{"id":2531,"date":"2012-03-17T03:58:42","date_gmt":"2012-03-17T03:58:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=2531"},"modified":"2019-10-05T09:37:57","modified_gmt":"2019-10-05T07:37:57","slug":"realitatsfinsternis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/17\/realitatsfinsternis\/","title":{"rendered":"Realit\u00e4tsfinsternis"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2532\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Cover3-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Cover3-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Cover3.jpg 448w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Als sozial-realistischer Romanautor versucht Enno Stahl aus dem Kanon unserer kulturellen Denk- und Handlungsmuster, die sich vom Kapitalismus herleiten, erneut einen Skandal zu machen. Er gibt dem Zweifel und dem Fremden in der Welt eine Stimme, will nicht einfach das Bekannte und Erw\u00fcnschte handwerklich kompetent verschachteln. In&nbsp;\u201eWinkler, Werber\u201c inszeniert Stahl eine grandios groteske Figurenentbl\u00f6ssungsshow, er beschreibt einen Kleinb\u00fcrger mit einer antisozialen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung, der in der Werbung arbeitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Prolog startet der Text furios: \u201eAlso die Werbung ist die zweite Realit\u00e4t. Oder sogar die erste. Und wer h\u00e4tte das besser kapiert als ich, daher bin ich eben, bin ich\u2026\u201c. Damit ist der Ton angeschlagen, der sich in einer monomanischen Reflexionsprosa unerbittlich bis zum Ende durchzieht. Stahl ist ein Erz\u00e4hler von wildbach\u00e4hnlicher Eloquenz. Bekenntnis und Befund scheinen anekdotisch, sind aber elementar. Diese Prosa lebt von einer erstaunlichen Sch\u00e4rfe der Wahrnehmung, gleichzeitig von einer ebenso erstaunlichen Ichbezogenheit. Stahl analysiert die Mittelstandsdeutschen in ihrer un\u00fcberbietbaren Mediokrit\u00e4t und pr\u00e4sentiert eine Kunstsprache mit teilweise abgehackten, repetitiven Stummels\u00e4tzen mit einer souver\u00e4nen Nonchalance.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWinkler, Werber\u201c&nbsp;ist ein Dokument f\u00fcr das ausgek\u00fchlte, abgekl\u00e4rt illusionslose Lebensgef\u00fchl einer Generation. Cool begegnen sich Menschen darin, gefangen im interessiert-desinteressierten Ichbezug, herrscht oft Ber\u00fchrungslosigkeit. Der Klimawandel hat auch im Beziehungsbiotop Rheinland stattgefunden. Der Roman balanciert auf der ununterscheidbaren Grenze von wahrer und falscher Lebendigkeit, gutem und schlechtem Symptomen. Als Soziologe verschreibt Stahl, dass die postmoderne Gesellschaft vor allem durch Bindungslosigkeit und Desinteresse funktioniert. Pluralisierte und individualisierte Gesellschaften f\u00fchlen sich durch Unverbindlichkeit verbunden. Abstand ist ihr Kennzeichen. Die Struktur der liberalisierten Arbeit &#8211; Isolierung, Austauschbarkeit, wenig Verbindlichkeit und hohes Risiko &#8211; bildet sich sichtlich in diese Prosa ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Literatur ist als eine Art Geigerz\u00e4hler zu betrachten, die die psychischen Strahlungen in einer endsolidarisierten Gesellschaft registriert. Stahl schildert die entleerende Postmoderne, in der sich Anst\u00f6\u00dfiges mit Vision\u00e4rem vermengt, die Banalit\u00e4t mit der Schwermut. Sie ist bev\u00f6lkert von Egomanen ohne Ego, von Erotomanen ohne Eros. Dabei beschreibt er die Lebenswelt am ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert mit einer klinischen K\u00fchle und Sterilit\u00e4t als operiere er den Patienten am offenen Herzen. Stahl konstatiert, da\u00df die Folgen der sogenannten Globalisierung auch in der rheinischen Bucht angekommen sind. Hier leben Menschen an denen alles abperlt: die Natur, Mitgef\u00fchl, Sympathie, Moral, die skrupellosen Umst\u00e4nde, unter denen ihr Reichtum entstanden ist. Diese Haltung kritisiert er. Als sozial-realistischer Romanautor will Stahl den Glauben an die Ver\u00e4nderbarkeit einer schlecht eingerichteten Welt bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p>\u201eWinkler, Werber\u201c, Verbrecher Verlag, Berlin 2012<\/p>\n<p>H\u00f6ren Sie auch <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/stahl\/trash_me.htm\">&#8222;Bergisch-Gladbacher-Stra\u00dfe&#8220;<\/a>, einen von 55 Titeln aus &#8222;Trash Me!&#8220; H\u00f6rbuch, gelesen von Enno Stahl, Preis: 10,-<\/p>\n<p>Alle Tracks sind in HiFi-Stereo-Qualit\u00e4t erh\u00e4ltlich, die komplette CD ist zu bestellen \u00fcber: info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/p>\n<p>Wir setzen diese Kooperation mit KRASH NEUE EDITION in den n\u00e4chsten Monaten fort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als sozial-realistischer Romanautor versucht Enno Stahl aus dem Kanon unserer kulturellen Denk- und Handlungsmuster, die sich vom Kapitalismus herleiten, erneut einen Skandal zu machen. 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