{"id":27517,"date":"2021-03-25T00:01:00","date_gmt":"2021-03-24T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27517"},"modified":"2022-03-01T08:02:31","modified_gmt":"2022-03-01T07:02:31","slug":"per-anhalter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/25\/per-anhalter\/","title":{"rendered":"Per Anhalter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">742 Erz\u00e4hlungen im Umfang von einer bis zu sechs Druckseite(n) in einem Zeitraum von \u00fcber vierzig Jahren, in dem dar\u00fcber hinaus zahlreiche Romane und gr\u00f6\u00dfere Erz\u00e4hlungen f\u00fcr Erwachsene und Kinder erschienen sind. Franz Hohler, 1943 in Olten geboren, ist ein unerm\u00fcdlicher und unersch\u00f6pflicher Erz\u00e4hler, der sein literarisches Handwerk im weiten Feld des fantastischen Realismus gl\u00e4nzend beherrscht. Mehr noch. Er ist auch ein Kabarettist, der sich gern selbst auf\u00a0 die Schippe nimmt oder auch mal augenzwinkernd-seinen Lesern empfiehlt, diese oder jene\u00a0 Erz\u00e4hlung auszulassen, wie zum Beispiel beim Einstieg in den volumin\u00f6sen Band. Am Ende des ersten Teils der \u201eIdyllen\u201c bietet er seinem verwunderten Publikum Ersatzidyllen zum \u00dcberkleben an. Sie betreffen zwei St\u00e4dte \u2013Aarau und Graz \u2013\u00a0 sowie eine Heimfahrt von K\u00f6ln, f\u00fcr \u201esolche, die gern von Deutschland heimfahren\u201c. Ein Schelm, der sich nichts B\u00f6ses dabei denkt. Und die Idyllen? Die reichen, dem Alphabet nach von einem Aarespaziergang bis nach Zuzgen, dem angeblichen Geburtsort des Erz\u00e4hlers, und von dem er aber fast nichts wei\u00df. Und die anderen Anfangsbuchstaben dazwischen? Unter dem Buchstaben N sind Nachrichten aus Schweizer Gemeinden abgedruckt, darunter auch ein Bericht \u00fcber eine Kaninchen-Ausstellung aus Herzogenbuchsee oder unter Q, ausgew\u00e4hlte Telefonnummern der Gemeinde Stierva 081. Eine Frechheit! Selbst das ehrw\u00fcrdige Wien wird beleidigt. Es habe sein Ma\u00df an Geschmack in der Klassik und im ausgehenden letzten Jahrhundert aufgebraucht, Sch\u00f6nberg habe \u201eder Leiche noch die Augen zugedr\u00fcckt.\u201c Sp\u00e4testens hier sollte ein kulturbeflissener Leser diese Ansammlungen an Banalit\u00e4ten emp\u00f6rt beiseitelegen. Oder sich k\u00f6stlich am\u00fcsieren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie?, frage ich mich, wenn der n\u00e4chste Erz\u00e4hlzyklus \u201eWo?\u201c hei\u00dft und seri\u00f6se Themen anschneidet: Stra\u00dfenszenen, die Beschreibung eines Entl\u00fcftungsrohrs im 6. Stock (mit schematischer Darstellung!) , eine Bundesfeier im Fernsehen, w\u00e4hrend der junge Vater beim angestrengten Zuschauen die Windeln seines zweij\u00e4hrigen Sohns s\u00e4ubert, eine Demonstration gegen das geplante Atomkraftwerk in Kaiseraugst, ein Bericht \u00fcber den Besuch der Schlachtfelder vor Verdun, drei Reportagen \u00fcber Amerika w\u00e4hrend der Nixon-\u00c4ra, ein protokollarischer Bericht dar\u00fcber, wie seine Frau Ursula ihr zweites Kind zur Welt bringt und ein bizarrer Traum \u00fcber eine Schiffsreise, die in der H\u00f6lle endet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im n\u00e4chsten Zyklus \u201eEin eigenartiger Tag\u201c aus dem Jahr 1979, tr\u00e4gt die erste Erz\u00e4hlung den denselben Titel. Da sie mit der zweimaligen Wiederholung des Titels beginnt, vermute ich, dass dem Autor nichts Aufregendes eingefallen ist. Was soll schon an einem gew\u00f6hnlichen Tag in einer Schweizer Gro\u00dfstadt passieren. Au\u00dfer dass der Ich-Erz\u00e4hler sich einen neuen Handke kauft und er sich sofort daran erinnert, dass er in der Vergangenheit alle neuen Handkes irgendwo unterwegs gelesen hat.