{"id":26932,"date":"2014-12-02T00:01:21","date_gmt":"2014-12-01T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26932"},"modified":"2022-05-29T14:32:33","modified_gmt":"2022-05-29T12:32:33","slug":"ein-transparent-gestalteter-text","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/02\/ein-transparent-gestalteter-text\/","title":{"rendered":"Ein transparent gestalteter Text"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die deutsche literarische \u00d6ffentlichkeit ist er sp\u00e4testens seit 2007 der Inbegriff eines irischen Schriftstellers geworden. In diesem Jahr erschien Hugo Hamiltons \u201eDie redselige Insel. Irisches Tagebuch\u201c, eine Huldigung auf Heinrich B\u00f6lls \u201eIrisches Tagebuch\u201c aus dem Jahr 1957. Der 1953 in Dublin als Sohn einer deutschst\u00e4mmigen Pilgerin und deren stockkatholischem Ehemann Geborene sprach, neben Irisch, das in der Familie aufgrund der patriotischen Haltung des Vaters gesprochen wurde, seit seiner fr\u00fchesten Kindheit auch Deutsch, das er von seiner Mutter erlernte. Erst im Umgang mit seinen Schulkameraden eignete er sich das Englische an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hamilton, der sich vom Journalisten und Autor von Kurzgeschichten zu einem erfolgreichen Romancier entwickelte, gewann vor allem mit den beiden Erinnerungsb\u00e4nden \u201eGescheckte Menschen\u201c und \u201eDer Matrose im Schrank\u201c\u00a0 internationales Renommee. Es ist seine dialogische Erz\u00e4hlweise, der st\u00e4ndige Wechsel von der Ich- zur personalen narrativen Perspektive, die den Leser auf eine eigenwillige Weise anzieht. Er wird, wie auch in \u201eJede einzelne Minute\u201c, immer wieder von der erz\u00e4hlten Story in eine von Vermutungen und Ahnungen gepr\u00e4gten anderen Erz\u00e4hlung gelockt. So wie in dem Plot, der aus der Perspektive eines Ich-Erz\u00e4hlers seine Flugreise von Dublin nach Berlin mit anschlie\u00dfendem kurzen Besuch in der Hauptstadt Deutschlands beschreibt. Er ist in Begleitung einer schwer an Krebs leidenden Schriftstellerin, die sich \u00dana nennt und unter der Obhut ihres langj\u00e4hrigen Bekannten Liam noch einige angenehme Stunden verleben m\u00f6chte. \u00dana, eine eigenwillige, in ihren Stimmungen oft schwankende Person, hinter der sich, wie Elke Heidenreich in ihrem kenntnisreichen Nachwort aufkl\u00e4rt, die irische Autorin Nuala O\u2019Faolain verbirgt, die Hamilton 2008 auf einer Berlin-Reise begleitete. Es ist ein seltsames Paar, das sich im Mietwagen und dem von Liam geschobenen Rollstuhl durch Berlin bewegt und sich unentwegt Geschichten erz\u00e4hlt \u2013 \u00fcber ihre ersten sexuellen Erlebnisse, \u00fcber ihre Familie und engsten Verwandten, \u00fcber ihre verkorkste Schulzeit. Und je l\u00e4nger sie reden, desto freier wird auch der Ich-Erz\u00e4hler in seinen Bekundungen gegen\u00fcber seinen Lesern: \u201eSie half mir, in die Vergangenheit zu schauen und mit meinen Erinnerungen klarzukommen.\u201c (S. 119) Dieses Gest\u00e4ndnis hinterl\u00e4sst insofern einen nachhaltigen Eindruck, als auch der Leser aufgefordert wird, sich von beklemmenden Erlebnissen in seinem Leben freizumachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu sich selbst kommen auch \u00dana und Liam w\u00e4hrend ihres Berlin-Aufenthalts, wenn es um die Aufarbeitung von Schl\u00fcsselerlebnissen in ihrer irischen Heimat geht. W\u00e4hrend der mit Engelsgeduld ausgestattete Ich-Erz\u00e4hler Liam \u201eseine\u201c \u00dana durch den Botanischen Garten schiebt, werden bei beiden belastende Erinnerungen wach: der j\u00e4he