{"id":27545,"date":"2014-12-16T00:01:33","date_gmt":"2014-12-15T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27545"},"modified":"2022-05-29T12:42:09","modified_gmt":"2022-05-29T10:42:09","slug":"moskauer-carbonari","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/16\/moskauer-carbonari\/","title":{"rendered":"Moskauer Carbonari"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer so unverbl\u00fcmt seinem Leser entgegentritt und sein Vorwort benutzt, um ihm ohne Umschweife mitzuteilen, dass er nur einen 23 Jahre umfassenden Zeitraum aus seinem Leben vor ihm ausbreiten m\u00f6chte, der ist sich seiner Botschaft gewiss. Zumal es sich um eine turbulente, von Triumphen und Erniedrigungen begleitete Lebensphase eines musikalischen Genies handelt, das unter den Launen einer korrupten Musikverwaltungsclique zu zerbrechen drohte und dem mit Unterst\u00fctzung von Freunden und G\u00f6nnern die R\u00fcckkehr in den sch\u00f6pferischen Freiraum und schlie\u00dflich sogar der Ausweg in die westliche Musikindustrie gelang. Im Falle von Andrei Gavrilov, 1955 in einer renommierten K\u00fcnstlerfamilie in Moskau geboren, mit sechs Jahren Sch\u00fcler der Moskauer Zentralen Musikschule und Absolvent des ber\u00fchmten Konservatoriums, im Alter von 19 Jahren Preistr\u00e4ger des Tschaikowski-Wettbewerbs, zwischen 1979 und 1985 wegen seiner sowjetfeindlichen Haltung vom internationalen Musikleben ausgeschlossen, enth\u00e4lt die Botschaft des Autors eine besonders radikale Aussage: wer sich diesem sowjetischen Regime nicht vorbehaltlos unterwirft, der l\u00e4uft Gefahr, gnadenlos erniedrigt zu werden, mehr noch, vernichtet zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eTschaikowski, Fira und ich\u201c \u2013 mit diesem Titel assoziiert der Autor drei Gestalten ruhmreicher russischer und sowjetischer klassischer Musiktradition: Tschaikowski als Inbegriff klassischer russischer Komponistentradition, Swjatoslaw Richter, in seinen Freundeskreisen Fira genannt, als bedeutende Pers\u00f6nlichkeit der sowjetischen Pianisten-Schule und er selbst, Andrei Gavrilov. Ein aufbegehrendes, nach individueller Freiheit dr\u00e4ngendes Musikgenie, das mit seiner dramatischen, komischen und zugleich freim\u00fctigen Erz\u00e4hlung wesentliche Einblicke in reglementierende sowjetische und postsowjetische Musikinstitutionen wie auch westeurop\u00e4ische, von Profit und Konzerninteressen bestimmte Verh\u00e4ltnisse bietet. Es ist eine von Genuss, musikalischer Hingabe (die beiliegende CD mit neun Nocturnes von Fr\u0117d\u0117ric Chopin!), Abscheu, Neugier, Kopfsch\u00fctteln, Spannung und Gel\u00e4chter begleitete Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der in rund siebzig Erz\u00e4hlpassagen aufgeteilte Text, in dem einige Zwischentitel auf Klavierwerke von Chopin verweisen, andere sich auf Namen von Gavrilovs Freunden beziehen, die \u00fcbrigen bestimmte Ereignisse oder \u00d6rtlichkeiten assoziieren, stimmt den Leser in mehrfacher Hinsicht auf den lockeren Erz\u00e4hlton von Andrei ein. Er wolle weder ein akademisches Werk noch eine musikwissenschaftliche Schwarte, geschweige denn eine politische Analyse abliefern, sagt er in seinem Pseudovorwort. Es sei eine Sammlung halb ironischer Texte, die mehr oder weniger mit Musik zu tun h\u00e4tten, also \u201eEpisoden aus meinem Leben, Ansichten, Portr\u00e4ts lebender und verstorbener Menschen, Dialoge, Konzertauftritte, Gedanken \u00fcber Musik, Ausz\u00fcge aus Briefen.