{"id":25482,"date":"2007-10-18T17:00:56","date_gmt":"2007-10-18T15:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25482"},"modified":"2022-02-28T17:40:52","modified_gmt":"2022-02-28T16:40:52","slug":"idole-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/10\/18\/idole-2\/","title":{"rendered":"Idole"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der allseits flexibele Mensch des 21. Jahrhunderts in seiner Geworfenheit ist das Thema des bildenden K\u00fcnstlers Haimo Hieronymus und des Schriftstellers A.J. Weigoni. Das Wort als Bildst\u00f6rung, Eindringling, Mittler zwischen W\u00f6rtlichkeit und Wortw\u00f6rtlichkeit hat Hieronymus immer wieder eingesetzt. Nicht als Schrift gewordenen Strich Cy Twomblys und auch nicht als naive Signatur Anselm Kiefers, sondern nach Art kodierter Typografien. Das transitorische Element, das ihre Arbeit an dem Projekt <em>Idole<\/em> durchzieht, macht sich schon bemerkbar bei der Pr\u00e4sentation. Etwas Improvisiertes lebt in der Syntax dieser Druckgraphik, wir sehen das nicht, weil es sichtbar ist, es ist sichtbar, weil wir es sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Haimo Hieronymus\u2019 Idolzyklus manifestieren sich ans Urspr\u00fcngliche, Unverstellte, Unzivilisierte im Menschen r\u00fchrende Regungen, elementare Empfindungen von Lust und bejahender Lebensfreude. Dabei ist sich der K\u00fcnstler stets bewusst, dass Lust auch mit Schmerz einhergeht; die dunkle Seite l\u00e4sst er nicht au\u00dfer acht, sondern zeigt auch den eher pein- als lustvoll sich windenden und kr\u00fcmmenden Leib. So sehr man einerseits den Anblick genie\u00dft, so sehr schmerzt es an anderer Stelle die aufs Papier mit dem K\u00f6rperlabyrinth gebannten Augen. Zu einfach w\u00e4re es, dies blo\u00df als weiteren Beitrag in der langen K\u00fcnstlertradition zum Thema der Frau als Prinzip des Ewigfruchtbaren zu sehen. Vor allem auf formaler Ebene zeigt sich der Willen zur Hinterfragung und Auseinandersetzung mit \u00fcberkommenen Formen und Mustern. Hieronymus\u2019 Drucke paraphrasieren nicht uralte Idole der Menschheitsgeschichte, wie etwa die Venus von Willendorf, sondern verweisen spielerisch auf diese Vorbilder, gleichzeitig v\u00f6llig neue Ausdrucksformen schaffend. Durch starke Fl\u00e4chigkeit und Reduktion auf blo\u00df allernotwendigste Elemente wie Linien und Punkte bewegen sie sich zwischen Figuration und Abstraktion und lassen Raum f\u00fcr eigenes Orientieren und sinnliches Empfinden im K\u00f6rperfragment. Im Kontrast zur Linie und Fl\u00e4che erzeugen die weichen \u00dcberg\u00e4nge des hier angewendeten Leimhochdrucks in Verbindung mit der z\u00e4hfl\u00fcssigen Farbe gleichzeitig den Eindruck \u00fcberraschend runder K\u00f6rpervolumina. Das Spiel mit dem Material wird f\u00fcr K\u00fcnstler wie Betrachter zum sinnlichen Erlebnis: Fast meint man noch das Schmatzen des satten Farbauftrags in den Ohren zu haben; anfangs widerspenstig, gibt sich am Ende die eigenwillige Textur geschmeidig der so glatten, spiegelnden Papieroberfl\u00e4che hin. Durch Reduktion schwindet die Eindeutigkeit: Pl\u00f6tzlich ist diese Form da nicht mehr unbedingt ein Frauenk\u00f6rper, bekommt androgyne oder Satyrz\u00fcge, wird zur Huldigung an das bacchantische Prinzip. Selten hat man\u00a0 Hieronymus in seinen Arbeiten derma\u00dfen sinnlich und gelassen erlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Begann die Trilogie von A.J. Weigoni und Haimo Hieronymus mit einer Kombination aus Texten und Holzschnitten, einer der bekanntesten und \u00e4ltesten Hochdrucktechniken, wurde diese Vermengung von Gedicht und Bildgewebe bei <em>Faszikel<\/em> mit der Tiefdrucktechnik der Radierung fortgesetzt, hier in Kombination aus durchscheinenden Papieren und Texten, auf Lasuren mit Schellack und warm leuchtenden Holzextrakten, so bildet <em>Idole<\/em> mit seinen speziellen Leimformdrucken eine technische Neuerung und gleichzeitig Klammer, denn hier werden Elemente des Hoch\u2013 und des Tiefdrucks kombiniert. Als Ergebnis zeigt sich ein fast gezeichnet wirkendes Bild. Die acht Grafiken besch\u00e4ftigen sich