Tod ihres Bruders, bittere Erfahrungen mit einst geliebten M\u00e4nnern, die wachsende Entfremdung gegen\u00fcber ihrer Umgebung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufgrund der st\u00e4ndig in den Berlin-Text eingeschobenen Erz\u00e4hlstr\u00e4nge entsteht eine Parallelhandlung, die eine hohe narrative Spannung erzeugt. Dieses erz\u00e4hlerische Verfahren erf\u00e4hrt im Schlussteil des Romans seine besondere Relevanz, als \u00dana in Begleitung von Liam eine Auff\u00fchrung von Don Carlos im Opernhaus unter den Linden besucht. Emp\u00f6rt \u00fcber das ihrer Ansicht nach grausame B\u00fchnenbild, bleibt sie nach der Pause im Vestib\u00fcl, h\u00f6rt den einsetzenden Orchesterkl\u00e4ngen zu und erz\u00e4hlt Liam die tragische und bewegende Geschichte vom Tod ihres Bruders. Die auf diese Weise entstehende Verbindung von Opernhandlung, in der Don Carlos aus staatspolitischen Gr\u00fcnden seine Geliebte Elisabeth nicht heiraten darf, und ihr verzweifeltes und vergebliches Bem\u00fchen um ihren Bruder geh\u00f6rt zu den eindrucksvollsten Passagen in diesem Buch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der transparent gestaltete Text in der flie\u00dfenden \u00dcbersetzung von Henning Ahrens liest sich leicht und hinterl\u00e4sst im Leseprozess einpr\u00e4gsame Bilder von Berlin, dessen Schaupl\u00e4tze unter der Feder von Hugo Hamilton ein einpr\u00e4gsames Timbre erhalten. Die Schlusspassage hingegen irritiert. Der Ich-Erz\u00e4hler f\u00e4hrt nach seinem Berlinbesuch im Zug nach Osten. Ein befreundeter Fotograf hat ihn in ein Dorf kurz vor der polnischen Grenze eingeladen, wo er sich auf dessen Einladung hin eine begehbare Lochkamera anschaut. In dem Objektiv dieser Kamera steht die \u00e4u\u00dfere Realit\u00e4t kopf\u00fcber, ein Zustand, den Liam als so angenehm empfindet, dass er die verkehrte Welt stundenlang wie bet\u00e4ubt betrachtet. Ein selbsttherapeutischer Akt oder nur wissenschaftliches Interesse? Mitnichten! Liam will sich nach der anstrengenden Betreuung seiner totkranken Bekannten f\u00fcr wenige Stunden von diesen Erfahrungen befreien. Nicht zuletzt aufgrund dieser Handlungslogik erweist sich das auf den ersten Blick irritierende Romanende als einleuchtend. Dennoch legt der Leser das Buch nachdenklich beiseite. Es ist so, als ob er sich st\u00e4ndig zwischen h\u00f6chster psychischer Anspannung, aufrichtiger Freude und klammheimlicher Todesahnung bewegt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Jede-einzelne-Minute.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89331 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Jede-einzelne-Minute-186x300.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Jede-einzelne-Minute-186x300.jpg 186w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Jede-einzelne-Minute-160x257.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Jede-einzelne-Minute.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" \/><\/a><strong>Jede einzelne Minute<\/strong>. Roman von Hugo Hamilton. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Mit einem Nachwort von Elke Heidenreich. M\u00fcnchen (Luchterhand) 2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; F\u00fcr die deutsche literarische \u00d6ffentlichkeit ist er sp\u00e4testens seit 2007 der Inbegriff eines irischen Schriftstellers geworden. In diesem Jahr erschien Hugo Hamiltons \u201eDie redselige Insel. Irisches Tagebuch\u201c, eine Huldigung auf Heinrich B\u00f6lls \u201eIrisches Tagebuch\u201c aus dem Jahr 1957. 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