{"id":25521,"date":"2002-01-18T14:50:44","date_gmt":"2002-01-18T13:50:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25521"},"modified":"2022-03-27T14:58:08","modified_gmt":"2022-03-27T12:58:08","slug":"2-verweisungszeichen-zur-literatur-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/01\/18\/2-verweisungszeichen-zur-literatur-2\/","title":{"rendered":": 2 = Verweisungszeichen zur Literatur"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wie beim Fussball gibt es auch in der Literatur zahllose Experten, die als Bundestrainer immerzu die elf richtigen Vors\u00e4tze andenken, um bestenfalls zu Adi Prei\u00dflers Erkenntnis zu gelangen:\u2028&#8220;Entscheidend is auffem Platz.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">I Allegro<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht leicht im 21. Jahrhundert \u00fcber Literatur zu sprechen. Es sei denn, man will sich in den Diskurs der Kulturprotestanten vs. Literaturkatholiken, Klassizisten : Sp\u00e4tromantiker, Dekonstruktivisten \/ Amateure einmischen wollen. Diese Kulturschwadroneure diskutieren nicht wirklich \u00fcber Literatur, sondern flottieren frei \u00fcber Themen und ergehen sich in einer Art von Generalkritik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich hat diese germanistische Fliegenschissdeuterei mit ihrer jargonbewehrten Unverst\u00e4ndlichkeit immer schon gelangweilt. Systematische Unsch\u00e4rfe, verkleidet mit einem Habitus der Wissenschaftlichkeit, erzeugt einen hermetischen Diskurs. Diese vertrackte Theoriesprache suggeriert Komplexit\u00e4t, der Tenor dieser Worth\u00fclsen\u00adDiarrh\u00f6e ist stets gleich: Niemand weiss etwas, alle wissen dasselbe und schreiben voneinander ab; dies ist kein Kreis\u00ad, sondern ein Leerlauf. Diese Bedeutungssubstitution ist lediglich ein probates Mittel, Thesen \u00fcber Literatur an das Ufer der Verst\u00e4ndigkeit zu retten, auf dem man sie dann kritisieren, verwerfen, unterst\u00fctzen, sich \u00fcber sie aufregen oder freuen kann. Deshalb pflege ich eine vornehme Verachtung f\u00fcr literaturwissenschaftlichen Tiefenschwindel und jeglichen wissenschaftlichen Jargon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit der Vergangenheitbew\u00e4ltigungsliteratur wird eine Frage nicht mehr gestellt, die zum Selbstverst\u00e4ndnis der Literaten geh\u00f6rte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In welcher Tradition stehen wir eigentlich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seitdem es eine namhafte deutsche Literatur gibt, existiert die Frage:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Woher kommen wir und wie verhalten wir uns zu dieser Herkunft?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Frage ist aber nicht von Germanisten zu beantworten, sondern von den Schriftstellern selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weshalb verweigern sich heutigentags die Autoren dieser Frage?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der deutsche Schriftsteller nach 1945 ist ein \u00e4ngstlicher Dichterling, der f\u00fcrchtet, ins Fettn\u00e4pfchen zu treten oder ein Wort zu gebrauchen oder einen Gedanken zu denken, der zweideutig ist und ihm ung\u00fcnstig ausgelegt werden k\u00f6nnte. Die Geschichtsschreibung beklagt immer, dass es nach 1815 bis in die 1940-er Jahre eine Zensur gab. Da sassen Geschmackspolizisten in den Ministerien und zensierten die Schriften der Schriftsteller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heutigentags sitzt der Zensor bereits im eigenen Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir f\u00e4llt nur ein deutscher Schriftsteller nach Weltkrieg #2 ein, der keine Zensur gebilligt hat: Rolf Dieter Brinkmann. Dieser Kollege benahm sich wild und fragte sich nicht, ob das gut oder b\u00f6se oder wie es neudeutsch