{"id":28492,"date":"2015-07-15T00:01:21","date_gmt":"2015-07-14T22:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28492"},"modified":"2022-02-18T11:34:50","modified_gmt":"2022-02-18T10:34:50","slug":"terzinen-ueber-vergaenglichkeit-i-iv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/07\/15\/terzinen-ueber-vergaenglichkeit-i-iv\/","title":{"rendered":"Terzinen \u00fcber Verg\u00e4nglichkeit (I\u2013IV)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>I<br \/>\nNoch sp\u00fcr ich ihren Atem auf den Wangen:<\/p>\n<p>Wie kann das sein, da\u00df diese nahen Tage<\/p>\n<p>Fort sind, f\u00fcr immer fort, und ganz vergangen?<\/p>\n<p>Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,<\/p>\n<p>Und viel zu grauenvoll, als da\u00df man klage:<\/p>\n<p>Da\u00df alles gleitet und vor\u00fcberrinnt.<\/p>\n<p>Und da\u00df mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,<\/p>\n<p>Her\u00fcberglitt aus einem kleinen Kind<\/p>\n<p>Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.<\/p>\n<p>Dann: da\u00df ich auch vor hundert Jahren war<\/p>\n<p>Und meine Ahnen, die im Totenhemd,<\/p>\n<p>Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,<\/p>\n<p>So eins mit mir als wie mein eignes Haar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen<\/p>\n<p>Des Meeres starren und den Tod verstehn,<\/p>\n<p>So leicht und feierlich und ohne Grauen,<\/p>\n<p>Wie kleine M\u00e4dchen, die sehr bla\u00df aussehn,<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfen Augen, und die immer frieren,<\/p>\n<p>An einem Abend stumm vor sich hinsehn<\/p>\n<p>Und wissen, da\u00df das Leben jetzt aus ihren<\/p>\n<p>Schlaftrunknen Gliedern still hin\u00fcberflie\u00dft<\/p>\n<p>In B\u00e4um&#8216; und Gras, und sich matt l\u00e4chelnd zieren<\/p>\n<p>Wie eine Heilige, die ihr Blut vergie\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Tr\u00e4umen,<\/p>\n<p>Und Tr\u00e4ume schlagen so die Augen auf<\/p>\n<p>Wie kleine Kinder unter Kirschenb\u00e4umen,<\/p>\n<p>Aus deren Krone den bla\u00dfgoldnen Lauf<\/p>\n<p>Der Vollmond anhebt durch die gro\u00dfe Nacht.<\/p>\n<p>&#8230; Nicht anders tauchen unsre Tr\u00e4ume auf,<\/p>\n<p>Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,<\/p>\n<p>Nicht minder gro\u00df im Auf- und Niederschweben<\/p>\n<p>Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.<\/p>\n<p>Das Innerste ist offen ihrem Weben;<\/p>\n<p>Wie Geisterh\u00e4nde in versperrtem Raum<\/p>\n<p>Sind sie in uns und haben immer Leben.<\/p>\n<p>Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Zuweilen kommen niegeliebte Frauen<\/p>\n<p>Im Traum als kleine M\u00e4dchen uns entgegen<\/p>\n<p>Und sind uns\u00e4glich r\u00fchrend anzuschauen,<\/p>\n<p>Als w\u00e4ren sie mit uns auf fernen Wegen<\/p>\n<p>Einmal an einem Abend lang gegangen,<\/p>\n<p>Indes die Wipfel atmend sich bewegen<\/p>\n<p>Und Duft herunterf\u00e4llt und Nacht und Bangen,<\/p>\n<p>Und l\u00e4ngs des Weges, unsres Wegs, des dunkeln,<\/p>\n<p>Im Abendschein die stummen Weiher prangen<\/p>\n<p>Und, Spiegel unsrer Sehnsucht, traumhaft funkeln,<\/p>\n<p>Und allen leisen Worten, allem Schweben<\/p>\n<p>Der Abendluft und erstem Sternefunkeln<\/p>\n<p>Die Seelen schwesterlich und tief erbeben<\/p>\n<p>Und traurig sind und voll Triumphgepr\u00e4nge<\/p>\n<p>Vor tiefer Ahnung, die das gro\u00dfe Leben<\/p>\n<p>Begreift und seine Herrlichkeit und Strenge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Gedichte_Hugo_von_Hofmannsthal.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-88883 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Gedichte_Hugo_von_Hofmannsthal-152x300.jpg\" alt=\"\" width=\"152\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Gedichte_Hugo_von_Hofmannsthal-152x300.jpg 152w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Gedichte_Hugo_von_Hofmannsthal-260x514.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Gedichte_Hugo_von_Hofmannsthal-160x316.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Gedichte_Hugo_von_Hofmannsthal.jpg 348w\" sizes=\"auto, (max-width: 152px) 100vw, 152px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/19\/13384\/\"><i>Brief des Lord Chandos<\/i><\/a> ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht l\u00e4nger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; I Noch sp\u00fcr ich ihren Atem auf den Wangen: Wie kann das sein, da\u00df diese nahen Tage Fort sind, f\u00fcr immer fort, und ganz vergangen? Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, Und viel zu grauenvoll, als da\u00df&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/07\/15\/terzinen-ueber-vergaenglichkeit-i-iv\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":80,"featured_media":98219,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1094],"class_list":["post-28492","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-von-hofmannsthal"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28492","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/80"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28492"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28492\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98225,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28492\/revisions\/98225"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98219"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}