stra\u00dfen teilte<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#8%29\"><sup>8)<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun der alte Homer! Kaum erf\u00e4hrt Diomed aus Glaukus, seines Gegners, Erz\u00e4hlung, dass dieser von V\u00e4terzeiten her ein Gastfreund seines Geschlechts ist, so steckt er die Lanze in die Erde, redet freundlich mit ihm und macht mit ihm aus, dass sie einander im Gefecht k\u00fcnftig ausweichen wollen. Doch man h\u00f6re den Homer selbst:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAlso bin ich nunmehr dein Gastfreund mitten in Argos<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Argos.htm\"><sup>*<\/sup><\/a>,<br \/>\nDu in Lykia mir, wenn jenes Land ich besuche.<br \/>\nDrum mit unseren Lanzen vermeiden wir uns im Get\u00fcmmel.<br \/>\nViel ja sind der Troer mir selbst und der r\u00fchmlichen Helfer,<br \/>\nDass ich t\u00f6te, wen Gott mir gew\u00e4hrt und die Schenkel erreichen;<br \/>\nViel auch dir der Achaier<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/Achaeer.htm\"><sup>*<\/sup><\/a>, dass, welchen du kannst, du erlegest.<br \/>\nAber die R\u00fcstungen beide vertauschen wir, dass auch die andern<br \/>\nSchaun, wie wir G\u00e4ste zu sein aus V\u00e4terzeiten uns r\u00fchmen.<br \/>\nAlso redeten jene, herab von den Wagen sich schwingend,<br \/>\nFassten sie beide einander die H\u00e4nd\u2019 und gelobten sich Freundschaft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwerlich d\u00fcrfte ein moderner Dichter (wenigstens schwerlich einer, der es in der moralischen Bedeutung dieses Wortes ist) auch nur bis hierher gewartet haben, um seine Freude an dieser Handlung zu bezeugen. Wir w\u00fcrden es ihm umso leichter verzeihen, da auch unser Herz beim Lesen einen Stillstand macht und sich von dem Objekt gern entfernt, um in sich selbst zu schauen. Aber von allem diesem keine Spur im Homer: Als ob er etwas Allt\u00e4gliches berichtet h\u00e4tte, ja als ob er selbst kein Herz im Busen tr\u00fcge, f\u00e4hrt er in seiner trockenen Wahrhaftigkeit fort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDoch den Glaukus erregte Zeus, dass er ohne Besinnung<br \/>\nGegen den Held Diomedes die R\u00fcstungen, goldne mit ehernen,<br \/>\nWechselte, hundert Farren wert, neun Farren die andern<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#9%29\"><sup>9)<\/sup><\/a>.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dichter von dieser naiven Gattung sind in einem k\u00fcnstlichen Weltalter nicht so recht mehr an ihrer Stelle. Auch sind sie in demselben kaum mehr m\u00f6glich, wenigstens auf keine andere Weise m\u00f6glich, als dass sie in ihrem Zeitalter wild laufen und durch ein g\u00fcnstiges Geschick vor dem verst\u00fcmmelten Einfluss desselben geborgen werden. Aus der Soziet\u00e4t selbst k\u00f6nnen sie nie und nimmer hervorgehen; aber au\u00dferhalb derselben erscheinen sie noch zuweilen, doch mehr als Fremdlinge, die man anstaunt, und als ungezogene S\u00f6hne der Natur, an denen man sich \u00e4rgert. So wohlt\u00e4tige Erscheinungen sie f\u00fcr den K\u00fcnstler sind, der sie studiert, und f\u00fcr den echten Kenner, der sie zu w\u00fcrdigen versteht, so wenig Gl\u00fcck machen sie im Ganzen und bei ihrem Jahrhundert. Das Siegel des Herrschers ruht auf ihrer Stirn; wir hingegen wollen von den Musen gewiegt und getragen werden. Von den Kritikern, den eigentlichen Zaunh\u00fctern des Geschmacks, werden sie als Grenzst\u00f6rer gehasst, die man lieber unterdr\u00fccken m\u00f6chte; denn selbst Homer d\u00fcrfte es blo\u00df der Kraft eines mehr als tausendj\u00e4hrigen Zeugnisses zu verdanken haben, dass ihn diese Geschmacksrichter gelten lassen; auch wird es ihnen sauer genug, ihre Regeln gegen sein Beispiel und sein Ansehen gegen ihre Regeln zu behaupten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" 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alt=\"\" \/><sup>1)<\/sup>\u00a0Zuerst war dieser Aufsatz in die Jahrg\u00e4nge 1795 und 1796 der Horen einger\u00fcckt worden. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#1%29%20Text\">\u00ad<\/a><br \/>\n<sup>2)<\/sup> Kant, meines Wissens der erste, der \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen eigens zu reflektieren angefangen, erinnert, dass, wenn wir von einem Menschen den Schlag der Nachtigall bis zur h\u00f6chsten T\u00e4uschung nachgeahmt f\u00e4nden und uns dem Eindruck desselben mit ganzer R\u00fchrung \u00fcberlie\u00dfen, mit der Zerst\u00f6rung dieser Illusion alle unsere Lust verschwinden w\u00fcrde. Man sehe das Kapitel vom intellektuellen Interesse am Sch\u00f6nen in der Kritik der \u00e4sthetischen<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/aesthetisch.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> Urteilskraft. Wer den Verfasser nur als einen gro\u00dfen Denker bewundern gelernt hat, wird sich freuen, hier auf eine Spur seines Herzens zu treffen und sich durch diese Entdeckung von dem hohen philosophischen Beruf dieses Mannes (welcher schlechterdings beide Eigenschaften verbunden fordert) zu \u00fcberzeugen. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#2%29%20Text\">\u00ad<\/a><br \/>\n<sup>3)<\/sup> Kant in einer Anmerkung zu der Analytik des Erhabenen (Kritik der \u00e4sthetischen<a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/lex\/A\/aesthetisch.htm\"><sup>*<\/sup><\/a> Urteilskraft, S. 225 der ersten Auflage) unterscheidet gleichfalls diese dreierlei Ingredienzien in dem Gef\u00fchl des Naiven, aber er gibt davon eine andre Erkl\u00e4rung. \u201eEtwas aus beidem (dem animalischen Gef\u00fchl des Vergn\u00fcgens und dem geistigen Gef\u00fchl der Achtung) Zusammengesetztes findet sich in der Naivit\u00e4t, die der Ausbruch der der Menschheit urspr\u00fcnglich nat\u00fcrlichen Aufrichtigkeit wider die zur andern Natur gewordene Verstellungskunst ist. Man lacht \u00fcber die Einfalt, die es noch nicht versteht, sich zu verstellen und erfreut sich doch auch \u00fcber die Einfalt der Natur, die jener Kunst hier einen Querstrich spielt. Man erwartete die allt\u00e4gliche Sitte der gek\u00fcnstelten und auf den sch\u00f6nen Schein vorsichtig angelegten \u00c4u\u00dferung und sieh, es ist die unverdorbene schuldlose Natur, die man anzutreffen gar nicht gew\u00e4rtig und der, so sie blicken lie\u00df, zu entbl\u00f6\u00dfen auch nicht gemeint war. Dass der sch\u00f6ne, aber falsche Schein, der gew\u00f6hnlich in unserm Urteil sehr viel bedeutet, hier pl\u00f6tzlich in Nichts verwandelt, dass gleichsam der Schalk in uns selbst blo\u00dfgestellt wird, bringt die Bewegung des Gem\u00fcts nach zwei entgegen gesetzten Richtungen nacheinander hervor, die zugleich den K\u00f6rper heilsam sch\u00fcttelt. Dass aber etwas, was unendlich besser als alle angenommene Sitte ist, die Lauterkeit der Denkungsart (wenigstens die Anlage dazu), doch nicht ganz in der menschlichen Natur erloschen ist, mischt Ernst und Hochsch\u00e4tzung in dieses Spiel der Urteilskraft. Weil es aber nur eine kurze Zeit Erscheinung ist und die Decke der Verstellungskunst bald wieder vorgezogen wird, so mengt sich zugleich ein Bedauern darunter, welches eine R\u00fchrung der Z\u00e4rtlichkeit ist, die sich als Spiel mit einem solchen gutherzigen Lachen sehr wohl verbinden l\u00e4sst und auch wirklich damit gew\u00f6hnlich verbindet, zugleich auch die Verlegenheit dessen, der den Stoff dazu hergibt, dar\u00fcber dass er noch nicht nach Menschenweise gewitzigt ist, zu verg\u00fcten pflegt.