{"id":25768,"date":"2003-02-20T00:01:56","date_gmt":"2003-02-19T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25768"},"modified":"2022-05-30T16:15:44","modified_gmt":"2022-05-30T14:15:44","slug":"mein-bruder-fridolin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/02\/20\/mein-bruder-fridolin\/","title":{"rendered":"Mein Bruder Fridolin"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Fridolin Wiplinger besuchte wenige Monate vor seinem Tod Heidegger und begann das Gespr\u00e4ch mit den Worten: \u00bbWas mich seit einiger Zeit umtreibt, ist der Anfang Ihres \u203aBriefes \u00fcber den Humanismus\u2039 aus dem Jahre 1946.\u00ab Nach Heideggers Verweis auf \u00bbdie Theoria bei den Griechen\u00ab erwiderte er: \u00bbGerade wenn ich die Theoria im ontologischen Sinne festhalte, komme ich in die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten; denn auch das ontologische Denken ist f\u00fcr mich zugleich praxisbezogen, freilich in einem h\u00f6heren Sinne, insofern jetzt Praxis den christlichen Offenbarungsglauben meint.\u00ab<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich mich heute an meinen Bruder Fridolin erinnere und an ihn denke, aus jener gro\u00dfen zeitlichen Distanz heraus, in der ich mich jetzt in Bezug auf sein Leben und seinen Tod befinde, und dabei doch in einer gleichzeitigen N\u00e4he dazu, weil im Alter das l\u00e4ngst schon Gewesene n\u00e4her r\u00fcckt, und ich mich frage, wie er denn nun gewesen ist, mein Bruder, mein um sieben Jahre \u00e4lterer Bruder, der Philosoph, der jetzt, w\u00e4re die Zeit auf seiner Seite stehen geblieben, nun mein um etwa drei\u00dfig Jahre j\u00fcngerer Bruder w\u00e4re, so gibt es auf die Frage nach seinem Sosein, nach seinem Wirklichsein, nach der Wahrheit seiner Person und seines Seins keine umfassende, endg\u00fcltige Antwort f\u00fcr mich. Gleichzeitig wei\u00df ich, da\u00df jede Antwort auch von der Art und Weise der Fragestellung abh\u00e4ngt und von meiner Beziehung, die ich zu dem habe, wonach ich frage, dem ich nachfrage. Ich glaube, da\u00df diese Erkenntnis das Wesentliche ist, was ich meinem Bruder und meiner Beziehung zu meinem Philosophen-Bruder zu verdanken habe; ob nun aus einer Beispielwirkung oder aus jener Konfrontation heraus, die uns, wenn \u00fcberhaupt etwas, miteinander verbunden hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war das Fragestellen, das mir als etwas Gemeinsames im Ged\u00e4chtnis geblieben ist, das unsere Beziehung gekennzeichnet hat, nat\u00fcrlich erst in den sp\u00e4teren Jahren. Es war in seltenen F\u00e4llen auch ein gemeinsames Fragenstellen in der Hoffnung und im Suchen nach einer Antwort, wobei stets das Fragen an sich das Wesentliche war, als ein Ereignis, als eine Methode, als eine Disziplin zugleich. Unser Fragen war voneinander unserem Wesen und unserer jeweiligen Position entsprechend sehr verschieden, ja geradezu kontr\u00e4r, soda\u00df sich daraus oft Spannungen ergaben, nicht immer angenehme, auch solche von sehr pers\u00f6nlicher Art. Er sagte einmal vorwurfsvoll w\u00fctend und in einem sehr heftigem Ton zu mir: \u201eDu kannst \u00fcberhaupt nicht denken!\u201c Und ich entgegnete darauf: \u201eUnd du kannst nur innerhalb eines, n\u00e4mlich nur deines Denksystems (Aristoteles bis Heidegger) denken; du bist ein Gefangener eines Systems, deines eigenen Denksystems, du bist ein Gefangener der Philosophie.