{"id":26529,"date":"2013-10-06T00:01:13","date_gmt":"2013-10-05T22:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26529"},"modified":"2021-01-10T18:32:20","modified_gmt":"2021-01-10T17:32:20","slug":"kritischer-optimismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/06\/kritischer-optimismus\/","title":{"rendered":"kritischer optimismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">1.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">als ich joachim pauls buch vom verlag mit der bitte bekam, es zu rezensieren, stellte sich mir die frage, ob man damit nicht den bock zum g\u00e4rtner macht, der allenfalls das gras abfressen kann. einige der autoren, die paul zitiert, las auch ich, so aristoteles, hegel, mcluhan oder sloterdijk. zudem kenne ich texte \u00fcber medienwelten und deren wirkungen von walter benjamin, theodor w. adorno, max horkheimer, roland barthes, pierre bourdieu, paul virilio, jean baudrillard oder neil postman. gotthard g\u00fcnther, rudolf kaehr, vilem flusser oder warren s. mcculloch, auf die der autor h\u00e4ufiger zur\u00fcckgreift, waren mir jedoch fast oder ganz unbekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">paul, urspr\u00fcnglich physiker, ein multidisziplin\u00e4rer denker, der zusammenh\u00e4nge von technik und kultur, naturwissenschaften und geisteswissenschaften im blick hat und grenzen \u00fcberschreitet, wo andere stehen bleiben, sucht einen weg jenseits von technikeuphorie und kulturpessimismus. dem wort kybernetik gibt er einen ideellen sinn, indem er auf die etymologie verweist. verwandte worte sind griechisch kybern\u00e9tes=steuermann, kapit\u00e4n eines schiffes, kybernetik\u00e9=steuermannskunst sowie lateinisch gubern\u0101re=steuern, lenken, leiten, regieren. paul spricht vom kybernetes odysseus. der vergleich des internetnutzers mit odysseus assoziiert die entdeckung neuer welten, sogar utopisch anmutender, zugleich aber irrfahrten, gefahr und einsamkeit. auch fahren und gefahr geh\u00f6ren zusammen. der gleichen wortwurzel werden f\u00e4hrte, gef\u00e4hrt, gef\u00e4hrte, f\u00e4hre, f\u00f6rde, fjord, furt, fuhre, f\u00fchren, pforte, portal und portier zugeordnet, die jeweils sph\u00e4ren des eintritts und \u00fcbergangs sowie der durchquerung und \u00fcberwindung beschreiben. lateinisch tr\u0101ns, verwandt mit deutsch durch, bedeutet hin\u00fcber, hindurch, \u00fcber etwas hinaus, jenseits. eine der subtilit\u00e4ten des buchs ist es, da\u00df das &gt;Namensverzeichnis&lt; odysseus unter autoren und anderen realen personen nennt. vermutlich empfindet sich paul bei seinen erkundungsfahrten zwischen technik und kultur selbst als ein odysseus, der zu einem entdecker und erfinder wird, indem er nicht die geraden, also meist ausgetretenen, sondern schiefe, nicht-lineare, labyrinthische wege geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">pauls vorausdenken ist h\u00e4ufig an ein zur\u00fcckdenken, und damit eine historische zuordnung, gebunden. wir brauchen den abstand von jahrhunderten, um die gegenwart zu erkennen. indem er die geschichte des denkens hinterfragt, macht er das denken selbst zum gegenstand seines denkens, so wenn er den biblischen satz \u00bbDer Buchstabe t\u00f6tet, aber der Geist gibt Leben.\u00ab aufruft. buchstabe meint hier wohl das einseitig abstrakte, instrumentelle, dogmatische, aufs blo\u00dfe wissen reduzierte denken, geist hingegen bildung, differenzierung, vielschichtigkeit und vertiefung. hegel zitiert er mit dem satz \u00bbUnter Bildung versteht man das Verm\u00f6gen, die Dinge vom Standpunkt eines anderen aus betrachten zu k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">paul, ein kritischer optimist, bei dem die denkart die botschaft ist, wobei er marshall mcluhan wohl n\u00e4hersteht als paul virilio, kritisiert die eindimensionalen kausalit\u00e4ten, die heutigen wirklichkeitsplanungen oft zugrunde liegen, und fordert ein \u00bbDenken jenseits der Dualit\u00e4t\u00ab. denn \u00bbdas Leben selbst und damit assoziierte Ph\u00e4nomene wie z.B. Kognition entziehen sich vielfach einer linearkausalen Beschreibung.