{"id":27986,"date":"2024-07-08T00:01:00","date_gmt":"2024-07-07T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27986"},"modified":"2022-02-22T20:03:41","modified_gmt":"2022-02-22T19:03:41","slug":"massendiskurs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/07\/08\/massendiskurs\/","title":{"rendered":"Massendiskurs"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht jedem gegeben, sein Innerstes an die Oberfl\u00e4che aufsteigen zu lassen, ohne Scheu und ohne Furcht vor dem Zerrissenwerden oder der Antwort: Was f\u00fcr ein schwacher Text! Aber es geht gar nicht anders. Ich glaube, es ist m\u00f6glich, sich eine dickere Haut wachsen zu lassen und zugleich die Kan\u00e4le zu weiten f\u00fcr das Aufsteigen der inneren Ideen und (in Worte gefassten) Gef\u00fchle, Sehns\u00fcchte, \u00c4ngste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir alle sind Konglomerate der unterschiedlichsten Gef\u00fchle: Verletzungen, Wunden, Niederlagen, narzisstische Kr\u00e4nkungen, M\u00fchen, Sorgen, \u00c4ngste, Schrecken, Leere, Druck und Furcht vor Versagen, Schuldgef\u00fchle, die Stimme des Gewissens, traumatische Erlebnisse&#8230; und Freuden, Eigenliebe, narzisstische Regungen, Begierden, Suchtgef\u00fchle&#8230; Gedanken, Erlebnisse, Lehren und Erkenntnisse, die eigene Geschichte, die curriculare Last, Pflichten, Rollenkonflikte \u2013 und noch einiges mehr: Das alles ist in uns und verr\u00e4t sich im Schreiben, auch wenn es sich im Lyrischen oder Epischen oder Dramatischen Ich verbirgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die formale Bew\u00e4ltigung aller dieser Elemente unseres Lebens im Schreiben ist ein h\u00f6chst komplexer Akt der permanenten Selbst- und Fremd\u00fcberwindung. Es ist klar, dass das anstrengt und Scham\u00e4ngste hervorruft. Selbst ein extrovertierter K\u00fcnstler wird konfrontiert mit dem Urteil, das ihn abweist oder einsam werden l\u00e4sst. Anerkennung ist br\u00fcchig, tempor\u00e4r und treibt in neue Zweifel: Gefalle ich, weil ich gef\u00e4llig bin, weil ich in der Belanglosigkeit des Geschriebenen nicht mehr ansto\u00dfe?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Intellektuelle\u201c \u2013 Essay von J\u00fcrgen Habermas in der Zeitschrift \u201eCicero\u201c (Nr. 4\/2006) \u2013\u00a0 steht vor dem Problem, dass intellektuelles Wirken heute, provoziert durch die Massenmedien Internet und Fernsehen, im Spannungsfeld zwischen Egalitarismus und elit\u00e4rem Anspruch steht. Der Intellektuelle oder K\u00fcnstler steht zwischen Selbstdarstellung und Diskurs, und zwar in einer immer mehr entformalisierten \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der K\u00fcnstler ist in dieses Spannungsfeld gestellt \u2013 er setzt sich und sein Werk der Massenreaktion aus. Anders als fr\u00fcher reagieren heute nicht nur einzelne, sondern viele. Der Intellektuelle und der K\u00fcnstler haben es schwerer als fr\u00fcher mit ihrer Autorit\u00e4t \u2013 ihr Urteil ist schon relativiert, ehe es ausgesprochen wird (fr\u00fcher war es oft genau umgekehrt, was nicht besser war).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was aber unver\u00e4ndert bleibt, so Habermas, ist der Mut des Intellektuellen zur Polarisierung, unbequeme und wehtuende Dinge zu sagen, Werke zu erschaffen, die zun\u00e4chst entfremden, um dann zu neuen Erkenntnissen zu treiben. Der K\u00fcnstler ist in dieser Position immer einsam, es geht nicht anders, er muss vermessen sein, wenn er, partiell, das Sein vermisst, er kann nicht anders, er muss. Er muss die gegen ihn gerichteten Vorw\u00fcrfe aushalten, den Hass der Masse, er ist zur sterilen Aufgeregtheit, die sein Werk begr\u00fcndet und wirken l\u00e4sst, verpflichtet \u2013 ohne R\u00fccksicht auf Befindlichkeiten der Rezipienten. Das Werk des K\u00fcnstlers, wenn es wirklich in die Gesellschaft hinein lebt, entwirft mit avantgardistischem Sp\u00fcrsinn Alternativen zum bisher gelebten Sein &#8211; es ist fremd und utopisch, weil es Heimat sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wesen des Kunstwerks ist nicht prim\u00e4r der Genuss, die Befriedigung hedonistischer Bed\u00fcrfnisse, sondern es provoziert den Prozess schmerzlicher Arbeit, der im besten Fall in ein schmerzlich-orgasmisches Erkenntnisgl\u00fcck m\u00fcndet, das selbst wieder ein Werk darstellt und damit die Voraussetzung f\u00fcr eine neue Kunst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_9174\" style=\"width: 132px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Bergmann_1_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9174\" class=\"size-full wp-image-9174\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Bergmann_1_sw.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9174\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Reihe <strong>K<\/strong><b>eine Bojen auf hoher See, nur Sterne &#8230; und Schwerkraft\u00a0<\/b><i>Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine W\u00fcrdigung von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es ist nicht jedem gegeben, sein Innerstes an die Oberfl\u00e4che aufsteigen zu lassen, ohne Scheu und ohne Furcht vor dem Zerrissenwerden oder der Antwort: Was f\u00fcr ein schwacher Text! 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