{"id":27923,"date":"2001-08-15T00:01:42","date_gmt":"2001-08-14T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27923"},"modified":"2021-10-27T22:15:18","modified_gmt":"2021-10-27T20:15:18","slug":"im-antlitz-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/08\/15\/im-antlitz-der-nacht\/","title":{"rendered":"Im Antlitz der Nacht"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Leben des Lyrikers Karl Seemann wei\u00df ich nicht viel. In den letzten Jahren schrieben wir uns Briefe und gaben uns unsere literarischen Arbeiten zu lesen, er seine Gedichte, ich meine Erz\u00e4hlungen. Aber er schrieb nicht viel von sich, er deutete nur an. Seine Briefe an mich waren, vor allem zuletzt, oft kleine Zettel mit einer etwas eckigen Schrift, fast immer fehlte das Datum. Er schrieb mir nie viel, aber klar und sehr pr\u00e4gnant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Gedichtb\u00e4nde schickte er mir im Lauf der Jahre, zuletzt das Exemplar der Eremiten-Presse <i>Im Antlitz der Nacht<\/i>. Dieser Band von 1955 geh\u00f6rt zum Sch\u00f6nsten, was ich in der Lyrik kenne. Alle Themen, alle Motive, die schwere Landschaft, viele Bilder der sp\u00e4teren Gedichte sind hier schon da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Literaturzeitschrift DICHTUNGSRING hat Gedichte von Karl Seemann f\u00fcnf Mal seit Ende der 80er Jahre ver\u00f6ffentlicht; in der Ausgabe Nr. 31 mit dem Thema Fremdland, die im Sommer 2002 erscheint, wird ein Gedicht, das er mir f\u00fcr diese Nummer einreichte (<i>ortung 2)<\/i>, ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte ihn mehrmals um Dokumente \u00fcber sein Leben gebeten, um ein Portr\u00e4t zu verfassen. Im fr\u00fchen Sommer 2001 sagte er zu, fand aber nicht die Kraft oder die Zeit, das Material zusammenzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber seine Gedichte \u00e4u\u00dferte er sich kaum, es war schon viel, als er in einem Brief (September 1999) an mich schrieb: \u201eVielleicht ist MIT SCHWARZER KREIDE ein Schl\u00fcsselbuch.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tod seiner Frau machte ihm zuletzt das eigene Leben immer schwerer. In einem Zettelbrief, den ich am 21.12.1999 erhielt, schrieb er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann, mit meiner Biographie bleibt es unergiebig. Nachdem Weihnachten vor einem Jahr meine liebe Frau, Gabriele Seemann, Mentorin und sch\u00fctzende Hand, qualvoll an einem Gehirntumor zugrunde ging, schleppt sich mein Leben so dahin. Es bleibt nicht mehr viel, au\u00dfer Schmerzen. Was soll der Vers? &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon im September 1997 schrieb er: \u201eAch, man wird m\u00fcder und resignativer. Bei mir ist das schon seit vielen Jahren so. Lyrik aus dem Bereich der M\u00fcdigkeit. [&#8230;] Setzen wir in der Literatur den einen oder anderen geduldigen Schritt &#8211; so es uns noch verg\u00f6nnt sein sollte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schrieb weiter Gedichte, nicht viele, und er schickte immer wieder seine Gedichte, manchmal so zugeschnitten, dass sie in einen kleinen Umschlag passten, an viele Literaturzeitschriften, die sie druckten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist das Wenige, das ich sicher wei\u00df: Karl Seemann wurde am 19. August 1928 in Rheine, Westfalen, geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er in verschiedenen Berufen, unter anderen in der Sozialversicherung. Zuletzt war