{"id":26930,"date":"2014-01-29T00:01:44","date_gmt":"2014-01-28T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26930"},"modified":"2021-07-22T11:56:37","modified_gmt":"2021-07-22T09:56:37","slug":"ueberpruefung-der-historischen-fakten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/29\/ueberpruefung-der-historischen-fakten\/","title":{"rendered":"\u00dcberpr\u00fcfung der historischen Fakten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der seit 1904 als Korrespondent und Journalist in Paris lebende Hermann Fernau galt als entschiedener Kriegsgegner, der in seinem Tagebuch \u201eParis 1914\u201c die milit\u00e4rischen und psychologischen Vorbereitungen auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die ersten Wochen der Kriegshandlungen kommentiert hat. Seine zehnj\u00e4hrige T\u00e4tigkeit als Korrespondent deutschsprachiger Zeitungen in der franz\u00f6sischen Hauptstadt und seine \u00fcberzeugte Haltung als Pazifist bildeten die Voraussetzungen f\u00fcr seine spezifische Sichtweise des Kriegsausbruchs. Als er im Sommer 1919 sein Tagebuch in Z\u00fcrich ver\u00f6ffentlichte, begr\u00fcndete er seine dezidierte Meinung wie folgt: \u201eEs zeigt, wie ich schon zu Beginn des Krieges f\u00fchlte und gegen die Sache der Hohenzollern-Partei ergriff, die ich als deutscher Demokrat niemals als die Sache meines Vaterlandsempfand empfand. Sp\u00e4tere genaue Nachpr\u00fcfungen haben meine Ansicht \u00fcber die Schuld der kaiserlich deutschen Regierung am Kriegsausbruch nicht ge\u00e4ndert.\u201c (in: Fernau, 2014, S. 66)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese \u00dcberpr\u00fcfung der historischen Fakten im Kontext der Biografie des Korrespondenten \u00fcbernimmt Lothar Wieland in seinem einleitenden Essay \u201eEin Deutscher in Paris. Hermann Fernau (1883-1935) und sein Tagebuch von 1914\u2026\u201c. In seinem 50-seitigen Text, mit mehr als 200 Fu\u00dfnoten versehen, vergleicht er Fernaus Tagebuch-Aussagen mit den dort verwendeten franz\u00f6sischen Zeitungstexten, deutschsprachigen Korrespondenten-Berichten, mit den Ergebnissen historiografischer Untersuchungen zur deutschen und franz\u00f6sischen \u00d6ffentlichkeit zu Beginn des Ersten Weltkriegs, benutzt Archivquellen, er verweist auf die Beobachtungen Fernaus in Paris Ende Juli \/Anfang August 1914, und kommt zu folgendem Schluss: \u201eAllein aufgrund der Faktenlage und seiner t\u00e4glichen Beobachtungen gelangt er zu der \u00dcberzeugung, dass die Dynastien der Mittelm\u00e4chte die Verantwortung f\u00fcr den Krieg tr\u00fcgen, \u2026\u201c (S. 17)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im Hinblick auf die deutsche Apologetik der 1920er Jahre, die auch bis in die 1960er Jahre sich von jeglicher Schuld an der Ausl\u00f6sung des Weltkrieges freisprach , vertrat Fernau eine dezidierte Haltung, zu der der Historiker Fritz Fischer nach langj\u00e4hrigem Quellenstudium gelangte. Es waren zwei wesentliche Thesen, die, so Wieland, vor allem die deutsche Historiografie bis in die j\u00fcngste Gegenwart vertrat. 1) Der angebliche franz\u00f6sische Revanchismus (Annexion von Elsass-Lothringen) wie auch die immer wieder von deutscher Seite angeheizte Atmosph\u00e4re einer deutsch-franz\u00f6sische Erbfeindschaft. Beide Behauptungen habe Fernau ebenso widerlegt \u00a0wie die bis in die j\u00fcngste Gegenwart in deutschen Schulbuchwerken vertretene Behauptung, \u201edie nationalistische Propaganda (habe) in <i>allen<\/i> europ\u00e4ischen Staaten \u2026 daf\u00fcr gesorgt, dass <i>die<\/i> Europ\u00e4er mit grenzenloser Begeisterung und nationalem Pathos den Krieg begr\u00fc\u00dften, er somit unvermeidbar gewesen sei.