lautet: politisch korrekt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ansonsten ist die deutsche Literatur nach 1945 durch die Angst verarmt. Der wunderbaren Welt der Graut\u00f6ne gilt ihre Vorliebe, dem Versuch die St\u00fcmpfe von verwitterten Betonruinen in Literatur zu \u00fcbersetzen. Diese Fallensteller der Syntax legen Verzeichnisse der Zufr\u00fchgekommenen an und fangen in den Tr\u00fcmmern der grossb\u00fcrgerlichen Literatur am Ende lediglich totes Wild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vernutzte Bilder. Es fehlt dieser Art von Literatur eine Referenzgr\u00f6sse, die allen Beteiligten als verbindlicher Massstab gilt. Diese Autoren betreiben eine Rhetorik aufw\u00e4ndiger, detailversessener Inszenierung die intellektuelle Komplexit\u00e4t mehr beschw\u00f6rt als sie einl\u00f6st. Alle dichterische Sprache jedoch braucht einen \u00dcbermut, eine Sprache, in der wir uns Metaphern erlauben und unsinnige Gedanken, die wir in der Alltagskommunikation verp\u00f6nen w\u00fcrden&#8230; um der Dichtung im \u00fcberdrehtem Realismus eine abstrakte Form zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist sehr bedauerlich, dass man in Deutschland Literatur den &#8222;Fachleuten&#8220; \u00fcberl\u00e4sst und demoskopische Kuchenst\u00fccke dabei herauskommen. Unl\u00e4ngst habe ich versucht, dem mit dem Projekt\u00a0<a href=\"http:\/\/vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">Kollegengespr\u00e4che <\/a>entgegenzuwirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter der Arbeit zeigte sich, dass der VS (Verband Deutscher Schriftsteller in den IG Medien) zu einen SeniorInnen\u00adClub geworden ist, zu wirklicher Solidarit\u00e4t nicht f\u00e4hig, weil er tagein, tagaus von Konkurrenzneid getrieben wird. Den einzelnen Mitgliedern geht es oft genug nur darum, ihre Pfr\u00fcnde abzusichern. Unter diesen Umst\u00e4nden mutet die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gewerkschaft nahezu schizophren an. Dass man mit j\u00fcngeren Kollegen nichts zu tun haben will, versteht sich fast von selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Mit vorbildlichen literarischen Leistungen. Vorw\u00e4rts zum 50. Jahrestag der BRD!&#8220;, meint man den gespenstischen Nachhall einer untergegangenen Ideologie zu vernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen so extremen Unwillen wie in Deutschland, Dinge an die n\u00e4chste Generation weiterzugeben, kennt man aus keinem anderen europ\u00e4ischen Land. Die Gestaltungskraft von Literaturfunktion\u00e4ren ersch\u00f6pft sich darin, durch geschickte Klientelpolitik an der Macht zu bleiben. Da steckt eine K\u00e4lte, eine Aggression dahinter, die mich stutzig und traurig macht. Man merkt deutlich, wie eine Generation von\u00a0<i>freiberuflichen Beamten<\/i>, die selbst nichts mehr zu sagen hat, die Macht nicht aus den H\u00e4nden geben will. Diese Literaturb\u00fcrokraten haben zweifellos ihre historischen Meriten, aber keinen Ort in der Jetztzeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">II Andante<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt leider kaum noch Dichter, daf\u00fcr umso mehr schreibende Moralisten und mehr oder weniger begnadete Selbstdarsteller, die ihre Show &#8222;medienkompatibel&#8220;\u00a0<i>r\u00fcberbringen<\/i>\u00a0und in der Endlosschleife der Selbstreferentialit\u00e4t ein paar hysterische Loopings drehen. Die Aussenwelt ist f\u00fcr sie nur insofern von Interesse, als sie eine Alchimie des eigenen Ichs bef\u00f6rdert. Diese Textmarker machen das Portr\u00e4t ihrer Generation zum Vexierspiegel m\u00f6glicher Identit\u00e4ten und begr\u00fcssen die profitable Verwendbarkeit des modernen Individuums auf dem freien Markt. Variieren wortreich die Sinn\u00ad und Ziellosigkeit der so genannten Kommunikation. Frei