{"id":27198,"date":"2014-09-29T00:01:09","date_gmt":"2014-09-28T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27198"},"modified":"2022-05-29T18:21:02","modified_gmt":"2022-05-29T16:21:02","slug":"ursachen-und-auswirkungen-des-buergerkriegs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/09\/29\/ursachen-und-auswirkungen-des-buergerkriegs\/","title":{"rendered":"Ursachen und Auswirkungen des B\u00fcrgerkriegs"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihren epischen Werken bewegen sich Marica Bodro\u017ei\u0107s Ich-Erz\u00e4hlerin und deren Protagonisten sp\u00e4testens seit \u201eDer Windsammler\u201c, 2007 im Luchterhand Verlag erschienen, vorwiegend im kroatisch-bosnisch-serbischen Lebensraum. Es sind sowohl mythische Figuren als auch tief in der dalmatinischen Landschaft verwurzelte reale Gestalten, es sind die Heimatvertriebenen im qu\u00e4lenden Erinnerungsstrom, von den Traumata des jugoslawischen B\u00fcrgerkriegs nach 1991 verst\u00f6rte Menschen. Mit ihnen f\u00fchrt die 1973 in dem dalmatinischen Dorf Svib geborene Autorin, 1983 mit ihren Eltern nach Hessen ausgewandert, unabl\u00e4ssige Zwiegespr\u00e4che. In \u201eDas Ged\u00e4chtnis der Libellen\u201c (2010) sind es die Gespr\u00e4che mit Arjeta, die der Ich-Erz\u00e4hlerin \u00fcber die Schrecken des B\u00fcrgerkriegs berichtet, in \u201eKirschholz und alte Gef\u00fchle\u201c (2012) verdichten sich die Erinnerungen an die alte Heimat, verschwinden wieder und werden von den urbanen Eindr\u00fccken in Berlin, Paris, New York und der Entt\u00e4uschung \u00fcber Ilja, ihren Liebhaber, \u00fcberlagert. Auff\u00e4llig ist, dass der narrative Erinnerungsstrom\u00a0 immer wieder durch die Benennung von Namen und Publikationen unterbrochen wird, die auf \u00d6rtlichkeiten in Berlin verweisen, an denen Gr\u00e4ueltaten der Nazis passierten, so als ob die Erz\u00e4hlerin sich auf eine Begegnung mit den Zeugen des jugoslawischen B\u00fcrgerkriegs, den Opfern und T\u00e4tern in Sarajevo, Vukovar, Mostar, Srebrenica oder Dubrovnik , mental vorbereiten wolle. Ungeachtet ihrer zahlreichen Reisen zu ihren Verwandten und Freundinnen in Dalmatien und in Bosnien steht ihr nun, das verdeutlicht das erste Kapitel ihres umfangreichen ethisch-moralischen Essays, eine psychomentale Auseinandersetzung mit dem inneren, bislang kaum ge\u00e4u\u00dferten Schmerz und dem verdr\u00e4ngten Leid der \u00dcberlebenden des jugoslawischen B\u00fcrgerkriegs bevor. Sie ist einigen Freundinnen aus Sarajewo gewidmet, die sie auf ihrer Reise \u201ezu jenen Landschaften, Orten und Menschen, die mich gepr\u00e4gt, geformt, geknetet und geliebt haben,\u201c ( 11) besuchen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von welchen \u00dcberlegungen, Erinnerungen und pr\u00e4genden Eindr\u00fccken l\u00e4sst sich die Ich-Erz\u00e4hlerin bei ihrer Reise zum \u201eKreuz des S\u00fcdens\u201c, der kosmischen und irdischen Melancholie ihrer einstigen Heimat, leiten? Es ist ein Konglomerat aus Werteelementen, die in den einleitenden Zitaten aus Werken von Goethe, Hannah Arendt und Paul Ricoeur entnommen sind: Befreiung von Gewalt, Liebe zu Menschen und das \u00fcber Ged\u00e4chtnis verf\u00fcgende Sein, das auf die Zukunft ausgerichtet ist. Von diesen ethischen und ontologischen Werten ausgehend, unterzieht sie die zwiesp\u00e4ltige Rolle ihres Vaters, die Bedeutung ihrer Tr\u00e4ume, die magische Welt der Sterne und ihre ersten Begegnungen mit Geschichte einer eingehenden Pr\u00fcfung. Die sicherlich vertrauteste Bezugsperson der Erz\u00e4hlerin in \u201eDer wei\u00dfe Frieden\u201c ist Tante Anastazija, die sie nach drei\u00dfig Jahren wieder sieht. Dabei