\u00a0 Soweit, so anregend! Aber Langeweile kommt beim Lesen auch dann nicht auf, wenn der Erz\u00e4hler seinen Blick durch das Schweizer \u201eOberland\u201c schweifen l\u00e4sst. Mal ist es der versch\u00e4rfte Blick auf \u201eb\u00e4urisch aussehende M\u00e4nner\u201c, die im Herbst \u201edas d\u00fcrre Laub um die H\u00fctten herum \u2026 zu gro\u00dfen B\u00fcndeln binden\u201c (S. 203), mal eine spannende Reportage von der Bobsleighweltmeisterschaft in St. Moritz, mal die Vision einer Hinrichtung mit einem zitternden Scharfrichter, mal ein Abstecher nach Z\u00fcrich, aus dem sich eine skurrile Reise nach Singapur entwickelt, mal sogar ein Eisberg, der in der H\u00f6lle strandet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Worin besteht das Geheimnis der wachsenden Faszination bei der Lekt\u00fcre der Hohlerschen Kurzgeschichten? Ist es der st\u00e4ndige Wechsel seiner Plots zwischen kruder Realit\u00e4t und verbl\u00fcffender Virtualit\u00e4t? Warum l\u00e4sst sich der Leser von dem Plauderton des Erz\u00e4hlers immer wieder verf\u00fchren? Eine Vermutung sei ausgesprochen: Er bedient sich n\u00e4mlich einer Reihe von literarischen Gattungen und Subgattungen, die er so geschickt miteinander verbindet, dass seine Leser\/Innen kaum sp\u00fcren, wie sie durch Anekdoten, M\u00e4rchen, Kriminalgeschichten, Witzen, Aphorismen und sogar hintersinnigen Aufz\u00e4hlungen von Eigennamen und Berufsbezeichnungen unterhalten werden. So als ob sie einem Kabarettisten zuh\u00f6ren, der sie mit unerh\u00f6rten Neuigkeiten im Minutentakt versorgt und sie zugleich st\u00e4ndig zum Nachdenken auffordert. So wie in dem Erz\u00e4hlband \u201eDer Mann auf der Insel\u201c (1991), in dem er sich auch mit den unmittelbaren Auswirkungen des Umbruchs in der DDR als Augenzeuge und als h\u00e4ufiger Besucher in Ostberlin auseinandersetzt. Er ist pr\u00e4sent, wenn die Ostberliner durch das ge\u00f6ffnete Mauersieb nach Westberlin str\u00f6men, oder wenn er sich mit jungen Dresdnern nach seinem Auftritt im Oktober 1990 trifft, die gerade die neue Republik Dresden-Neustadt ausgerufen haben<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch der unerm\u00fcdlich reisende Hohler ist nicht nur in den Grenzregionen des damaligen, gerade unterbrochenen kalten Kriegs in Europa unterwegs gewesen. Auch seine S\u00fcd- und Mittelamerika-Eindr\u00fccke sowie Berichte aus Australien, die er in dem Band \u201eDa, wo ich wohne\u201c (1993) zusammenfasst, zeugen von kritischen Reflexionen \u00fcber die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse auf anderen Kontinenten. So wie in dem Zyklus \u201eDie blaue Amsel\u201c (1995), in dem er nicht nur die Missst\u00e4nde in Paraguay anprangert, sondern auch seine Eindr\u00fccke in Mexiko, Chile oder in Argentinien aus dem Blickwinkel eines stets wachen Beobachters vermittelt. Und da er als Absolvent der Hispanistik des