{"id":24252,"date":"2014-06-16T11:00:45","date_gmt":"2014-06-16T09:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24252"},"modified":"2019-10-06T13:38:49","modified_gmt":"2019-10-06T11:38:49","slug":"eine-inquisition-fuers-lyriker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/06\/16\/eine-inquisition-fuers-lyriker\/","title":{"rendered":"Eine Inquisition f\u00fcr Lyriker"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Wer seinen Ton gefunden hat, f\u00e4ngt an, sich selbst zu kopieren.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Elke Erb<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen, wenn sich im deutschen Literaturbetrieb mal jemand \u00e4hnlich apodiktisch melden w\u00fcrde wie Jeremy Paxmann. Der Reporter Adam Kirsch <a href=\"http:\/\/www.newrepublic.com\/article\/118077\/jeremy-paxman-criticizes-poetry-says-it-should-explain-itself\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">berichtet<\/a> in <i>The New Republic<\/i> von einem&nbsp; Aufruhr unter den Dichtern in Gro\u00dfbritannien, wo der <i>BBC<\/i>-Moderator Paxmann in die Jury des Forward Prize berufen wurde. Das hat sich laut Kirsch bezahlt gemacht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Paxmann wurde mit den Worten zitiert, er w\u00fcnschte, dass Lyrik &#8218;ihre Eins\u00e4tze ein bisschen erh\u00f6hen w\u00fcrde, ihre Sichtbarkeit&#8216; und &#8217;sich bem\u00fchen w\u00fcrde, auch normale Menschen anzusprechen&#8216;. Er liebe Poesie, betonte er, die Shortlist des Forwards sei gut, doch im Allgemeinen w\u00fcrde sich die Kunst mit ihrer eigenen Irrelevanz abgeben&#8216;. Bis dahin hatte Paxmann noch nichts gesagt, was nicht viele Dichter auch selbst oft sagen &#8211; zumindest wenn Dana Gioia fragt &#8218;Spielt Dichtung eine Rolle?&#8216; Was die Lyriker aber wirklich \u00e4rgerte, war, dass Paxmann &#8218;eine Inquisition&#8216; forderte, vor der Dichter &#8218;f\u00fcr ihre Lyrik zur Rechenschaft gezogen w\u00fcrden&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Was n\u00fctzt es, wenn man die Welt im Fiktionalen erschliesst, sich aber der Realit\u00e4t verweigert?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in Deutschland ist eine saturierte, wohlstandsgesellschaftlich blasse Gegenwartlyrik zu lesen, die stereotype Formen produziert und ihren tiefgreifenden Erfahrungsmangel mit grellen Versatzst\u00fccken aus fremden Medien kompensiert. Wo ist in diesem \u00fcberf\u00fctterten Betrieb Geist, Bewusstsein? Abhandengekommen, so wie die Welt, an der es sich h\u00e4tte bilden k\u00f6nnen. W\u00e4hrend die F\u00f6rderung von Gegenwartslyrik vor zwanzig Jahren noch mutig und wichtig war, hat sich, mit der steigenden Frequenz von Lyrikfestivals und Schreibworkshops in Hildesheim, Leipzig oder Biel statt der dramatischen Qualit\u00e4t eher der Verd\u00fcnnungsgrad erh\u00f6ht. Statt eigener Handschriften und Gedanken produziert der Betrieb paradoxerweise Uniformit\u00e4t. In den 10er Jahren erleben wir&nbsp; eine Phase der literarischen Anpassung, in der sich j\u00fcngere Autoren mehr am kommerziellen Erfolg zu orientieren schienen. Zwar wollen sie ver\u00f6ffentlichen, aber ihrem \u00e4sthetischen Ansatz fehlt \u00f6fters der Mut zur Auseinandersetzung und der Widerstandsimpetus. Die Herausgeber erreichen haupts\u00e4chlich beliebig wirkende Texte. Das editorische Motiv, andere literarische Akzente zu setzen und die M\u00f6glichkeiten \u00e4sthetischer Produktion und Inhalte zu erweitern, hat sich ersch\u00f6pft. Um dem entgegenzuwirken, braucht es Strenge in der Qualit\u00e4tskontrolle, weniger Lob gegen\u00fcber Neulingen und ein verst\u00e4rktes Ringen um Kontinuit\u00e4t. Ich sehne man nach der elementaren, raumschaffenden Metaphorik eines Heiner M\u00fcller und seinen unbarmherzigen Verdichtungen: &#8222;Ein toter Mann kann einer toten Frau das Sterben nicht verbieten unter B\u00fcrgern.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Inventionen <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber in dieser W\u00fcrdigung darf man einen riskieren: Eine solch\u2018 spannende Zusammenarbeit zwischen zwei Dichtern hat es zuletzt bei Ernst Jandl und Friederike Mayr\u00f6cker gegeben. Die meisten Lyriker glauben an die Zeichenhaftigkeit der Welt. Es wird Zeit f\u00fcr die Neuerfindung der Balance von Poesie und Musik. Mit Tonmalerei im w\u00f6rtlichen Sinn hat die Sprache des Visuell-Klanglichen bei dem Projekt <em>Wortspielhalle<\/em> von Sophie Reyer und A.J. Weigoni viel gemein. Ihre \u00dcbersprungsgesten, f\u00fchren in dem Buch\/Katalog-Projekt vor Augen, da\u00df der Mensch im Literaturbetrieb l\u00e4ngst im Diskant singt, selbst wenn er dabei Alltagssprache spricht. Zugleich ist diese <a href=\"http:\/\/www.buecher-wiki.de\/index.php\/BuecherWiki\/Wortspielhalle\">Sprechpartitur<\/a> ein ein dr\u00e4ngendes, (ein)dringliches Textkonvolut \u00fcber die Bedeutung der Sprache in der bildmedialen Kultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Weigoni und&nbsp; T\u00e4ger sp\u00fcren der Sprache vor allem als akustischem Ph\u00e4nomen nach.