{"id":26455,"date":"2014-10-20T00:01:20","date_gmt":"2014-10-19T22:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26455"},"modified":"2022-05-29T14:34:18","modified_gmt":"2022-05-29T12:34:18","slug":"sprachinstallation-revisited","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/20\/sprachinstallation-revisited\/","title":{"rendered":"Sprachinstallation \u00b7 Revisited"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Auf dem in einem dunklen Orange-Farbton gehaltenen Umschlag sind die Namen von Stefan Weidner, Barbara K\u00f6hler und Oswald Egger in wei\u00dfen Buchstaben abgedruckt. In welchem Verh\u00e4ltnis stehen sie zur Kunststiftung NRW?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Vorbemerkung zur Geschichte der 1989 gegr\u00fcndeten Stiftung in Nordrheinwestfalen verweisen Fritz Behrens, Pr\u00e4sident, und Ursula Sinnreich, Generalsekret\u00e4rin der Stiftung, auf die Funktion der Poetikdozentur, die in Erinnerung an den 2005 verstorbenen Dichter Thomas Kling, einem Meister der Sprachinstallation, 2011 gemeinsam mit der Universit\u00e4t Bonn eingerichtet wurde. Sie soll literarische Produktionserfahrung f\u00fcr den Nachwuchs f\u00f6rdern und damit einen doppelten Effekt bewirken: Herausragende Autoren mit einer Lehrt\u00e4tigkeit auszeichnen und junge, an Literatur interessierte Studierende einen \u201eganz neuen Blick auf ihren Forschungsgegenstand\u201c (S. 11) erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2011 \u00fcbernahm Stefan Weidner, Islam-Spezialist, \u00dcbersetzer aus dem Arabischen und Essayist, als erster die Poetik-Dozentur. Ihm folgte 2012 mit Barbara K\u00f6hler eine Lyrikerin, Sprachgestalterin und Prosaautorin. Oswald Egger, ein Weggef\u00e4hrte von Thomas Kling an dessen langj\u00e4hriger Wirkungsst\u00e4tte, der Raketenstation Hombroich, s\u00fcdlich von D\u00fcsseldorf gelegen, gestaltete 2013 die Dozentur, die nach Ansicht der Repr\u00e4sentanten der Stiftung NRW \u201eein radikaler Gegenentwurf zum akademischen Lehrbetrieb\u201c (S. 12) war. In der Person des vielfach ausgezeichneten experimentellen Dichters sei der Br\u00fcckenschlag zwischen Literaturhaus Bonn, Universit\u00e4t Bonn, vertreten durch Prof. J\u00fcrgen Fohrmann, der Raketenstation Hombroich und dem Thomas-Kling-Archiv gelungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem einf\u00fchlsamen Essay \u00fcber den so j\u00e4h aus dem Leben gerissenen Dichter setzt sich Hubert Winkels, renommierter Literaturkritiker, aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem \u201esanften Berserker\u201c auseinander. Er pr\u00fcft Thomas Klings Arbeitsweise unter Verweis auf eine katalogbegleitende Ausstellung im Universit\u00e4tsmuseum Bonn 2013\/14, und er\u00a0 bewertet sein Werk auf der Grundlage eines Wechselverh\u00e4ltnisses von realem physisch-sozialem K\u00f6rper und Textkorpus, um festzustellen, dass sich aus der k\u00f6rperlichen Pr\u00e4senz \u201ein einer langgezogenen Substitutionsbewegung etwas Neues\u00a0 an (ihre) Stelle setzt.\u201c Unter Verweis auf die Erscheinung von Thomas Kling, der \u201eein leibhaftiger starker und scharfer Redner war\u201c (S. 20), pl\u00e4diert er angesichts der doppelten Verk\u00f6rperung des Dichters &#8211; als\u00a0 anekdotisch-erz\u00e4hlerische Erinnerung und als textliche Vergegenw\u00e4rtigung &#8211;\u00a0 f\u00fcr eine Aufarbeitung von Kultr\u00e4umen der Erinnerung, f\u00fcr die es jedoch in unserer Wissen beschw\u00f6renden Kultur keinen Platz gebe. Dennoch h\u00e4tten die germanistischen Ausstellungmacherinnen Kerstin St\u00fcssel und Gabriele Wix mit dem Konzept der \u201eSchreibszene\u201c, einem \u201eKorpus aus Rhetorik, Poetik, Sprachgeschichte, aus Schreibtechnologie, Psycholinguistik, aus der Gestik des Schreibenden, der Schreibsituation, der K\u00f6rperhaltung u.s.w.\u201c (S. 21) eine neue wissenschaftliche Zugangsform entwickelt, in der das T\u00e4tigkeitsfeld des Dichters erfasst sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch entscheidender f\u00fcr Winkels ist die Person von Thomas Kling, deren umfassende Bewertung so eingeleitet wird: \u201eWie ist sie sagbar, ohne sofort \u2026 zu noch mehr Text zu werden\u2026?