{"id":27983,"date":"2004-10-31T00:01:00","date_gmt":"2004-10-30T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27983"},"modified":"2022-02-28T07:15:41","modified_gmt":"2022-02-28T06:15:41","slug":"traumpoesie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/10\/31\/traumpoesie\/","title":{"rendered":"Traumpoesie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Du<\/i>: \u201eMan ist, was man tr\u00e4umt.\u201c Platon.<i><\/i><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ich<\/i>: Generelle Frage: Stehen literarische Fiktionen (ungef\u00e4hr) auf der Ebene des Traums?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Du<\/i>: Es gibt Tagtr\u00e4ume, Klartr\u00e4ume, Wunschtr\u00e4ume, so eine Art Fantasie in schl\u00e4friger Form. Aufgeweckt wird Text daraus. Keine Ahnung, ob ich richtig liege.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ich<\/i>: Meine Frage war: Ob sich geschriebene Fiktionen so \u00e4hnlich verwirklichen wie Tr\u00e4ume? Es geht wieder einmal um das Verh\u00e4ltnis Autor \/ Text.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Du<\/i>: &#8230; Selbstredend z\u00e4hlte die \u201eTraumdeutung\u201c zu Freuds wichtigsten Werken, wenn nicht dem wichtigsten \u00fcberhaupt. Und er selbst meint, dass sie die Via regia zum Unterbewu\u00dften sei. Er geht noch weiter und erkl\u00e4rt, sie sei \u201e&#8230;die sicherste Grundlage der Psychoanalyse.\u201c Manche Indianerst\u00e4mme halten Tr\u00e4ume f\u00fcr das wahre Leben und das Sichtbare nur f\u00fcr Trug. Vielleicht hat der Eros der Sprache seinen Ursprung im Traum. Das Spiel des Geschlechtlichen, in das sich alles und jedes sublimieren l\u00e4sst, ist auch ein Sehen, das sich im Angesehenwerden spiegelt. Es gibt ja mittlerweile eine lebhafte Klartraumforschung in der Psychologie bis hin zum dem Fakt, dass man Tr\u00e4umen \u201elernen\u201c kann, ergo kann man auch lernen die literarische Fiktion gezielt aus Trauminhalten zu speisen. Vielleicht gibt es ein literarisches Tr\u00e4umen&#8230;<br \/><i>Ich<\/i>: &#8230; Parallelisierung Traum \/\/ schreibendes ErL\u00f6sen der eigenen Irrationalit\u00e4t. Mit meiner Frage war gemeint, ob der Schreibende im Schreibakt Fragmente aus dem Unterbewusstsein hebt, du nennst es literarisches Tr\u00e4umen. In der Tat sp\u00fcre ich, dass es (Es) mich manchmal zum Schreiben bringt, oder dass es (Es) sich (ab)schreibt, wenn ich schreibe. Und genau das l\u00e4sst sich auch forcieren wie das Tr\u00e4umen. Wenn ich Tr\u00e4ume aufschreibe, wenn ich sie erwarte, dann tr\u00e4ume ich mehr. Wenn ich schreibe, tr\u00e4ume ich mitten im Wachsein, so mein Gef\u00fchl. Allerdings sind diese Schreibwachtr\u00e4ume nicht so bildreich, nicht so stark wie die Schlaftr\u00e4ume &#8211; und doch bin ich in der Lage, den Keim des Schreibwachtr\u00e4umens im Schreibakt wachsen zu lassen, und ich erreiche dann manchmal Traumqualit\u00e4t. Es schreibt dann in mir von ganz allein, so geht das \u00fcber einige S\u00e4tze, und der Rest ist dann die Erg\u00e4nzung, Prolongation oder Extrapolation des so Angetr\u00e4umten&#8230; In so einem Schreibakt schaue ich mir sozusagen beim Tr\u00e4umen zu, ohne zu wissen, dass ich tr\u00e4ume. In dem Moment, wo mir bewusst wird, was ich wach traumschreibe, verliere ich die notwendige Unbefangenheit und bin dann in der Bearbeitung und \u00dcberFormung dessen, was sich mir fast wie von selbst schrieb.<br \/>Es geht nicht immer, aber es geht und ich sp\u00fcre es im Wackelkontakt der Bewusstseinswechsel. Auch diese Bewegung erscheint mir dialektisch.