{"id":27908,"date":"2024-10-09T00:01:03","date_gmt":"2024-10-08T22:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27908"},"modified":"2022-02-21T18:27:39","modified_gmt":"2022-02-21T17:27:39","slug":"versuch-ein-gedicht-zu-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/10\/09\/versuch-ein-gedicht-zu-verstehen\/","title":{"rendered":"Versuch ein Gedicht zu verstehen"},"content":{"rendered":"<b>&#8211; und doch. <\/b>(von<b>\u00a0<\/b>Katrin Stange)\r\n<div><\/div>\r\n&nbsp;\r\n\r\nwohin glauben\r\n\r\nlippen\r\n\r\nbrocken fetzen\r\n\r\nzu oft zur karte\r\n\r\nverkannt\r\n\r\nbarrikaden \/ pupillen\r\n\r\nmit sand\r\n\r\nnachgezeichnet puppenregen:\r\n\r\nwir\r\n\r\nl\u00f6ffeln steine die sie vor\/geben\r\n\r\nin tagen\r\n\r\ndie nie mehr anbrechen\r\n\r\nin die niemand einbrechen\r\n\r\ndarf\r\n\r\nbis die linien verschwimmen l\u00f6ffeln wir\r\n\r\nlassen los\r\n\r\nausgeh\u00f6hlt zur\u00fcck\r\n\r\neinander gefroren\r\n\r\nweil es\r\n\r\nso kommen muss.\r\n\r\n&nbsp;\r\n\r\nin augen\r\n\r\ngebeugt\r\n\r\nwirfst hautlos \/ momentlang\r\n\r\nauseinander\r\n\r\ngetaucht in augen\r\n\r\nnoch maskiert getauft\r\n\r\nhabe es l\u00e4ngst verbannt\r\n\r\ndas auge\r\n\r\nf\u00fcr licht\r\n\r\nnie wieder wider\r\n\r\nwillen\/los gel\u00f6st\r\n\r\nvern\u00e4ht\r\n\r\nvertraut tief leblos\r\n\r\nverschn\u00fcrt\r\n\r\num es das atmen\r\n\r\nverlernen zu lassen:\r\n\r\nungekannt\r\n\r\nunerkannt\r\n\r\nwill ich &#8211; und doch.\r\n\r\n&nbsp;\r\n\r\ndurch asche versuchsweise\r\n\r\nwarum legst \/ momentlang\r\n\r\nzucker aus\r\n\r\nneue namen mir\r\n\r\ndein gesicht schmeckt \/ schon\r\n\r\nzu wenig fremd\r\n\r\ntr\u00fcgerisch\r\n\r\nbist du wenn\r\n\r\nnah\r\n\r\nlieber gar nicht\r\n\r\nerst glauben\r\n\r\naus augen tropfen\r\n\r\nmuster\r\n\r\ndurch\/brechen\r\n\r\nin\r\n\r\nder hand versprechen \/ gebrochen am mund\r\n\r\ndie worte ich \/ liebe\r\n\r\nmit sand.\r\n\r\nwie f\u00fcr die flut markiert\r\n\r\nmir\r\n\r\nwenn das meer kommt &#8211;\r\n\r\n&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: right;\">Bad M\u00fcnstereifel, 9.10.2007<\/p>\r\nLiebe Katrin,\r\n\r\n&#8230;\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dein Gedicht hat einen z\u00f6gernden Titel (&#8222;- und doch&#8220;), der an Erlebtes ankn\u00fcpft. Das lyrische Ich behauptet: Trotzdem! Trotzdem leben, lieben, es ist die Verneinung der Resignation. Es geht um Selbstbehauptung. In schwierigen Bildern folgen im ersten Abschnitt Gedanken \u00fcber Widerst\u00e4nde in einer Beziehung, vermute ich. Die Gedanken sind fragmentarisch, Fetzen: Wohin glauben? Wohin glauben Lippen? Was glaube ich, was glaubt mein K\u00f6rper? Alles Behaupten ist Glauben. Es gibt keinen festen Halt (au\u00dfer an mir selbst). Es gibt nur Brocken, Fetzen, Fragmente der Erkenntnis (beim andern, in meinem Leben). Ich oder die Welt, wie eine topografische Landkarte geglaubt\/verkannt: Das ist Unsinn. Ich bin mehr und weniger, bin nicht festgelegt. Beim Sehen (pupillen) habe ich schon Barrikaden. &#8211; Puppenregen ist ein sehr schwieriges Bild: Wird hier das Bild der Frau kritisch gesehen oder sind wir alle Puppen im Sinne von Marionetten (ich denke, das passt am besten zum Beginn des Gedichts), die sich selbst zu verstehen suchen im Nachzeichnen, das aber vom Regen wieder verwaschen wird? In dieser Sand\u00f6dnis: Wir. Ein Paar &#8211; oder die Gesellschaft. Ich denke ein Paar, weil im zweiten Abschnitt das Du auftaucht. &#8211; Zu l\u00f6ffeln gibt es Steine, die Beziehung ist hart, vielleicht wegen der (gesellschaftlichen) Vorgaben. &#8211; Nichts ist wie fr\u00fcher (in tagen | die nie mehr anbrechen), das Jetzt ist fragil (in die niemand einbrechen | darf). Trotzdem Liebe, trotzdem Wir &#8211; bis zum Vergessen des Jetzt, der Widerst\u00e4nde, bis zum Verlust des Bewusstseins arbeiten wir uns aneinander ab: H\u00f6hlen uns aus, gefrieren, wir frieren uns gegenseitig ein. Das hei\u00dft: Es gibt letztlich kein Durchdringen, wir bleiben immer wir selbst, wir verschmelzen NICHT mit dem andern, wir sind allein, vielleicht sogar einsam, gerade in der Liebe wird das so deutlich. Es geht nicht anders, es steht von vornherein fest (die letzten beide Verse des ersten Abschnitts). &#8211; Ich denke, das Gedicht versteht sich zunehmend als ein verallgemeinerndes &#8211; aus dem subjektiv Erlebten heraus wird philosophiert in einer offenen Sprache, Denksprache, in offenen Bildern &#8211; spatialistische Bilderdenksprache.