\u201c (S. 15)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Lebenslauf kommt ohne einen R\u00fcckblick auf die Familie aus, zumal Andrei Gavrilov eine weit verzweigte Verwandtschaft vorweisen kann. Die\u00a0 weibliche Linie geht auf armenische Wurzeln zur\u00fcck, aus der seine Mutter, eine bedeutende Pianistin, stammt. Gavrilovs Vater hingegen, ein angesehener Kunstmaler, hat russische Vorfahren. Diese Eingangspassage erinnert an die erste H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, in dem besonders seine armenischen Vorfahren unter der Stalinschen Terrorherrschaft gelitten haben Bereits die folgende Passage widmet sich dem musikalischen Thema. Sie greift das Abschiedsmotiv mit der Klanglautfolge FA-RE-DO-SI auf: \u201e1985 verlie\u00df ich die UdSSR\u201c, nachdem ihn Michail Gorbatschow von der Liste der \u201eFeinde der Sowjetmacht\u201c gestrichen hatte, eine Geste, von der Gavrilov erst in der Schlusspassage seiner Lebensgeschichte (S.368) erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifellos geh\u00f6rt die Interpretation der Werke von Chopin zur vornehmsten Aufgabe des russischen Pianisten. Darauf verweist nicht nur die tonale Beigabe der Nocturnes in der vorliegenden Publikation. Dort ist auch die stetige Bewunderung Gavrilovs gegen\u00fcber dem polnischen Komponisten und Pianisten eingeschrieben: \u201eKein anderes Genie in der gesamten Geschichte der Menschheit vermochte je eine Welt erstehen zu lassen, die so wundervoll und einzigartig ist wie die des Fr\u0117d\u0117ric Chopin.\u201c (S.27) So nimmt es nicht wunder, dass der Autor seine zahlreichen Konzertauftritte mit der Interpretationsgeschichte bedeutender Werke Chopins verbindet und in Verbindung damit auch die \u201ej\u00e4mmerlichen\u201c Interpretationen seiner Kollegen in Bausch und Bogen verurteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Gavrilovs Triumph im Tschaikowsky-Wettbewerb 1974 durfte der \u201everdiente\u201c Musensohn der Sowjetunion bis 1979 auch in den Westen zu Konzertauftritten reisen, nat\u00fcrlich in Begleitung von charmanten Dolmetscherinnen. Sie hatten ebenso wie pl\u00f6tzlich am Zielort auftauchende \u201eG\u00f6nner\u201c die Aufgabe, das Piano-Genie nicht entwischen zu lassen. Diese Passagen hinterlassen, wenn sie nicht die morbide Sph\u00e4re des Misstrauens des KGB gegen\u00fcber seinen B\u00fcrgern schonungslos beschreiben w\u00fcrden, einen ebenso l\u00e4cherlichen Eindruck wie die perfiden Erpressungsmethoden des \u00dcberwachungsapparats gegen\u00fcber seinen mit Privilegien ausgestatteten Musik-Angestellten. Ein besonders beredtes Beispiel ist die Passage \u201eIch bin deine schlanke Weizen\u00e4hre\u201c, in der Gavrilov sich mit dem Schicksal des Komponisten Sergej Prokofjew (nicht Prokoffjew!) auseinandersetzt. Sein hohes Lob bezieht sich sowohl auf die Kompositionsweise des Meisters (\u201eklare neoklassische Musik\u201c, \u201eenergiegeladene, originelle Harmoniefolgen\u201c) als auch auf die Interpretation seiner Werke in der SU (\u201eschlecht verstanden und interpretiert\u201c). Noch eindringlicher ist sein Urteil \u00fcber die sklavische Abh\u00e4ngigkeit des Komponisten von dem Sowjetregime: \u201eW\u00e4hrend der Sowjet-\u00c4ra, als lebensl\u00e4nglicher Gefangener, als Geisel Stalins, entwickelte sich seine Psyche und schwang sich in unerh\u00f6rte H\u00f6hen und Tiefen.