\u00ab er weist darauf hin, da\u00df multikausales und polykontextuelles denken mehr der arbeitsweise der computer entspricht als das auf monokausalit\u00e4ten ausgerichtete. schlie\u00dflich ist es eine der fragen der zukunft, wie aus regelkreisen denkende menschen hervorgehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in medientechniken erkennt paul nachfolgeformen fr\u00fcherer kultureller und geistiger techniken. als buchdruck, fotografie und film aufkamen, schien das ende von m\u00fcndlicher \u00fcberlieferung, malerei und theater nahe. das abrei\u00dfen des m\u00fcndlichen erz\u00e4hlens f\u00fchrte gewi\u00df zu verlusten. zugleich hat die schrift vieles \u00fcberlieferte bewahrt. die neuen medien und k\u00fcnste haben die \u00e4lteren ver\u00e4ndert, die dabei einerseits geschw\u00e4cht wurden, durch die konkurrenz teils aber auch eine gr\u00f6\u00dfere eigenst\u00e4ndigkeit erlangten, etwa indem das foto das dokumentarisch gemalte bild ersetzte und die malerei sich mehr aufs malerische und experimentelle konzentrieren konnte. mitunter gewinnen medien und techniken sogar an wert, gerade weil sie wirkungen verlieren. das radio, einst instrument der massenpropaganda, ist inzwischen eher zum minderheitenmedium geworden, zumindest wenn man an die kultursender denkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">michel serres schrieb in &gt;Die f\u00fcnf Sinne \/ Eine Philosophie der Gemenge und Gemische&lt;: \u00bbJedesmal wenn ein Organ \u2013 oder eine Funktion \u2013 sich von einer alten Verpflichtung befreit, erfindet es etwas Neues. Als die Pfote oder Hand durch den aufrechten Gang von der dr\u00fcckenden Last des St\u00fctzens oder Gehens befreit ist, ver\u00e4ndert sie sich; sie wird zum Greiforgan und formt schlie\u00dflich das Werkzeug; als Mund, Kinn oder Maul durch die aufrechte K\u00f6rperhaltung von der vitalen Notwendigkeit des Zupackens befreit sind, da beginnen sie zu sprechen. Das Ged\u00e4chtnis befreit sich gleich dreimal: bei der Entstehung der Schrift, durch die Entdeckung des Buchdrucks und nun durch den Computer. Wer vermag zu sagen, was die Erfindung der Geometrie der Entstehung der Schrift verdankt? Wer vermag zu sagen, was die Experimentalwissenschaften dem Buchdruck verdanken? Zu welchen Neuerungen wird uns das dritte Vergessen f\u00fchren? \/\/ Und zu welcher neuen Verf\u00fcgbarkeit erhebt unsere Sprache ihre Wiedergeburt?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">klar scheint, da\u00df der multikausal orientierte mensch differenzierter denkt, unklar hingegen, ob k\u00fcnftige medientechnologien in ihrer vorherrschenden anwendung dies wirklich bef\u00f6rdern. n\u00f6tig w\u00e4re vor allem eine kritik der massenmedien und massenkommunikation. zu jeder technischen entwicklung geh\u00f6rt das ph\u00e4nomen, da\u00df die massemenschen vom neuen das primitive zuerst lernen, die alphabetisierung etwa f\u00fchrte zur ausbreitung der trivialliteratur, und es zeit braucht, ehe sublimierungen nicht blo\u00df wenige erreichen. techniken sind weder gut noch b\u00f6se, sondern das, was menschen aus ihnen machen. ob moderne technologien das menschliche denken letztlich bereichern oder entwerten, bildung oder verdummung, vertiefung oder verflachung, die emanzipation der b\u00fcrger oder die herrschaft der apparate bewirken, ist noch unentschieden. die technik selbst macht alldas m\u00f6glich. vermutlich geschieht, was immer geschah, die meisten menschen bleiben von techniken abh\u00e4ngig und nur wenige befreien sich damit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn paul von der \u00bbSp\u00e4tpostmoderne\u00ab spricht, so meint dies, da\u00df sich lebensunddenkformen der postmodernit\u00e4t allm\u00e4hlich verbrauchen. im &gt;Vorwort des Herausgebers 2009&lt; zum buch &gt;Das postmoderne Wissen&lt; von jean-fran\u00e7ois lyotard erkl\u00e4rte peter engelmann, postmodern sei \u00bbdie Skepsis gegen\u00fcber den legitimierenden Metadiskursen\u00ab. ich schrieb bereits vor jahren: \u00bbselbst der zweifel wurde l\u00e4ngst postmodern eingebunden, der annahme folgend, man k\u00f6nne sich allem anpassen, weil man skeptisch sei, wobei er indifferent wird und alternatives denken und handeln eher l\u00e4hmt als bef\u00f6rdert.