{"id":27064,"date":"2014-11-03T00:01:00","date_gmt":"2014-11-02T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27064"},"modified":"2022-02-28T06:06:30","modified_gmt":"2022-02-28T05:06:30","slug":"grodek","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/03\/grodek\/","title":{"rendered":"Grodek"},"content":{"rendered":"<h5><span style=\"color: #008000;\"><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-size: 14px; font-weight: normal;\">\u00a0<\/span><\/span><\/h5>\n<p>Am Abend t\u00f6nen die herbstlichen W\u00e4lder<\/p>\n<p>Von t\u00f6dlichen Waffen, die goldnen Ebenen<\/p>\n<p>Und blauen Seen, dar\u00fcber die Sonne<\/p>\n<p>D\u00fcster hinrollt; umf\u00e4ngt die Nacht<\/p>\n<p>Sterbende Krieger, die wilde Klage<\/p>\n<p>Ihrer zerbrochenen M\u00fcnder.<\/p>\n<p>Doch stille sammelt im Weidengrund<\/p>\n<p>Rotes Gew\u00f6lk, darin ein z\u00fcrnender Gott wohnt,<\/p>\n<p>Das vergossne Blut sich, mondne K\u00fchle;<\/p>\n<p>Alle Stra\u00dfen m\u00fcnden in schwarze Verwesung.<\/p>\n<p>Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen<\/p>\n<p>Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,<\/p>\n<p>Zu gr\u00fc\u00dfen die Geister der Helden, die blutenden H\u00e4upter;<\/p>\n<p>Und leise t\u00f6nen im Rohr die dunkeln Fl\u00f6ten des Herbstes.<\/p>\n<p>O stolzere Trauer! ihr ehernen Alt\u00e4re,<\/p>\n<p>Die hei\u00dfe Flamme des Geistes n\u00e4hrt heute ein gewaltiger Schmerz,<\/p>\n<p>Die ungebornen Enkel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg Trakl schrieb dieses Gedicht wenige Tage vor seinem Tod am 3. November 1914. <em>Grodek<\/em> entstand unter dem Eindruck der Schlacht in Galizien, in welcher der Lyriker als Sanit\u00e4ter teilnahm. Er zeichnet in dramatischer Weise die Schrecken des Krieges, die ihn tief ersch\u00fctterten und an denen er auch zugrunde gehen sollte. Dieses Gedicht ist weder in Strophen unterteilt noch weist es ein durchg\u00e4ngiges Metrum auf. Wie der Krieg selbst, so ist auch die Form vom Chaos gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-e1617436834842.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81819 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" \/><\/a><span style=\"color: #999999;\">Redaktionelle Anmerkung, aus dem Aufsatz eines Obersekundaners 17 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg:<\/span> Und t\u00f6dlich trifft der hei\u00dfe Hass das Gute, die Liebe im Herzen. Das Leben ist Kampf, ist Krieg \u2013 in Donner und Morden qu\u00e4lt und t\u00f6tet es, vergi\u00dft den Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Krieg ist wild, und roh zerst\u00f6rt er Religion und Geist; durchs Leben hetzt beraubt der Mensch \u2013 durch eine graue, glimmende Aschenglut flieht und jagt er, und eine ha\u00dferf\u00fcllte Flamme fri\u00dft sein Herz, sein Haupt, und hungrig z\u00fcngelnd rei\u00dft sie seine S\u00f6hne in die schwarze Zukunft eines flammenden Krieges &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist der Krieg! Der Geist erschuf dem Menschen Macht, und Macht erschuf dem Menschen das Verderben. Seine ungez\u00fcgelten Gedanken n\u00e4hren seine Fehler: Die Gier, den Ha\u00df, den Machtwillen, den Drang zum Zerst\u00f6ren. Was er unbeherrscht zerst\u00f6rte, baute er mit der Erkenntnis seiner Fehler wieder auf; Ha\u00df trifft auf Ha\u00df, und die Erkenntnis schafft das Lieben und den Glauben an das Gute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch der Friede verw\u00f6hnt, beschw\u00f6rt den Neid herauf, die Gier, und grausam st\u00fcrzt der Krieg den Menschen in schwarze Tiefen \u2013 bis zum hellen Erwachen. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir kennen unseren gro\u00dfen Feind, das Feuer, das uns immer wieder t\u00f6tet; und wir bek\u00e4mpfen es, im Glauben an Gott, an die Natur oder das Gute. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche verdammen den Krieg \u2013 viele f\u00fcrchten ihn, doch sie wehren sich nicht; und andere sch\u00e4tzen ihn und mi\u00dfbrauchen ihn, um hohe Ziele zu verwirklichen oder um sich durch den Krieg Macht und Ruhm zu erwerben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Handeln erkennt man die Einstellung zum Krieg und zur Gewalt, zum Drohen mit dem Tod. Auch im k\u00fcnstlerischen Schaffen, wie in der Lyrik, offenbart sich der Mensch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Georg Trakl verzweifelte am Toben, an den Schrecken und Folgen des Krieges. Was er mit eigenen Augen in den Schlachten sah, traf seine Seele hart \u2013 doch die Kriegsgreuel h\u00e4rteten sein Herz nicht; mit letzter Kraft schrieb er ein dumpfes, d\u00fcstres Gedicht nieder: Grodek.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon der erste Vers zeugt von der negativen Einstellung Trakls zum Krieg: Der Abend in den herbstlichen W\u00e4ldern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abend spielt in der Lyrik eine bedeutende Rolle \u2013 umfassend verk\u00f6rpert er das Ende des Lebens, ein Ende nach harter Arbeit, ein erreichtes Ziel. Trakl malt den Abend nicht in ruhigen Farben \u2013 er sieht ihn in d\u00fcsteren, drohend dunklen T\u00f6nen, denn das Lebensende bedeutet im Krieg kein erreichtes Ziel, sondern Kampf mit Ha\u00df gegen uns selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend t\u00f6nen die herbstlichen W\u00e4lder<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">von t\u00f6dlichen Waffen &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die herbstlichen W\u00e4lder kennzeichnen noch eindringlicher das Sterben, die Leere und die kalte Trostlosigkeit. Der immer wiederkehrende Herbst bedeutet das unendliche Sich-Wiederholen der menschlichen Unvernunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Philosophen Kant und Laotse glaubten, der Krieg sei durch Anstrengung der Vernunft vermeidbar. Tats\u00e4chlich waren die meisten Kriege vermeidbar, und die wenigsten wurden aus Not und Hunger oder Lebenskampf und um Lebensraum gef\u00fchrt. Und auch dann war der Krieg eine fehlerhafte Fortf\u00fchrung der Politik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00fcster rollt die Sonne \u00fcber die Landschaft. Im tiefen Schwarz verbirgt sich das B\u00f6se, das Laster und herzlose Handeln. Der Dichter umrei\u00dft den furchtbaren Krieg bewu\u00dft mit d\u00fcsteren Ausdr\u00fccken. In jedem Satz verurteilt er das Morden und Schlachten \u2013 er wehrt sich gegen den Tod von Menschenhand und klagt Gott an, wirft ihm die Untaten der Menschheit vor:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O stolzere Trauer! ihr ehernen Alt\u00e4re &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">T\u00f6dlich trifft die wilde Waffe die Natur, zerst\u00f6rt die \u201egoldnen Ebenen\u201c; mit roter Flamme brennt das Dorf; und junge Kinder, alte Greise sterben ungerecht im Feuer der menschlichen Willk\u00fcr. Aber auch der zerst\u00f6rende Mensch f\u00e4llt \u2013 und seine Einsicht bricht in lautes Klagen aus. Doch zu sp\u00e4t richtet er sich auf und zerbricht an den nutzlosen Wunden, und die kalte, einsame Nacht qu\u00e4lt ihn bis zum Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trakl hielt das Leben f\u00fcr sinnlos. Die blutigen Eindr\u00fccke des Krieges trieben ihn dazu, das Leben zu verneinen; auf