sind sie, leer, identit\u00e4tslos und versuchen die Realit\u00e4t eher atmosph\u00e4risch und intuitiv wahr zu nehmen. Ihre Figuren leiden an schwallartigem Sprechbrechreiz und spucken Monologe um einen durch popul\u00e4re Schlagw\u00f6rter suggestiv gemachten vagen Weltschmerz aus. Es sind sich selbst fortschreibende Textmaschinen, die den Narzissmus einer \u00dcberdrussgesellschaft spiegeln. Boulevard mit einer existenzialistischen Tr\u00e4ne im Knopfloch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die so genannte Pop-Literatur erweist sich als Text, der nicht \u00fcber seine geschichtliche Beschr\u00e4nktheit hinausweist. Es sind Gef\u00fchlsproduktionen, die das Leben zur Ware machen, die Grenze zwischen Privatem und \u00d6ffentlichem aufheben und fragen, auf welchen Machtverh\u00e4ltnissen Sex basiert und wie es mit dem \u00f6konomisierten Sex in der dauermobilen Gesellschaft weitergehen soll. Seelenr\u00e4ume zu \u00f6ffnen ist dieser Literatur a priori nicht aufgegeben. Also bieten sie ein Warenlager von Geschichte und Geschichten, das Publikum soll das Passende selbst anklicken. Der St\u00e4ndekonflikt bleibt eine leere Geste, auch wenn jemand die sozialistische Faust hebt. Die Sexualpsychologie, geschenkt. Weibliche Emanzipations\u00adAnstrengung ist pass\u00e9, die PostfeministInnen st\u00f6ckeln \u00fcber ihr eigenes Wesen hinweg und denunzieren den vermeintlichen Leidensdruck. Die Vererbungslehre ist ebenso antiquiert wie der \u00d6dipus\u00ad und Hamlet\u00adKomplex. Diese Art von &#8222;Texten&#8220; hat falsche Voraussetzungen, da sich nach 1989 der Kulturkreis verschoben hat, sie streichen all das durch und setzten ihre Worte nurmehr in G\u00e4nsef\u00fcsschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, diese Pop\u00adAutoren wagen es erst gar nicht Innenr\u00e4ume aufzureissen und Seelenregungen in ihrer gr\u00f6ssten Komplexit\u00e4t zu entschl\u00fcsseln. Sie zeigen Menschen, die sich permanent an Anspr\u00fcchen von aussen messen, mantraartig Lifestyle\u00ad und Lebensbew\u00e4ltigungsphrasen wiederholen und gleichzeitig sp\u00fcren, dass sie ihr Verliererzeichen auf der Stirn nicht wegl\u00e4cheln k\u00f6nnen. In trotziger Verweigerungshaltung werden sie zur exakten Pathologie der Gegenwart. Haben Lust auf Hokuspokus, Schaumschl\u00e4gerei, Kulissengeschiebe und billige Attrappen des Schicksals. Ennui, \u00dcberdruss und Ekel sind wom\u00f6glich echt, doch sind diese nihilistisch, affirmativen, gelangweilten Sonderlinge nicht zeitlos gegenw\u00e4rtig; und ben\u00f6tigen nicht, sie verweigern gar jedwede hermeneutische Fantasie, den Sinn f\u00fcr das Fragw\u00fcrdige und das, was es letztendlich verlangt, sich den Fragen des freien Willens und des ethischen Verhaltens zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt schlechterdings nichts mehr zu verstehen, was nicht schon verstanden worden ist. Diese neue Generation ist skeptisch und kann sich den Umst\u00e4nden anpassen. Sprach\u00adRe\u00adProduktion trifft auf Gespr\u00e4chsepigonentum in der vermeintlichen \u00d6ffentlichkeit vielen Sprechens im zweckfreien Probehandeln. F\u00fcr sie ist Literatur eher Lebensform als Lebenswerk. Das m\u00f6gen manche Kritiker banal, andere raffiniert finden, ganz gleich, ob einem die anarchischen Allt\u00e4glichkeiten, die Ein- und Neumischungen des Normalen etwas bedeuten, im<i>Literaturbetrieb<\/i>\u00a0sind sie am richtigen Platz. Wenn Literatur nurmehr ein Feld f\u00fcr Medienunternehmen ist, das f\u00fcr kommerzielle Zwecke ausgeschlachtet wird, dann ist es mit der \u00fcber Jahrtausende gewachsenen Vielfalt vorbei. Diese Autoren betreiben Kulturpornografie, die so tut, als habe sie neue moralische Einsichten zu bieten und handeln nach der Devise, dass Vorteile in Mediengesellschaften nicht derjenige gewinnt, der