er Effektenberater im Bankfach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedichte verfasste er seit 1945. Er wurde Mitarbeiter der Eremiten-Presse von V.O. Stomps. Dort erschien 1955 sein erster Gedichtband IM ANTLITZ DER NACHT. In dieser Zeit lernte er Ingeborg Bachmann kennen und kam mit Karl Riha und Eugen Gomringer zusammen: \u201eMit beiden durfte ich &#8230; in langen Gespr\u00e4chen die M\u00f6glichkeiten der modernen Poesie er\u00f6rtern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Karl Seemann lebte in Bad Bentheim, wo er am 15. August 2001 starb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seemanns Lyrik hat dunkle T\u00f6ne. Herbst und Winter sind die Lebenszeiten zum Tode hin. Stille, Schroffheit und Einsamkeit der n\u00f6rdlichen Landschaft &#8211; das ist auch K\u00f6nig Lears kahle Heide, \u00fcber die der Lebenssturm hinwegpeitscht. Die Welt ist oft dunkel in den Gedichten, der Tagmond regiert, nicht die Sonne. Vergangenheit und Erinnern sind starke Kr\u00e4fte, aber machtlos gegen das Ende &#8211; die Zeit geht \u00fcber uns hinweg. Seemanns Gedichte sind Todesgedichte und zugleich voller Sehnsucht nach Leben in der Zeit, die wir vor dem Tod haben. In den Gedichten gibt es keine Verhei\u00dfung, kaum eine Ahnung von Jenseitsland, sie halten nichts als das Jetzt, den bewusstgewordenen Augenblick &#8211; Kargheit und Sch\u00f6nheit des klaren Gedankens oder des elementaren Gef\u00fchls. Einige Gedichte sind kritische Klagen \u00fcber das \u00f6kologische Versagen der Menschheit und die Gefahr ihrer atomaren Selbstvernichtung.<\/p>\n<p>Heute<\/p>\n<p>Vom Staubgew\u00f6lk aus gesehen<\/p>\n<p>das rote Rad der Sonne<\/p>\n<p>den langen, wehenden Tag \u00fcber.<\/p>\n<p>Was sollen all die Menetekel:<\/p>\n<p>eine blutige Hand, abgeschlagen,<\/p>\n<p>ein abgestorbener Baum, im Flu\u00df treibend?<\/p>\n<p>V\u00f6lker, taub, ohne Lernf\u00e4higkeit<\/p>\n<p>im eigenen Wohlstand gefangen,<\/p>\n<p>andere schon in Agonie<\/p>\n<p>auf einem ausgepl\u00fcnderten Planeten.<\/p>\n<p>(MIT SCHWARZER KREIDE, S. 3)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Gedichte sind kleine Elegien, in denen Klarheit und Reinheit der Natur, aber auch die kleinen Gl\u00fccksmomente im Leben melancholisch festgehalten werden, kleine Ges\u00e4nge manchmal, fast Lieder.<\/p>\n<p>Bald kommt die Nacht,<\/p>\n<p>und die Nacht<\/p>\n<p>ist ein t\u00e4nzelndes Pferd,<\/p>\n<p>und die Nacht<\/p>\n<p>ist ein Stein.<\/p>\n<p>Dann pfl\u00fcck ich den Mond,<\/p>\n<p>den silbernen Mond,<\/p>\n<p>eine M\u00fcnze,<\/p>\n<p>ausgegraben<\/p>\n<p>aus singendem Schwarz.<\/p>\n<p>(TAGMOND, S. 45)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sind Bilder der t\u00e4glichen Nacht und der einen Nacht, aus der wir kamen und in die wir wieder gehen werden. Das lyrische Ich wei\u00df nicht, was kommen wird, es wei\u00df nur: \u201eNach diesem langen Winter | wird alles anders sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sprache traut Karl Seemann nicht zu, die Welt und ihren m\u00f6glichen Sinn zu erfassen, die Worte spiegeln im besten Fall nur, wie die Welt, wie das Leben erscheint. Seemann redet von \u201eDer Sprache Sinn | und Widersinn\u201c, er sieht ihr Unverm\u00f6gen als Tautologie und Kontradiktion, ja sogar als \u201eLast\u201c. Das Leben wird \u201e&#8230;mit schwarzer Kreide eingeschrieben | in Wasser, Stunden, Nacht und Luft.