\u00ab wom\u00f6glich liegt nicht ganz verkehrt, wer sagt, das postmoderne denken, das die mythen des humanismus gr\u00f6\u00dftenteils hinter sich gelassen hat und zugleich selber alle merkmale einer zeitgeistbedingten, also historisch begrenzten, anpassungsstrategie aufweist, sei die aktuelle ideologie der verwertungsgesellschaft, in der wirtschaft, geld, wissenschaften und medien teilweise die fr\u00fcheren funktionen des staates und der kirche \u00fcbernommen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im abschnitt &gt;Der Tod des Humanismus&lt; schreibt paul: \u00bbDer Humanismus mit seinem Anspruch, als denkerisches Metasystem \u00fcber den Entwicklungen zu stehen, erweist sich als nicht mehr geschichtsf\u00e4hig und damit nicht zukunftsf\u00e4hig.\u00ab das hatte lyotard schon 1982 konstatiert: \u00bbDer Rekurs auf die gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen ist abgeschlossen; man kann sich also f\u00fcr die G\u00fcltigkeit des postmodernen wissenschaftlichen Diskurses weder auf die Dialektik des Geistes noch auf die Emanzipation der Menschheit berufen.\u00ab wenn der humanismus, der nicht zuletzt deshalb entwertet wird, weil man ihn demagogisch zur legitimation egoistischer interessen nutzt, so wenn menschenrechte kriege rechtfertigen sollen, nicht mehr zukunftsf\u00e4hig ist, so stellt das die frage, was danach kommt. sollten am ende zyniker die humanisten der zukunft sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die griechischen und lateinischen bezeichnungen f\u00fcr das technische, auf die paul verweist und die noch von einer einheit und ganzheit k\u00fcnstlerischer, wissenschaftlicher und technischer f\u00e4higkeiten ausgingen, enthalten bereits die bedeutungen des rationalen und vern\u00fcnftigen, siehe griechisch technik\u00f3s=kunstvoll, kunstverst\u00e4ndig, vern\u00fcnftig, verstandesm\u00e4\u00dfig, wissenschaftlich, sachgerecht, fachm\u00e4nnisch, listig, technolog\u00eda=kunstgem\u00e4\u00dfe behandlung, wissenschaftliche regeln, lateinisch technicus=lehrer einer kunst oder technik, techniker, technica=kunstwesen, kunstdinge, anweisung zur aus\u00fcbung einer wissenschaft, gewerbelehre, handwerkslehre. lateinisch techna war freilich der durchtriebene streich, etwa eines sklaven, sp\u00e4tlateinisch ein betrug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das technokratische und instrumentelle, das uns heute begegnet, ist jedoch nicht identisch mit dem vern\u00fcnftigen. lyotard prognostizierte: \u00bbMan kann nur dann die Hauptrolle des Wissens als unentbehrliches Element des Funktionierens der Gesellschaft bestimmen und dementsprechend handeln, wenn man beschlossen hat, dass diese eine gro\u00dfe Maschine ist.\u00ab dies k\u00f6nnte allerdings bedeuten, da\u00df auch die menschen blo\u00df noch maschinenteile seien. schon heute funktionieren viele in ihrer arbeit wie automaten und werden dadurch nicht selten psychisch krank oder zumindest verformt. funktionalit\u00e4t erzeugt austauschbarkeit. und wer sich von wirklichkeiten abh\u00e4ngig macht, ist ihnen ausgeliefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">paul spricht von \u00bbfinanziellen Massenvernichtungswaffen\u00ab. geld kann auch denken vernichten. gegen\u00fcber einer sch\u00f6n scheinenden dummheit wirkt bildung mittlerweile fast h\u00e4\u00dflich. geistige und kulturelle beschr\u00e4nktheiten sind praktisch zu permanenten modeerscheinungen geworden. und moden dienen der kapitalvermehrung. kulturundtechnikmoden wechseln wie kleidermoden. es gibt eine enorme virtuosit\u00e4t und vielfalt an der oberfl\u00e4che, doch wenig tiefe darunter. l\u00e4ngst haben vulg\u00e4rmaterialistische vorstellungen die stelle der vulg\u00e4rmetaphysik eingenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">es scheint ein technokratischer, man k\u00f6nnte auch sagen postmoderner, mythos zu sein, da\u00df sich denken an sofortiger machbarkeit und verwertbarkeit messen lassen m\u00fcsse. ein gro\u00dfteil des unabh\u00e4ngig gedachten w\u00e4re nach solchen kriterien wertlos. man denke nur an jene schriftsteller und k\u00fcnstler, die, weil sie sich, indem sie ihrer zeit voraus waren, nicht dem gerade herrschenden zeitgeist angepa\u00dft hatten, in ihrer lebenszeit als nicht oder kaum brauchbar galten und erst sp\u00e4ter entdeckt wurden. gerade das unabgegoltene, abgedr\u00e4ngte, verlorene, abgefallene, verworfene und anst\u00f6\u00dfige, das auf den m\u00fcllkippen der kulturundgeistesgeschichte lagert, regt zum nachdenken an. die neuen technologien werden gewi\u00df ebenfalls gen\u00fcgend solchen m\u00fcll hinterlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im volk ist sowieso die vorstellung verbreitet, da\u00df zuviel denken negativ sei. ein bekannter erz\u00e4hlte mir, seine mutter habe w\u00e4hrend seiner kindheit \u00f6fter zu ihm gesagt: \u00bbDenk nicht soviel, davon wird man verr\u00fcckt.