eine zutreffende Einsicht formuliert, sondern derjenige, der einen Kommunikationserfolg zeitigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind \u00fcberversorgt mit k\u00fcnstlerischem Mittelmass. Autobiografen erz\u00e4hlen ihre Seelenl\u00e4ufte. Erz\u00e4hlen von sich selbst, als einsamen Menschen, der seine Gef\u00fchle nur beim Schreiben ausdr\u00fccken kann. Diese\u00a0<i>Selbstverwirklicher<\/i>praktizieren Textausw\u00fcrfe mit flinker, schlauer, stiller Gemeinheit und schlaffer Gleichg\u00fcltigkeit. In der reflexiven Moderne, in der jeder mitreden darf, aber niemand verpflichtet werden kann, gelingt weder die Organisierung von Interessen noch ihre Durchsetzung nach dem Modell von Kampf und Entscheidung. Deshalb spielt auch deutsche Dichtung in der\u00a0<i>Weltliteratur<\/i>\u00a0keine bedeutende Rolle mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">III Presto<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine der wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts lautet: andere Kulturen in ihrer Tiefe zu verstehen. Zu begreifen, wie menschliches Leben sich nicht nur ausdr\u00fcckt, sondern von der Sprache geformt wird. Es handelt sich um ein Ringen um Demokratisierung und Anerkennung anderer Traditionen. Heutigentags ist es nicht mehr m\u00f6glich jemanden mit Sprache zu erschrecken. Bedauerlicherweise l\u00e4sst sich auch niemand mehr\u00a0<i>aufkl\u00e4ren<\/i>. Sprache l\u00fcgt, wo man sie l\u00e4sst, es ist nurmehr m\u00f6glich mit Hilfe ihres Klanges, mittels der Silben und der einzelnen W\u00f6rter dieser Sprache ihren ideologischen Charakter herunterzureissen und ihr eine Art von Wahrhaftigkeit abzuringen. Daraus folgt die Einsicht, dass Sprache im Zeitalter der totalen Kommunikation &#8211; bei zunehmender Sprachlosigkeit &#8211; in erster Linie ein geschriebenes Wort auf ver\u00e4ndertem Hintergrund ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Display des popmodernen Daseins leben User eine Kultur der Ungeduld. Sie wissen, wie man etwas findet, aber sie wissen eigentlich nicht was sie finden m\u00f6chten. Die Kennzeichnung Benutzer-Oberfl\u00e4che macht deutlich, dass Anwender oft wenig von der eigentlichen Technik verstehen. Sie leben im irref\u00fchrenden Zukunftsglauben der Operationsf\u00e4higkeit, ohne dass Beklommenheit bei ihnen auftaucht. Das Betriebssystem f\u00fcr die elektronischen Medien ist das Lesen. Das Betriebssystem f\u00fcr das Lesen ist die Sprachkompetenz. Das Betriebssystem f\u00fcr das H\u00f6ren ist Aufmerksamkeit \u00ad eine knappe Ressource.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Medienumbruch, den das allumfassende Vordringen der digitalen Werkzeuge in alle Lebens- und Gesellschaftsprozesse bewirkt, wird eine Umorientierung erzwingen. Wir bewegen uns von der Passivit\u00e4t in die Inter-Aktivit\u00e4t. Lassen uns nicht mehr mit Klischees abspeisen, sondern das Un- und Missverst\u00e4ndliche f\u00f6rdern und Denkr\u00e4ume \u00f6ffnen, f\u00fcr diejenigen, die denken wollen. Rechner- und Internetkommunikation bringen eine pragmatische Wende in die Literatur ein. Das Netz bringt nicht nur einen neuen Gegenstand der Literatur, sondern vor allem eine neue Form der Literatur hervor, die sich derjenigen des Schrift- und Buchzeitalters entgegenstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Globalisierung hat das Erz\u00e4hlen vor neue Realit\u00e4ten gestellt. Die Begrenztheit menschlicher Sehf\u00e4higkeiten und Bewegungsm\u00f6glichkeiten im Raum lassen sich aufheben, um einen effizienteren Zugang zu Daten zu erhalten. Das Neue in der Literatur sind die erweiterten Darstellungsm\u00f6glichkeiten. Sie verdanken sich dem Umstand, dass der Computer eine Kombination verschiedener Medien und ihrer Wahrnehmung ist. Schriftsteller k\u00f6nnen als Compiler den Traum