\u201c (MIT SCHWARZER KREIDE, S. 21 und 26) Diese Schrift macht nichts sichtbar, was nicht ohne sie gesehen werden kann &#8211; aber das Schreiben ist die Denkbewegung, die Karl Seemann f\u00fcr sinnvoll h\u00e4lt. Dichtung ist die kleine Spiegelung der Welt im Bild des armen Worts, in uns ein kleines Bewusstsein, mehr nicht. Aber dieses Wenige ist alles, was wir haben: Das kleine Gl\u00fccksgef\u00fchl in der \u00dcbereinstimmung mit der Natur, das Erkennen, dass wir selbst Natur sind, dass durch uns die Natur zu sich selbst spricht, ohne ihr Alleinsein aufheben zu k\u00f6nnen. Der Dichter schreibt seine Einsamkeit auf, das Gedicht ist der Versuch den Monolog zu \u00fcberwinden, indem ein Dialog mit dem Leser entsteht &#8211; aber dieser Dialog ist nur ein doppelter Monolog. Das ist der Grund f\u00fcr die Melancholie der elegischen Verse und zugleich die nie aufgegebene Hoffnung, die in den Gedichten und im Leser gespiegelte Einsamkeit ertragen zu k\u00f6nnen, wenn sie zum Kunstwerk erhoben wird, wo sich das Bewusstsein ins Wort spiegelt. Das Wort ist ein Bild ist ein Wort ist ein Bild ist ein Wort &#8230;<\/p>\n<p>Verwandlung<\/p>\n<p>\u00dcber der Ebene<\/p>\n<p>verbrennt das Wort,<\/p>\n<p>noch nicht Ebene, Wolkenland,<\/p>\n<p>nicht mehr Wort.<\/p>\n<p>Tage, N\u00e4chte, sich aufl\u00f6send<\/p>\n<p>an der Peripherie<\/p>\n<p>des Sprachlosen.<\/p>\n<p>(MIT SCHWARZER KREIDE, S. 40)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind Gedichte denn nur der Ausdruck der Sprachlosigkeit? Die gewonnene Form des gesprochenen Nichts? Ist alles gesagt, wenn nichts gesagt wird &#8211;\u00a0 wird mehr gesagt, wenn alles gesagt wird? Ist also das Gedicht nur die Form der Verzweiflung daran, dass wir nichts wissen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, Karl Seemann hat mit den dunkleren Worten immer auch auf die helle Welt gezeigt, er hat die helleren Worte f\u00fcr die Dunkelheit gebraucht, aber die Worte sind immer nur Bilder. Manche seiner Gedichte sind ganz bestimmt gepr\u00e4gt von der Trauer der Erkenntnis unseres befristeten Lebens, sie sind auch Fragen und sie sind Suche, Klage und zu Versen geronnene Verzweiflung &#8211; im Wesentlichen aber sind die Gedichte Ausdruck der gewollten und zuweilen erlebten Harmonie mit dem Leben, ein sich Hineinfallenlassen in die sinnlos erscheinende Welt, so eine Art inhaltlos gewordenes Heureka, das sich im sinnlichen Erfassen der lyrischen Form ergibt, uns aber wieder entgleitet, kaum dass wir das kleine Erkenntnisgef\u00fchl hatten. Die Wahrheit haben wir nicht, aber wir k\u00f6nnen ihre Form erschaffen, das ist der Aspekt ihrer Sch\u00f6nheit, die das Wort sinnlich erfahrbar macht: Das ist zum Beispiel die Landschaft aus Erde, Strauch, Baum, Wasser und Wind &#8211; ihre Farbe, ihre T\u00f6ne, ihre K\u00f6rperlichkeit und die dadurch erzeugten Gef\u00fchle und Stimmungen in uns &#8211; und sie ist das Bild, das die Landschaft von der Welt und dem Leben darstellt und in uns erweckt. Die Form dieser Bilder dieser Worte dieser Bilder dieser Worte dieser&#8230;<\/p>\n<p>Gedichte<\/p>\n<p>Wenn aus dem Licht,<\/p>\n<p>dem Wasser<\/p>\n<p>die Rundung der Dinge,<\/p>\n<p>wenn das Spiel<\/p>\n<p>der Tage alt wird,<\/p>\n<p>zu Formen gerinnt,<\/p>\n<p>wenn das Endg\u00fcltige<\/p>\n<p>ohne weitere Erfahrung<\/p>\n<p>die Landschaft einnimmt,<\/p>\n<p>ein Verschmelzen<\/p>\n<p>von Anfang und Ende.