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Dr. Christiane Schl\u00fcter, Buecher-Wiki<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Falls der Komponist Robert Schumann recht hat und Musik die h\u00f6here Potenz der&nbsp;Poesie ist, dann sind die&nbsp;<em>Parlandos<\/em> Musik. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a> setzte der Verg\u00e4nglichkeit der Sprache den Gesang entgegen. Bemerkenswerte Gedichte des beginnenden 21. Jahrhunderts sind in der Reihe Ohrenzwinkern der Edition Das Labor als H\u00f6rbuch erh\u00e4ltlich. bewegt sich auf dem H\u00f6rbuch Gedichte in der Intermedialit\u00e4t von Musik und Dichtung, er sucht mit atmosph\u00e4rischem Verst\u00e4ndnis die Poesie im \u00e4ltesten Literaturclip, den die Menschheit kennt: dem Gedicht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<dl id=\"attachment_12148\">\n<dt>\n<p><div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Parlandos-200x30011.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Parlandos-200x3001\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Parlandos-200x30011.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\"\/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Original-Holzschnitt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus<\/p><\/div><\/dt>\n<dd>Original Holzschnitt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">A. J. Weigoni, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=395\">Parlondos<\/a>, Langgedichte und Zyklen, Edition Das Labor, Bad M\u00fclheim 2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Probeh\u00f6ren kann man ab Januar 2013 das Monodram <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a> in der Reihe MetaPhon. Und auch die H\u00f6rspielfassung von <em>Unbehaust<\/em> ist in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/unbehaust01.htm\">MetaPhon<\/a> auf vordenker.de zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGedichte\u00ab, H\u00f6rbuch von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2011 &#8211; Eine H\u00f6rprobe findet sich seit Juli 2011 <a href=\" http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/dichterloh.htm\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLetternmusik\u00ab, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2009 &#8211; Der Remix ist <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/letternmusik.htm\">hier<\/a> als mp3 zu h\u00f6ren. &#8211; Das Original kann zum Vergleich <a href=\"http:\/\/www.kulturserver-nrw.de\/home\/reviercast\/cast\/reviercast_054.mp3\">hier<\/a> gegenh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine limitierte Auflage des H\u00f6rbuchs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=56\">Pr\u00e6gnarien<\/a> von 50 Exemplaren ist versehen mit einer Originalgraphik von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, M\u00fchleim an der Ruhr 2013 \u2013 Bestellung des H\u00f6rbuchs \u00fcber: info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bilder der Pr\u00e6gnarien-Performance von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?page_id=12402\">hier<\/a> zu sehen. Probeh\u00f6ren kann man die Life-Aufnahme auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/clips\/prae_last7.mp3\">MetaPhon<\/a>. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_xE7BPCey68\">hier<\/a>. Bewegte Bilder <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/schwebebahn.htm\">unter<\/a> und eben: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SMFU2_5xl-E\">HIER<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufnahmen sind in HiFi-Stereo-Qualit\u00e4t erh\u00e4ltlich \u00fcber: info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer seinen Ton gefunden hat, f\u00e4ngt an, sich selbst zu kopieren. Elke Erb Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen, wenn sich im deutschen Literaturbetrieb mal jemand \u00e4hnlich apodiktisch melden w\u00fcrde wie Jeremy Paxmann. Der Reporter Adam Kirsch berichtet in The New Republic&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/06\/16\/eine-inquisition-fuers-lyriker\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":10605,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1528,255,143,1529,394],"class_list":["post-24252","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-adam-kirsch","tag-ernst-jandl","tag-friederike-mayrocker","tag-jeremy-paxmann","tag-sophie-reyer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24252"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24252\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=24252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=24252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}