\u201c. (Fernau, S. 20) Vielmehr registrierte Fernau unter der Pariser Bev\u00f6lkerung unmittelbar vor den Kriegserkl\u00e4rungen gro\u00dfe Angst, Verzweiflung und Erbitterung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen weiteren, stets durch Quellen abgesicherten Ausf\u00fchrungen belegt Wieland die konsequenten Bem\u00fchungen Fernaus um Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Hintergr\u00fcnde nationalistischer Propaganda. F\u00fcr ihn sei die milit\u00e4rische Auseinandersetzung zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich auch die Konsequenz des ideologischen Kampfes zwischen Republik und Dynastie gewesen. Basierend auf der nationalistischen Propaganda (Dolchsto\u00dflegende) der 1920er Jahre, sei diese Hetzpropaganda von den Nazis fortgesetzt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hermann Fernaus journalistische T\u00e4tigkeit ist nach 1916, nach seiner \u00dcbersiedelung in die Schweiz,\u00a0 von der Recherche f\u00fcr eine Publikation gepr\u00e4gt, die 1917, nach ihrer franz\u00f6sischen Ausgabe in Genf\/Paris, unter dem deutschen Titel \u201eDurch! .. zur Demokratie!\u201c, erscheint. Von franz\u00f6sischen und amerikanischen Regierungsstellen finanziell gef\u00f6rdert, wird die Schrift \u2013 auch aufgrund ihres\u00a0 \u00fcberzeugenden Bekenntnisses zur Demokratie und ihrer Vorschl\u00e4ge zum Umbau der deutschen Monarchie\u00a0 \u2013 ein Verkaufsschlager. Das bis dahin freundliche Verh\u00e4ltnis zur franz\u00f6sischen Republik ver\u00e4nderte sich allerdings nach Kriegsende, als Fernau die Haltung Frankreichs gegen\u00fcber Deutschland nach dem Versailler Vertrag scharf verurteilte. Seit 1920 wieder in Deutschland lebend, wurden seine Ver\u00f6ffentlichungen stets von nationalistischen Kreisen attackiert. Sie betrachteten sein republikanisches und pazifistisches \u00a0Gedankengut als eine Gefahr f\u00fcr Deutschland. Die 1933 an die Macht kommenden Nationalsozialisten verboten seine Schriften, auch weil, wie Wieland recherchierte, die Nazis ihn als einen j\u00fcdischen Autor bezeichneten. Die Hintergr\u00fcnde seines pl\u00f6tzlichen Todes im Jahr 1935 sind, so Wieland, nicht bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So intensiv eingestimmt auf Leben und Werk von Hermann Fernau, erweisen sich die Tagebuch-Aufzeichnungen mit ihren 285 Seiten Anmerkungen als ein bedeutendes, nach 1984 endlich wieder abgedrucktes Dokument. Gest\u00fctzt auf zahlreiche Archivberichte, abgesichert durch erl\u00e4uternde Sachberichte aus Zeitschriften, geht von jedem einzelnen Tagesbuch-Eintrag die Aura des unmittelbar erlebten Eindrucks aus, der im Anschluss daran mehrfach gefiltert wurde. Der zweite Text, das erste Kapitel aus Fernaus Schrift \u201eDurch!.. zur Demokratie\u201c \u00fcber \u201eEinige Feststellungen k\u00fcnftiger Geschichtsschreiber\u201c, zeichnet sich durch ein hohes Ma\u00df an analytischer Betrachtung von Kriegsgeschichte aus. Er wendet sich an Geschichtsschreiber, die ihre Berichte \u00fcberarbeiten m\u00fcssten, weil sie von ideologisch beeinflussten Sachverhalten ausgingen und oft trotz besseren Wissens zu Schlussfolgerungen gelangten, die eine Verf\u00e4lschung von Tatsachen bewirken. So kommt Fernau zu dem Ergebnis, dass \u201edieser entsetzliche Krieg nicht Schicksal und Notwendigkeit, sondern Vorsatz und Wille, auf alle F\u00e4lle aber kein Verteidigungskrieg Deutschlands gegen feindliche \u00dcberf\u00e4lle war.