Spanischen m\u00e4chtig ist, sind seine visuellen Wahrnehmungen stets von dialogischen Einsprengseln begleitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Titelstory \u201eDer Autostopper\u201c? Ein Paradebeispiel f\u00fcr den Hohlerschen frivolen Umgang mit den mythischen und religi\u00f6sen Figuren in unserem Alltag. Der Teufel ist per Autostopp auf dem Weg in den Vatikan, um dem Papst die Meinung zu geigen. Und wer ist der mildt\u00e4tige Fahrer, der ihn mitnimmt? Sie werden es kaum erraten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in den letzten beiden Erz\u00e4hlzyklen \u201eZur M\u00fcndung\u201c (2000) und \u201eAm Ende eines ganz normalen Tages\u201c (2008) wimmelt es an unerwarteten Einf\u00e4llen, sprudeln die sprechenden Bilder durch die bleiw\u00fcstenden Druckseiten. Wer erwartet da irgendeine Abbildung oder eine erl\u00e4uternde Karikatur, wenn die Texte unsere Wahrnehmungen von dem Alltag durcheinander wirbeln? Ein Beispiel aus der Rubrik\u00a0 \u201aAlltagserz\u00e4hlung\u2018 soll das zum Abschluss belegen. Der Ich-Erz\u00e4hler ist unterwegs zur M\u00fcndung der Glatt, quer durch Z\u00fcrich, \u201edurch eine Sakrallandschaft aus marmornen Banktempeln\u201c (S. 553). Er beschreibt seine stundenlange Wanderung in Richtung Glattfelden in der Annahme, die Glatt flie\u00dfe in den Rhein. Doch der Wanderer muss zerknirscht feststellen, dass ihr Wasser in das Flu\u00dfkraftwerk Rheinsfelden st\u00fcrzt. Und in seiner tiefen Entt\u00e4uschung kommt er zu dem Schluss, dass hier ein Fluss \u201eabgefertigt wird\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die an der D\u00fcbendorfer Glatt in der N\u00e4he von Z\u00fcrich lebende renommierte Literaturkritikerin Beatrice von Matt als Nachwort-Verfasserin erweist sich als ideale Interpretin des Hohlerschen Erz\u00e4hlwerkes. Ihr gelingt es, das listenreiche Spiel des Ich-Erz\u00e4hlers mit seinen Lesern auf den Punkt zu bringen: der Erz\u00e4hler behalte stets seinen vers\u00f6hnlichen, den einnehmenden Ton, ob er nun \u00fcber Monstr\u00f6ses oder \u00fcber eine Begebenheit aus dem Alltag berichte. Sie beleuchtet auch den oft \u00fcberraschenden Wandel der Erz\u00e4hler-Perspektive innerhalb einer narrativen Sammlung, verweist auf den allm\u00e4hlichen R\u00fcckzug der performativen Gestaltung, der Wortakrobatik und der hybriden Elemente, zugunsten eines wunderbar leichten Erz\u00e4hlens in den sp\u00e4ten Erz\u00e4hlungen. Auf diese Weise habe auch Franz Hohler zur Wiederbelebung der <i>short story<\/i> in der europ\u00e4ischen Literatur gesorgt. Kann es ein gr\u00f6\u00dferes Kompliment f\u00fcr einen Meister der Prosa geben, dessen Phantasie, wie Urs Widmer bezeugt, immer in der Wirklichkeit geerdet ist?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Autostopper<\/b>, von Franz Hohler. Die kurzen Erz\u00e4hlungen. Mit einem Vorwort von Beatrice von Matt. M\u00fcnchen (Luchterhand Literaturverlag) 2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 742 Erz\u00e4hlungen im Umfang von einer bis zu sechs Druckseite(n) in einem Zeitraum von \u00fcber vierzig Jahren, in dem dar\u00fcber hinaus zahlreiche Romane und gr\u00f6\u00dfere Erz\u00e4hlungen f\u00fcr Erwachsene und Kinder erschienen sind. 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