{"id":27997,"date":"2003-10-28T00:01:00","date_gmt":"2003-10-27T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27997"},"modified":"2023-09-20T13:08:19","modified_gmt":"2023-09-20T11:08:19","slug":"schreib-wie-du-willst-aber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/28\/schreib-wie-du-willst-aber\/","title":{"rendered":"Schreib wie du willst \u2013 aber"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">finde deine Art der Selbstdisziplin. Ohne sie ist noch nie ein gutes Kunstwerk geschrieben worden. Ich meine keine Disziplin der Regeln und der gesellschaftlichen Normen. Ich meine die handwerkliche und k\u00fcnstlerische Arbeit, die erforderlich ist, um das Talent und die Idee wirklich umzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor eines Dramas kann den Text nicht einfach rausrotzen, Schauspieler k\u00f6nnen ohne die verdammten Wiederholungen und Um\u00e4nderungen in den Proben kein St\u00fcck gut auf der B\u00fchne realisieren. Auch ein Lyriker muss schreiben schreiben schreiben, verwerfen, streichen, korrigieren, umformulieren, sich zur\u00fcckhalten und langsam reifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Innere Monologe im Klein-Format in die Tasten hauen, das k\u00f6nnen viele! Aber das ist noch nicht die Literatur, die ich und viele anspruchsvolle Leser und Autoren lesen wollen, und es ist auch nicht das, was manche leisten k\u00f6nnten.<br \/>\nEs ist eine schlechte Mode, Leistung zu verteufeln. Ohne Leistung k\u00f6nnen wir kein Kind gut erziehen, keinen Patienten gut behandeln, noch nicht einmal in der Liebe uns bew\u00e4hren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das alte Lied: Hinter der pauschalen Kritik an der (Selbst-)Disziplin kann man wunderbar leicht seine Faulheit verstecken, und als Schriftsteller ein Leben lang als Talent herumlaufen \u2013 eine Variante des Hochstaplertums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Autor ist und bleibt frei, wenn er das will. Der Autor soll sich nicht dem Markt beugen, sondern seine Freiheit ausleben, die ihn zur Qualit\u00e4t verpflichtet: zur Stimmigkeit, Echtheit, zu Streben nach Wahrheit, auch zu handwerklich guter Arbeit. Sich selbst muss er alles abverlangen. Es geht ihm gerade nicht um Normerf\u00fcllung, sondern um das Neue oder Eigene, das literarisch Weiterentwickelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Motivation kommt nicht so leicht von au\u00dfen oder innen. Auch die Motivation will oft erarbeitet sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich st\u00f6rt der schnelle, t\u00e4gliche Kurztext, ein Ich-Geschw\u00e4tz mit hochtrabenden Titeln, ein Text aus der Ego-Werbeagentur verlogener Poesie, Scheindichtung,\u00a0 Geschwafel in ausgeleierten H\u00fclsen vermeintlicher Eleganz&#8230; Die Dummen applaudieren da sofort, wenn die sch\u00f6nen Worte fallen, wie sie auf Marmeladen-Etiketten stehen. Ich empfinde das kunstlose Abreagieren von Gef\u00fchlchen als Sprachverletzung. Der Verzicht auf literarische Anspr\u00fcche f\u00fchrt geradewegs in die Beliebigkeit. Es darf nicht egal sein, was ich schreibe. Disziplin ist keine treibende, sondern das Treiben ordnende Kraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft sp\u00fcre ich, wie ich spiele, wenn ich schreibe, das Schreiben als reine Umsetzung meiner Ideen macht mir Vergn\u00fcgen. Wenn ich etwas aus mir herauslasse, geschieht es fast von allein, mal mehr, mal weniger, da ist eine ernstere Seite, etwa die Gewalt, die in vielen meiner Texte zum Ausdruck kommt, vermischt hier und da mit dem mehr oder weniger bewussten Willen etwas mitzuteilen. (Selbst-)Disziplin ist eine Art Metadenken, dass ich das zun\u00e4chst Wilde forme \u2013 oder bewusst auch nicht! \u2013\u00a0 das geht von der Revision eines Textes \u00fcber das Neuschreiben bis hin zur v\u00f6lligen Zur\u00fccknahme eines Textes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00fcbrigen: Es gibt auch wunderbares Geschw\u00e4tz. Etwa das Parlando in Mozarts Opern und Klavierkonzerten, oder in Schuberts Klaviermusik \u00fcber der Tiefe. Dann Bachs Strenge, oft mit melodischer S\u00fc\u00dfe vereint, und rhythmisch rasant: Die Kadenz im 5. Brandenburgischen Konzert. Schostakowitschs dunkle Dramatik. Das geh\u00f6rt alles zusammen. Auch in der Literatur. Thomas Bernhard ist einer der Meister, die Strenge, Parlando und Tiefe gro\u00dfartig amalgamieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als dialektischer Denker, der ich nun