\u201c (S. 74) Und das Fazit? \u201eIn der Musik des sp\u00e4ten Prokoffjew\u00a0 h\u00f6rt man das Knirschen der H\u00f6lle \u2026\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es spricht f\u00fcr die lebendige Beschreibung und distanzierte Bewertung der sowjetischen Estradenkultur, einer Mischung aus hehrer Vaterlandsliebe, kost\u00fcmierter Klassik und Heroenkitsch, dass der Autor sich nicht nur lustig macht \u00fcber den Auftritt des Ersten Sekret\u00e4rs des ZK der KPdSU, Leonid Breschnew, sondern \u2013 im gleichen Atemzug &#8211; auch die k\u00fcnstlerischen Leistungen seiner Kolleginnen und Kollegen aus benachbarten Kunstgattungen uneingeschr\u00e4nkt w\u00fcrdigt. Nicht minder n\u00fcchtern und oft auch sarkastisch ist Gavrilovs Beurteilung der westlichen Konzertmanager, ihren Tricks im Umgang mit den bestechlichen Funktion\u00e4ren von Goskonzert (sowjetische staatliche Konzertagentur). Ebenso anschaulich und oft von einer entwaffnenden Ehrlichkeit, in die sich nat\u00fcrlich auch Eitelkeit mischt, ist Gavrilovs Beschreibung z.B. des deutschen Konzertpublikums w\u00e4hrend seiner Konzertreise 1976. In K\u00f6ln, so der O-Ton, \u201ezerschlug das Publikum die St\u00fchle. Diese Konzertreise machte mir bewusst, dass in den Deutschen ein hei\u00dfes Feuer brennt.\u201c (S. 91)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch seinen Lebens- und Sinnkrisen widmet der Autor nicht wenige Passagen. Besonders lustig ist die Beschreibung einer Vorlesung und dem anschlie\u00dfenden Disput in dem Dachatelier des inoffiziellen, in der Zwischenzeit weltber\u00fchmten Malers und Grafikers Ilja Kabakov, wo sich damals die \u201eMoskauer Carbonari\u201c (Begriff f\u00fcr Salon-Intellektuelle im 19. Jahrhunderts) regelm\u00e4\u00dfig trafen. Andrei h\u00f6rt einem gewissen Trawkin zu, wie er \u00fcber Gott redend sich anschlie\u00dfend mit den intellektuellen Kahlk\u00f6pfen einen ziemlich absurden\u00a0 Disput liefert, den Gavrilov \u201eQuetzalcoatl und Tezcatlipoca\u201c nennt. Hier entfaltet sich sein urkomisches Talent, wenn er beschreibt, wie er vom Dachboden fl\u00fcchtet und dabei zwei Gorillas beobachtet, die die Versammlung der \u201eVerschw\u00f6rer\u201c \u00fcberwachen. Ebenso k\u00f6stlich ist Gavrilovs satirische Beschreibung der Feierlichkeiten zu Breschnews 70. Geburtstag!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Drittel des Textes ist Gavrilovs inniger Freundschaft zu Slawa Richter gewidmet. Dankbarkeit f\u00fcr die F\u00f6rderung seines Talents, aber auch gnadenlose Abrechnung mit Richters Ergebenheit gegen\u00fcber dem Regime, eingehende Schilderung der periodisch wiederkehrenden Depressionen des Meisters, aber auch der tolerierten sexuellen Freiz\u00fcgigkeiten \u2013 in solchen Erz\u00e4hlpassagen verbl\u00fcfft immer wieder die lebendige Wiedergabe von Dialogen, die den Erz\u00e4hlfluss vorantreiben. Diese narrative Eigenschaft weisen auch andere Texttypen wie Briefe, kulturhistorische Reflexionen und kursiv gesetzte Zwischentexte auf, die der Autor benutzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen hohen Grad an Authentizit\u00e4t besitzen auch die Berichte \u00fcber die Erpressungsmethoden des KGB in den Jahren 1979 bis 1985, in denen Gavrilov mit Reiseverbot bestraft war und die kriminelle \u00dcberwachungsagentur sich in seine intimsten Beziehungen einmischte. So wurde seine japanische Ehefrau gezwungen, aufgrund des absurden Vorwurfs der Spionage die Sowjetunion innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Anschl\u00e4ge, Morddrohungen wie auch Schikanen gegen\u00fcber seinen Verwandten folgten. Es lohnt sich, diese Passagen (S. 271ff.) sorgf\u00e4ltig