nimmt sie voller Mitgef\u00fchl wahr, wie ihre Tante unter den Auswirkungen des Krieges leidet. Drei ihrer S\u00f6hne sind im Krieg gewesen und seitdem, so sagt sie, \u201eh\u00e4ngt ihre Seele zur H\u00e4lfte im Nebel, zur H\u00e4lfte in dieser Welt\u201c. Ihr j\u00fcngster Sohn Filip, der die schrecklichen Erfahrungen aus dem kroatisch-serbischen Gemetzel psychisch nicht verkraften konnte, hat sich das Leben genommen. Schwer an Parkinson leidend, vertraut ihr Anastazija unter Tr\u00e4nen mit, dass die Dorfgemeinschaft den Tod ihres j\u00fcngsten Sohnes, so wie ihr Ehemann, mit Scham aufgenommen h\u00e4tten, weil er den Krieg nicht \u201emannhaft\u201c verarbeitet h\u00e4tte. Vielmehr tr\u00f6steten sie sich mit den Segnungen der katholischen Kirche, deren Seelsorger den einstigen serbischen Feind nicht in ihre Friedensgebete einschlie\u00dfen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die hier einsetzende Reflexion der Autorin \u00fcber den Krieg in der Menschheitsgeschichte erfasst weniger die Verschwendung von wertvoller Lebenszeit als den Krieg in unseren Gedanken, die in eine Syntax m\u00fcnden, in den \u201ereflexartigen Kampf und Zur\u00fcckschlagen ohne Punkt und Komma.\u201c (S. 27) Die von ihr vertretene Behauptung, dass die Anordnung der Worte in unseren S\u00e4tzen \u201egenaue Auskunft \u00fcber die Struktur in unserem Denken\u201c gebe, versucht sie mit dem Verweis auf den Begriff des Charakters bei Martin Buber zu erkl\u00e4ren. Er sei \u201edie besondere Verbindung zwischen Sein und Erscheinen des Menschen, der besondere Zusammenhang zwischen seiner Wesenheit und der Folge seiner Handlungen und Haltungen\u201c und werde \u201eseiner noch plastischen Substanz eingepr\u00e4gt.\u201c(S. 28) Ausgehend von dieser ethisch motivierten Einstellung gegen\u00fcber der unreflektierten Schuld ihrer Landsleute,\u00a0 fragt sie im Verlaufe ihrer zahlreichen Gespr\u00e4che immer wieder nach den Einpr\u00e4gungen, die der Krieg in den K\u00f6pfen hinterlassen hat. Beim Anblick ihrer Cousins, ihrer erloschenen Augen, in denen einst eine innere Sonne leuchtete, mit der sie Jahrzehnte hinweg verbunden war, begreift die Erz\u00e4hlerin schlie\u00dflich, dass ihr Denken nicht mehr mit dem richtigen Leben \u2013 als Ausdruck der Verweigerung, \u00fcber die andauernde aggressive Einstellung gegen\u00fcber den einstigen Nachbarn nachzudenken \u2013in Einklang zu bringen ist. Doch der Verlust eines kostbaren Menschen habe auch eine andere Einstellung zum Tod zur Folge. Der Tod sei aus der Sicht des Stoikers Epiktet der Kern des Lebens, und die L\u00fccke, die er, wie im Fall von Filip, nach dem Ableben hinterlasse, gebe uns die M\u00f6glichkeit, das Wesen dieses Menschen in G\u00e4nze zu erfassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu den besonderen Eigenschaften des tiefsch\u00fcrfenden ethischen Dialogs, den Marica Bodro\u017ei\u0107 mit ihren verwandtschaftlichen und zuf\u00e4lligen Gespr\u00e4chspartnern auf ihrer Reise f\u00fchrt, dass sie immer wieder ihre Positionen nach dem Grundsatz \u00fcberpr\u00fcft: \u201eWer sich selbst zusehen kann, der kann sich auch anders denken.