der Dadaisten, Surrealisten und Konstruktivisten von der Kunst als Montage realisieren. Die navigierbaren Datenr\u00e4ume des world.wide.web, mit der \u00fcbervollen Zitaten\u00ad und Mythenm\u00fclltonne der westlichen Zivilisation, l\u00f6sen die Versprechen der k\u00fcnstlerischen Avantgarde der 1920-er Jahre ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dekonstruktion als L\u00f6semittel. Eine hochherzige, \u00fcberhitzte, unbedingte, wie auf der Flucht geschriebene Sprache. Die Form behaupten in einer Zeit, in der diese in der Kunst abhanden kommt oder negiert wird. Ohne Furcht das Modische neben dem Unzeitgem\u00e4ssen verwenden. Der Ausbruch aus einer reinen Kunstsph\u00e4re in das Netz ist ein Selbstabschaffungstrick, um nicht mehr dem Akademischen anheim zu fallen. Schriftsteller dezimieren ihre Autorenrolle und bilden reale Systeme der Wirklichkeit ab. Man muss dieses taktische Spiel durchschauen und gleichwohl mitspielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im Netz verhalten wir uns grunds\u00e4tzlich\u00a0<i>beschreibend<\/i>\u00a0zur Welt. Unsere Beschreibungen sind Repr\u00e4sentationen der Aussenwelt oder unserer Gedanken, sie k\u00f6nnen zutreffend sein, also wahr oder nicht. Das Netz erm\u00f6glicht eine Literaturgattung ohne\u00a0<i>Fussnoten<\/i>, die sich in Ton und Anspruch zwischen gepflegter literarischer Unterhaltung und wissenschaftlich zuverl\u00e4ssiger Prosa bewegt. Wissenschaft bleibt eine fr\u00f6hliche, solange sie unterhalten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das absolute Paradox dieser Literatur, dieser Kunst ist, ohne Kunst zu sein, Schauspiel, ohne Schauspiel zu sein, Theater, ohne Theater zu sein. Deshalb finde ich keine Worte mehr f\u00fcr die Arbeit. Mein Schreiben ist f\u00fcrderhin Erkl\u00e4rung genug, und so versuche ich f\u00fcr meine Figuren S\u00e4tze zu er\/finden, die sie nie \u00e4ussern w\u00fcrden. Dann beginnen sie zu sprechen, und sagen manchmal sie Dinge, die kl\u00fcger sind als ich es bin. Im Labyrinth der Passionen, stellen sich diese Figuren die Frage nach dem ewigen &#8222;Was w\u00e4re wenn?&#8220;, sie rebellieren gegen das Zirkul\u00e4re, sei es gesellschaftlich oder schicksalshaft bedingt, und schaffen sich ihren eigenen Kosmos, ihre eigenen Laufbahnen. Sie fragen stets, wer wen erfindet und versuchen einen \u00fcberindividuellen Subtext lesbar zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All das beklage ich nicht, weil ich glaube, dass Beklagen kaum produktive Energien freisetzt. Das einzige, was produktive Energien freisetzt, ist: Literatur zu machen, die durch ihre schiere Qualit\u00e4t und Kraft \u00fcberzeugend wirkt. Obschon es altmodisch erscheinen mag, kann ich nicht aufh\u00f6ren eine Konvergenz von Kunst und Erkenntnis anzustreben. Kritische Aufkl\u00e4rung und sp\u00e4tromantischer Pessimismus widersprechen sich in einer vernetzten Welt nur scheinbar; es muss nur klar sein, welche sprachlichen Steuerungselemente benutzt werden, wie man mit jeder Schilderung auch die Grenzen des Mediums abbilden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht fair, den Menschen wichtige Ideen mit einer rebellischen Attit\u00fcde vor die F\u00fcsse zu werfen. Man muss die Leidenschaft f\u00fcr abstrakte Denkmodelle mit der Lust am Fabulieren verbinden. An Pathos, Expressivit\u00e4t, Sch\u00f6nheit der Worte glauben und die Identit\u00e4t in der Sprache beschw\u00f6ren. Nur sie gibt zuweilen Heimat. Die Kommunikation, deren Schwierigkeit und das seltene Gelingen ist das Thema dieser Zeit. Um eine Chance zu haben, verstanden zu werden, sollte man versuchen, aufw\u00e4ndige intellektuelle Strukturen zusammenh\u00e4ngend zu erkl\u00e4ren, und dennoch mit Worten spielen und ein philosophisches Denkspiel \u00fcber die Macht der Sprache treiben, die Wirklichkeit