mal bin, sage ich: Meine Auffassung von Disziplin verhindert kein Genie, keine geniale Tat \u2013 sondern erm\u00f6glicht sie geradezu. Denn erst ein Meta-Denken erkennt und realisiert die prim\u00e4ren Impulse und Expressionen, Intuitionen und Spontaneit\u00e4ten. Wer die Regeln kennt, kann sie auch besonders gut \u00fcberschreiten, ohne in dummen Wiederholungen zu ersticken. Disziplin ist kein Tranquilizer, sondern f\u00f6rdert Z\u00fcndung und Gestaltung der Phantasie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin angewiesen auf Spontaneit\u00e4t, Ideen, Einf\u00e4lle, irrationalen Eingebungen und Gestaltungen \u2013 Angst vor Disziplin habe ich beim Schreiben noch nie gehabt. Und das ist ja auch klar: Meine Selbstdisziplinierung ist zun\u00e4chst null oder ganz gering (beim Denken, Entwerfen) und kommt immer erst danach und erl\u00f6st mich sogar von dieser irrationalen Springflut. \u2013 Angst vor der Disziplin haben vielleicht die, denen der Schacht von innen nach au\u00dfen fehlt \u2013 oder jene, die Disziplin mit einer politischen Bef\u00fcrchtung konnotieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Disziplin, die mir Elternhaus und Schule abverlangte, gefiel mir nicht, ich litt oft sehr darunter. Aber mit der Disziplin, die ich mir freiwillig f\u00fcr mein Werk abverlangen muss, ist es etwas ganz anderes. Demokrit nennt die guten Folgen der Disziplin, den Segen der Ordnung und der Effizienz. Das gilt auch f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere literarische Arbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Mir hat jedenfalls weder das (oft zu strenge) Elternhaus noch die (oft zu kleinkarierte) Schule die Erkenntnis des Richtigen, Angemessenen, N\u00fctzlichen und Notwendigen nehmen k\u00f6nnen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe Disziplin, die mir von Lehrern\/Lehrenden abverlangt wurde, manchmal durchaus lieben k\u00f6nnen, etwa als ich Latein f\u00fcrs Abitur lernte (und den Lateinlehrer mit meinen Freunden zusammen selber bezahlen musste), und in den abendlichen Abiturkursen verliebte ich mich sogar in die einst gehasste Mathematik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Was einem wehtut, muss immer in gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen gesehen werden \u2013 der Schmerz des freien Lernens, der freien Disziplin l\u00e4sst sich verwandeln in einen s\u00fc\u00dfen Schmerz, der sich sogar ein weiteres Mal verwandeln kann in Lust. Es ist wie in der Liebe, und so sind mir gerade die schmerzenden B\u00fccher und Gedanken die sch\u00f6nsten und lustvollsten. Der Schmerz der disziplinierten Arbeit ist gleichsam das Vorspiel der Erkenntnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fazit: Erst auf dem Fundament hart erworbener Kenntnisse und F\u00e4higkeiten kann sich ein Genie entfalten und seine Ideen realisieren und gestalten, was ihm aufgetragen wird aus tiefstem Inneren, willentlich und bewusst oder gar von au\u00dfen. Ohne Disziplin vor und w\u00e4hrend der Entstehung des Werks gelingt nicht viel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles nur Binsenweisheiten \u2013 Tautologien, also wahr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98374\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Aus der Reihe <strong>K<\/strong><b>eine Bojen auf hoher See, nur Sterne &#8230; und Schwerkraft\u00a0<\/b><i>Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Holger Benkel schreib zu den <em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>finde deine Art der Selbstdisziplin. Ohne sie ist noch nie ein gutes Kunstwerk geschrieben worden. Ich meine keine Disziplin der Regeln und der gesellschaftlichen Normen. Ich meine die handwerkliche und k\u00fcnstlerische Arbeit, die erforderlich ist, um das Talent und die&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/28\/schreib-wie-du-willst-aber\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-27997","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27997","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=27997"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27997\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100752,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27997\/revisions\/100752"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=27997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=27997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=27997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}