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im zweiten Teil zerf\u00e4llt die Sprache noch mehr: in augen | gebeugt | wirfst hautlos \/ momentlang | auseinander. Zerbricht, zerf\u00e4llt das Gegen\u00fcber, das Du &#8211; oder redet sich das lyrische Ich selber an? Ich halte beides f\u00fcr m\u00f6glich, denke aber, dass ein anderes Du sinnvoller ist, vor allem in der letzten Strophe, obwohl auch das lyrische Ich sich betr\u00fcgen (zucker) kann, sich Namen gibt. Ja vielleicht ist die Interpretation intelligenter, wenn sie die Ichgespaltenheit annimmt, den Selbstdialog. Ich schwanke. &#8211; Ich sehe mich klein (gebeugt), wenn ich allein oder ganz nackt bin (hautlos), geh\u00e4utet in meinem Alleinsein, denn ich sehe durch mich hindurch, ich sehe mich schonungslos. Aber auch mein Sehen ist ein Glauben (getaucht in augen), auch meine Augen sind Maske, ich traue ihnen nicht, ich kann Erkenntnis (licht) nicht gewinnen. Dieser Teil endet mit gr\u00f6\u00dfter Skepsis und scheint fast dem Titel und dem ersten Teil zu widersprechen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der dritte Teil best\u00e4rkt wieder die Selbstbehauptung: Nie wieder will ich gegen meinen innersten Willen leben \/ lieben, ich will nicht ohne Bindung (los gel\u00f6st) in einer Zwangsbeziehung (vern\u00e4ht) stecken, nicht zwangsvertraut und leblos verschn\u00fcrt sein mit einem Du, das mir mein Leben nimmt, das mich gar nicht kennt, nicht wahrnimmt. Trotzdem (Wiederaufnahme des Titels) will ich es wieder versuchen: Ich will leben, will lieben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vierter und letzter Teil: Es hat gebrannt, das Feuer der Liebe wird zu Asche. Vorw\u00fcrfe: Warum hast du mich gelockt, verf\u00fchrt wider mich selbst? Warum gibst du mir neue (deine!) Namen, warum siehst du mich nicht, wie ich bin: Namenlos. Aber du bist mir nun doch vertraut, ja schon zu vertraut, das macht mich unsicher, ich habe Angst, dass ich mich wieder t\u00e4usche (tr\u00fcgerisch), ich verdr\u00e4nge diese Gedanken, es ist besser, wenn ich gar nicht erst analysiere, lieber nicht glauben (wohin glauben&#8230;?), denn meine Erkenntnisse w\u00e4ren ja sowieo nur Schemata, falsche Bilder (aus augen tropfen | muster) &#8211; und das sind falsche Versprechen, die halten nicht. Was wir uns sagen, ist nicht wahr &#8211; die Worte zerbrechen schon am Mund. Der Schluss kommt mir ambivalent vor: Ich glaube an nichts, ich kann Erkenntnis und festen Halt nicht gewinnen, bin Sand (schon oben hei\u00dft es: pupillen | mit sand | nachgezeichnet puppenregen). Aber ich bin markiert f\u00fcr die Flut, f\u00fcr die Liebe, wenn sie kommt, in ihr will ich aufgehen, zergehen. Das Gedicht endet dialektisch: Es ist die romantische Sehnsucht nach Liebe, die sich selbst durchschaut und wei\u00df: Die ersehnte Wirklichkeit erfahre ich allenfalls, indem ich sie glaube.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gro\u00dfartiges Gedicht. Klar gebaut. Polyvalent &#8211; und doch klar genug. Die Skepsis \u00fcberwiegt. So richtig kann das lyrische Ich (noch) nicht an eine gegenseitig erf\u00fcllende Liebe in Partnerschaft glauben. Damit stehst du &#8211; wieder einmal &#8211; den Gedichten Ingeborg Bachmanns sehr nahe. Sag mir aber, ob du meine Interpretation (teils Interlinearversion) akzeptieren kannst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Herzlichst: Dein Ulrich Bergmann<\/p>\r\n&nbsp;\r\n\r\n&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Reihe \u201e<b>Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne &#8230; und Schwerkraft\u201c\u00a0 <\/b><i>Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben.<\/i><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98374\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content --><!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"width\":216,\"height\":323,\"linkDestination\":\"custom\"} \/--><!-- wp:heading {\"level\":4} \/--><!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies findet sich auch im Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Wir begreifen Lyrik und Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8211; und doch. 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