{"id":2521,"date":"2012-03-19T00:01:02","date_gmt":"2012-03-18T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=2521"},"modified":"2019-10-05T09:41:40","modified_gmt":"2019-10-05T07:41:40","slug":"zu-viel-geld-fur-kultur-schadet-nur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/19\/zu-viel-geld-fur-kultur-schadet-nur\/","title":{"rendered":"Zu viel Geld f\u00fcr Kultur schadet nur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"alignleft size-full wp-image-2522\" title=\"Cover\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2522\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Cover2.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Cover2.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Cover2-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Der Spiegel h\u00e4lt sich nicht mehr an V\u00d6-Termine, hatte mal wieder ein Woche vorgezogen und druckte eine Streitschrift der Kulturmanagern Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Kn\u00fcsel und Stephan Opitz, deren Buch &#8222;Der Kulturinfarkt&#8220; heute erscheint. Darin wird behauptet, &#8222;Kultur f\u00fcr alle&#8220; sei eine Illusion aus den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts, die sich erledigt habe. Die H\u00e4lfte aller staatlich gef\u00f6rderten Theater, Museen oder Bibliotheken in Deutschland k\u00f6nne geschlossen werden. Das behaupten die ausgewiesenen Experten, sie sind davon \u00fcberzeugt, dass die Forderung &#8222;Kultur f\u00fcr alle&#8220; gescheitert sei. Das kulturelle Angebot wachse st\u00e4ndig, die Zahl der Konsumenten dagegen nicht. Die Autoren folgern daraus, dass man k\u00fcnftig auf die H\u00e4lfte der subventionierten Institutionen verzichten k\u00f6nne. Das System werde dann besser funktionieren. Die frei werdenden Mittel m\u00fc\u00dften neu verteilt werden. Das Ziel der Autoren ist es, den Staat aus der Verantwortung f\u00fcr die &#8222;\u00e4sthetische Erziehung des Menschengeschlechts&#8220; (Friedrich von Schiller) zu entlassen. Kulturpolitik sei heute &#8222;ein anonymer Auftrag an viele zur normativen Anpassung an wenige&#8220;. In Zukunft m\u00fcsse sie daf\u00fcr sorgen, dass es nur &#8222;Regeln&#8220; geben solle, &#8222;in denen die Menschen, frei und ihrer selbst m\u00e4chtig, sich entfalten&#8220; k\u00f6nnen. \u2028 Es gibt zu viel subventionierte Kultur bei st\u00e4ndig schrumpfendem Publikum, diagnostizieren sie und fordern eine Orientierung am Markt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Misserfolge wie Erfolge im Markt m\u00fcssen sich f\u00fcr Kultureinrichtungen auswirken, neben aller Subvention. Dass Kultureinrichtungen im Markt erfolgreich agieren k\u00f6nnen, setzt voraus, dass der Markt nicht mit gef\u00f6rderten Institutionen \u00fcberbesetzt ist, die sich gegenseitig das Publikum abjagen und sich im Wettrennen um F\u00f6rderung \u00fcberbieten.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das kulturpolitische Programm einer \u00bbKultur f\u00fcr alle\u00ab war H\u00f6hepunkt der b\u00fcrgerlichen Bildungsutopie, die tief in der deutschen Klassik wurzelte: Es ging um nichts weniger als die &#8222;\u00e4sthetische Erziehung des Menschengeschlechts&#8220;; darunter machen es die Deutschen nicht. Doch l\u00e4ngst k\u00f6nnen Kunst und Kultur weder das individuelle noch das kollektive Gl\u00fccksversprechen erf\u00fcllen. Sie erm\u00f6glichen weder die Vervollkommnung des Einzelnen noch erl\u00f6sen sie von den Zumutungen der Globalisierung und Moderne. Sie stiften weder den Zusammenhalt der Nation noch helfen sie bei der Integration des Fremden. Sie bef\u00f6rdern nicht die Wirtlichkeit unserer St\u00e4dte und schon gar nicht das \u00f6konomische Wachstum durch eine bl\u00fchenden <em>Kreativwirtschaft<\/em>. Vielmehr spaltet \u00f6ffentlich gef\u00f6rderte Kultur die Gesellschaft. Der Fetisch Kulturstaat, in dem alle diese Wunschvorstellungen kulminieren, st\u00f6\u00dft an seine Grenzen. Wer einen Diskurs \u00fcber die Ziele \u00f6ffentlicher Kulturausgaben m\u00f6chte, trifft auf eine harte Kulturlobby: Gegen Kultur darf niemand sein und alles, was ist, muss bleiben. Denn das oberste Ziel \u00f6ffentlicher Kultureinrichtungen ist nicht etwa Kunst oder Innovation, sondern der schiere Selbsterhalt.<\/p>\n<div id=\"attachment_2744\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/fotolaborant_1996.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2744\" class=\"size-medium wp-image-2744\" title=\"fotolaborant_1996\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/fotolaborant_1996-300x239.