zu schaffen vermag, indem man der mit der Poesie die Realit\u00e4t manipuliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und man darf unter der Arbeit nie vergessen: Nicht die Preise, Beziehungen oder Interviews z\u00e4hlen, sondern ausschliesslich die Arbeit. Mit den Begriffen: Erfolg und Karriere kann ich nicht viel anfangen, f\u00fcr mich z\u00e4hlt allein die idealistische und vielleicht sogar romantische K\u00fcnstler\u00adHaltung: der Kunst dienen. Ich arbeite an der Systematik der Werkgruppen, einem dichten Netz von Querverweisen um Leerstellen zu f\u00fcllen und zu sehen, wie die Welt jetzt ist. Nichts liebe ich mehr, als mich in die Arbeit zu vergraben wie ein Arch\u00e4ologe und mich in eine Bibliothek der ungeschriebenen B\u00fccher zu vertiefen.<\/p>\n<p>bedanke mich, bis dahin, A.J. Weigoni<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_102377\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102377\" class=\"wp-image-102377 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/AJWeigoni-e1648379021441.jpeg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102377\" class=\"wp-caption-text\">A.J. Weigoni, portr\u00e4tiert von A.J. Roth<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie ebenso W\u00fcrdigungen von Jens Pacholsky: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\">H\u00f6rb\u00fccher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters, <\/a>Holger Benkel: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">rettungsversuche der literatur im digitalen raum, <\/a>Christine Kappe: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12532\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12532\">Ein Substilat, <\/a>Sebastian Schmidts Kollegengespr\u00e4ch: <a href=\"http:\/\/textbasis.wordpress.com\/2013\/07\/24\/der-lyrische-mittwoch-folge-17-a-j-weigoni-%E2%80%A1zwischenbefund%E2%80%A1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/textbasis.wordpress.com\/2013\/07\/24\/der-lyrische-mittwoch-folge-17-a-j-weigoni-%E2%80%A1zwischenbefund%E2%80%A1\/\">Der lyrische Mitwoch.<\/a> Ein Res\u00fcmee des akutischen <a href=\"http:\/\/www.buecher-wiki.de\/index.php\/BuecherWiki\/WeigoniGedichte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.buecher-wiki.de\/index.php\/BuecherWiki\/WeigoniGedichte\">Gesamtwerks<\/a> erschien bei buecher-wiki. Und lesen Sie auch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, einen Essay von A.J. Weigoni \u00fcber das Schreiben von Gedichten. Probeh\u00f6ren kann man Ausz\u00fcge der <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/schmauchspuren.html\">Schmauchspuren<\/a> und des Monodrams <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00c4hnlich wie beim Fussball gibt es auch in der Literatur zahllose Experten, die als Bundestrainer immerzu die elf richtigen Vors\u00e4tze andenken, um bestenfalls zu Adi Prei\u00dflers Erkenntnis zu gelangen:\u2028&#8220;Entscheidend is auffem Platz.&#8220; I Allegro Es ist nicht leicht im&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/01\/18\/2-verweisungszeichen-zur-literatur-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":102377,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-25521","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25521","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25521"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25521\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102413,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25521\/revisions\/102413"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/102377"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25521"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25521"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25521"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}