\u201c \u2013 Ich gestehe, dass diese Erkl\u00e4rungsart mich nicht ganz befriedigt, und zwar vorz\u00fcglich deswegen nicht, weil sie von dem Naiven \u00fcberhaupt etwas behauptet, was h\u00f6chstens von einer Spezies desselben, dem Naiven der \u00dcberraschung, von welchem ich nachher reden werde, wahr ist. Allerdings erregt es Lachen, wenn sich jemand durch Naivit\u00e4t blo\u00df gibt und in manchen F\u00e4llen mag dieses Lachen aus einer vorhergegangenen Erwartung, die in nichts aufgel\u00f6st wird, flie\u00dfen. Aber auch das Naive der edelsten Art, das Naive der Gesinnung, erregt immer ein L\u00e4cheln, welches doch schwerlich eine in nichts aufgel\u00f6ste Erwartung zugrunde hat, sondern \u00fcberhaupt nur aus dem Kontrast eines gewissen Betragens mit den einmal angenommenen und erwarteten Formen zu erkl\u00e4ren ist. Auch zweifle ich, ob die Bedauernis, welche sich bei dem Naiven der letztern Art in unsere Empfindung mischt, der naiven Person, und nicht vielmehr uns selbst oder vielmehr der Menschheit \u00fcberhaupt gilt, an deren Verfall wir bei einem solchen Anlass erinnert werden. Es ist zu offenbar eine moralische Trauer, die einen edleren Gegenstand haben muss, als die physischen \u00dcbel, von denen die Aufrichtigkeit in dem gew\u00f6hnlichen Weltlauf bedroht wird und dieser Gegenstand kann nicht wohl ein anderer sein, als der Verlust der Wahrheit und Simplizit\u00e4t in der Menschheit. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#3%29%20Text\">\u00ad<\/a><br \/>\n<sup>4)<\/sup> Ich sollte vielleicht ganz kurz sagen: Die Wahrheit \u00fcber die Verstellung; aber der Begriff des Naiven scheint mir noch etwas mehr einzuschlie\u00dfen, indem die Einfachheit \u00fcberhaupt, welche \u00fcber die K\u00fcnstelei und die nat\u00fcrliche Freiheit, welche \u00fcber Steifheit und Zwang siegt, ein \u00e4hnliches Gef\u00fchl in uns erregen. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#4%29%20Text\">\u00ad<\/a><br \/>\n<sup>5)<\/sup> Ein Kind ist ungezogen, wenn es aus Begierde, Leichtsinn, Ungest\u00fcm den Vorschriften einer guten Erziehung entgegenhandelt; aber es ist naiv, wenn es sich von dem Manierierten einer unvern\u00fcnftigen Erziehung, von den steifen Stellungen des Tanzmeisters u.dergl. aus freier und gesunder Natur dispensiert. Dasselbe findet auch bei dem Naiven in ganz uneigentlicher Bedeutung statt, welches durch \u00dcbertragung von dem Menschen auf das Vernunftlose entsteht. Niemand wird den Anblick naiv finden, wenn in einem Garten, der schlecht gewartet wird, das Unkraut \u00fcberhand nimmt; aber es hat allerdings etwas Naives, wenn der freie Wuchs hervorstrebender \u00c4ste das m\u00fchselige Werk der Schere in einem franz\u00f6sischen Garten vernichtet. So ist es ganz und gar nicht naiv, wenn ein geschultes Pferd aus nat\u00fcrlicher Plumpheit seine Lektion schlecht macht; aber es hat etwas vom Naiven, wenn es dieselbe aus nat\u00fcrlicher Freiheit vergisst. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#5%29%20Text\">\u00ad<\/a><br \/>\n<sup>6)<\/sup> Da das Naive blo\u00df auf der Form beruht, wie etwas getan oder gesagt wird, so verschwindet uns diese Eigenschaft aus den Augen, sobald die Sache selbst entweder durch ihre Ursachen oder durch ihre Folgen einen \u00fcberwiegenden oder gar widersprechenden Eindruck macht. Durch eine Naivit\u00e4t dieser Art kann auch ein Verbrechen entdeckt werden; aber dann haben wir weder die Ruhe noch die Zeit, unsere Aufmerksamkeit auf die Form der Entdeckung zu richten und der Abscheu \u00fcber den pers\u00f6nlichen Charakter verschlingt das Wohlgefallen an dem nat\u00fcrlichen. Sowie uns das emp\u00f6rte Gef\u00fchl die moralische Freude an der Aufrichtigkeit der Natur raubt, sobald wir durch eine Naivit\u00e4t ein Verbrechen erfahren, ebenso erstickt das erregte Mitleiden unsere Schadenfreude, sobald wir jemand durch seine Naivit\u00e4t in Gefahr gesetzt sehen. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#6%29%20Text\">\u00ad<\/a><br \/>\n<sup>7)<\/sup> Aber auch nur bei den Griechen: Denn es geh\u00f6rte gerade eine solche rege Bewegung und eine solche reiche F\u00fclle des menschlichen Lebens dazu, als den Griechen umgab, um Leben auch in das Leblose zu legen und das Bild der Menschheit mit diesem Eifer zu verfolgen. Ossians Menschenwelt z.B. war d\u00fcrftig und einf\u00f6rmig; das Leblose um ihn her hingegen war gro\u00df, kolossalisch, m\u00e4chtig, drang sich also auf und behauptete selbst \u00fcber den Menschen seine Rechte. In den Ges\u00e4ngen dieses Dichters tritt daher die leblose Natur (im Gegensatz gegen den Menschen) noch weit mehr als Gegenstand der Empfindung hervor. Indessen klagt auch schon Ossian \u00fcber einen Verfall der Menschheit, und so klein auch bei seinem Volk der Kreis der Kultur und ihrer Verderbnisse war, so war die Erfahrung davon doch gerade lebhaft und eindringlich genug, um den gef\u00fchlvollen moralischen S\u00e4nger zu dem Leblosen zur\u00fcckzuscheuchen und \u00fcber seine Ges\u00e4nge jenen elegischen Ton auszugie\u00dfen, der sie f\u00fcr uns so r\u00fchrend und anziehend macht. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#7%29%20Text\">\u00ad<\/a><br \/>\n<sup>8)<\/sup> Der rasende Roland. Erster Gesang, Stanze 32. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#8%29%20Text\">\u00ad<\/a><br \/>\n<sup>9)<\/sup> Ilias, Vo\u00df\u2019sche \u00dcbersetzung. Erster Band, Seite 153. <a href=\"http:\/\/www.kuehnle-online.de\/literatur\/schiller\/werke\/phil\/nsdichtung\/01.htm#9%29%20Text\">\u00ad<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Es gibt Augenblicke in unserm Leben, wo wir der Natur in Pflanzen, Mineralien, Tieren, Landschaften, sowie der menschlichen Natur in Kindern, in den Sitten des Landvolks und der Urwelt, nicht weil sie unsern Sinnen wohl tut, auch nicht, weil&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/05\/09\/ueber-naive-und-sentimentalische-dichtung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":73,"featured_media":13798,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[497],"class_list":["post-28516","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-schiller"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28516","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/73"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28516"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28516\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28516"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28516"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28516"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}