{"id":25431,"date":"1998-11-10T00:01:00","date_gmt":"1998-11-09T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25431"},"modified":"2025-07-16T13:05:37","modified_gmt":"2025-07-16T11:05:37","slug":"ohryeure","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/11\/10\/ohryeure\/","title":{"rendered":"Ohryeure"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Das Ohr ist ein Organ der Angst, h\u00e4tte der Mensch nur Augen, H\u00e4nde, Geschmacks\u2013 und Geruchssinn, dann h\u00e4tte er keine Religion, denn jene Sinnesorgane sind Organe der Kritik und des Skeptizismus.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ludwig Feuerbach <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit literaturp\u00e4dagogischen Kursen versucht A.J. Weigoni die fluide Intelligenz abseits von Routinen zu schulen. Es geht ihm in erster Linie um eine Sch\u00e4rfung der Aufmerksamkeit und der Sinne \u2013 um eine Anstiftung zur Genauigkeit. Die Umgestaltung der Welt durch Literatur \u2013 an dieser revolution\u00e4ren Lehre\u00a0 hat Weigoni festgehalten. Sie kann nur gelingen, wenn sich alle k\u00fcnstlerischen Sparten in formaler wie inhaltlicher Hinsicht gegenseitig inspirieren und bereichern. Deshalb spricht aus allen Arbeiten Weigonis der Wille zur Einheit einer Kreativit\u00e4t, die alle Bereiche des Lebens ergreift und mit akustischen Mitteln auf die ver\u00e4nderten Konditionen einer industriellen Produktionsweise antwortet.\u00a0 Aus dem suchenden Gedankenspiel eines Navigierens in einem Raum der M\u00f6glichkeiten speist sich ein Lernen, das andauernd den Entwurf mit der Reflexion konfrontiert und das zwischen Nachdenklichkeit und Idee agiert. Kopf und Hand gehen eine Verm\u00e4hlung ein, wie es das Lernen nur selten zul\u00e4sst, weil bekannterma\u00dfen das tr\u00e4ge Wissen aus den B\u00fcchern meist nicht die n\u00e4chste Lernkontrolle \u00fcberdauert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ist es bereits absehbar, da\u00df Pop zum bestimmenden Faktor der Cyberkultur wird, die schon dabei ist den b\u00fcrgerlichen Kulturbegriff abzul\u00f6sen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Wie funktionieren Trivialmythen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ein Kunstwerk eigenen Ranges verst\u00e4rkt das H\u00f6rbuch die Reize des Auditiven und Oralen, mit diesem Medium kehrt die Literatur zu ihrem Ursprung zur\u00fcck. Dies ist eine Gegenbewegung zu einer mit Bildern \u00fcberreich ges\u00e4ttigten Kultur. Nach Friedrich Kittler entsteht deutsche Dichtung \u00fcber neue Alphabetisierungs- und Literarisierungspraktiken, die zum Verschwinden der Materialit\u00e4t der Signifikanten und zur Oralisierung der Buchstaben f\u00fchren. Dichtung, auf diese Weise zum Universalmedium avanciert, das Sprache, Bilder und T\u00f6ne gleichermassen speichert, \u00fcbertr\u00e4gt und verarbeitet, zerf\u00e4llt mit der Ausdifferenzierung der Medien in Foto-, Fono- und Telegrafie und Internet, die jedem einzelnen Sinn sein analoges Medium zuordnen, und damit in Literatur, deren Buchst\u00e4blichkeit Material von Dekonstruktion und von Psychophysik wird. Die neuen akustischen Medien fordern die Literatur vor allem dadurch heraus, dass sie den scheinbar direkten Zusammenhang von Sprechen und H\u00f6ren aufbrechen. Der urspr\u00fcngliche Laut und seine technische Reproduktion sind genauso r\u00e4umlich und zeitlich getrennt wie Stimme und Ohr. Die M\u00fcndlichkeit des Erz\u00e4hlens kn\u00fcpfen an Zeiten an, als dichterische Vortr\u00e4ge noch mit einer Auff\u00fchrungspraxis verkn\u00fcpft waren, die Barden haben ein sediertes Comeback vor sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Was entscheidet eigentlich dar\u00fcber, welche Kl\u00e4nge wir tr\u00f6stlich finden?