zu lesen, um ansatzweise zu begreifen, mit welchen kriminellen Methoden die Staatssicherheit Gavrilovs Leben zu zerst\u00f6ren versuchte. Nicht zuletzt aus diesen Gr\u00fcnden, den psychomentalen Folgen dieser staatlichen Repressionen und sogar Mordanschl\u00e4gen, war er mehrmals gezwungen, in Sanatorien sich ausheilen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Pianist, der aus der K\u00e4lte kam\u201c \u2013 mit diesem Klappentext wirbt der Verlag. Es klingt wie ein Slogan aus einem kalten Krieg, der sich gegenw\u00e4rtig zwischen der post-sowjetischen und der westeurop\u00e4isch-amerikanischen Allianz von neuem abzeichnet. Dienen solche musikkulturellen und polit-atmosph\u00e4rischen Lebensbeichten der Aufdeckung von Unrecht oder bedienen sie nur bekannte, klischeehafte Denkmuster? Beide Vermutungen erweisen sich nur in groben ideologischen Konstrukten als gerechtfertigt. In den Tiefenstrukturen der vorliegenden Darstellung lodern weitaus schlimmere Brandherde, die von der drohenden Ausl\u00f6schung ethisch-moralischer Restbest\u00e4nde menschlicher Verhaltensweisen verk\u00fcnden. In diese \u2013 immer noch intakten Reservoire musikalischer Sph\u00e4ren \u2013 will Andrei Gavrilov zumindest f\u00fcr die Dauer seiner Konzerte vorsto\u00dfen. Ob allerdings die Chopinschen Nocturnes in der Welt seiner Zuh\u00f6rer bestimmte ethische Spuren hinterlassen, bleibt f\u00fcr den Pianisten gleichsam ein frommer Wunsch. Was nicht ausschlie\u00dft, das er als Autor einen unbedingt lesenswerten Einblick in die staatlich reglementierte Musikszene der Sowjetunion bietet. Schade nur, dass die inkonsequente Transkription der Eigennamen und einige Druckfehler den insgesamt \u00fcberaus positiven Eindruck ein wenig st\u00f6ren. Doch das betrifft nur den fachlich versierten Leser!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/div>\n<div><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Andrei-GavrilovTschaikowski-Fira-und-ich-Erza\u0308hlung-meines-Lebens-Mit-CD-Gavrilov-spielt-Chopin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89335 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Andrei-GavrilovTschaikowski-Fira-und-ich-Erza\u0308hlung-meines-Lebens-Mit-CD-Gavrilov-spielt-Chopin-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Andrei-GavrilovTschaikowski-Fira-und-ich-Erza\u0308hlung-meines-Lebens-Mit-CD-Gavrilov-spielt-Chopin-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Andrei-GavrilovTschaikowski-Fira-und-ich-Erza\u0308hlung-meines-Lebens-Mit-CD-Gavrilov-spielt-Chopin-260x417.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Andrei-GavrilovTschaikowski-Fira-und-ich-Erza\u0308hlung-meines-Lebens-Mit-CD-Gavrilov-spielt-Chopin-160x257.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Andrei-GavrilovTschaikowski-Fira-und-ich-Erza\u0308hlung-meines-Lebens-Mit-CD-Gavrilov-spielt-Chopin.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><strong>Tschaikowski, Fira und ich<\/strong>. Erz\u00e4hlung meines Lebens, von Andrei Gavrilov. \u00dcbersetzung aus dem Russischen von Konstanze Backes. Mit beiliegender CD. Fr\u0117d\u0117ric Chopin. Nocturnes. M\u00fcnchen (Diederichs)<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer so unverbl\u00fcmt seinem Leser entgegentritt und sein Vorwort benutzt, um ihm ohne Umschweife mitzuteilen, dass er nur einen 23 Jahre umfassenden Zeitraum aus seinem Leben vor ihm ausbreiten m\u00f6chte, der ist sich seiner Botschaft gewiss. 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