<\/p>\n<p>(MIT SCHWARZER KREIDE, S. 47)<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Brief an Karl Seemann 6.1.2000<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gedichte sagen sanft und leise, manchmal aber still und hart die Schwere des Lebens, sie deuten sie an, sie schreien sie schweigend heraus. Leid. Die Erfahrung des \u00c4lterwerdens wird schwer erlitten. Das lyrische Ich liebt das Leben, kann es nicht loslassen, obwohl es vielleicht will, und das Leben wird (oder wurde) nicht einfach, sondern sehr gebrochen geliebt. Dem Ideal, dem Wunsch, dem Traum steht gegen\u00fcber das erkennende Bewusstsein, das Erkannte, das Erlittene, auch das Unsagbare, das was keiner wissen kann. So hei\u00dft es in einem Gedicht zu Leben und Tod: \u201evon Nacht zu Nacht\u201c. &#8211; \u201eZwischen Nichts und Nichts\u201c schrieb der philosophische Dichter Ernst Meister.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MIT SCHWARZER KREIDE ist in der Tat ein zentrales Buch, aber ich finde, GRENZBEREICH f\u00e4llt nicht zur\u00fcck, ist auf gleich guter Ebene:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den sch\u00f6nsten Gedichten, die ich von Ihnen kenne, geh\u00f6rt \u201eErinnerung\u201c. Darin scheint Lebenskraft auf, wenn auch verhalten und ohne jede Hoffnung. Immerhin gibt es Verse, Worte &#8211; auch Liebe und also selbstgesetzten Sinn, allerdings steht am Ende Schweigen, ganz am Ende verschwindet das Licht in der Schwermut der Landschaft, die f\u00fcr das Leben (eines Menschen) steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immerhin, auch die Schneefelder wachsen, leben also (\u201eHeute\u201c), aber was k\u00f6nnen wir von ihnen ernten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wenn das Leben von Anfang an tot ist (\u201eMemorial\u201c), so hoffnungslos ist es, da schon der Morgen unseres Lebens vom Tod gezeichnet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sprache stirbt mit (\u201eDieser Faden, gerissen -\u201c), aber sie erschafft auch Leben (\u201eMinute aus Sprache und Schnee\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bleibt? \u201eAusharren\u201c. Auch das Schweigen geh\u00f6rt zur Sprache. (Auch das Nichts, auch der Tod? Zu welcher &#8211; \u00fcbergeordneten &#8211; Sprache?) Der Sprache wird hier noch einiges zugetraut: \u201eSchneisen schlagen von Wort zu Wort\u201c &#8211; das ist viel! Leben durch Sprache, durch Mitteilung an ein Du, an viele, die Sprache ist immer auch Tat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dunkel sind die Gedichte in SCHATTEN UND WORT. Auch hier, im Titelgedicht, wird deutlich, dass vom Tod angetrieben das Wort f\u00e4llt, \u201ees f\u00e4llt aus dem Schatten die Nacht und das Wort.\u201c Das Gedicht erinnert mich an das Wort von Heinrich B\u00f6ll: \u201eAlles Geschriebene ist gegen den Tod geschrieben.\u201c Aber nat\u00fcrlich ist dieser Kampf aussichtslos. Das Trotzdem dieser Haltung ist\u00a0 heroischer Nihilismus (Camus, Der Mythos von Sisyphos, f\u00e4llt mir dazu ein).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Band MIT SCHWARZER KREIDE, den Sie ein Schl\u00fcsselbuch nennen, wird das Scheitern des Menschen gleich zu Anfang (in dem Gedicht \u201eMetamorphose\u201c) deutlich. Wir, die Erben des Fluchs, der von Anfang an auf uns lag, nehmen uns selbst zur\u00fcck, beinahe wissend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den mir liebsten Gedichten geh\u00f6rt \u201eVom Schatten\u201c, das so wenig sagt und doch so viel ahnt. Das Nichtwissen ist wissend ausgesagt, k\u00fcrzer, lyrischer geht es nicht. Am Ende steht die