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"239\"\/><\/a><p id=\"caption-attachment-2744\" class=\"wp-caption-text\">Der Fotolaborant &#8211; (c) J\u00fcrgen Esser \/ 1996<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines haben die Kulturmanager vergessen, als sie diese Streitschrift gegen die Subventionskultur geschrieben haben: Sie sind selbst Teil des Problems. Ihre Forderung die Kunstproduktion habe sich einem \u201eWirklichkeitstest\u201c zu unterziehen wirft verborgene Ratlosigkeiten auf: Wie s\u00e4he der aus? Muss ein Laie beschreiben k\u00f6nnen, welches wirklich existierende Ding das Kunstwerk darstellt? D\u00fcrfte nur noch Kunst gef\u00f6rdert werden, die ein Minimum an Ausstellungsbesuchern anzieht \u2013 und was, wenn dieser Ausstellungserfolg das Verdienst der Ausstellungswerbung war? Und wie bestimmt man das, was der h\u00f6lzern um L\u00e4ssigkeit ringende B\u00fcrokratenjargon der Autoren als \u201eKlasse\u201c eines Kunstorts apostrophiert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei ist die Sto\u00dfrichting nicht falsch. Da\u00df die \u00fcppigen Subventionen f\u00fcr Theater, Opern und Museen ausnahmslos zu kulturellen H\u00f6chstleistungen f\u00fchrten wird niemand, der auch nur ann\u00e4hernd bei Verstand ist behaupten. Die Autoren des &#8222;Kulturinfarkt&#8220;-Buches haben den Finger auf eine Wunde gelegt&nbsp; m\u00fcssen. Problematisch am vom Staat gef\u00f6rderten und mit gutem Grund von diesem inhaltlich nicht gesteuerten Kulturbetrieb findet ich aber in erster Linie den Filz in den Jurys, Kommissionen, R\u00e4ten und dergleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Konzentration im Kulturbetrieb schreitet im Internetzeialter rasant voran. Kunst ist eine Ware mit besonderer Aura. \u00dcber ihre Vermarktungsstrategien streitet man sich bereits, seit Gutenbergs Erfindung des Bleisatzes. Der Markt f\u00fcr anspruchsvolle Innovationen und Entdeckungen hat sich dramatisch ausged\u00fcnnt, die Neugier auf Kunst hat in einem be\u00e4ngstigenden Ma\u00df nachgelassen. Pop, Glamour und Spa\u00dfkultur haben sich vor das Ernstere geschoben. Zerstreuung, Abenteuer, Selbsterfahrung, Internet verbauen den Blick auf das Wesentliche, das wir ben\u00f6tigen, wenn viele dieser Ph\u00e4nomene ihre Anziehungskraft verloren haben. Buchh\u00e4ndler verlangen Werbekostenzusch\u00fcsse, damit B\u00fccher \u00fcberhaupt in der Auslage pr\u00e4sentiert werden, die Presse ist immer st\u00e4rker von den Anzeigen der Gro\u00dfverlage abh\u00e4ngig, deren B\u00fccher sich immer \u00e4hnlicher werden und die Literaturkritik ist auf den Hund gekommen. Umgeschriebene Waschzettel beleidigen die Leser genauso wie redaktionelle Inhalte, die an Anzeigen gekn\u00fcpft sind. Warum solche B\u00fccher wie die von Joanne Rowling, Henning Mankell oder Stephen King zum Bestseller werden, mag leicht zu erkl\u00e4ren sein. Originalit\u00e4t jedenfalls spielt keine Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird zu viel Vermeidungsfiktion geschrieben. \u00dcber die schmerzlichen Wunder unserer Existenz erf\u00e4hrt man bei Holger Benkel, Peter Meilchen, oder A.J. Weigoni ungleich mehr als beim Eintauchen in die m\u00fcrbe Welt eines Wilhelm Genazino, Botho Strauss oder Martin Walser, von all den jungen bis mittelalten Autoren und Autorinnen ganz zu schweigen, deren Helden s\u00e4mtlich Jonas oder Anna hei\u00dfen und in Prenzlberger Caf\u00e9s ihre Zeit absitzen. Dostojewski behauptete, der Kummer schaffe die Poesie, Kunst sei die heilige Frucht des Leids. Dieses Leid zu ertragen, sei die Pflicht des K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Kulturinfarkt. <\/strong>Von Allem zu viel und \u00fcberall das Gleiche. Eine Polemik \u00fcber Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. Erscheint heute bei Knaus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Spiegel h\u00e4lt sich nicht mehr an V\u00d6-Termine, hatte mal wieder ein Woche vorgezogen und druckte eine Streitschrift der Kulturmanagern Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Kn\u00fcsel und Stephan Opitz, deren Buch &#8222;Der Kulturinfarkt&#8220; heute erscheint. Darin wird behauptet, &#8222;Kultur f\u00fcr&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/19\/zu-viel-geld-fur-kultur-schadet-nur\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2521","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2521","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2521"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2521\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2521"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2521"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2521"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}