\u00ab als ich bei einer lesung sagte, die auslagerung von denkleistungen in computer k\u00f6nne auf dauer die f\u00e4higkeiten des gehirns beeintr\u00e4chtigen, antwortete ein sch\u00fcler, zumindest die leistungsf\u00e4higkeit der daumen h\u00e4tte zugenommen. ich erwiderte ironisch, vielleicht g\u00e4be es da sogar genetische ver\u00e4nderungen. in 100 jahren h\u00e4tten die menschen wom\u00f6glich doppelt so gro\u00dfe daumen wie heute. und vor allem, sie w\u00fcrden sich dann \u00fcber ihren daumen definieren. wer den gr\u00f6\u00dften habe, gelte auch als der gr\u00f6\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nichts hat mehr mi\u00dftrauen verdient als systeme und systemtheorien, die funktionieren, da sie am ehesten unausweichlich wirken. menschen sind ge\u00fcbt darin, realit\u00e4ten f\u00fcr sich auszunutzen, die sie nicht verstehen. sie wollen im allgemeinen keine denktiefe, sondern ihren eigenen vorteil, den sie flach denkend und handelnd meist leichter erreichen. man sollte also egoistische interessenwahrnehmung nicht mit eigenst\u00e4ndigem denken verwechseln. sogar das selbstreflexive denken, das eine der leistungen der aufkl\u00e4rung war, kann kontraproduktiv werden, wenn es narzi\u00dftisch wird und die welt au\u00dferhalb der eigenen interessensph\u00e4ren ausblendet. das gr\u00f6\u00dfte denkhindernis beim menschen ist das leben selbst. sobald menschen lebensinteressen haben, halten sie etwas f\u00fcr richtig, das sie sofort ablehnen w\u00fcrden, wenns ihnen au\u00dferhalb ihres lebens begegnen w\u00fcrde. f\u00fcr technokratische gesellschaften sind autonom denkende menschen oft sogar st\u00f6rfaktoren. komplexes denken l\u00e4\u00dft sich selten leicht, sofort, effektvoll und oberfl\u00e4chlich verwerten. auf flachem gel\u00e4nde, das keine vertiefungen hat, kann man schnell laufen. das erkl\u00e4rt unter anderem aktuelle flachheiten. eine tragik besteht darin, da\u00df verflachungen, die der verwertungswahn hervorbringt und fordert, viel vitalit\u00e4t binden, die f\u00fcr sinnvollere projekte verlorengeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">da\u00df im technokratischen denken auch verachtung der menschlichen natur mitwirkt, scheint mir unzweifelhaft. firmen, die nach dem ersten weltkrieg beinundarmprothesen produzierten, warben daf\u00fcr mit der behauptung, technisch hergestellte beine und arme seien perfekter als die nat\u00fcrlichen. offenbar soll dieser glaube nun auf immer weitere teile des menschlichen k\u00f6rpers und selbst das gehirn ausgeweitet werden. dabei sollten wir nicht vergessen, da\u00df techniken insgesamt lediglich prothesen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie K\u00e4ltetendenz r\u00fchrt vom Eindringen der Physik in die moralische Idee.\u00ab schrieb ossip mandelstam, \u00bbWenn es die surrealistische Figuration definiert, da\u00df in ihr v\u00f6llig disparate, ja einander widersprechende, sogar einander t\u00f6dliche Interdependenzen auftreten, dann gibt es keine &#8222;klassischere&#8220; Verwirklichung des Surrealismus als die Konfiguration, die eine &#8222;computing machine&#8220; und ein vor ihr stehender Mensch bilden.\u00ab g\u00fcnther anders, dessen buch &gt;Die Antiquiertheit des Menschen&lt; manches kritisch vorwegnahm, das weiterzudenken w\u00e4re. wird die technisierung menschlicher lebenswelten nicht human integriert, besteht die gefahr eines r\u00fcckfalls in vormoderne denkundverhaltensweisen der nackten gewalt. aber vielleicht bin ich in meinen erwartungen zu sehr ein von der schriftkultur gepr\u00e4gter sp\u00e4talphabet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">paul beschreibt, was m\u00f6glich w\u00e4r, wenn menschenwelten anders w\u00e4ren. utopien haben gerade zu beginn einer entwicklung ihre berechtigung. vieles vom utopisch gedachten wird sich freilich als illusion erweisen. hoffnungen sind oft die gr\u00f6\u00dften irrt\u00fcmer der gebildeten. andererseits halten utopien ungelebtes lebendig. man kann es auch mit friedrich schiller sagen: \u00bbWas sich nie und nirgends hat begeben, \/ Das allein veraltet nie.