v\u00f6llige Ausl\u00f6schung, sogar die der Erinnerung an uns. Und trotzdem schreiben Sie Gedichte, schreiben f\u00fcr die kurze Zeit, in der wir leben, f\u00fcr die kurze Zeit, wenn wir Erinnerungsgl\u00fcck haben, nach unserem Tod. Deswegen tut Erinnerung so weh: Weil wir hier schon ermessen k\u00f6nnen, dass wir nicht(s) mehr sind, wenn wir erst weg sind. Schon unsere eigene Erinnerung ist reduziert, unwahrhaft, schmerzlich nur aus Erkenntnis des Endes: Das Erlebte ist vorbei, vergangen, als w\u00e4re es nie dagewesen. Nur in unserem g\u00f6ttlich bestimmbaren Bewusstsein, nur in uns selbst k\u00f6nnen wir eigentlich leben, und wenn es hoch kommt, in und mit einem Partner, mehr ist nicht m\u00f6glich, mehr ist nicht erlebbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eResumee\u201c steht mir noch n\u00e4her. Hier ist es vielleicht das Vage des Endes, das wie Hoffnung gelesen werden kann &#8211; aber es ist nichts als Hoffnung, ohne jede Garantie, das ist kein Glaube, also keine Gewissheit, also nicht viel, vielleicht nur\u00a0 &#8211; nichts (- die beiden letzten Verse).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFr\u00fch im Jahr\u201c zeigt den kontemplativen, melancholischen, resignierten Menschen. Zeit l\u00f6st sich fast auf, dann wird auch alles relativ, aber immer noch f\u00e4llt dem lyrischen Ich das Verlogene in der Politik auf, dem dann der Nebel der eigenen Zukunft am Ende gegen\u00fcbergestellt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir tragen die Stigmen | l\u00e4ngst unter der Haut\u201c hei\u00dft es in \u201eUnterg\u00e4nge\u201c &#8211; das meint das Christushafte an uns, aber hier ohne das theologische Geb\u00e4ude, hier ist Stigma trotz Christusbezug eher Mythos, der wahrste, einfachste, realste und doch geheimnisvollste Mythos, der sich aufl\u00f6st, wenn wir sterben: Der Tod, der in uns wohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMit schwarzer Kreide\u201c, das Titelgedicht, ist wieder eines der besten. Schwarz auf schwarz geschrieben &#8211; das kann man nicht lesen, aber das ist doch die Schrift der Gedichte. Die geschriebene Botschaft oder Wahrheit ist schwarz, dunkel, aber gewiss &#8211; ja sie ist auch Lebensmotor, und das klingt in dem Gedicht an: \u201eim Munde brennt das Meer, feuriger Sand\u201c &#8211; das leben brennt, es verbrennt (uns).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p>Werke Karl Seemanns:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">IM ANTLITZ DER NACHT (Eremiten-Presse 1955, Stierstadt im Taunus, Schloss Sanssouris); IMPRESSION EINES SOMMERS (1957); STUFEN UND ANKER (1963); GRENZBEREICH (Bl\u00e4schke, St. Michael, \u00d6sterreich 1985); ORTUNG (1987); MIT SCHWARZER KREIDE (Einhorn, Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd 1990); SCHATTEN UND WORT (Calatra Press Willem Enzinck, Lahnstein, o.J.); TRAUMZ\u00c4SUREN (Edition Dachziegel, Dudenser Presse, Neustadt\/Dudensen 1995); TAGMOND. LYRIK EINES LEBENS (Geest, Ahlhorn 2000).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Gedicht-Ver\u00f6ffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien, Jahrb\u00fcchern und im Rundfunk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vom Leben des Lyrikers Karl Seemann wei\u00df ich nicht viel. In den letzten Jahren schrieben wir uns Briefe und gaben uns unsere literarischen Arbeiten zu lesen, er seine Gedichte, ich meine Erz\u00e4hlungen. 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