\u201c Diese S\u00e4tze fielen so ziemlich wortw\u00f6rtlich, es handelt sich also um Zitate. Und dann ergab sich daraus ein Wortgefecht, bei dem wir beide sehr erregt und dann aufeinander w\u00fctend waren. Mein Bruder, so schien mir, glaubte, mit einem systematischen aber zugleich freien oder nach Freiheit (des Denkens) strebenden systemimmanenten Fragen zu einem Ziel, zu einer Antwort zu kommen. Ich hingegen, war da entschieden anderer Meinung oder war mir einfach meiner Ratlosigkeit und Hilflosigkeit bewu\u00dft. Mein Weg sollte in die Freiheit f\u00fchren. Mein Denken sollte ein Befreiungsakt auf einem Befreiungsweg sein. Fridolin wollte die Erkenntnis, das Ph\u00e4nomen und Zusammenh\u00e4nge bedenken. Und er wollte der Wahrheit auf den Grund gehen. Ich wollte dar\u00fcber hinaus eine Ver\u00e4nderung, ja eine radikale Ver\u00e4nderung der Wirklichkeit des Menschen und der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hatten also v\u00f6llig verschiedene Zielsetzungen und auch Methoden, ja vor allem Beweggr\u00fcnde f\u00fcr unser Denken und Tun. Es ging also um vielmehr als um blo\u00dfe Erkenntnis. \u201eDas Erkl\u00e4ren allein, wie alles zusammenh\u00e4ngt, interessiert mich nicht, ich will nicht nur allein aus dem Denkgef\u00e4ngnis herauskommen und mich befreien, sondern ich will vor allem die Befreiung aus einer sie unterdr\u00fcckenden Wirklichkeit f\u00fcr alle jene Menschen, die von ihrer Wirklichkeit unterdr\u00fcckt werden. So dachte und redete ich. Und Fridolin darauf: Das kann die Philosophie nicht leisten. Es geht nicht um Revolution. Mir schon, k\u00f6nnte ich erwidert haben. Solcher Art also waren unsere Konfrontationen. Und diese waren heftig, dauerten mitunter sehr lang, wobei sich das Konfrontationspotential oft blitzartig Schlag auf Schlag entlud, bis wir am Ende der Auseinandersetzung \u00fcberdr\u00fcssig waren und es dann still war. Und dann knallte manchmal eine T\u00fcr ins Schlo\u00df, wenn wir uns voneinander trennten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich heute daran zur\u00fcckdenke, tut es mir noch immer etwas weh und betr\u00fcbt es mich, da\u00df wir uns so wenig verstanden und mein Bruder so gar kein Verst\u00e4ndnis, ja eigentlich auch nicht den von mir in Gedanken eingeforderten Respekt f\u00fcr mich aufbrachte. Er war ganz von seiner Art eingenommen, eben von seinem System vereinnahmt. Seine (Selbst-)Sicherheit im Denken erschien mir und empfand ich als \u00fcberheblich, auch als pers\u00f6nliche Selbstherrlichkeit und als ein zugleich Gegen-mich-Gerichtetsein, das mich durch Geringsch\u00e4tzung verletzte. Beide waren wir Gefangene: Gefangene in uns selber, in unserer Denk- und Dingwelt, in unserer Lebenswelt. Und beide wollten wir uns befreien; ich dazu auch noch die anderen Menschen miteingeschlossen. Er glaubte, mit dem Denken und \u00fcber Erkenntnisse ans ein Ziel und zu einer Antwort zu kommen. Ich pl\u00e4dierte f\u00fcr einen radikalen Befreiungsschlag, von dem ich nicht wu\u00dfte, wie er sein k\u00f6nnte oder sollte, geschweige denn wie ich ihn ausf\u00fchren k\u00f6nnte oder m\u00fc\u00dfte; auch wenn es vorerst einmal nur um mich selber ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich war die Intuition sehr wichtig; auch in Gegenwart von jedem analytischen Denken. \u201eSchau dir doch dieses Bild an!