\u201c Und dieses \u201aanders denken\u2018 w\u00e4gt sie mit Verweisen auf Sophie Scholl, Hannah Arendt, den\u00a0 Psychoanalytiker Erich Neumann (\u201eMensch und Kultur im \u00dcbergang\u201c), Elias Canetti u.a. sorgf\u00e4ltig ab. Egal, in welcher Situation sie sich mit Augenzeugen des Kriegs austauscht, sie \u00fcberpr\u00fcft ihre Haltung auch dann, wenn z.B. ein serbischer Bauer sie als dalmatinische Sympathisantin der Kroaten beschimpft. Sie h\u00e4lt diese Beleidigungen aus, um zu kontrollieren, ob sich w\u00e4hrend der Schimpfkanonade etwas in ihrem Denken ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Bewertung der unheilvollen Funktion des kroatischen Nationalismus nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein st\u00e4ndiger Diskursgegenstand der Autorin. Es handelt sich dabei um Ante Paveli\u0107, den faschistischen Unterst\u00fctzer der deutschen Besatzer und den ersten Pr\u00e4sidenten der Kroatischen Republik, Franjo Tudjman, der seine politischen Gegner, wie den liberalen Politiker und Reformer Vlado Gotovac, verfolgen lie\u00df. Und der patriotische, vom Mythos des Anti-Stalinisten und Jugoslawien-Gr\u00fcnders umwehte\u00a0 Held Tito? Er wird zum Gegenstand der bitteren Kritik an seiner rigorosen Politik der Bevorzugung von Kroatien. Diese Form des Diskurses, in dem die Ich-Erz\u00e4hlerin sowohl mit der Autorin als auch mit den einzelnen Zeitzeugen des Nachkriegstraumas sich im st\u00e4ndigen Gedankenaustausch befinden, treibt den Erz\u00e4hlfluss im \u201eWei\u00dfen Frieden\u201c voran. Er wird immer dann unterbrochen, wenn es um zeithistorische und bildungspolitische Wertungen geht: die geringen Bem\u00fchungen um die Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Ursachen und Auswirkungen des B\u00fcrgerkriegs, die fehlenden bildungspolitischen Ans\u00e4tze im Geschichtsunterricht, in dem die serbischen wie auch die kroatischen Kinder nichts \u00fcber die jeweils andere Interpretation der Kriegsf\u00fchrung erf\u00fchren, die ausbleibende Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Hintergr\u00fcnde des tiefen Hasses auf die Nachbarn auf dem ehemaligen Territorium von Jugoslawien. Kein Wunder, dass viele Gespr\u00e4chspartner die Autorin baten, ihren Namen nicht zu nennen, aus Furcht vor Diskriminierungen; kein Wunder, dass die gegenw\u00e4rtig in Bosnien unter der Leitung von Velma \u0160ari\u0107 laufende Wanderausstellung \u00fcber Kriegsverbrechen aus vergleichender Perspektive, organisiert vom \u201ePost-Conflict Research Center\u201c in Sarajevo und finanziert vom \u201eIntercultural Innovation Award\u201c, nur in kleinen Ortschaften \u2013 aus Angst vor Medienmanipulation \u2013l\u00e4uft. Umso wichtiger ist es, dass Marica Bodro\u017ei\u0107s aufkl\u00e4rerischer Essay \u00fcber ihre Reise durch das\u00a0 Niemandsland in Kroatien und Bosnien bald in die so eng verwandten Landessprachen \u00fcbersetzt wird. Er wird zweifellos etwas ausl\u00f6sen, was bislang von verbitterten, patriotisch gel\u00e4hmten Politikern verhindert wird: die Nebelschwaden in den K\u00f6pfen aufzul\u00f6sen, damit die Konturen des \u201ewei\u00dfen Friedens\u201c sichtbar werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/weisser-Frieden.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89310 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/weisser-Frieden-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/weisser-Frieden-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/weisser-Frieden-260x415.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/weisser-Frieden-160x255.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/weisser-Frieden.jpg 313w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><strong>Mein weisser Frieden<\/strong>, von Marica Bodro\u017ei\u0107. M\u00fcnchen (Luchterhand) 2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In ihren epischen Werken bewegen sich Marica Bodro\u017ei\u0107s Ich-Erz\u00e4hlerin und deren Protagonisten sp\u00e4testens seit \u201eDer Windsammler\u201c, 2007 im Luchterhand Verlag erschienen, vorwiegend im kroatisch-bosnisch-serbischen Lebensraum. 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