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sound einer Stimme erzeugt eine Stimmung. Der m\u00fcndliche Vortrag schafft mit der spezifischen Atmosph\u00e4re auch eine Auslegung des Gesagten, eine Interpretationshilfe. Die Stimme ist authentischer als die Schrift und das H\u00f6ren urspr\u00fcnglicher als das Lesen. H\u00f6rb\u00fccher fordern Zu-H\u00f6rer im emphatischen Sinn des Wortes: sensibel f\u00fcr stimmliche Nuancen, f\u00fcr Tonfall, Rhythmus, Modulation und Sprache. Ernst und Ironie verbindet sich auf der CD-<em>Ohryeure<\/em> hintergr\u00fcndig spielerisch. Wir, die Sp\u00e4talphabeten, stehen insgesamt vor der Frage, ob Literatur, dieses Medium der Vorzeit, an der Alphabetisierung der Medienkultur, die nur wirklich beeinflussen kann, wer ihr voraus ist, mitwirken oder sich von letzterer abgrenzen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Welche Einflu\u00dfsph\u00e4ren bleiben der Literatur gegen\u00fcber einer Kommunikationslandschaft, die vielfach entweder zum Selbstzweck ger\u00e4t oder unausgesprochenen Interessen dient?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wissen ist immer vorl\u00e4ufig, denn die Tradierung jeder Offenbarung ist &#8211; empirisch \u00fcberpr\u00fcfbar &#8211; voller Irrtum und Gewalt. Die Pluralisierung der modernen Lebenswelt stellt traditionsgesicherte Stabilit\u00e4t in Frage, was Angst und in deren Gefolge Gewalt erzeugt. Angst als Folge der Machtlosigkeit, Schw\u00e4che, Ungewissheit, Deprivation mu\u00df \u00fcberwunden werden, so da\u00df Menschen wieder zu Subjekten ihrer Identit\u00e4tsbestimmung und Geschichte werden k\u00f6nnen. Der nicht kritikf\u00e4hige Konsument mu\u00df um so mehr vom wirklichen Leben wissen, je weniger er sich dar\u00fcber medial berichten l\u00e4sst. Wir m\u00fcssen uns fragen, ob die Kinder in Zukunft noch gern miteinander sprechen, so richtig von Angesicht zu Angesicht. Oder ob sie nur noch per e-Mail miteinander klarkommen. Es ist kein Zufall, da\u00df der Urheber des Blutbads am Erfurter Gutenberg-Gymnasium seine Freizeit im World Wide Web verbracht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dummheit ist nicht nur ein intellektueller Mangel, sondern auch eine bornierte Beschr\u00e4nktheit des Besserwissens, ein Mangel an Kreativit\u00e4t und das Fehlen von Neugierde gegen\u00fcber dem noch nicht Dagewesenen. Sie ist die Unf\u00e4higkeit, offen daf\u00fcr zu sein und wom\u00f6glich zu akzeptieren, da\u00df die Argumente und Entscheidungen des Anderen, ja sein gesamter Lebensentwurf auch richtig sein k\u00f6nnen. Egozentrizit\u00e4t ist das &#8211; meist angstgesteuerte &#8211; Haften am eigenen Ich, das sich abgrenzt, um bestehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich ist Ich-Abgrenzung ein wesentlicher Aspekt der psychischen Entwicklung jedes einzelnen Menschen; doch dabei stehenzubleiben, bedeutet geistige und soziale Erstarrung. Wir haften in diesem Sinne am Ich, weil wir die Dummheit nicht \u00fcberwinden. Tr\u00e4gheit ist das Festhalten am Gewohnten, die Starrheit dessen, der so denkt, f\u00fchlt und handelt, weil er oder weil man immer so gedacht, gef\u00fchlt und gehandelt hat. Dummheit, Egozentrizit\u00e4t und Tr\u00e4gheit sind ein Mangel an Weisheit. Literaturp\u00e4dagogik strebt danach, diesen Mangel zu \u00fcberwinden. Wo wir einander ernst nehmen, schulden wir einander auch Wahrhaftigkeit. Das Leben ist komplex, Einsichten sind es auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Kultivierung einer solchen Geisteshaltung wird keine Verst\u00e4ndigung erreicht werden k\u00f6nnen. Wir brauchen zum Dialog eine Geisteshaltung, die das Vorl\u00e4ufige aller menschlichen Erkenntnis ertragen und mit Gelassenheit Fragen stellen und zuh\u00f6ren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Der Ohrenzeuge ist durch niemanden zu bestechen. Wenn es um die N\u00fctzlichkeit geht, die er allein hat, n\u00e4hme er keine R\u00fccksicht auf Frau, Kind oder Bruder. Was er geh\u00f6rt hat, das hat er geh\u00f6rt, daran k\u00f6nnte kein Herrgott r\u00fctteln.