{"id":23500,"date":"2014-05-20T00:01:41","date_gmt":"2014-05-19T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23500"},"modified":"2021-11-15T09:24:48","modified_gmt":"2021-11-15T08:24:48","slug":"geschenkbande","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/05\/20\/geschenkbande\/","title":{"rendered":"Geschenkbande"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Theodor \u00a0lag auf der kleinen Anh\u00f6he aus Decken und M\u00e4nteln in seinem Reich, direkt neben dem Kaffeefleck, den sie ihm hinterlie\u00df, an jenem Morgen, als sie nach dem Fr\u00fchst\u00fcck aufbrach und nicht mehr zur\u00fcckkehrte. Wendete er sich dem Flecken zu, zerfiel dieser in tausend Teile, um sich zu einem kleinen Tier zusammenzuf\u00fcgen, einem braun-schwarzen Hirschk\u00e4fer. Sein Geweih \u00e4chzte nach vorn, verfl\u00fcchtigte sich gold-braun schimmernd Richtung Fenster. Tanzende Funken vor Augen, verschmolz der K\u00e4fer, der Abschied, schlie\u00dflich mit dem Teppich, um beim n\u00e4chsten Blinzeln wieder aufzutauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas unterschied ihn jedoch noch von seinem Tr\u00f6ster, Becketts B\u00fchne war leer, seine randvoll, jedoch l\u00f6ste sich sein Horten, Sammeln, Halten von allem, was er in die H\u00e4nde bekam in Nichts auf, sobald es einen Platz in der \u00fcberf\u00fcllten Wohnung erhielt, sodass Beckett ihn auch hier nachvollziehen konnte oder vielmehr er den Beckett; dieses Karge im \u00dcberfluss versp\u00fcrte er in diesem Sammelsurium des Unlebendigen, z\u00e4hlte er die Eintagsfliegen, den Schimmel und die Maden einmal nicht hinzu, dabei lauschte er dem Knistern der Zeitungen im Luftzug der gekippten Fenster und wartete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Haus der Gro\u00dfeltern angekommen, beschlich ihn \u00dcbelkeit, es stank nach Lamm und Spargel. Wie jedes Jahr war die gesamte Familie zu Ostern bei den Gro\u00dfeltern zum Essen eingeladen. Die Schuhe lie\u00df er vor der T\u00fcre, dort war bereits das Schuhwerk der gesamten Familie aufgebahrt, so adrett, als st\u00fcnde es zum Verkauf. Er lief durch den sterilen Flur, bem\u00fchte sich nirgends anzusto\u00dfen, um das Arrangement aus keimfreien M\u00f6beln und Gegenst\u00e4nden nicht zu zerst\u00f6ren. Im Esszimmer angelangt, steuerte er auf k\u00fcrzestem Weg den Stuhl an, der ihm seit seiner Kindheit zugewiesen war, setzte sich, verharrte nahezu regungslos. Nachdem die Gro\u00dfmutter aufgetischt hatte, schl\u00fcrften sie schweigend die Spargelcremesuppe, Theodors \u00a0ausgehungerter Magen rebellierte gegen die cremige Fl\u00fcssigkeit, sie trieb ihm den Ekel ins Gesicht. Die Familie tauschte angewiderte Blicke aus, nicht der Suppe wegen, sondern sein K\u00f6rper war bereits mit seiner Wohnstube ein unaufl\u00f6sliches Band der F\u00e4ulnis eingegangen, das\u00a0 stie\u00df auf wenig Wohlwollen, verband jedoch nun die Familie wenigstens im Ekel. Gemeinsam w\u00fcrgten sie also die Suppe hinunter,\u00a0 nach dem Lamm entleerte Theodor den Inhalt seines Magens in die\u00a0 Toilettensch\u00fcssel, dann kramte er in seiner Plastikt\u00fcte nach den Geschenken, die er f\u00fcr seine Familie zusammengesucht hatte: Gegen den allmorgendlichen Kater seiner Mutter hatte er eine Packung Alka Seltzer besorgt, der Eitelkeit und Oberfl\u00e4chlichkeit seiner Schwester zum Hohn schenkte er eine rote Clownnase aus Pappe, dem Gr\u00f6\u00dfenwahn seines Vaters wirkte ein verkleinernder Zerrspiegel entgegen, der ihm ein Abbild der Realit\u00e4t liefern sollte, der Unterw\u00fcrfigkeit seines Gro\u00dfvaters ein schwarzer Umschnalldildo, w\u00e4hrend die \u00fcberm\u00e4chtige Gro\u00dfmutter ein Paar Schweinehoden erhielt. Irritiert betrachteten sie ihre Geschenke, schauten in Theodors \u00fcberlegen grinsendes Gesicht, wieder auf die ungew\u00f6hnlichen Gaben, Blicke wurden ausgetauscht, trafen sich, kreuzten sich, verloren sich wieder, allm\u00e4hlich begannen sie zu begreifen, ihre M\u00fcnder \u00f6ffneten sich, schnappten nach Luft, elektrisierte Stille erf\u00fcllte das Esszimmer. In der Hand der Schwester zerbrach schlie\u00dflich ein Weinglas und l\u00f6ste das Schweigen. Nach\u00a0 Worten ringend, stammelte sie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wie sollte ich mit dieser Nase noch sch\u00f6n sein?