{"id":24908,"date":"2014-07-22T00:01:32","date_gmt":"2014-07-21T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24908"},"modified":"2021-07-22T12:48:16","modified_gmt":"2021-07-22T10:48:16","slug":"ulrike-draesners-vielstimmiger-roman-ueber-primatenforscher","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/07\/22\/ulrike-draesners-vielstimmiger-roman-ueber-primatenforscher\/","title":{"rendered":"Ein vielstimmiger Roman \u00fcber Primatenforscher"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Wir waren allein, jeder f\u00fcr sich, die Geschichte lie\u00df sich nicht teilen. Ich musste nicht mehr in den Krieg ziehen, aber der Krieg h\u00f6rte nicht auf. Wir sa\u00dfen in einem Backofen, schlie\u00adfen unruhig. Vor der Haust\u00fcr brannte ein Feuer, das keiner au\u00dfer uns sah.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">(Sieben Spr\u00fcnge vom Rand der Welt, S. 381)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was unterscheidet den Menschen vom Affen? Wer sich mit dieser komplexen Fragestellung, die vor allem in der deutschen anthropologischen Forschung seit Ende des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielte, mit literarischen Mitteln auseinandersetzt, der sollte mit den unterschiedlichen theoretischen Ans\u00e4tzen vertraut sein. In Ulrike Draesners Epos, das sich nicht nur mit zwei Generationen von Primatenforschern im zeitlichen Umfeld der 1940er bis 2010er Jahre besch\u00e4ftigt, ist diese Frage im Kontext eines Entwicklungs-, Migrations-, Kriegs-, Familien- und Wissenschaftsromans abgehandelt worden. Widerspricht eine solche Anh\u00e4ufung von gattungsspezifischen Elementen nicht einer seri\u00f6sen Auseinandersetzung mit einer solchen vielschichtigen, spannungsgeladenen Thematik? Im Prinzip ja, doch bei Ulrike Draesner handelt es ich um eine in mehreren literarischen Gattungen versierte Autorin handelt, die dar\u00fcber hinaus sich auch auf dem Feld der Primatenforschung auskennt. Den ersten Nachweis erbringt die Autorin auf der Seite 559, die neben den Danksagungen an ihre Beraterinnen und Berater auch der Hinweis auf die eingesetzten Schmuckzeichen enth\u00e4lt, die zu Beginn der jeweiligen Textabs\u00e4tze abgedruckt sind. Sie folgen, wie zu lesen ist, \u201eder Affensprache Yerkish\u201c, die auf 256 abstrakten Zeichen aufgebaut, das Ergebnis der Untersuchungen des Psychologen und Affenforschers Ernst von Glasersfeld am Yerkes National Primate Research Center in den USA aus den 1970er Jahren sind. Und diese Zeichen, auf der Tastatur eines Computers abgebildet, k\u00f6nnen Affen erkennen und auf diese Weise mit Menschen kommunizieren. Soweit die linguistisch-elektronische Grundlage f\u00fcr eine m\u00f6gliche wechselseitige sprachliche Erkennung von Botschaften zwischen Menschen und Affen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die sieben Spr\u00fcnge vom Rand der Welt? Der Verweis auf die <a href=\"www.der-siebte-sprung.de\">Website <\/a>und die dort benutzten Stichworte f\u00fchren zu keiner vorl\u00e4ufigen Aufkl\u00e4rung. Also hilft nur der Sprung in den Textraum, der aus einem atmosph\u00e4risch-gestimmten Einstieg und elf Kapiteln besteht. Der Einstieg, eine mit vielen Sinneseindr\u00fccken erf\u00fcllte Studie, eine R\u00fcckerinnerung an Emil, den behinderten Bruder von Eustachius Grolmann, und dessen Vater. Ort der Erinnerung: ein Wohnhaus mit Garten im Breslau der Vorkriegszeit. Und die handelnden Personen des Romans? Simone Grolmann, 52, Professorin f\u00fcr Verhaltensforschung, ihre Tochter Esther, der Vater Eustachius Grolmann, 83, emeritierter Professor im Bereich der Primatenforschung, Menschenaffen, wie er stets betont, vierzig Jahre Forschung. Und wie sind sie in den Erz\u00e4hlstrukturen verankert? Es gibt Orientierungspfade wie: Simone, Boris, Eustarius, Simone, Hannes, Jannifer, Lilly, Halka \u2013 so lauten \u00dcberschriften einzelner Gro\u00dfkapitel. Doch geben sie dem Leser gewisse Vorstellungen von dem, was ihn