{"id":24469,"date":"2018-06-25T00:01:22","date_gmt":"2018-06-24T22:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24469"},"modified":"2022-02-23T14:13:36","modified_gmt":"2022-02-23T13:13:36","slug":"aufzeichnungen-eines-abgeschriebenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/06\/25\/aufzeichnungen-eines-abgeschriebenen\/","title":{"rendered":"Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Underground bedeutet zun\u00e4chst einmal ein allgemeines Verhalten &#8211; ein pers\u00f6nliches Verhalten, das sich abgesetzt hat von dem Verhalten der \u00e4lteren Generation, die eben permanent sich selbst repr\u00e4sentieren kann, ein Establishment repr\u00e4sentieren kann. Und man hat sich davon abgesetzt und geht seine eigenen Wege.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rolf Dieter Brinkmann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er empfiehlt sich mit Lyrik und wird zu Prosa ermutigt. Dieter Wellershoff erkennt das Talent, die Kritik nimmt Witterung auf. Anfang der 1960er Jahre erscheint Rolf Dieter Brinkmann \u201eals Benjamin einer Gruppe\u201c, da lebt er in K\u00f6ln und studiert P\u00e4dagogik. Brinkmann schreibt einfache Gedichte, lyrische Schnappsch\u00fcsse sind das nach eigener Angabe. Er steht in keiner deutschen Tradition, der Dichter will kein Arbeiter im Weinberg der verkarsteten Geschichte sein. Er popularisiert die amerikanische Gangart, unterst\u00fctzt und herausgefordert von Ralf-Rainer Rygulla, dem Freund aus Essener Bleizeiten. Brinkmann kommt aus Vechta in Niedersachsen, er hat Buchh\u00e4ndler gelernt, so wie Rygulla. Der viel beweglichere Andere bringt aus London Z\u00fcndstoff mit, in der Gestalt kleiner Magazine. Die englischen Zauberworte hei\u00dfen Unabh\u00e4ngigkeit und Untergrund. Sie werden nach Kr\u00e4ften verbreitet, bis das Feuilleton anf\u00e4ngt, damit zu jonglieren, anf\u00e4ngt auch mit \u201eder neuen Sensibilit\u00e4t\u201c, vor allem jedoch mit \u201ePop\u201c. Pl\u00f6tzlich ist alles Pop \u2013 und \u201eKeiner wei\u00df mehr\u201c folglich \u201eder erste genuin entwickelte deutsche Poproman\u201c. Das behauptet Karl Heinz Bohrer, Brinkmanns einziger Roman steht 1968 auf der Spiegelbestsellerliste. Der Autor wehrt sich gegen alle m\u00f6glichen Zuschreibungen und so auch gegen die Vermutung, er w\u00fcrde \u201enur mit dem Penis schreiben\u201c. Brinkmann rudert zur\u00fcck, er distanziert sich und st\u00fcrzt sich lauthals in das Verderben der Isolation. Eben noch der Zukunft Puls und bald schon die unertr\u00e4gliche Wurst als chancenloser Feind der Gesellschaft und ihrer Formen. \u201eSchakal von Metropolis\u201c kommt viel sp\u00e4ter und viel zu sp\u00e4t f\u00fcr den 1975 t\u00f6dlich Verungl\u00fcckten. Seine Heroisierung kriegt er nicht mehr mit. Sie wird angeheizt von den postumen Ver\u00f6ffentlichungen der in K\u00f6ln, Rom und Austin entstandenen Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses manische Gemurmel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine d\u00fcnnh\u00e4utige Armut spielt ihre Rolle schon in \u201eKeiner wei\u00df mehr\u201c &#8211; und jetzt lesen Schauspieler daraus vor. Sie lesen: \u201eTrockene Frauen sind besser als nasse Frauen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das nicht ein Heftchensatz? Nein, Brinkmann geh\u00f6rt zum Kanon, man hat sich auch noch mal umgezogen, das muss also gut sein. Sonst h\u00e4tte man heute Abend das Leben verfehlt, das \u00fcberall m\u00e4chtig aufrauscht f\u00fcr deutlich weniger als der Eintritt gekostet hat. Daher die Frage: \u201eHast du noch genug oder soll ich erst?