\u201c, sagte ich einmal zu meinem Bruder, als er bei mir auf der Bude war. \u201eGlaubst du, der Maler hat sich nichts dabei gedacht, als er das Bild malte?! Auch dieses Bild ist doch ein Ergebnis seines \u201eDenkens\u201c, eines ganz anderen Denkens als dein, als euer philosophisches Denken. Die Intuition, der k\u00fcnstlerische Akt, das ist doch auch ein \u201eDenken\u201c, ein ganz anderes, eines auf einer ganz anderen Ebene, aber das f\u00fchrt auch zu einer Erkenntnis. Oder glaubst du, ein Bach, ein Mozart, ein Beethoven, ein H\u00f6lderlin, ein Trakl, ein Rilke, ein Van Gogh, ein Toulouse-Lautrec, ein Matisse, ein Rodin, ein Picasso haben mit und in ihrem k\u00fcnstlerischen Werk nichts von der Welt erfahren, verstanden und vermittelt? Was seid ihr Philosophen denn worauf so eingebildet?! Da\u00df ihr allein die Wahrheit erkennt und vermittelt?! Und was haben wir dann von einer Erkenntnis der Wahrheit in einer Schei\u00dfwelt voller Ungerechtigkeit und Gewalt, voller Hunger und Krieg?!\u201c So etwa war mein w\u00fctender Ausbruch, als wir etwa 1962 vor dem Bild meines Maler-Freundes Valentin Oman sa\u00dfen, das als eines der ersten aus meiner Kunstsammlung an der uns gegen\u00fcber liegenden Wand hing und das wir betrachteten; und das ich \u2013 im Gegensatz zu meinem Bruder &#8211; verstand. Es war das einzige Mal, wenn ich mich recht erinnere, worauf mein Bruder dann schwieg, keine Replik gab, sondern weiterhin und jetzt eingehender stumm das Bild an der Wand betrachtete. Und ich f\u00fchlte, wie er in einer gewissen Unsicherheit, ja vielleicht sogar Hilflosigkeit in sein Denken zur\u00fcckkehrte, dorthin wo er sich daheim f\u00fchlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab diesem Ereignis begegnete mir mein Bruder Fridolin wie mir schien etwas anders. Die fr\u00fchere Heftigkeit in der Auseinandersetzung mit mir war zuk\u00fcnftig etwas gemildert und die mich oft verletzt habende anscheinende Geringsch\u00e4tzung meiner Person war gewichen, hatte einer Einsicht und sogar einer gewissen Br\u00fcderlichkeit Platz gemacht. Wie ich von einem seiner Freunde (Adi Strunz) erfuhr, hatte er sich \u00fcber meine ersten Gedichte, die in einer kleinen Publikation erschienen waren &#8211; wie mir schien: zum ersten Mal \u2013 sehr \u00fcberraschend positiv und verwundert zugleich \u00fcber mich ge\u00e4u\u00dfert. Er h\u00e4tte mir \u201edas\u201c nicht zugetraut. Jetzt, da ich eine von mir selbst gebrannte CD mit den Gedichten von damals und die Rezitation dieser Gedichte und den Kommentar von Paul Wimmer in meiner ersten ORF-\u00d61-Sendung vom 31.5.1970 h\u00f6re, und die Gedichte, wie ich es ausdr\u00fccke \u201enoch immer halten\u201c, begreife ich manches von dem mir jetzt in Erinnerung Gerufenen und Gesagten und auch dieses dann Anderssein meines Bruders zu mir, besser und verstehe es. In einem der Gedichte hei\u00dft es: \u201eDen Dingen nachzukriechen, gefesselt an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen\u2026\u201c Da haben wir es wieder: Dieses Gefangensein im (eigenen) Lebensgef\u00e4ngnis, das auch das Gefangensein im eigenen und in jedem systematischen Denken, in jedem Denksystem, in jeder Ideologie miteinschlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jenseits der Worte oder diese begleitend, im Vordergrund oder im Hintergrund, und oft auch noch nach langer Zeit, gibt es Bilder; selbst dann noch, wenn man sich an Worte, an Gesagtes, auch an Ereignisse und an einmal Gewesenes in seinem Ablauf nicht mehr erinnert, nicht mehr erinnern kann. Aber die Bilder sind da, sind irgendwo in mir. Sie tauchen manchmal auf, wie Leuchtbilder, wie Inseln inmitten des