erwarten k\u00f6nnte? Im Kapitel Simone, das die Ziffer 1 aufweist, wird Eustachius aus der Perspektive seiner Tochter Simone vorgestellt. Bereits hier zeichnet sich die sprunghaft-assoziative Darstellungsweise der Autorin ab. Ihre Erz\u00e4hlerin wechselt von der Beschreibung der Verhaltensweisen ihrer Personen j\u00e4h zu markanten Erinnerungen an die Nazizeit, sie greift Oma Lillys Anekdoten aus dem 19. Jahrhundert auf, l\u00e4sst Eustachius mit seinen Geschwistern Emil und Lilly an der Hand im bitterkalten Januar 1945 durch einen Breslauer schneebedeckten Wald auf der Flucht vor den Russen stapfen. Dann folgen Episoden \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Eustachius und Johnny, dem Mann von Simone, nach der Geburt von Esther. Ein Familienroman also, vermutet der Leser, denn es handelt sich hier um die Aufarbeitung von Kriegserinnerungen. Erstaunlicherweise aus der Perspektive einer Frau, die Flucht und Vertreibung aus dem Schlesischen nicht selbst erlebt hat und sich dennoch vor Schnee f\u00fcrchtet. Sind es, wie sie vermutet, die Alptr\u00e4ume eines anderen? Und sp\u00e4testens an dieser Textstelle wird der Leser von dem Schicksal einer Familie gefesselt, in der sich die schlesisch-protestantische (Vater) mit der bayerischen-katholischen Linie (Mutter) mischen und dennoch einander fremd bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der wissenschaftliche Plot des Romans ist spannungsgeladen, wenngleich der Leser manche Passage sich auch im R\u00fcckw\u00e4rtsgang erschlie\u00dfen muss. Sehr \u00fcberzeugend sind die Vater-Tochter-Gespr\u00e4che, weil sie aus einer Mischung aus Dialogen, inneren Monologen und kommentierter Rede bestehen. Ber\u00fchrend ist zum Beispiel, wie Eustachius die schrecklichen Affenexperimente (Zwangsern\u00e4hrung, Bestrafungen etc.) aus den sp\u00e4ten 50-er Jahren kommentiert. Er distanziert sich von ihnen, wobei er gegen\u00fcber seiner Tochter, der zuk\u00fcnftigen Primatenforscherin, zugleich seine Unsicherheit \u00fcber den Zweck solcher Forschungen zum Ausdruck bringt. Die Erkenntnis von Simone aus einer zeitlich sp\u00e4teren Phase folgt sogleich: \u201c\u2026 und wir sahen immer deutlicher, dass der Mensch nur evolution\u00e4r wurde, was er heute ist, weil er mit anderen Lebewesen und vor allem seinesgleichen (welch ein Wort) handelte, handeln musste.\u201c (S. 54)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zweite gro\u00dfe Erz\u00e4hllinie setzt mit Boris ein, einem aus einer bis 1945 in Lemberg lebenden polnischen Familie stammenden Wissenschaftler, den Eustachius f\u00fcr ein Projekt \u00fcber <i>Shared Memory<\/i> einstellt. An seinem und dem seiner Familie dargestellten Schicksal, den vielf\u00e4ltigen Verflechtungen zwischen dem Leben in den \u00f6stlichen Randgebieten Polens und der neuen Existenz im polnisch-schlesischen Wroclaw relativiert sich auch die deutsche Vertrieben-Problematik in der Einsicht: Wir sind alle Vertriebene, Opfer eines wahnwitzigen Eroberungskriegs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der dritte Erz\u00e4hlstrang ist Eustachius gewidmet. Er besteht aus inneren Monologen und den Kommentaren seiner Tochter Simone, die den hoch reflektierten und zugleich kindlichen Primatenforscher, beobachtet, wie dieser st\u00e4ndig mit seinen Affen redet, oder auch mal wie eine Affenmutter schnalzt, wenn sein Lieblingsaffe Vlek gefl\u00fcchtet ist und er ihn wieder einf\u00e4ngt. In solchen Passagen ger\u00e4t der Erz\u00e4hlfluss ins Strudeln. Affenliebe, verspielte Professionalit\u00e4t, Forscherdrang und vergebliche Liebesm\u00fche \u00fcberschlagen sich, so dass der Leser zwischen dem Spa\u00df an der Fluchtszene und den ernsthaften Reflektionen \u00fcber die Verhaltensweisen von Mensch und Tier hin- und hergerissen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu den besonderen Eigenarten des Romans, dass er in manch verwirrenden R\u00fcckblenden auch die Vorkriegszeit und die Zweite Weltkriegsgeschichte