\u201c (s. 218)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es zeichnet diese geschichtsdokumentarische Publikation aus, dass der Herausgeber der Reihe \u201eGeschichte &amp; Frieden\u201c, Helmut Donat, in seinem abschlie\u00dfenden Essay sowohl Fernaus Wochenschrift f\u00fcr\u00a0 unabh\u00e4ngiges Europa \u201eDer Weltb\u00fcrger\u201c, Z\u00fcrich 1919, als auch Max M\u00fcllers Tagebuch \u201eFrankreich im Kriege\u201c (26. Juli -26. August 1914) als Hintergrund f\u00fcr seine \u00dcberlegungen zur Ausl\u00f6sung des Ersten Weltkriegs benutzt. Er w\u00fcrdigt den \u201eWeltb\u00fcrger\u201c als eine im Geiste des Pazifismus publizierende Zeitschrift, die \u201edie Abkehr von \u201aGewaltpolitik\u2018 und vom \u201aGro\u00dfmachtgedanken\u2018 in der Tradition Bismarcks\u201c propagierte und demokratische Grundreformen anstrebte. Deshalb hebt er besonders die publizistischen Bem\u00fchungen von Alfred Hermann Fried, Richard Grelling, Wilhelm Muelon, Karl Max F\u00fcrst von Lichnowsky wie auch Hans Paasche hervor, die sich in ihren meist in der Schweiz ver\u00f6ffentlichten Schriften gegen die imperiale Kriegsf\u00fchrung Deutschlands wandten und eine Demokratisierung Europas forderten. Donat kritisiert in seinen Ausf\u00fchrungen auch einen Teil der gegenw\u00e4rtigen Kriegsdeutungsliteratur, die, wie Christopher Clark in \u201eDie Schlafwandler\u201c von der dokumentierten Kriegsschuld der deutschen und \u00f6sterreichischen Milit\u00e4rs ablenkt und die These von der gesamteurop\u00e4ischen Schuld an der Ausl\u00f6sung des Jahrhundert-Verbrechens aufstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Publikation ist mit einer Reihe von Abbildungen im Innenteil ausgestattet. Auf der Vorderseite des Paperback-Umschlags ist der gallische Hahn vor dem mit Sands\u00e4cken gesch\u00fctzten Frontportal der N\u00f4tre Dame abgebildet. Mit dieser Illustration erinnern die Herausgeber an die Bombardierung der franz\u00f6sischen Hauptstadt im August 1914 durch deutsche Flugzeuge. Auf der R\u00fcckseite des Umschlags sind die wichtigsten Daten zu Leben und Schaffen von Hermann Fernau, nebst seinem Konterfei, abgedruckt. Sie verweisen auf die dezidierten Bem\u00fchungen Fernaus um die Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Ausl\u00f6sung eines Jahrhundert-Verbrechens. Eine geschichtswissenschaftliche Publikation also, die hundert Jahre nach diesem Verbrechen die Verursacher und ihre verst\u00e4ndnisvollen Geschichtsdeuter an den Pranger stellt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Paris.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89285 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Paris-156x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"156\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Paris-156x300.jpeg 156w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Paris-260x502.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Paris-160x309.jpeg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Paris.jpeg 311w\" sizes=\"auto, (max-width: 156px) 100vw, 156px\" \/><\/a><strong>Paris 1914. Tagebuch eines deutschen Republikaners und Pazifisten<\/strong> (25. Juli \u2013 22. September 1914). von Hermann Fernau. Herausgegeben, kommentiert und mit Beitr\u00e4gen von Helmut Donat und Lothar Wieland. Bremen (Donat Verlag) 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der seit 1904 als Korrespondent und Journalist in Paris lebende Hermann Fernau galt als entschiedener Kriegsgegner, der in seinem Tagebuch \u201eParis 1914\u201c die milit\u00e4rischen und psychologischen Vorbereitungen auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die ersten Wochen der Kriegshandlungen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/29\/ueberpruefung-der-historischen-fakten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":89285,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1662,1158],"class_list":["post-26930","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hermann-fernau","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26930","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26930"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26930\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26930"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26930"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26930"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}