Vergessens. Ich sehe ein solches Bild vor mir: Meine damals schon sehr alte, von einem Schlaganfall gel\u00e4hmte und sprechbehinderte, manchmal schon \u00fcber l\u00e4ngere Zeit hin wie geistig abwesende Mutter liegt in einem wei\u00dfen Raum im Krankenhaus von Haslach im Bett und ich sitze am Fu\u00dfende ihres Bettes. Es ist am Abend eines sonnigen Herbsttag. Pl\u00f6tzlich sagt die Mutter m\u00fchsam stammelnd aber zu meinem Erstaunen in einem einzigen Satz, mit geschlossenen Augen, wissend da\u00df ich da bin: \u201eDamals\u2026in Bozen\u2026haben der Vater und ich\u2026f\u00fcr dich\u2026den Kerzenleuchter gekauft\u2026\u201c Dann Schweigen und nur ihr m\u00fchsames Atmen. &#8211; Ein Bild im Ged\u00e4chtnis haben. Keinen Gedanken denken. Nur ein Bild sehen, in sich selber. Das ist es, was lange noch bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche Bilder habe ich in mir, wenn ich an meinen Bruder Fridolin denke; welche hatte ich heute vor kurzem in und vor mir, als ich vor einer Stunde aufwachte, als mir dieser Bruder pl\u00f6tzlich im Halbschlaf ins Ged\u00e4chtnis kam und ich mich an ihn erinnerte? Und mich spontan jetzt am Morgen hinsetzte und begann, diesen Text zu schreiben, der von Bildern begleitet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe uns im Morgengrauen den Marktplatz von Haslach hinuntergehen zum Onkel Jakob, der mit dem Lastwagen wartet, um uns und andere Reisende zum weit entfernten Bahnhof zu bringen. Wir drei Br\u00fcder, die wir nach den Weihnachtsferien 1949 auf dem Weg zur\u00fcck ins (mir verha\u00dfte) Internat des \u201eBisch\u00f6flichen Gymnasiums Kollegium Petrinum\u201c in Linz sind, schleppen m\u00fchsam unsere Koffer; ich schleppe mich besonders ab. Der Friedl \u2013 so nannte man ihn in der Familie \u2013 schimpft mich schon wieder: \u201eImmer packst du zuviel ein, schleppst du zuviel mit dir herum. Wenn andere, ich zum Beispiel, mit einem Bleistift auskommen, brauchst du zehn; aber zum Schreiben braucht man nur einen Bleistift. Ein anderes Bild: Ich suche meinen Bruder, er ist nicht im Studiersaal. Ich finde ihn im Kohlenkammerl. Er spielt hingebungsvoll inmitten von Kohlenhaufen auf seiner Geige, den Notenst\u00e4nder vor sich. Er hatte als ewiger Primus seiner Klasse und von den \u00fcbrigen Mitsch\u00fclern dadurch etwas distanziert &#8211; der anscheinend nichts lernen mu\u00dfte, denn alles, was er auch nur einmal geh\u00f6rt hatte, verstand er sogleich und behielt es unausl\u00f6schbar im Kopf &#8211; schon damals im Gymnasium und auch in der Familie eine Sonderstellung: Er durfte machen was er wollte. Er war eine Begabung, ja ein Genie; sagte man schon damals. Man durfte ihn nicht st\u00f6ren, schon gar nicht, wenn er ein Buch las. \u201eDer Friedl denkt, la\u00dft ihn in Ruhe!\u201c \u2013 hie\u00df es. Ich habe ihn nie auf dem Sportplatz gesehen. In seiner Freizeit las er B\u00fccher, sich Notizen machend mit einem Bleistift in der Hand, oder spielte Klavier, Geige, Orgel, auch etwas Cello. Nur Schifahren tat er gerne. Und er liebte die Berge, das Berggehen, sehr. Aber auch das Reisen und fremde St\u00e4dte, das Erlebnis des Neuen \u00fcberhaupt. Und er liebte die Natur, die Landschaft, und hier vor allem die des M\u00fchlviertels; seiner, unserer Heimat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Postkarten zeugen davon. Einige sind aus dem Nachla\u00df meiner Eltern in meinem Besitz. Er hatte eine innige Beziehung zu meinen Eltern, ganz