<br \/><i>Du<\/i>: Das trifft mein Gef\u00fchl beim Lesen Deiner Texte ziemlich genau. Die teils seidenweichen Sequenzen, dieses Rausrutschen aus der Vernunft in Traum\u00e4hnliches und nat\u00fcrlich die durch die Ratio bei vielen tabuisierten und gesperrten Themen, die sich bei Dir scheinbar m\u00fchelos hochsp\u00fclen, sprechen schon f\u00fcr zumindest starke Perforierungen der Grenzfl\u00e4chen, ohne dass man dem pathologische Qualit\u00e4ten zuschreiben muss, denn eine strukturelles Ganzes bleibt bei Dir immer gewahrt. Elias<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ich<\/i>: Die Hirnforschung wei\u00df noch nicht viel, was wir f\u00fcr diese Diskussion verwenden k\u00f6nnten. Ich vermute allerdings, dass das Sch\u00f6pferische nicht aus dem Nichts kommt, sondern im K\u00f6rper (im Hirn) angelegt ist und evozierbar ist. Im Tun selbst mag es dann oft so aussehen, als ob das Kreative dann erst entsteht, also vorher nichts war. Aber dagegen halte ich, dass dieses Tun, also die Disziplin oder Selbstdisziplin in der Formung des Materials, selber zu einem Teil Sch\u00f6pferisches enth\u00e4lt, sodass vielleicht der gesamte Prozess der Kunstentstehung, ob er nun dialogisch oder dialektisch genannt wird, ein kreativer Prozess ist. Die bewusste Formung ist dann kein Widerspruch, sondern Bestandteil des Kreativen. Weiterhin gilt aber, dass Assoziationen, Tr\u00e4ume, Ideen, Gef\u00fchle, Vorstellungen, Ahnungen usw. zu einem (m\u00f6glichst kosmischen) Werk gestaltet werden sollten, jedenfalls solange wir Kunst als unbewusst und bewusst gestaltete Arbeit begreifen.\u00a0Ich denke, dass der, der ein wenig kreative Begabung hat, durch Vervollkommnung des Handwerklichen (also auch Vervollkommnung des Sprachlichen, also der Verf\u00fcgbarkeit der sprachlichen Umsetzung von Eingebungen) mit der Zeit Kreativit\u00e4t steigern kann.<br \/>Ich bin kein Fachmann auf dem Gebiet, kein Psychologe. Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung heraus schreiben, und ich gr\u00fcnde meine Auffassung auch auf Schilderungen einiger Kollegen. Ich sehe den Schreib-Prozess bei belletristischen Werken als ein dialektisches Wechselspiel von provozierten kreativen Eingebungen und ihrer Disziplinierung (bewusste Steuerung), das ich w\u00e4hrend des Schreibens, meist in mehreren Phasen, \u00fcberschaue, bremse, aufhebe, steigere, und dass der Ablauf dieses Gesamtprozesses selber wieder, auf einer h\u00f6heren Ebene, kreativen und bewussten Aktionen unterliegt. Ich denke, dass in der Regel die Bewusstmachung und Steuerung (das was ich Disziplin nenne, Beherrschung des Schreibprozesses) f\u00fcr die Entstehung eines Kunstwerks notwendig ist.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft kann das dialektische Wechselspiel von sch\u00f6pferischer Idee und Disziplinierung einem Schreibprozess vorausgehen, in dem diese Dialektik verschwindet oder zu verschwinden scheint. Ich denke an Bilder, die Picasso oder andere K\u00fcnstler malten, denen viele Skizzen vorausgingen \u2013 so dass sich sagen l\u00e4sst: Ein vermeintlich schnell hingemaltes Bild oder ein runtergeschriebener Text ist das Ergebnis desselben Prozesses, nur ist er hier anders strukturiert. Man k\u00f6nnte dann das so entstandene Werk eine Variation oder Kopie der Summe dieser Vorstudien nennen. Die meisten Texte m\u00fcssen erarbeitet werden. Der Maler Max Liebermann sagte, als man sein Genie lobte: 1 Prozent Inspiration, 99 Prozent Transpiration.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":17200,\"width\":177,\"height\":220,\"sizeSlug\":\"large\"} \/-->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98374\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} \/-->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Du: \u201eMan ist, was man tr\u00e4umt.\u201c Platon. Ich: Generelle Frage: Stehen literarische Fiktionen (ungef\u00e4hr) auf der Ebene des Traums? Du: Es gibt Tagtr\u00e4ume, Klartr\u00e4ume, Wunschtr\u00e4ume, so eine Art Fantasie in schl\u00e4friger Form. Aufgeweckt wird Text daraus. Keine Ahnung, ob&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/10\/31\/traumpoesie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-27983","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27983","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=27983"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27983\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99994,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27983\/revisions\/99994"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=27983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=27983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=27983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}