mit der m\u00f6glichsten Reduktion von K\u00f6rpern, von Torsi, auf ein Spiel von Formideen mit den scheinbaren Ungleichgewichten zwischen Linie und Fl\u00e4che, Proportion, den Illusionen von Unzul\u00e4nglichkeit menschlicher Erscheinung. Trotzdem f\u00fchlt man sehend einen sehns\u00fcchtigen Drang zur Harmonie, ja zum Sch\u00f6nen im klassischen Sinn. Einmal angeschaut, wirkt ein Bild von ihm wie ein Angelhaken im seelischen Bildarchiv. Diese Grafiken zeigen sich so letztlich als fast hymnische Liebeserkl\u00e4rung an die vor allem weibliche Sch\u00f6nheit jenseits der einzelnen Frau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Idol-136x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Idol-136x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Idol-136x300.jpg\" alt=\"\" width=\"136\" height=\"300\" \/><\/a>Puristen nehmen A.J. Weigoni und Haimo Hieronymus diese Grenz\u00fcberschreitungen \u00fcbel, weil diese Form von \u201cInterdisziplinarit\u00e4t\u201d nicht der Theoriebefriedigung, sondern der lustvollen Verbl\u00fcffung dient. Wirtschaftlich gesehen ist Lyrik Unsinn, aber Betriebswirtschaft ist im Leben eben nicht alles. Lyrik w\u00e4re nach allen \u00f6konomischen Gesichtspunkten schon immer zum Aussterben verurteilt gewesen, und trotzdem h\u00e4lt sie sich nach wie vor, notfalls eben in der Form der Samisdat. Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni gehen bei dieser Trilogie vom Virtuellen ins Materielle und zielen auf ein \u00e4lteres Speichermedium, das mittels neuer Medien hergestellt wird und mit analogen Medien zu gebundener Form findet. Sie schlagen mit dem Projekt <em>Idole<\/em> einen Steg zwischen den K\u00fcnsten (Druckgrafik \/ Poesie). Die Entstehung einer Einheit von Schrift und Bild untersuchen Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni im Medium des Computers und setzen sie im Neheimer Atelier um. Die digitale Manufaktur produziert in diesem Fall ein Idol.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Praegnarien-211x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Praegnarien-211x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Praegnarien-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/><\/a>Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen Sie bitte auch den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Probeh\u00f6ren kann man ab Januar 2013 das Monodram <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a> in der Reihe MetaPhon. Und auch die H\u00f6rspielfassung von <em>Unbehaust<\/em> ist in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/unbehaust01.htm\">MetaPhon<\/a> auf vordenker.de zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine limitierte Auflage des H\u00f6rbuchs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=56\">Pr\u00e6gnarien<\/a> von 50 Exemplaren ist versehen mit einer Originalgraphik von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, M\u00fchleim an der Ruhr 2013<\/p>\n<p>Bestellung des H\u00f6rbuchs \u00fcber: info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bilder der Pr\u00e6gnarien-Performance von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?page_id=12402\">hier<\/a> zu sehen. Probeh\u00f6ren kann man diese Live-Aufnahme auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/clips\/prae_last7.mp3\">MetaPhon<\/a>. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_xE7BPCey68\">hier<\/a>. Bewegte Bilder <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/schwebebahn.htm\">unter<\/a> und eben: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SMFU2_5xl-E\">HIER<\/a>.<\/p>\n<p>Die Aufnahmen sind in HiFi-Stereo-Qualit\u00e4t erh\u00e4ltlich \u00fcber: info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der allseits flexibele Mensch des 21. Jahrhunderts in seiner Geworfenheit ist das Thema des bildenden K\u00fcnstlers Haimo Hieronymus und des Schriftstellers A.J. Weigoni. Das Wort als Bildst\u00f6rung, Eindringling, Mittler zwischen W\u00f6rtlichkeit und Wortw\u00f6rtlichkeit hat Hieronymus immer wieder eingesetzt. 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