\u201c In seinen folgenden Ausf\u00fchrungen setzt er sich mit dem Schl\u00fcssel zu Klings Produktion auseinander. Ihre Stimmigkeit, die Lust am szenischen Auftritt, einer Installation von Klang und Bedeutung, mehr noch: in der Rolle als Solit\u00e4r sein Publikum zu provozieren, solche Elemente h\u00e4tten ihn in die geschriebene Sprache hineingetragen, \u00a0mit dem Instrument seiner Stimme. Sie habe mit all ihren sprachlichen, klanglichen, dialektalen und idiomatischen Funktionen, ihrer Umsetzung in anderen Sprachen wie auch regionalen F\u00e4rbungen, wie z.B. dem Niederrheinischen als der Umgangssprache von Kling, eine auditiv-materielle Dimension seines Schaffens hervorgebracht, die sich in der Wahrnehmung zu einem unverkennbaren Kling-Sound verdichtete. Neben zahlreichen anderen Merkmalen (Schreibweise, Interpunktion, Rhythmus, Bildlichkeit) weise die Kling-Dichtung auch eine visuell-bildk\u00fcnstlerische Aussage auf, die sich aufgrund der Zusammenarbeit mit der Malerin und Fotografin Ute Langanky, seiner Lebensgef\u00e4hrtin und sp\u00e4teren Ehefrau, herauskristallisierte. Und die Pers\u00f6nlichkeit des Dichters? \u201eMit Thomas Kling umzugehen setzte Angstfreiheit voraus.\u201c (S. 26) Mit diesem Satz dringt sein langj\u00e4hriger Freund in die innersten psychischen Dimensionen eines Dichters ein, der im Totentanz, wie Winkels betont, die Auferstehung gefeiert habe. Mit diesem Verweis auf Klings unstillbare Neugier auf archaische Rituale verkn\u00fcpft Winkels auch seinen Bericht \u00fcber die gemeinsamen Orte, an denen Dichter und Kritiker in und rund um die Raketenstation Hombroich lebten. Auf diese Weise gelingt es ihm, seinen Leser\/innen\u00a0 eine umfassende, vielschichtige Vorstellung einer bedeutenden Dichterpers\u00f6nlichkeit zu vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die drei von der Stiftung auserw\u00e4hlten Stipendiaten werden durch je eine Laudatio vorgestellt. Es sind Professorinnen und Professoren, die Literaturwissenschaften unterschiedlicher Spezialisierungen vertreten: Sabine Mainberger \u00fcber den Islamexperten und \u00dcbersetzer Stefan Weidner; Kerstin St\u00fcssel \u00fcber Barbara K\u00f6hler, einer experimentellen Dichterin, die seit Anfang der 1990er Jahren mit Gedichtb\u00e4nden wie \u201eDeutsches Roulette\u201c und \u201eBlue Box\u201c, aber auch mit poetologischen Abhandlungen nationale und internationale Aufmerksamkeit \u00a0erregte; Thomas Fechner-Smarsly \u00fcber Oswald Egger, dessen Werk sich durch Sprachmagie und Naturlyrik auszeichnet. Die Beitr\u00e4ge von Weidner und K\u00f6hler beziehen sich partiell auf die Poetik von Thomas Kling, w\u00e4hrend Oswald Egger, gegenw\u00e4rtig als Programmleiter auf der Raketenstation Hombroich t\u00e4tig, seine enge poetologische Verbindung zum Werk des \u201eUngeheuer Horaz\u201c in der Laudatio von Fechner-Smarsly kommentieren l\u00e4sst. Auf die j\u00e4hrliche Organisation der Antrittsvorlesungen der Thomas-Kling-Stipendiaten machen zwei Doktorandinnen und eine wissenschaftliche Hilfskraft der Universit\u00e4t Bonn in ihrem gemeinsam komponierten Poem \u201ehofgarten, zehzeh (3)\u201c aufmerksam, dessen (teilweise) Entschl\u00fcsselung erst dann gelinge, wenn man Klings Gedicht \u201eratiner hof, zettbeh (3)\u201c kenne. M\u00f6gen solche artistischen Entschl\u00fcsselungsaktionen nicht nur die Rezeption eines au\u00dferordentlichen poetischen Werkes bef\u00f6rdern, sondern auch Wege aufzeigen, um die konservierten Artikulationsformen des Dichters im engen Kontakt zu den entstandenen Textformen zu untersuchen. Mit dem zweiten Band ihrer Schriftenreihe hat die Kunststiftung NRW einen bedeutenden Beitrag zur wissenschaftlichen und musealen Aufarbeitung der Gegenwartslyrik geleistet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Von Sprache sprechen. <\/b>Die Thomas-Kling-Poetikdozentur. Herausgegeben von der Kunststiftung NRW. D\u00fcsseldorf (Lilienfeld Verlag) 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Poetikdozentur.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89314 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Poetikdozentur-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Poetikdozentur-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Poetikdozentur-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Poetikdozentur-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Poetikdozentur.jpg 353w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem in einem dunklen Orange-Farbton gehaltenen Umschlag sind die Namen von Stefan Weidner, Barbara K\u00f6hler und Oswald Egger in wei\u00dfen Buchstaben abgedruckt. 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