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Dein Spiegel macht ein kleines verhutzeltes M\u00e4nnchen aus mir&#8220;, rief der Vater aus, w\u00e4hrend die Mutter ihr Glas randvoll mit Rotwein f\u00fcllte und die Alka Seltzer darin l\u00f6ste. Der Gro\u00dfvater vergoss ein paar Tr\u00e4nen auf den mit zittrigen H\u00e4nden gehaltenen Dildo. Die Gro\u00dfmutter hielt die Hoden in die H\u00f6he und schrie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220; Eine bodenlose Frechheit, was hast du dir dabei gedacht?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Theodor \u00a0l\u00e4chelte zufrieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Theodor! Gib mir gef\u00e4lligst eine Antwort, wenn ich mit dir rede und lass das dumme Grinsen, das wird ein Nachspiel haben&#8220;, zeterte die Gro\u00dfmutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie w\u00fcrdigten Theodor \u00a0keines Blickes und versicherten sich gegenseitig, dass die Familie doch nicht so schlimm sei, wie die Geschenke es vermuten lie\u00dfen. Seiner Schwester wurde best\u00e4tigt, gutes Aussehen sei neben K\u00f6rperpflege wichtig, die Mutter trinke gerne, sei jedoch keinesfalls eine Alkoholikerin, der Vater bes\u00e4\u00dfe in der Tat Gr\u00f6\u00dfe sowie Sch\u00f6nheit, der Gro\u00dfvater sei ein ganzer Mann und der Gro\u00dfmutter schmeichelten sie, einer m\u00fcsse doch schlie\u00dflich die Z\u00fcgel in der Hand halten. Die Verletzungen blieben trotz der eingetretenen Sch\u00f6nrederei fest im Hinterkopf haften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich erwarte eine Entschuldigung&#8220;, wandte sich die Gro\u00dfmutter an Theodor, nachdem sich die Familie ein wenig von dem Schrecken erholt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Das Ansprechen von Wahrheiten l\u00e4sst sich nicht entschuldigen&#8220;, antwortete er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gro\u00dfmutter fiel der Unterkiefer herunter, zur Statue erstarrt stand sie am Tisch und war zum ersten Mal in ihrem Leben still.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ihr solltet mir dankbar sein. Entwicklung erfordert ein Wissen um das eigene Selbst. Ich habe mir gr\u00f6\u00dfte M\u00fche gegeben, diese Geschenke f\u00fcr euch auszuw\u00e4hlen&#8220;, setzte Theodor obendrauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Raus aus meinem Haus&#8220;, schrie die Gro\u00dfmutter, die ihre Sprache wiedergefunden hatte, &#8222;ich will dich nie wieder hier sehen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Wort war Gesetz, so verlie\u00df Theodor das Anwesen. Aus den F\u00e4ngen befreit, begab er sich auf den Heimweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er \u00f6ffnete seine Haust\u00fcre, ein Schwarm Fliegen flog ihm zur Begr\u00fc\u00dfung entgegen. Er scheuchte diese aus dem Gesicht, mit Spannung betrachtete er dann die Gew\u00e4chse, das entstandene Leben in den T\u00f6pfen, den Tassen und Gl\u00e4sern, auf den Tellern. Die Lebensreise der vergangenen Wochen brachte Wildwuchs, primitive Gesch\u00f6pfe hervor, die ihn aufr\u00fcttelten. Die Geschenkbande durchschnitten, riss er alle Fenster auf\u00a0 und atmete tief durch. Ein d\u00fcnner Boden war gelegt, anstatt von diesem zur Decke zu starren, um freien Blickes zu sein, vermochte er nun die Gabel anzusetzen,\u00a0 lie\u00df sich auf einem halbhohen Stapel Zeitungen nieder, nahm eine erste Rechnung vom Sto\u00df nebenan und \u00f6ffnete sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-20158 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wurm-209x300.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wurm-209x300.jpg 209w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wurm.jpg 502w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Anja Wurm, sizzierte, warum Netzliteratur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=20142\">Ohne Unterla\u00df<\/a> geschieht. 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