\u00ab visionen vom anderen machen den analytiker kritikf\u00e4hig gegen\u00fcber bestehendem. und nur gesellschaften, die gen\u00fcgend vordenker und geistigen vorlauf haben, k\u00f6nnen sich erfolgreich entwickeln. man wird das ideelle also weiter brauchen, zumindest als medium der kritik und korrekturpotential. und wahrscheinlich besteht der sinn des utopischen \u00fcberhaupt darin, das jeweils als normal geltende zu hinterfragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00fcber die jahre hinweg notierte ich mir immer wieder medienkritische gedanken, die mit denen joachim pauls korrespondieren, ihnen teilweise aber auch widersprechen. hier eine auswahl:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wer die entwicklung der medien mitbestimmen will, mu\u00df ihr voraus sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die welt der medien funktioniert mehr noch als die wirkliche nach pawlowschen reflexen. f\u00fchrt uns das virtuelle zuletzt ins animalische zur\u00fcck?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wo oberfl\u00e4chen herrschen, bem\u00e4chtigen und bedienen d\u00e4monen sich der tiefe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">d\u00e4monen sind verwundete seelen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das \u00fcberblenden ist die moderne form der verdunkelung. das hellste licht schafft so ein schattenreich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">je perfekter die wahrnehmungsinstrumente, umso mehr verfl\u00fcchtigt sich die wirklichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das zur\u00fcckdr\u00e4ngen des unmittelbaren erlebens f\u00fchrt zu einem geisterhaften wahrnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bilder decken wirklichkeiten, bis sie zu kadavern werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in den spiegeln ist kein leben. weshalb glauben wir dem bild?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das endziel der transparenz ist die erblindung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die aufkl\u00e4rung schafft auch aufgekl\u00e4rte manipulatoren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die manipulativen techniken haben die autorit\u00e4ren ersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auch verf\u00fchrung kann kontrolle sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wer nur in einer wirklichkeit lebt, wird verblendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die medien halten die kritik besetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">t\u00e4glich sitzen millionen menschen vor den simulationsmodellen der fernsehnachrichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die abendnachrichten ersetzen vielen den gottesdienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nachrichtensendungen sind die familienserien des politfernsehens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">medien handeln mit nachrichten wie b\u00f6rsen mit geldwerten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zeitungen sind zeitgeistverwertungsorgane.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">jung gefangene elstern k\u00f6nnen das pfeifen von liedern erlernen, junge redakteure lernen das pfeifen des zeitgeistes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">literarisches schreiben ist vom journalistischen so weit entfernt wie die alchemie von der chemie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">jede abh\u00e4ngige arbeit verproletarisiert den geist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">menschen folgen dem zeitgeist, weil sie ihre zeit sonst nicht ertragen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wer einem zeitgeist folgt, versteht oft die probleme seiner zeit nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">denken beginnt mit dem nachlassen der gl\u00e4ubigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00f6ffentliche meinung ist immer interessenmeinung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">vielleicht kann \u00fcberhaupt nur frei denken, wer keine interessen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das nebeneinander unterschiedlicher egoistischer weltbilder ergibt noch kein differenzierendes denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wer keine eigene denkart hat, kann nicht selber denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">aufgekl\u00e4rtes denken verlangt, da\u00df jeder antwort die originellere neue frage folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">aufkl\u00e4rer kann nur sein, wer sich selbst infrage stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">skepsis ist eine zivilisationsleistung, die stets neu erlernt werden mu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00fcbergro\u00dfe klarheit im denken verhindert eher einen wachen blick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">alle klaren weltbilder haben versagt oder werden noch versagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wer auf das funktionieren eines systems fixiert ist, durchschaut es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ein rationalismus, der die dunkelheiten der menschlichen seele ausblendet, endet leicht barbarisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in begriffen degeneriert die substanz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wer nur betrachtet, wird bald selber zum phantom.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">dialektik der medienfreiheit: alles scheint offen und jeder kann ausgeschlachtet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die regisseure der skandale bleiben meist verborgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die katastrophentoten sind die wasserfl\u00f6he im aquarium der medien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die wirkliche bedrohung wird fast immer ausgeblendet. im symptom tritt sie uns nur scheinbar entgegen. ist die gefahr vorbei, werden die symptome aufgeh\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das grauen wird nicht ewig unterhaltend abgelenkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Trans1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Trans\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Trans1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"284\" \/><\/a><\/strong><strong>TRANS-<\/strong> \u2026 Reflexionen \u00fcber Menschen, Medien, Netze und Maschinen, von Joachim Paul ist als ebook erschienen \u2013 nicht im epub-Format, sondern als pdf-Datei, die mit jedem g\u00e4ngigen pdf-f\u00e4higen Reader zu \u00f6ffnen ist \u2013 zu beziehen <a title=\"Link zum ebook-Shop von epubli\" href=\"http:\/\/www.epubli.de\/shop\/buch\/TRANS--Joachim-Paul\/29552\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier bei epubli<\/a>, exklusiv. Von einem Angebot auf anderen Verkaufsplattformen wurde abgesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Totholz-Variante gibt es weiterhin, hier: <a title=\"Link zum Shop f\u00fcr die Totholz-Version\" href=\"http:\/\/www.epubli.de\/shop\/buch\/TRANS--Joachim-Paul-9783844255027\/27457\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">TRANS- als klassisches Buch<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. als ich joachim pauls buch vom verlag mit der bitte bekam, es zu rezensieren, stellte sich mir die frage, ob man damit nicht den bock zum g\u00e4rtner macht, der allenfalls das gras abfressen kann. einige der autoren, die paul&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/06\/kritischer-optimismus\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":44220,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,86],"class_list":["post-26529","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-joachim-paul"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26529","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26529"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26529\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}