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geld ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt auch noch den Typus weiblicher Mann mit Schillerkragen, der gern schnullerisch wirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas soll denn schon sein\u201c, befragt Brinkmann in \u201eKeiner wei\u00df mehr\u201c die eigene Ratlosigkeit. Da sitzt er mit Frau, die jederzeit genauso gut auch eine andere Frau sein k\u00f6nnte, das sagt er so, und behindertem Sohn fest, entsprechend eng erscheinen die Verh\u00e4ltnisse. W\u00e4hrend \u201eder Rainer in seinen Pornounterhosen\u201c wom\u00f6glich doch freier sein k\u00f6nnte. Auf jeden Fall ungest\u00f6rter. Maleen Brinkmanns Sprachregelung f\u00fcr ihre Vorbildlichkeit im Roman zieht das Besondere ihrer Ehe in das Allgemeine junger Ehen. Wie man eben als Paar mit Kind zur Miete wohnt in der Gegenwart von 1967, \u201ein einer typischen K\u00f6lner Altbauwohnung\u201c. Wie man eben der h\u00e4uslichen Tristesse auf der Tenne und \u201ein den Flitter\u201c (ein Lieblingswort von Brinkmann) entgeht. Wie sich das eben auswirkt, die kurzen R\u00f6cke, der Beat, das Engtanzen. Die sexuelle Revolution findet statt. Dann spielt man wieder Schallplatten in der Wohnung ab, das Kind tappt an, wie soll man so zu Text kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDiese \u00fcbertriebene Art da zu sein von Rainer.\u201c Einer redet auf den anderen ein: monoman, w\u00fctend, entt\u00e4uscht. Immer redet Brinkmann. Sein Alter Ego stellt fest: \u201eDas Kind hatten sie weder gewollt noch verhindert\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage mich, woher das Textvertrauen der Schauspieler r\u00fchrt. \u201eKeiner wei\u00df mehr\u201c f\u00e4nde gewiss keinen Verlag mehr als Manuskript eines Namenlosen. Barrieren, an die Brinkmann eckt, sind aus einem Muff, der nicht mehr hergestellt wird. Sie stammen aus der Engelmacher-\u00c4ra: \u201eDas Kind w\u00e4re leicht mit der Stricknadel zu verhindern gewesen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Auditorium dampft in der Hitze. Man h\u00e4tte auch essen gehen k\u00f6nnen, auf dem Podium geht einer in die Vollen der Expression, wenn bei Brinkmanns daheim mal wieder der Deckel vom Topf fliegt. Ist f\u00fcr einen Ernst Busch-Profi leicht so ein obsz\u00f6ner Vortrag \u2026 \u201ein v\u00f6lliger Armut, alles so mickrig, alles so deutsch beschissen \u2026 so unelegant und schwer von Begriff.\u201c Klar beschreibt Brinkmann sich. Er trifft sich auch. Auch die Schauspieler sind ausreichend jung, um der bek\u00fcmmerten Dichterwut \u00fcberzeugende Gesichter zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"118\" height=\"159\" class=\"wp-image-5367\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Rdb.selfmade.100607.wisc_.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Blick ins KUNO-Archiv: Lesen Sie auf KUNO eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/04\/16\/34716\/\">Betrachtung<\/a> der Jugends\u00fcnden des RDB. Einen Besuch des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/23\/orte-5-rdb-haus-koeln\/\">RDB-Haus<\/a>es, von Enno Stahl. Auch Sophie Reyer hat sich in der Domstadt auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/03\/30\/fur-rolf-dieter-brinkmann-2\/\">Spuren von RDB<\/a> begeben. Einen Artikel \u00fcber <em>Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums<\/em><strong>,<\/strong> Rolf Dieter Brinkmanns <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/16\/brinkmann-revisited\/\">sp\u00e4tes Romanprojekt<\/a>, von Roberto Di Bella. Und die Beantwortung der Frage: \u201eWer hat Angst vor RDB? <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/06\/25\/wer-hat-angst-vor-rdb\/\">durch<\/a> Axel Kutsch. <span lang=\"X-NONE\">Theo Breuer gelingt es, dem<\/span> Mythos nachzusp\u00fcren, <span lang=\"X-NONE\">eine angemessenere <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62988\">W\u00fcrdigung<\/a> Rolf Dieter Brinkmanns<\/span> wird man kaum finden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Underground bedeutet zun\u00e4chst einmal ein allgemeines Verhalten &#8211; ein pers\u00f6nliches Verhalten, das sich abgesetzt hat von dem Verhalten der \u00e4lteren Generation, die eben permanent sich selbst repr\u00e4sentieren kann, ein Establishment repr\u00e4sentieren kann. 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