in die fiktionale Handlung einbezieht. Hannes, der Vater von Eustachius, Lilly, seine Mutter und eine Reihe von Verwandten tauchen auf. Und alle werden Zeugen der letzten Monate des Krieges in Breslau, mit Stra\u00dfenkampf, standrechtlicher Erschie\u00dfung von Fahnenfl\u00fcchtigen, mit der Flucht vor den Russen \u2026 In solchen Passagen herrscht Landser-Jargon, die S\u00e4tze verk\u00fcrzen sich, schie\u00dfen wie Pistolenkugeln durch den Text, die im Staccato-Tempo an den Augen des Lesers vorbeischie\u00dfen. Sp\u00e4testens hier erweist sich der st\u00e4ndige Wechsel zwischen pr\u00e4ziser Beobachtung von menschlichen Verhaltensweisen und den treppenartigen Satzgebilden als abrupte Schilderung von Krieg und Vertreibung, wie sie in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa bislang noch nicht zu beobachten ist. Es ist der st\u00e4ndige Wechsel der Erz\u00e4hlerpositionen, der die Rezeption der Handlungsstr\u00e4nge so schwierig gestaltet. Es sind die h\u00e4ufigen, sich abwechselnden Spr\u00fcnge durch wissenschaftliches und allt\u00e4gliches Terrain, durch zivile und vom Krieg \u00fcberzogene R\u00e4ume, die \u00dcberlagerung von Migrationsgeschichten, der famili\u00e4re Jargon, der unverhoffte Einbau von polnischen Phrasen in die deutschsprachige Umgangsrede und zahlreiche andere narrative Verfahren, die Lekt\u00fcre und Re-Lekt\u00fcre der \u201eSieben Spr\u00fcnge vom Rand der Welt\u201c so spannend und so m\u00fchselig zugleich machen. Es sei denn, die Autorin liest selbst, und in den Ohren der Zuh\u00f6rer entstehen audiovisuelle Eindr\u00fccke, die sich in ein dichtes Erz\u00e4hlkonvolut verwandeln. In diesem alogischen Kn\u00e4uel wird Evolutionsgeschichte des Menschen grundlegend in Frage gestellt. Sie kann auch nicht durch die der Affen ersetzt werden kann. Nicht infrage gestellt werden aber darf, dass sich in Ulrike Draesners m\u00e4chtigem Romanepos Wissenschaft und Leidensgeschichte des Menschen so widerspr\u00fcchlich und zugleich so einzigartig kombiniert werden, dass dem Leser selbst in dem kurzen Abschlusskapitel noch einmal der Atem stockt. Es ist das Schicksal des behinderten Emil, der noch in den letzten Stunden der Nazibanditen-Herrschaft in Breslau liquidiert wird: \u201eEmil-lieb, euer M\u00fchlchen und M\u00fchchen\u201c klagt die Erz\u00e4hlerin im tragisch-lyrischen Ton, und der immer noch verwirrte Leser schl\u00e4gt das Buch nicht zu, sondern beginnt seine Lekt\u00fcre von vorne oder \u2026?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Sieben Spr\u00fcnge vom Rand der Welt<\/b>,<b> <\/b>Roman von Ulrike Draesner. M\u00fcnchen (Luchterhand Literaturverlag) 2014. 560 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Spru\u0308nge.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89305 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Spru\u0308nge-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Spru\u0308nge-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Spru\u0308nge-260x415.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Spru\u0308nge-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Spru\u0308nge.jpg 263w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Wir sind mehr. Bestehen aus einer Reihe von Menschen,<\/em> sagt\u00a0Ulrike Draesner\u00a0 in einem NDR-Feature, in dem sie auch die dichterische Freiheit beim Schreiben betont, durch die es ihr gelang, die (realen) Figuren ein St\u00fcck aus diesem biografischen Kontext wegzur\u00fccken. Sowohl das Feature als auch eine Vielzahl von Quellen, Fotos und weiteren Informationen sind auf dem <a href=\"http:\/\/www.der-siebte-sprung.de\/\">Weblog<\/a> zum Roman zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir waren allein, jeder f\u00fcr sich, die Geschichte lie\u00df sich nicht teilen. Ich musste nicht mehr in den Krieg ziehen, aber der Krieg h\u00f6rte nicht auf. Wir sa\u00dfen in einem Backofen, schlie\u00adfen unruhig. 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