die Sinnlosigkeit der Welt und des Lebens gab es f\u00fcr ihn nur die Antwort: Angst und Verzweiflung. Angst und Schrecken f\u00fchrt zum Zweifeln an Gott. \u2013 Zu seinem Bildnis schuf Gott den Menschen; und der Mensch t\u00f6tet ein Leben, welches ihm nicht geh\u00f6rt, welches Gott gegeben hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trakl glaubt an einen r\u00e4chenden, z\u00fcrnenden Gott, der das vergo\u00dfne Blut nicht unges\u00fchnt l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trakls negative Aussagen gipfeln in dem Satz:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Alle Stra\u00dfen m\u00fcnden in schwarze Verwesung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Lebenswege sind sinnlos und f\u00fchren in Dunkelheit, und der Kampf der Menschen \u2013 welch Gegensatz zum Krieg! \u2013, auf verschiedenen Wegen Seligkeit zu erlangen, mu\u00df scheitern, denn alle Wege wurzeln in Unvernunft des Menschen, die er erbt und weitergibt, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben zieht; im Kampf gegen das reine Gute siegt das B\u00f6se und artet in schrecklichen Kriegen aus. Der Weg der Seele f\u00fchrt also in das schwarze Ungewisse und, drastisch ausgedr\u00fcckt \u2013 der K\u00f6rper verwest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein Strom flie\u00dft das Leben des Menschen dahin: Anfangs entspringt es hell und klar, und froh flie\u00dft es herab, \u00fcber Hindernisse und durch Biegungen, bis es langsam, breit und m\u00fcde wird. Unaufhaltsam geht es bergab \u2013 unbarmherzig zerschneidet es die T\u00e4ler, und seine Fluten laufen ungez\u00fcgelt \u00fcber das Land, und schlie\u00dflich enden sie im gro\u00dfen, weiten Ungewissen, im Meer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein scheinbar sinnloser Vorgang. \u2013 Zur\u00fcckblickend auf sein Leben dachte Trakl verzweifelt an die Sinnlosigkeit des Lebens, und wieder erscheint das Anfangsmotiv: Der Herbst. Ruhe und Frieden liegt \u00fcber dem Hain, doch das Rohr t\u00f6nt wie ein trauriger Fl\u00f6tengesang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der schmerzerf\u00fcllten Anklage gegen Gott richtet er sich noch einmal mahnend, doch schon v\u00f6llig entt\u00e4uscht und verbittert gegen die Menschen: Immer gr\u00f6\u00dfer w\u00e4chst die hei\u00dfe Flammens\u00e4ule des Schreckens und der Furcht \u2013 und immer vernichtender wirkt sie sich auf die nachfolgende Menschheit aus. Die Folgen des Krieges werden auch sie nicht verschonen und erden ihr Lebensfeuer zu neuen Kriegen reizen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die hei\u00dfe Flamme des Geistes n\u00e4hrt heute ein gewaltiger Schmerz,<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die ungebornen Enkel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Krieg ist ein Verbrechen an Gott und der Natur, seiner Sch\u00f6pfung \u2013 er treibt sich und seine S\u00f6hne in die schwarze Verwesung, schl\u00e4gt sich selbst das Tor zur Seligkeit und zum Guten zu und macht sein Leben sinnlos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Eine Ann\u00e4herung von Peter Paul Wiplinger an Georg Trakl finden Sie<i><\/i><i><\/i><i>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23505&amp;preview=true\">hier<\/a>.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Am Abend t\u00f6nen die herbstlichen W\u00e4lder Von t\u00f6dlichen Waffen, die goldnen Ebenen Und blauen Seen, dar\u00fcber die Sonne D\u00fcster hinrollt; umf\u00e4ngt die Nacht Sterbende Krieger, die wilde Klage Ihrer zerbrochenen M\u00fcnder. 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