besonders zur Mutter. Ein anderes Bild: Ich mu\u00df ihm eine Botschaft von Zuhause \u00fcberbringen. Er kommt mir im schwarzen Talar im Priesterseminar entgegen, bleich und asketisch; f\u00fcr mich wie eine Erscheinung, nicht wie mein Bruder; unbegreiflich. Wiederum ein anderes Bild: Wir stehen gemeinsam mit den Eltern auf einer Aussichtsterrasse in einem Wallfahrtsort, vor und unter uns ausgebreitet die weite Landschaft. Der Friedl ist wie der Wirklichkeit entr\u00fcckt in den Anblick der Landschaft versunken. In solchen Augenblicken verbietet sich jedes Gerede. Ein anderes Bild: Er sitzt am Klavier, am Fl\u00fcgel im \u201eSch\u00f6nen Zimmer\u201c, wie wir es nannten, und spielt eine Mozart-Sonate. Er spielt sie anders als meine anderen Br\u00fcder. Er spielt sie durchdachter, v\u00f6llig konzentriert, ja fast verbissen. Meine beiden anderen Br\u00fcder spielen sie leichthin, spielerischer, mit Freude und Schwung. Und noch ein anderes Bild: Wir sitzen in der Mensa der Katholischen Hochschulgemeinde in der Ebendorferstra\u00dfe in Wien; gleich um die Ecke vom Neuen Institutsgeb\u00e4ude. Es ist schon gegen halbzwei Uhr. Der Friedl kommt immer zu sp\u00e4t zum Essen. Der Adi Strunz und ich warten schon auf ihn. Er kommt und f\u00e4ngt gleich zu reden an. Und redet und redet und merkt gar nicht was er i\u00dft. Er hat und verfolgt einen Gedanken und den beredet er und beredet ihn das ganze Essen hindurch. Das war auch am Familientisch bei ihm in der Schwarzspanierstra\u00dfe so; vor allem wenn mein Vater da war. Da ging es in seinen Gespr\u00e4chen mit dem Vater immer um die Verbindung von Philosophie und Theologie. Mir gingen diese endlosen Gespr\u00e4che und da vor allem der Bezug zum Katholischen immer sehr auf die Nerven. Und ich versuchte manchmal, sie zu unterbrechen, was den Friedl w\u00fctend machte. Und noch ein Bild, das letzte, das mir verblieben ist: Wir gehen mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern in den Weing\u00e4rten bei Langenlois spazieren, ja wir rennen wie verr\u00fcckt, jeder ein Kind auf den Schultern und laut singend\u2013 \u201eHoppa, hoppa Reiter, wenn er f\u00e4llt, dann schreit er. F\u00e4llt er in den Graben, fressen ihn die Raben\u2026\u201c \u2013 den Abhang hinunter, der Friedl wie in einem Taumel von Lebensfreude. Dann singt er: \u201eTrink ma no a Flascherl Wein\u2026!\u201c Und wir gehen zur\u00fcck zum Weinkeller in der Kellergasse und er bestellt fast feierlich eine gute Bouteille. Und wir trinken den Wein bed\u00e4chtig und schweigend &#8211; und wie ich es empfinde: zum ersten Mal friedlich miteinander &#8211; im letzten Abendlicht bei Sonnenuntergang. Und pl\u00f6tzlich ist so etwas wie Wehmut um oder in uns sp\u00fcrbar, unerkl\u00e4rbar nach der Ausgelassenheit knapp zuvor. Seine Frau und die Kinder spielen etwas entfernt von uns. Der Friedl schaut auf sie mit einem versonnenen Blick. Erst sp\u00e4ter, nach seinem Tod, war dieser pl\u00f6tzliche Wandel wie ein das Leben und den Tod verbindendes Geheimnis als ein Zeichen in mir. Es war unser letztes Zusammensein. Dann die Nachricht von seinem j\u00e4hen Tod. Zusammenbruch einer bisherigen Ordnung. Das Unfa\u00dfbare mitten im eigenen Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch ein letztes Bild: Der Friedl an einem Festtags-Sommermorgen. Elegant gekleidet, in hellem Anzug, mit Mascherl und Girardi-Hut, bereit zum Ausgang. Fr\u00f6hlich, ja \u201eausgelassen\u201c &#8211; wie Vater das in seiner melancholischen Ernsthaftigkeit und Nach-innen-Gekehrtheit manchmal sogar mi\u00dfbilligend nannte \u2013 kommt er von seiner Bude \u00fcber die Verandastiege herauf und singt fr\u00f6hlich: \u201eMorgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum fr\u00fchen Tod. Heute noch auf stolzen Rossen, morgen in die Brust geschossen. Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum fr\u00fchen Tod.\u201c &#8211; Wie wahr! Wie schicksalhaft wahr wurde das f\u00fcr ihn; und auch f\u00fcr uns. Daraus eine Einsicht, die er schon damals hatte, die sein Tod und der unseres mit 23 Jahren t\u00f6dlich verungl\u00fcckten, in den Bergen abgest\u00fcrzten Bruders Josef uns lehrte und vermittelte, n\u00e4mlich diese: wie nah doch Tod und Leben einander sind, ja wie verbunden sie miteinander, ja wie sie eigentlich eine Einheit sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich heute an meinen Bruder Fridolin zur\u00fcckdenke und mich an ihn erinnere, so h\u00f6re ich noch immer seine Stimme, so als w\u00fcrde er gerade neben oder hinter mir \u2013 oder ist es jetzt in mir? \u2013 etwas sagen; als w\u00e4re es ganz nat\u00fcrlich und etwas absolut Selbstverst\u00e4ndliches, da\u00df ich, obwohl er seit vierzig Jahren schon tot ist, diese seine Stimme h\u00f6re, seinen Stimmklang, seine Sprechmelodie. Etwas Eigenartiges, etwas Sch\u00f6nes, etwas Bemerkenswertes, etwas das zu denken gibt, ein Ph\u00e4nomen also! Und eine Frage, die sich daraus ergibt: Warum ist das so? Aber bringt uns eine Antwort auf diese Frage wirklich irgendwohin weiter? Und wenn ja, wohin? Gibt es eine Antwort \u00fcber den Tod hinaus? Die Einen sagen: ja, die Anderen sagen: nein. Wer hat recht? Oder geht es da gar nicht (mehr) ums Rechthaben? Ich glaube, wir m\u00fcssen uns damit zufriedengeben oder besser gesagt: diese h\u00f6here Einsicht haben, die man als Formel so ausdr\u00fccken kann: Es ist eben wie es ist. In dieser Erkenntnis und Akzeptanz, treffen sich vielleicht alle Verschiedenheiten, treffen Wirklichkeit und Wahrheit zusammen. An dem Punkt, wo man nicht mehr weiterwei\u00df, weil man nicht mehr weiterkommt. Man kann es nennen wie man will: Wahrheit oder Geheimnis. &#8211; \u201eDenn stark wie der Tod ist die Liebe\u2026.\u201c hei\u00dft es. Das w\u00e4re noch zu bedenken. Oder doch noch besser: das einfach zu leben!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-image-19169 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fridolin Wiplinger besuchte wenige Monate vor seinem Tod Heidegger und begann das Gespr\u00e4ch mit den Worten: \u00bbWas mich seit einiger Zeit umtreibt, ist der Anfang Ihres \u203aBriefes \u00fcber den Humanismus\u2039 aus dem Jahre 1946.\u00ab Nach Heideggers Verweis auf \u00bbdie Theoria&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/02\/20\/mein-bruder-fridolin\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1142],"class_list":["post-25768","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25768","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25768"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25768\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103293,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25768\/revisions\/103293"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25768"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25768"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25768"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}