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Elias Canetti<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die k\u00fcnftige P\u00e4dagogik, will sie den Erkenntnissen und der gewachsenen Bedeutung des Wissens Rechnung tragen, mu\u00df die Sprachumwelt, also die Kommunikationsbedingungen, gestalten, um Inhalte zu vermitteln. Dabei mu\u00df die Dominanz der Textvermittlung gebrochen werden, um kreative Verbindungen mit der Grundstruktur menschlicher Wissensbed\u00fcrfnisse einzugehen. Dazu z\u00e4hlen Emotionen und Erinnerungen ebenso wie Bilder, Poesie ebenso wie sprunghafte Assoziation. Auf die Anforderungen der modernen Medien reagiert-Weigoni als experimentierender Analytiker und analytischer Experimentierer. Ihm scheint, da\u00df sich diese Form von literaturp\u00e4dagogischer Arbeit nicht nur mit Erscheinungsformen und Problemen der Arbeitswelt befasst, sondern sich zuk\u00fcnftigen Arbeitsfeldern spielerisch ann\u00e4hert. H\u00f6rspiel als Spiel, nach seiner Erfahrung ist das Spielen der K\u00f6nigsweg zum Verst\u00e4ndnis der neuen Medien. Computer, Tonstudios und Software sind keine Werk\u2013, sondern Spielzeuge, wobei die traditionellen Medien als Navigationshilfen dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literaturp\u00e4dagogik ist demnach ein Synonym f\u00fcr das Probieren, das Erforschen, das Improvisieren und das Erfinden, sie schlie\u00dft die Jugendlichen mit dem k\u00fcnstlerischen Erfahrungspotenzial zusammen. Zugleich bindet sie die resultierenden H\u00f6rst\u00fccke aus dem suchenden Spiel an die Symbolwelten der Jugendlichen zur\u00fcck und macht Jugendkulturen damit verst\u00e4ndigungsf\u00e4hig. Dar\u00fcber l\u00e4sst sich ein konstruktiver Streit f\u00fchren, bei der man es nicht als Blamage ansieht, wenn man unterschiedlicher Meinung ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wichtig ist, da\u00df man beim Lernen die Frustschwelle nach oben treibt. Medienkompetenz umfasst aus Weigonis Sicht vier Punkte: Medienkunde, Medienkritik, Mediennutzung und Mediengestaltung. Diesen Weg zeichnet er mit seinem essayhaften Text <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25505\"><em>Produktorientiertes medienp\u00e4dagogisches Arbeiten mit Jugendlichen<\/em><\/a> nach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71097\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"1600\" height=\"900\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover.jpg 1600w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover-300x169.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover-1024x576.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover-768x432.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover-1536x864.jpg 1536w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover-560x315.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover-260x146.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/11\/Ohryeure_Cover-160x90.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Restexemplare der CD \u201cOhryeure\u201d sind erh\u00e4ltlich \u00fcber: <a href=\"mailto:info@tonstudio-an-der-ruhr.de\">info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher stehen einige Produktionen auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/mpaed.htm#7.%20Das%20Erlernen\">MetaPhon<\/a> als download im Netz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ohr ist ein Organ der Angst, h\u00e4tte der Mensch nur Augen, H\u00e4nde, Geschmacks\u2013 und Geruchssinn, dann h\u00e4tte er keine Religion, denn jene Sinnesorgane sind Organe der Kritik und des Skeptizismus. 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